Aida-Chef sieht Kreuzfahrt noch lange nicht am Limit
Die Kreuzfahrt wächst schneller als der gesamte Urlaubsmarkt. Aida-Chef Felix Eichhorn sieht noch reichlich Luft nach oben und will die Branche zu mehr Optimismus ermutigen. Allerdings brauche es zusätzliche Kapazitäten, Investitionen und Fortschritte beim Umwelt- und Klimaschutz.

Die Stimmung in Deutschland könnte besser sein. Die Konjunktur schwächelt, geopolitische Krisen verunsichern die Verbraucher und die Konsumlaune bleibt gedämpft. Doch Felix Eichhorn will sich davon nicht anstecken lassen. Der Präsident von Aida Cruises setzt bewusst einen Kontrapunkt zur allgemeinen Skepsis und wirbt für mehr Optimismus in der Tourismuswirtschaft.
Denn Geld sei durchaus vorhanden, argumentiert Eichhorn. Die Sparguthaben der Deutschen seien hoch, gleichzeitig hielten sich viele Verbraucher mit größeren Ausgaben zurück. Für die Reisebranche sieht er darin weniger ein Problem als vielmehr eine Aufgabe: Sie müsse den Menschen vermitteln, welchen Wert Urlaub, Erlebnisse und gemeinsame Zeit gerade in unsicheren Zeiten hätten.
Dabei geht es Eichhorn um mehr als die Vermarktung von Reisen. Urlaub biete schließlich auch die Möglichkeit, Abstand von politischen und wirtschaftlichen Sorgen zu gewinnen. Und darin liege eine besondere Stärke des Tourismus.
Die Deutschen reisen trotz aller Krisen
Seinen Optimismus begründet Eichhorn mit einem langfristigen Blick auf die Entwicklung des deutschen Reisemarktes. Zwar sei das Konsumklima nach der Corona-Pandemie und insbesondere nach dem russischen Angriff auf die Ukraine deutlich eingebrochen. Die tatsächliche Reisenachfrage habe sich davon jedoch erstaunlich wenig beeindrucken lassen.
Selbst einschneidende Ereignisse wie die Terroranschläge vom 11. September oder die internationale Finanzkrise hätten den langfristigen Wachstumstrend nicht dauerhaft unterbrochen. Lediglich die pandemiebedingten Reisebeschränkungen führten zu einem massiven Einbruch.
Die Zahlen, die Eichhorn präsentiert, sollen diese Widerstandsfähigkeit belegen. Nach den von ihm angeführten Daten der Reiseanalyse stieg die Zahl der Urlaubsreisen von 55,1 Millionen im Jahr 2019 auf rund 57 Millionen im Jahr 2025.
Für Eichhorn ist das ein bemerkenswertes Signal: Während die allgemeine Konsumstimmung unter dem Eindruck wirtschaftlicher Unsicherheit leidet, bleibt die Bereitschaft, Geld für Reisen auszugeben, vergleichsweise stabil.
Kreuzfahrt wächst schneller als der Gesamtmarkt
Noch deutlicher fällt die Entwicklung in der Kreuzfahrt aus. Obwohl das internationale Kreuzfahrtgeschäft während der Pandemie besonders stark eingeschränkt war, hat sich das Segment nach Eichhorns Darstellung inzwischen nicht nur erholt, sondern das Vorkrisenniveau deutlich übertroffen.
Im Vergleich zu 2019 sei der deutsche Kreuzfahrtmarkt um fast zehn Prozent gewachsen. Und dabei soll es nicht bleiben. „Wir sehen definitiv weiteres Wachstumspotenzial“, betont Eichhorn.
Die Gründe dafür sieht er sowohl in der steigenden Attraktivität des Produkts als auch in der zunehmenden Vielfalt der Angebote. Kreuzfahrten sprechen heute deutlich mehr Zielgruppen an als noch vor wenigen Jahren. Gleichzeitig erschließen die Reedereien neue Fahrtgebiete und entwickeln ihre Schiffe kontinuierlich weiter.
Die größte Herausforderung sind die Kapazitäten
Während andere touristische Anbieter darüber nachdenken müssen, wie sie die Nachfrage ankurbeln können, beschäftigt sich Aida vor allem mit der Frage, wie sich die vorhandene Nachfrage bedienen lässt. „Unsere Herausforderung ist generell die Kapazität“, erklärt Eichhorn.

