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DRV-Hauptstadtkongress 2026

Mojib Latif hält der Reisewirtschaft den Klimaspiegel vor

Der Klimawandel stellt das Geschäftsmodell des internationalen Tourismus zunehmend infrage. Mojib Latif zeigt beim DRV-Hauptstadtkongress, wie schmelzendes Eis, extreme Hitze und Starkregen die Reiseziele verändern. Sein Appell an die Branche ist ebenso deutlich wie unbequem.

Klimaforscher Prof. Dr. Mojib Latif rüttelte die Teilnehmer des DRV-Hauptstadtkongresses auf: Mit eindringlichen Worten warnte er vor den dramatischen Folgen des Klimawandels für die Reisewirtschaft und forderte die Branche zum Handeln auf. Alle Fotos: TRVL COUNTER/Felix Hormel
Steigende Temperaturen, schmelzende Gletscher, extreme Hitze und zunehmende Unwetter: Der renommierte Klimaforscher Prof. Dr. Mojib Latif konfrontierte die Teilnehmer des DRV-Hauptstadtkongresses mit den dramatischen Folgen des Klimawandels. Seine Botschaft war ebenso eindringlich wie unbequem: Die natürlichen Grundlagen vieler Urlaubsregionen verändern sich bereits grundlegend.
 


Es ist bereits später Nachmittag am ersten Kongresstag, als Prof. Dr. Mojib Latif die Bühne betritt. Hinter den Teilnehmern liegen zahlreiche Diskussionen über die Zukunft der Reisewirtschaft, wirtschaftliche Herausforderungen und politische Rahmenbedingungen.

Doch der Meteorologe, Ozeanograph und Klimaforscher von der Universität Kiel lenkt den Blick auf eine Entwicklung, die weit über die aktuellen Probleme der Branche hinausgeht: den Klimawandel und seine zunehmend dramatischen Auswirkungen auf die Reiseziele dieser Welt.

Latif ist nicht gekommen, um das Publikum zu beruhigen. Er will aufrütteln. Und er macht von Beginn an deutlich, dass es sich beim Klimawandel nicht um eine Frage politischer Überzeugungen handelt. Die Natur folge ihren eigenen Gesetzen, den physikalischen Grundgesetzen. Daran könne auch die Politik nichts ändern.

Die Erde erwärmt sich – und das Tempo nimmt zu

Zum Einstieg zeigt Latif einen Film über die globale Temperaturentwicklung seit den 1950er-Jahren. Während die Veränderungen zunächst kaum wahrnehmbar sind, färbt sich die Weltkarte im Zeitverlauf immer stärker rot. Besonders ausgeprägt ist die Erwärmung in der Arktis.

Doch auch Europa hat sich nach seinen Angaben bereits um mehr als zwei Grad gegenüber dem dargestellten Referenzzeitraum erwärmt. „Wir wissen es seit weit über 100 Jahren“, erinnert Latif an die wissenschaftlichen Erkenntnisse über den Treibhauseffekt. Schon damals seien erste Berechnungen und Szenarien entwickelt worden. Trotzdem sei es bislang nicht gelungen, ausreichend politische Konsequenzen daraus zu ziehen.

Die Ursache sei eindeutig: die Verbrennung fossiler Energieträger und der dadurch steigende Kohlendioxidgehalt in der Atmosphäre. Das Problem dabei: CO₂ verschwindet nicht einfach wieder, sondern reichert sich an. Und es spielt keine Rolle, wo es ausgestoßen wird. „Alle Länder müssen letzten Endes gemeinsam handeln“, fordert Latif. Darin sieht er eine historische Herausforderung für die Menschheit. Denn die Folgen des Klimawandels seien global, während politische Entscheidungen überwiegend national getroffen würden.

Besonders besorgniserregend sei die Geschwindigkeit der Entwicklung. Die CO₂-Konzentration steige weiter an, und auch bei den globalen Temperaturen lasse sich inzwischen eine Beschleunigung erkennen. Die internationalen Klimaziele gerieten damit zunehmend unter Druck. „Wichtig wäre, dass wir zumindest unter den zwei Grad bleiben“, mahnt Latif. Gleichzeitig kritisiert er, dass es trotz der eindeutigen wissenschaftlichen Erkenntnisse weiterhin Menschen gebe, die den menschlichen Einfluss auf das Klima infrage stellten.

Wenn die Arktis ihr Eis verliert, verliert der Tourismus seine Attraktionen

Welche Folgen diese Entwicklung für die Reisewirtschaft hat, verdeutlicht Latif anhand verschiedener Regionen. Besonders dramatisch seien die Veränderungen in der Arktis. Seit Beginn der Satellitenmessungen 1979 habe die Meereisbedeckung erheblich abgenommen. Das habe weitreichende Konsequenzen für das gesamte Klimasystem. Denn während helle Eisflächen einen großen Teil der Sonnenstrahlung reflektieren, nimmt das dunkle Meerwasser deutlich mehr Wärme auf. Die Erwärmung verstärkt sich dadurch zusätzlich.


Klimaforscher Mojib Latif warnt beim DRV-Hauptstadtkongress vor den Folgen der Erderwärmung für beliebte Urlaubsregionen. Besonders die Arktis, Gebirgsregionen und das Mittelmeer stehen vor tiefgreifenden Veränderungen.

