Reisewirtschaft sucht Wege zu mehr echtem Naturschutz
Kann Tourismus die Natur aktiv schützen? Beim DRV-Hauptstadtkongress diskutierten Wissenschaftler, Naturschützer und Veranstalter über die Chancen eines regenerativen Tourismus. Die zentrale Botschaft: Wer von der Natur profitiert, muss auch zu ihrem Erhalt beitragen.

Tourismus lebt von intakten Landschaften, einzigartigen Ökosystemen und faszinierenden Tierwelten. Gleichzeitig trägt die Branche dazu bei, genau diese natürlichen Grundlagen zu belasten. Wie lässt sich dieser Widerspruch auflösen? Und kann Tourismus sogar zu einem Instrument des Naturschutzes werden?
Darüber diskutierten beim DRV-Hauptstadtkongress in Berlin Dr. Sarah Darwin, Wissenschaftlerin am Museum für Naturkunde Berlin, Tim Dunker, CEO von Ameropa und DRV-Vizepräsident, Gebhard Rainer, CEO von HX Expeditions, Martina von Münchhausen, Senior Programme Manager Sustainable Tourism beim WWF, sowie Felix Willeke, Geschäftsführer von Lernidee Erlebnisreisen.
Die Diskussion zeigte, dass die klassische Vorstellung von nachhaltigem Tourismus zunehmend zu kurz greift. Es reicht nicht mehr, negative Auswirkungen möglichst gering zu halten. Vielmehr geht es darum, einen konkreten Nutzen für Natur, Artenvielfalt und lokale Gemeinschaften zu schaffen.
Sarah Darwin: „Biodiversität bedeutet Resilienz“
Für die Wissenschaftlerin Sarah Darwin beginnt Naturschutz mit dem Verständnis für die komplexen Zusammenhänge natürlicher Ökosysteme. „Biodiversität bedeutet Resilienz“, erklärte sie. Gemeint ist die Widerstandsfähigkeit der Natur, die wesentlich von der Vielfalt der Arten und den genetischen Unterschieden innerhalb einzelner Populationen abhängt.
Als Beispiel verwies Darwin auf die Galápagosinseln. Die einzigartige Tier- und Pflanzenwelt des Archipels zeigt besonders eindrucksvoll, wie empfindlich Ökosysteme auf menschliche Eingriffe reagieren. Zugleich können die Inseln als Beispiel dafür dienen, wie wissenschaftliche Forschung, lokale Gemeinschaften und finanzielle Unterstützung zusammenwirken, um bedrohte Lebensräume wiederherzustellen.
Naturerlebnisse schaffen Bewusstsein
Darwin betonte den Wert unmittelbarer Naturerlebnisse. Wer Tiere in ihrem natürlichen Lebensraum beobachte und die ökologischen Zusammenhänge verstehe, entwickle häufig ein anderes Bewusstsein für deren Schutz. Entscheidend sei jedoch, dass aus diesem Verständnis konkretes Handeln werde.
Dafür müsse der Tourismus über die bloße Vermittlung schöner Naturerlebnisse hinausgehen. „Gebt zurück, was ihr bekommt“, formulierte Darwin einen zentralen Gedanken des regenerativen Tourismus. Reisen solle nicht nur möglichst wenig Schaden anrichten, sondern auch einen positiven Beitrag für die besuchten Regionen leisten.
HX Expeditions: Wenn Kreuzfahrtschiffe zu Forschungsplattformen werden
Wie sich touristische Infrastruktur unmittelbar für die Wissenschaft nutzen lässt, erläuterte Gebhard Rainer, CEO von HX Expeditions. Das Unternehmen arbeitet eng mit Wissenschaftlern und Forschungseinrichtungen zusammen und stellt ihnen im Rahmen seiner Expeditionsreisen Möglichkeiten zur Verfügung, die sonst nur mit erheblichem Aufwand zu realisieren wären.

Gebhard Rainer setzt bei HX Expeditions auf die enge Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern, um Forschung und Naturerlebnisse miteinander zu verbinden.
