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BB Kreuzfahrt
ASR-Jubiläumstagung 2026

Warum der deutsche Reisemarkt neue Chancen für den Mittelstand bietet

Steigende Preise, Klimawandel und veränderte Kundenwünsche stellen die Touristik vor neue Herausforderungen. Professor Alexander Dingeldey sieht darin auch Chancen für spezialisierte Veranstalter. Bei der ASR-Jubiläumstagung stellte er sieben Thesen zur Zukunft des deutschen Reisemarktes vor.

Bei der ASR-Jubiläumstagung analysierte Professor Alexander Dingeldey, wie sich Reiseverhalten und Kundenansprüche verändern und warum spezialisierte Mittelständler davon profitieren können. Foto: Karina Schuh/ASR
Die Deutschen bleiben reiselustig, doch steigende Preise, hohe Qualitätsansprüche und irrationale Ängste beeinflussen ihre Urlaubsentscheidungen. Bei der ASR-Jubiläumstagung in Bratislava zeigte Professor Alexander Dingeldey, wie sich der deutsche Reisemarkt verändert und welche Chancen daraus für mittelständische Veranstalter und neue Destinationen entstehen. Seine sieben wichtigsten Thesen.
 

 

 I. Die Haupturlaubsreise bleibt gesetzt – bei Kurzreisen wird gespart

Der Urlaub gehört für die Deutschen weiterhin zu den wichtigsten Konsumausgaben. Rund 80,5 Prozent der Bevölkerung unternehmen laut Dingeldey eine längere Urlaubsreise. Selbst in wirtschaftlich schwierigen Zeiten werde daran möglichst festgehalten. Anders sehe es bei zusätzlichen Kurzreisen aus. Sie seien deutlich stärker von der Konjunktur und dem verfügbaren Einkommen abhängig. Für Destinationen, die vor allem von Wochenend- und Städtereisen leben, könne das zum Risiko werden.

II. Der deutsche Reisemarkt ist vielfältiger als viele Angebote

Den typischen deutschen Urlauber gibt es nicht. Dingeldey verwies auf unterschiedliche Lebenssituationen, kulturelle Hintergründe und Bedürfnisse. Rund zehn Prozent der Bevölkerung lebten mit körperlichen Einschränkungen. Barrierefreiheit müsse deshalb bei der Entwicklung neuer touristischer Produkte von Anfang an berücksichtigt werden. Davon profitierten nicht nur Menschen mit Behinderung, sondern beispielsweise auch Familien mit Kinderwagen und ältere Reisende. Auch die kulturelle Vielfalt der deutschen Bevölkerung eröffne neue Möglichkeiten für die gezielte Ansprache unterschiedlicher Zielgruppen.

III. Der Klimawandel verändert die touristische Landkarte

Noch dominieren klassische Badeziele rund um das Mittelmeer den deutschen Auslandsreisemarkt. Doch zunehmende Hitze in Südeuropa könnte die Nachfrage langfristig verändern. Dingeldey sieht darin Chancen für Regionen, die bislang weniger im Fokus deutscher Urlauber stehen und klimatisch günstigere Bedingungen bieten. Auch Destinationen in Mittel- und Osteuropa könnten von einer solchen Verschiebung profitieren.

IV. Qualität ist wichtiger als große Versprechen

Deutsche Urlauber haben hohe Erwartungen an Qualität, Verlässlichkeit und Service. „Bitte liefern Sie genau das, was gebucht wird“, forderte Dingeldey. Wer Erwartungen enttäusche, riskiere langfristig das Vertrauen der Kunden und beschädige seine Marke. Gleichzeitig erwarteten Reisende standardisierte, verlässliche Leistungen, wollten aber individuell angesprochen werden. Entscheidend sei nicht allein die Ausstattung eines Hotels oder das Angebot einer Destination, sondern das tatsächlich erlebte Preis-Leistungs-Verhältnis.

V. Inflation und Energiepreise begrenzen das Reisebudget

Die Reiselust bleibt hoch, doch der finanzielle Spielraum vieler Haushalte schrumpft. Steigende Energiepreise und die Inflation belasteten das verfügbare Einkommen. „Das Geld, was ich an der Tankstelle ausgebe, kann ich nicht im Urlaub ausgeben“, verdeutlichte Dingeldey den Zusammenhang. Für Veranstalter und Destinationen werde es deshalb immer wichtiger, ein überzeugendes Preis-Leistungs-Verhältnis anzubieten. Die Bereitschaft, für Qualität zu bezahlen, bleibe bestehen – allerdings nicht um jeden Preis.

VI. Das Image einer Destination entscheidet über den Reiseerfolg

Nicht allein die tatsächliche Sicherheitslage bestimmt die Nachfrage, sondern vor allem ihre Wahrnehmung. Dingeldey warnte davor, die Wirkung negativer Nachrichten und unbegründeter Ängste zu unterschätzen. So könne bereits die geografische Nähe der Slowakei zur Ukraine bei potenziellen Gästen Unsicherheit auslösen, obwohl daraus nicht automatisch ein konkretes Reiserisiko entstehe. Umgekehrt könnten positive Bilder und Geschichten eine Destination nachhaltig stärken. Als Beispiel nannte er Neuseeland, das durch die Filme der „Herr der Ringe“-Reihe international an Bekanntheit gewonnen habe.

VII. Die Zukunft gehört spezialisierten Mittelständlern

Besonders optimistisch äußerte sich Dingeldey zu den Perspektiven mittelständischer Reiseveranstalter. Nach den Insolvenzen großer Anbieter wie Thomas Cook und FTI hätten sich Marktanteile neu verteilt. Davon könnten insbesondere spezialisierte Unternehmen profitieren. „Nischenprodukte, qualitativ hochwertige Produkte, zielgruppenorientierte Produkte“ seien die entscheidenden Erfolgsfaktoren. Nicht die Größe allein entscheide über die Wettbewerbsfähigkeit, sondern die Fähigkeit, passende Angebote für klar definierte Kundengruppen zu entwickeln. Gerade für unabhängige und mittelständische Veranstalter sieht Dingeldey deshalb erhebliche Marktchancen.

Reisefreiheit als europäische Errungenschaft

Zum Abschluss seines Vortrags weitete Dingeldey den Blick über die wirtschaftlichen Perspektiven hinaus. Reisefreiheit, offene Grenzen und die europäische Zusammenarbeit seien keine Selbstverständlichkeiten. Angesichts des Krieges in der Ukraine erinnerte er daran, wie wichtig Frieden und Verständigung für den Tourismus seien. Seine Botschaft: Die Zukunft des Reisens hängt nicht allein von Marktanteilen, Produkten und Preisen ab, sondern auch von einem offenen und friedlichen Europa.
Jean-Marc Göttert