Für die Kreuzfahrtbranche ergibt sich daraus ein bemerkenswerter Widerspruch: Einerseits eröffnet der Rückgang des Meereises neue Schifffahrtsrouten und möglicherweise zusätzliche touristische Möglichkeiten. Andererseits verschwinden genau jene Naturlandschaften, die für viele Gäste den besonderen Reiz einer Arktisreise ausmachen. Latif verweist darauf, dass das Eis, das Reisende früher erleben konnten, in weiten Teilen bereits verschwunden sei. Was für manche Unternehmen kurzfristig neue Geschäftsmöglichkeiten eröffnet, könnte langfristig die Attraktivität ganzer Regionen verändern.

Schmelzende Gletscher und neue Gefahren in den Bergen
Auch die Gebirgsregionen stehen vor tiefgreifenden Veränderungen. Latif zeigt anhand historischer Aufnahmen, wie stark Gletscher innerhalb weniger Jahrzehnte zurückgegangen sind. Das habe nicht nur Auswirkungen auf das Landschaftsbild, sondern auch auf die Wasserversorgung und die Stabilität der Gebirgsregionen. Schmelzende Eismassen und auftauende Böden könnten neue Naturgefahren entstehen lassen.

Mit Blick auf die jüngsten Ereignisse in Nepal warnt der Klimaforscher vor den Konsequenzen für Regionen, die touristisch stark von ihren natürlichen Landschaften abhängig sind. Reiseveranstalter, Destinationen und Gäste müssten sich auf völlig neue Herausforderungen einstellen. Seine eindringliche Feststellung: „So, wie es gewesen ist, ist es nicht mehr. Und so wird es nicht mehr sein.“

Das Mittelmeer: Zwischen extremer Hitze und Starkregen
Besonders unmittelbar betreffen die Folgen des Klimawandels die klassischen Urlaubsregionen rund um das Mittelmeer. Latif verweist auf zunehmende Hitze, längere Dürreperioden und eine wachsende Gefahr extremer Niederschläge. Gerade im Herbst könne es zu heftigen Regenfällen kommen, wenn feuchte Luftmassen über dem warmen Mittelmeer auf kühlere Luft treffen. Die steigenden Temperaturen verschärften das Problem zusätzlich, weil wärmere Luft mehr Wasserdampf aufnehmen könne.

Für die Reisewirtschaft bedeutet das eine doppelte Herausforderung: Einerseits können extreme Sommertemperaturen die Attraktivität traditioneller Badeziele beeinträchtigen. Andererseits wächst das Risiko wetterbedingter Schäden an touristischer Infrastruktur. Hinzu kommt die zunehmende Wasserknappheit in vielen südlichen Urlaubsregionen. Damit geraten nicht nur die Lebensbedingungen der Bevölkerung, sondern auch die wirtschaftlichen Grundlagen des Tourismus unter Druck.


Mojib Latif nimmt die Reisewirtschaft in die Pflicht. Der Klimawandel verändere die natürlichen Grundlagen des Tourismus – und die Branche müsse sich auf völlig neue Herausforderungen einstellen.

Latifs Warnung richtet sich deshalb unmittelbar an die Branche: „Sie müssen sich auf völlig neue Herausforderungen einstellen.“ Gemeint sind nicht nur einzelne Wetterextreme, sondern langfristige Veränderungen, die Reisezeiten, touristische Angebote und die Attraktivität ganzer Destinationen beeinflussen werden.

„Jeder von uns ist gefragt“ – Latifs Appell an die Branche

Zum Ende seines Vortrags wird Latif noch einmal grundsätzlich. Er kritisiert die verbreitete Argumentation, der eigene Beitrag zum weltweiten CO₂-Ausstoß sei zu gering, um etwas bewirken zu können. Wer sich darauf zurückziehe, dass andere Länder einen wesentlich größeren Anteil an den Emissionen hätten, mache es sich zu einfach. „Wir alle sind gefragt“, lautet sein Appell. Niemand könne sich mit dem Hinweis auf einen vermeintlich geringen eigenen Anteil aus der Verantwortung stehlen.

Gerade für die Reisewirtschaft ist das eine unbequeme Botschaft. Schließlich ist die Branche einerseits auf intakte Naturlandschaften, attraktive Destinationen und verlässliche klimatische Bedingungen angewiesen. Andererseits trägt sie durch Flugverkehr, Kreuzfahrten und touristische Infrastruktur selbst zum Klimawandel bei.

Latif macht deutlich, dass die Zeit des bloßen Beobachtens vorbei ist. Es gehe nicht mehr allein darum, über Nachhaltigkeit zu diskutieren, sondern darum, die Konsequenzen wissenschaftlicher Erkenntnisse endlich ernst zu nehmen und entsprechend zu handeln.

Klimawandel wird zur Existenzfrage für den Tourismus

Latifs Auftritt war kein klassischer Vortrag über Nachhaltigkeit, sondern eine wissenschaftlich begründete Warnung vor einer Entwicklung, die das Geschäftsmodell der internationalen Reisewirtschaft zunehmend infrage stellt. Die entscheidende Frage ist längst nicht mehr, ob der Klimawandel das Reisen verändern wird, sondern wie schnell und wie grundlegend dies geschieht.

Für Veranstalter, Airlines, Kreuzfahrtunternehmen und Destinationen geht es deshalb um weit mehr als CO₂-Bilanzen und Nachhaltigkeitsversprechen. Es geht um die langfristige Attraktivität von Reisezielen, um verlässliche Reisezeiten, die Sicherheit der Gäste und letztlich um die wirtschaftliche Zukunft ganzer Urlaubsregionen.

Und genau deshalb dürfte Latifs Satz noch lange nachwirken: „So, wie es gewesen ist, ist es nicht mehr. Und so wird es nicht mehr sein.“

Jean-Marc Göttert