Gerade die Polarregionen und andere abgelegene Gebiete sind für Wissenschaftler schwer und teuer zu erreichen. Expeditionsschiffe können hier eine wichtige Brücke schlagen: Sie bringen Forscher in entlegene Regionen, ermöglichen Beobachtungen vor Ort und unterstützen die systematische Erhebung wissenschaftlicher Daten.
Rainer verwies darauf, dass wissenschaftliche Untersuchungen in solchen Regionen häufig an den hohen Kosten scheiterten. Durch die Einbindung in bestehende Expeditionsreisen könnten dagegen „echte Studien“ ermöglicht werden, „die sonst nicht möglich wären, weil es sehr teuer ist“.
Forschung wird Teil des Reiseerlebnisses
Die Zusammenarbeit geht dabei über die bloße Mitnahme von Wissenschaftlern hinaus. Die wissenschaftlichen Aktivitäten werden in das Expeditionskonzept eingebunden. Forschung, Naturbeobachtung und die Vermittlung wissenschaftlicher Erkenntnisse an die Gäste greifen ineinander.
Gerade darin liegt ein wesentlicher Unterschied zur klassischen Kreuzfahrt: Das Naturerlebnis soll nicht allein der Unterhaltung dienen, sondern auch Wissen vermitteln und ein Bewusstsein für die Schutzbedürftigkeit der bereisten Regionen schaffen.
Die regelmäßige Präsenz der Schiffe in sensiblen Naturräumen eröffnet zudem Möglichkeiten zur Datenerhebung, die einzelne Forschungsexpeditionen nur mit großem Aufwand leisten könnten. Wissenschaftler erhalten damit Zugang zu schwer erreichbaren Gebieten und zusätzliche Möglichkeiten, Veränderungen in den Ökosystemen über längere Zeiträume zu dokumentieren.
Wissenschaft allein macht eine Reise noch nicht nachhaltig
Allerdings machen wissenschaftliche Kooperationen allein noch keine nachhaltige Expeditionsreise. Entscheidend bleibt, wie die zusätzlichen Erkenntnisse und Schutzmaßnahmen mit einer konsequenten Reduzierung der eigenen Umweltbelastungen verbunden werden.
Gerade in empfindlichen Polarregionen stellt sich die Frage, wie sich der Wunsch nach außergewöhnlichen Naturerlebnissen mit dem Schutz dieser Lebensräume vereinbaren lässt. Die Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern kann hier einen Beitrag leisten, ersetzt aber nicht die Verantwortung für den ökologischen Fußabdruck der Schiffe.
WWF: „Ein Reiseveranstalter ist keine Artenschutzorganisation“
Martina von Münchhausen vom WWF setzte einen bewusst kritischen Akzent. Sie warnte davor, die Verantwortung der Tourismusunternehmen auf einzelne Naturschutzprojekte zu reduzieren. „Ein Reiseveranstalter ist keine Artenschutzorganisation“, stellte sie klar. Dafür gebe es spezialisierte Organisationen, die diese Aufgaben häufig besser erfüllen könnten.
Die eigentliche Verantwortung der Unternehmen beginne vielmehr beim eigenen Geschäftsmodell. Sie müssten prüfen, „an welcher Stelle in ihrem Geschäft sie mit der Natur in Konflikt kommen“. Das betreffe nicht nur einzelne Reiseangebote, sondern die gesamte touristische Wertschöpfungskette.
Naturschutz beginnt in der eigenen Lieferkette
Von Münchhausen verwies auf den Umgang mit Wasser und Energie, die Herkunft von Lebensmitteln, Abfall und Abwasser sowie die Auswirkungen auf Klima und Biodiversität. Es reiche nicht, einzelne bedrohte Tierarten zu schützen, während an anderer Stelle durch touristische Aktivitäten neue Umweltprobleme entstünden. „Es wäre schon sehr wertvoll, wenn das im Tourismus konsequent mitgedacht wird“, betonte sie. Dabei gehe es ausdrücklich um „das ganze Unternehmen und die ganze Lieferkette“.

