ASR-Jubiläumstagung 2026
Wenn Tourismuspolitik plötzlich unterhaltsam wird
Schnelle Fragen, schlagfertige Antworten und reichlich Humor – bei der ASR-Jubiläumstagung in Bratislava liefern sich der transgender Moderator /-in Janboris Ann-Kathrin Rätz und BTW-Generalsekretär Sven Liebert einen lebendigen Schlagabtausch über Flugverkehr, Reisebüros und Tourismuspolitik.

Ein transgendere Moderator/ -in, der keine langen Antworten duldet, und ein Verbandsvertreter, der kaum um eine Pointe verlegen ist: Janboris Ann-Kathrin Rätz (links) und Sven Liebert diskutieren bei der ASR-Jubiläumstagung über die Probleme der Touristik. Foto: Karina Schuh/ASR
Keine langen Vorträge, keine ausweichenden Antworten: Beim ASR-Jubiläum in Bratislava liefern sich Moderator /-in Janboris Ann-Kathrin Rätz und BTW-Generalsekretär Sven Liebert einen ebenso rasanten wie unterhaltsamen Schlagabtausch. Zwischen Schlagfertigkeit, politischen Spitzen und ernsthaften Branchenthemen entsteht ein Paneltalk, der zeigt, wie lebendig eine Fachdiskussion sein kann.
Manchmal braucht eine Tagung einfach zwei Menschen, die nicht nur etwas zu sagen haben, sondern es auch auf den Punkt bringen können. Und das möglichst schnell. Als Moderator /-in Janboris Ann-Kathrin Rätz und BTW-Generalsekretär Sven Liebert auf der Bühne im Radisson Blu Carlton Hotel in Bratislava aufeinandertreffen, ist jedenfalls rasch klar: Das wird kein gewöhnliches Verbandsgespräch.
Hier stehen sich zwei junge, engagierte Touristiker gegenüber, die nicht nur ihre Branche kennen, sondern auch eine gemeinsame Leidenschaft pflegen: das Schnellsprechen. Rätz legt vor, Liebert kontert. Kaum ist eine Frage gestellt, folgt schon die Antwort. Und bevor sich ein Gedanke allzu gemütlich ausbreiten kann, kommt bereits der nächste Aufschlag.
Das Tempo ist hoch, die Atmosphäre locker, der Ton gelegentlich spitz. Vor allem aber stimmt die Chemie. Der Moderator hat in Liebert einen Gesprächspartner gefunden, der sich weder von provokanten Fragen noch von überraschenden Themenwechseln aus der Ruhe bringen lässt. Ein kurzweiliger Schlagabtausch, der wohltuend frischen Wind in die gelegentlich etwas vorhersehbare Routine solcher Branchentagungen bringt.
Drei Millionen Beschäftigte – und trotzdem unterschätzt
Der Einstieg ist noch vergleichsweise harmlos. Wie gefällt Liebert Bratislava? Ausgesprochen gut, versichert der BTW-Generalsekretär, der erstmals in der slowakischen Hauptstadt zu Gast ist. Der Spaziergang entlang der Donau habe Eindruck hinterlassen. Wiederkommen wolle er auf jeden Fall.
Doch dann geht es zur Sache. Rätz will wissen, wie man als Lobbyist die Interessen einer Branche vertreten könne, die vom kleinen Landgasthof bis zur internationalen Airline reicht.
Liebert antwortet mit Zahlen: 2,7 Millionen Beschäftigte, mehr als 250.000 Betriebe und vier Prozent der deutschen Bruttowertschöpfung. Tourismus sei damit eine der größten Wirtschaftsbranchen Deutschlands. Trotzdem müsse man der Politik immer wieder erklären, welche wirtschaftliche Bedeutung dahinterstecke.
Der Moderator lässt nicht locker. Was helfen solche Zahlen, wenn die Unternehmen unter steigenden Kosten, Preisdruck und schwierigen politischen Rahmenbedingungen leiden?
Liebert spricht von einer „Krise der Gleichzeitigkeit“. Wirtschaftliche Unsicherheit, geopolitische Konflikte und steigende Lebenshaltungskosten träfen gleichzeitig aufeinander. Für die Reisewirtschaft sei das eine der herausforderndsten Phasen überhaupt.
Wenn die Flugzeuge um Deutschland herumfliegen
Beim Luftverkehr wird Liebert deutlich. Während Europa insgesamt das Vorkrisenniveau längst überschritten habe, hinke Deutschland hinterher. Nach seinen Angaben liege der deutsche Flugverkehr erst bei 89 Prozent des Niveaus von 2019, während der übrige europäische Markt bereits 112 Prozent erreicht habe.
„Alles fliegt an Deutschland vorbei“, bringt es Liebert auf den Punkt. Zu hohe staatliche Belastungen schwächten den Luftverkehrsstandort und damit auch die touristische Wertschöpfung. Immerhin habe die Bundesregierung das Problem erkannt und entsprechende Maßnahmen in den Koalitionsvertrag aufgenommen.
Rätz gibt sich mit der wirtschaftspolitischen Betrachtung nicht zufrieden. Später stellt er die Frage, ob man sich angesichts des Klimawandels überhaupt noch Flugverkehr leisten könne.
Liebert kontert ohne Zögern: Entscheidend sei nicht, ob geflogen werde, sondern wie. Wenn Flüge lediglich von Deutschland ins Ausland verlagert würden, sei dem Klima nicht geholfen. Stattdessen brauche es moderne Flugzeuge, neue Technologien und politische Rahmenbedingungen, die eine Transformation des Luftverkehrs ermöglichen.