Martina von Münchhausen vom WWF fordert Reiseunternehmen auf, Naturschutz nicht auf einzelne Projekte zu beschränken, sondern die Umweltauswirkungen ihrer gesamten Geschäftstätigkeit in den Blick zu nehmen.
Auch wirtschaftliche Anreize für den Naturschutz müssten differenziert betrachtet werden. Zwar könnten touristische Einnahmen dazu beitragen, Schutzgebiete zu finanzieren. Doch Naturschutz dürfe nicht ausschließlich davon abhängig gemacht werden, ob sich mit bestimmten Tierarten oder Landschaften Geld verdienen lasse.
Naturschutz darf kein Feigenblatt sein
Die Botschaft des WWF war damit eindeutig: Wer einen Beitrag zum Erhalt der Artenvielfalt leisten wolle, müsse zunächst die negativen Auswirkungen seiner eigenen Geschäftstätigkeit systematisch reduzieren.
Einzelne Naturschutzprojekte könnten diese Verantwortung ergänzen, aber nicht ersetzen. Entscheidend sei, dass ökologische Aspekte bei allen unternehmerischen Entscheidungen mitgedacht werden – von der Produktentwicklung über die Auswahl der Leistungsträger bis zum Umgang mit Ressourcen vor Ort.
Regenerativer Tourismus – der Natur etwas zurückgeben
Sarah Darwin ging noch einen Schritt weiter. Sie plädierte dafür, den Gedanken des regenerativen Tourismus stärker in den Mittelpunkt zu rücken. Während nachhaltiger Tourismus vor allem darauf abzielt, negative Auswirkungen zu minimieren, soll regenerativer Tourismus einen positiven Beitrag für die besuchten Regionen schaffen.
Darwin nannte dafür konkrete Verhaltensweisen: Reisende sollten sich vorab über die ökologischen Bedingungen ihrer Destination informieren, sparsam mit knappen Ressourcen umgehen, lokale Unternehmen unterstützen und den Austausch mit der Bevölkerung suchen.
Gerade auf den Galápagosinseln werde deutlich, wie wichtig verantwortungsvolles Verhalten sei. Dort seien Wasser und andere Ressourcen knapp, während die Entsorgung von Abfällen besondere Herausforderungen mit sich bringe.
Auch die Reisenden tragen Verantwortung
„Gebt zurück, was ihr bekommt“, lautete deshalb Darwins Appell. Entscheidend sei, dass Reisende darüber nachdenken, was sie während ihres Aufenthalts konkret tun könnten, um die negativen Auswirkungen des Tourismus zu reduzieren und gleichzeitig die lokalen Gemeinschaften zu unterstützen.
Dabei gehe es nicht ausschließlich um finanzielle Beiträge für Naturschutzprojekte. Auch die Entscheidung für lokale Restaurants, der bewusste Umgang mit Ressourcen und die Begegnung mit den Menschen vor Ort könnten Teil eines verantwortungsvollen Reiseverhaltens sein.
Tim Dunker: Nachhaltigkeit muss in die Breite des Marktes
Dass diese Überlegungen nicht allein für spezialisierte Natur- und Expeditionsreisen gelten dürfen, war auch für Tim Dunker von Bedeutung. Als CEO von Ameropa und DRV-Vizepräsident vertrat er die Perspektive der Reiseveranstalter und des breiteren touristischen Marktes.
Im Mittelpunkt stand die Frage, wie sich ökologische Verantwortung in bestehende touristische Geschäftsmodelle integrieren lässt. Denn Naturschutz kann nicht ausschließlich Aufgabe kleiner Spezialveranstalter bleiben, die besonders naturnahe Reisen anbieten.
Auch der Reisevertrieb ist gefordert
Auch etablierte Veranstalter müssen prüfen, welchen Einfluss ihre Angebote auf die bereisten Regionen haben und wie sich dieser reduzieren lässt. Nachhaltigkeit betrifft damit nicht nur die Auswahl einzelner Reiseprodukte, sondern ebenso die Zusammenarbeit mit Leistungsträgern, die Gestaltung der Angebote und die Information der Kunden.