„Der Aperol Spritz bei 47 Grad macht auch keinen Spaß“
Besonders lebendig wird der Talk, als Rätz Bilder von Extremwetterereignissen, Waldbränden und politischen Protesten auf die Leinwand bringt. Stürme auf Mallorca, Brände in Griechenland, Unruhen in Frankreich – die Botschaft ist eindeutig: Reisen wird komplizierter, die Welt unberechenbarer.
Liebert nimmt die Vorlage auf. Tourismus sei eine der wenigen Branchen, die unmittelbar von nahezu jeder internationalen Krise betroffen seien. Klimawandel, politische Konflikte, Naturkatastrophen – all das beeinflusse Reiseentscheidungen.
Doch statt ausschließlich Risiken zu beklagen, entdeckt er darin Chancen. Gerade bislang weniger bekannte europäische Destinationen könnten profitieren, wenn sie politische Stabilität, Sicherheit und attraktive Reiseangebote miteinander verbinden.
Und dann fällt einer jener Sätze, die hängen bleiben: „Der Aperol Spritz bei 47 Grad in Rom macht auch keinen Spaß.“
Das Publikum lacht. Aber hinter der Pointe steckt eine ernsthafte Botschaft. Wenn klassische Sommerziele zunehmend unter extremer Hitze leiden, könnten Regionen wie die Slowakei für deutsche Urlauber interessanter werden.
Die große Chance für das Reisebüro
An diesem Punkt wird Liebert besonders leidenschaftlich. Denn die zunehmende Unsicherheit beim Reisen sei nicht nur eine Herausforderung, sondern auch eine Chance für den stationären Vertrieb.
„Beratung ist key“, sagt der BTW-Generalsekretär. Gerade wenn Kunden durch Krisenmeldungen, Extremwetter und politische Unsicherheiten verunsichert seien, wachse die Bedeutung verlässlicher Reiseberatung.
Reisebüros könnten Orientierung geben, Alternativen aufzeigen und Vertrauen schaffen. Auch die Veranstalter hätten bewiesen, welchen Wert organisierte Reisen besitzen, wenn Urlauber in Krisensituationen zurückgeholt oder betreut werden müssen.
Das sei eine Stärke, die die Branche selbstbewusster vermitteln müsse: Kunden buchen nicht nur eine Reise, sondern auch Sicherheit, Erfahrung und die Gewissheit, im Ernstfall nicht allein gelassen zu werden.
Cashback? Da ist Anke Budde die Königin
Dass der Talk nicht in einen klassischen politischen Vortrag abgleitet, liegt auch an den Fragen aus dem Publikum. Per QR-Code können die Teilnehmer ihre Themen direkt an den Moderator schicken.
Eine davon betrifft Cashback und den zunehmenden Druck auf den Reisevertrieb. Liebert reagiert mit einer bemerkenswert offenen Antwort. Nicht jedes Thema müsse der BTW bis ins Detail selbst bearbeiten. Wo andere Verbände mehr Expertise hätten, solle man ihnen auch den Vortritt lassen.
Beim Thema Cashback verweist er deshalb direkt auf ASR-Präsidentin Anke Budde. „Anke, du bist die Cashback-Königin“, sagt er und sorgt damit für einen weiteren heiteren Moment.
Hinter der humorvollen Bemerkung steckt allerdings ein ernsthafter Punkt. Gerade beim Wettbewerb mit großen Online-Plattformen brauche es einen engen Schulterschluss der Verbände. Nur gemeinsam lasse sich für faire Wettbewerbsbedingungen kämpfen.
Eine politische Frage, die es in sich hat
Zum Schluss wird es noch einmal politisch. Aus dem Publikum kommt die Frage, welche Partei die Interessen der Tourismuswirtschaft am stärksten unterstütze. Eine indirekte Aufforderung zur Wahlempfehlung, wie Rätz augenzwinkernd anmerkt.
Liebert lässt sich darauf nicht ein. Der BTW sei überparteilich. Allerdings zieht er eine durchaus kritische Bilanz der vergangenen Bundesregierung. Zwar habe es viele wohlklingende Reden gegeben, doch seien unter anderem Reisen teurer und Mittel für die Deutsche Zentrale für Tourismus gekürzt worden.
Unter der aktuellen Koalition sieht er mehr Bewegung. Luftverkehr, Reisesicherungsfonds und Investitionen in die Verkehrsinfrastruktur stünden inzwischen auf der politischen Agenda. Ob daraus tatsächlich Verbesserungen würden, müsse sich allerdings noch zeigen.
Lieberts Botschaft ist klar: Die Branche brauche keine weiteren Sonntagsreden, sondern konkrete politische Entscheidungen.
So kann ein Branchentalk aussehen
Nach dem letzten Wortwechsel bleibt vor allem der Eindruck eines Gesprächs, das sich angenehm von vielen routinierten Podiumsdiskussionen unterscheidet. Keine vorbereiteten Statements, die nur darauf warten, abgespult zu werden. Keine langatmigen Antworten, die an der eigentlichen Frage vorbeigehen.
Stattdessen ein Moderator, der mit Tempo, Humor und gelegentlicher Provokation die richtigen Impulse setzt. Und ein Gesprächspartner, der die Bälle nicht nur aufnimmt, sondern präzise zurückspielt – manchmal mit einer Pointe, manchmal mit einer klaren politischen Position.
Natürlich ist auch dieser Talk nicht frei von Verbandspolitik. Liebert weiß sehr genau, welche Botschaften er platzieren will. Aber er tut es ohne die übliche Schwere, mit bemerkenswerter Schlagfertigkeit und der Fähigkeit, auch komplizierte Zusammenhänge verständlich zu machen.
Jean-Marc Göttert