Eine wichtige Rolle kommt dabei dem Reisevertrieb zu. Reisebüros können Kunden für die ökologischen Besonderheiten einer Destination sensibilisieren und Angebote vermitteln, die stärker auf Naturverträglichkeit und lokale Wertschöpfung ausgerichtet sind.
Für den DRV ergibt sich daraus die Aufgabe, nachhaltige Geschäftsmodelle und den Schutz der Biodiversität stärker in der gesamten Branche zu verankern.
„Weniger schlecht machen und gleichzeitig mehr helfen“
Felix Willeke, Geschäftsführer von Lernidee Erlebnisreisen, brachte zum Abschluss die Perspektive eines spezialisierten Reiseveranstalters ein. Gerade bei außergewöhnlichen Naturreisen und Reisen in entlegene Regionen stellt sich die Frage, wie touristische Erlebnisse mit dem Schutz empfindlicher Lebensräume verbunden werden können.

Felix Willeke, Geschäftsführer von Lernidee Erlebnisreisen, will die Umweltbelastungen des Tourismus reduzieren und zugleich einen größeren Nutzen für Natur und Menschen in den Reisezielen schaffen.
Dabei geht es um ein Konzept, das in der Diskussion als Low Impact, High Value beschrieben wurde: möglichst geringe negative Auswirkungen bei gleichzeitig möglichst großem Nutzen für die Zielgebiete.
Willeke erläuterte den Anspruch, mit jedem Schritt im Unternehmen die Belastungen zu reduzieren und gleichzeitig einen positiven Beitrag zu leisten. Es gehe darum, „weniger schlecht“ zu werden und „gleichzeitig mehr helfen“ zu können.
Entscheidend ist der Wert für die Destination
Dazu gehöre auch, die Auswirkungen touristischer Leistungen genauer zu untersuchen. „Man muss gucken, woher kommt das Essen, woher kommt das Fleisch“, hieß es in der Diskussion. Nachhaltigkeit beginne nicht erst am Urlaubsort, sondern bereits bei der Auswahl der Partner und der Gestaltung der Lieferketten.
Entscheidend sei zudem, welchen wirtschaftlichen Nutzen die bereisten Regionen tatsächlich hätten. Es gehe „nicht nur darum, einen hohen Preis zu machen“, sondern einen möglichst großen Wert für das Zielgebiet zu schaffen.
Dass dies mit erheblichem Aufwand verbunden ist, wurde ebenfalls deutlich. Nachhaltigkeitsstandards müssen überprüft, Lieferketten analysiert und Maßnahmen dokumentiert werden. „Es macht nicht immer Spaß, das zu dokumentieren“, lautete eine der pragmatischen Feststellungen.
Gerade kleinere und mittelständische Spezialveranstalter können hier dennoch eine wichtige Rolle spielen. Sie verfügen häufig über langjährige Beziehungen zu Partnern vor Ort und können Naturschutzmaßnahmen unmittelbar in ihre Reiseprogramme einbinden.
Vom guten Vorsatz zum messbaren Nutzen
Damit führte Willeke die Diskussion auf eine entscheidende Frage zurück: Was bleibt von einer Reise in der Destination zurück – außer den Erinnerungen der Gäste? Für die Unternehmen bedeutet das, nicht nur die eigenen Belastungen zu reduzieren, sondern auch den tatsächlichen Nutzen ihrer Angebote für Natur und Menschen vor Ort zu hinterfragen.
Die Zukunft eines verantwortungsvollen Tourismus entscheidet sich damit nicht allein daran, wie wenig Schaden eine Reise verursacht, sondern zunehmend auch daran, welchen positiven Beitrag sie leistet. Für die Branche ist das ein grundlegender Perspektivwechsel: Die Natur darf nicht länger nur Kulisse und Verkaufsargument sein. Ihr Schutz muss zum festen Bestandteil des touristischen Geschäftsmodells werden.