Die Kreuzfahrt wächst schneller als der gesamte Urlaubsmarkt. Aida-Chef Felix Eichhorn sieht noch reichlich Luft nach oben und will die Branche zu mehr Optimismus ermutigen.
Die langfristige Buchbarkeit der Reisen unterstreicht diese Entwicklung. Erst vor wenigen Wochen hat Aida den Winter 2028/2029 zur Buchung freigegeben. Damit können Kunden bereits Reisen bis April 2029 reservieren.
Für die Reisebüros bedeutet das einen außergewöhnlich langen Planungshorizont. Während der Sommer 2027 längst im Verkauf ist, stehen auch für 2028 bereits zahlreiche Reisen zur Verfügung. Gerade für Stammkunden, Familien und Urlauber mit konkreten Kabinenwünschen eröffnet das zusätzliche Möglichkeiten.
Eichhorn geht davon aus, dass neue Kapazitäten sowohl bei Aida als auch bei anderen Reedereien das Wachstum weiter antreiben werden. Die Nachfrage sei jedenfalls vorhanden.
Von fünf auf sieben Prozent Marktanteil?
Bei aller Euphorie relativiert Eichhorn zugleich die Bedeutung der Kreuzfahrt innerhalb des gesamten deutschen Urlaubsmarktes. Trotz der dynamischen Entwicklung entfielen auf das Segment bislang lediglich rund fünf Prozent der Urlaubsreisen.
Das zeige einerseits, wie groß der klassische Reisemarkt weiterhin sei. Andererseits verdeutliche es, welches Potenzial die Kreuzfahrt noch besitze. Eichhorn hält es für möglich, den Anteil in den kommenden Jahren auf sechs bis sieben Prozent zu steigern.
Eine solche Entwicklung würde die Position der Kreuzfahrt innerhalb des touristischen Gesamtmarktes erheblich stärken. Zumal das Segment schon heute zu den Wachstumstreibern der vergangenen Jahre gehört.
Die Demokratisierung der Kreuzfahrt
Einen wesentlichen Grund für den Erfolg sieht Eichhorn im grundlegenden Wandel des Produkts. Vor 30 Jahren sei das Bild der Kreuzfahrt noch stark vom klassischen Traumschiff geprägt gewesen. Exklusivität, Luxus und vergleichsweise hohe Preise bestimmten die öffentliche Wahrnehmung.
Dieses Image habe einerseits für Aufmerksamkeit gesorgt, andererseits aber auch zahlreiche Vorurteile geschaffen. Aida habe in den vergangenen drei Jahrzehnten wesentlich dazu beigetragen, diese Vorstellungen zu verändern. „Wir haben die Kreuzfahrt demokratisiert“, beschreibt Eichhorn die Entwicklung.
Gemeint ist die Öffnung des Produkts für breite Bevölkerungsschichten. Kreuzfahrten sind längst nicht mehr ausschließlich eine Urlaubsform für wohlhabende und ältere Reisende. Familien, Paare und jüngere Urlauber gehören heute ebenso zu den Zielgruppen.
Entscheidend sei dabei nicht allein der Preis. Vielmehr gehe es um das Verhältnis zwischen Kosten und gebotenen Leistungen. Gerade angesichts deutlich gestiegener Preise für klassische Urlaubsformen könne die Kreuzfahrt mit ihrem umfangreichen Angebot punkten.
Familien als wichtiger Wachstumstreiber
Besonders deutlich wird der Wandel nach Eichhorns Einschätzung im Familiensegment. Die Nachfrage habe hier in den vergangenen Jahren spürbar zugenommen.
Für Familien bietet die Kreuzfahrt eine Kombination aus Unterkunft, Verpflegung, Unterhaltung und vielfältigen Freizeitmöglichkeiten. Gleichzeitig lassen sich während einer Reise mehrere Destinationen entdecken, ohne ständig das Hotel wechseln zu müssen.
Das mache das Produkt auch im Vergleich zu klassischen Pauschalreisen attraktiv. Hinzu kommt die Möglichkeit, unterschiedliche Bedürfnisse innerhalb einer Familie auf einer Reise miteinander zu verbinden.
Für Eichhorn zeigt diese Entwicklung, dass die Kreuzfahrt nicht allein durch zusätzliche Schiffe wächst, sondern auch durch die konsequente Weiterentwicklung ihres Angebots.
Flexibilität als Wettbewerbsvorteil
Eine weitere Stärke sieht der Aida-Präsident in der außergewöhnlichen Anpassungsfähigkeit des Geschäftsmodells. Anders als stationäre Hotels können Kreuzfahrtschiffe auf Veränderungen der Nachfrage und der geopolitischen Rahmenbedingungen reagieren. „Das ist wahrscheinlich im touristischen Segment eines der flexibelsten Geschäftsmodelle“, sagt Eichhorn.
Reedereien können Fahrtgebiete verändern, Kapazitäten verlagern und auf neue Kundenbedürfnisse reagieren. Gerade in politisch unsicheren Zeiten sei diese Flexibilität ein erheblicher Vorteil.
Auch die Entwicklung der Flugpreise und die wachsende Nachfrage nach Reisen mit kurzen Anfahrtswegen beeinflussen die Routenplanung. Kreuzfahrten ab deutschen oder nahe gelegenen europäischen Häfen gewinnen dadurch an Attraktivität.
Nordeuropa gewinnt an Bedeutung
Wie stark sich das Geschäft verändert hat, verdeutlicht Eichhorn am Beispiel Nordeuropas. Vor rund 20 Jahren war Aida mit vier Schiffen unterwegs, von denen lediglich eines in Nordeuropa eingesetzt wurde.
Heute hat sich das Verhältnis deutlich verschoben. Von inzwischen elf Schiffen seien in den Sommermonaten acht in Nordeuropa unterwegs.

Acht der elf Aida-Schiffe sind im Sommer inzwischen in Nordeuropa unterwegs. Für Felix Eichhorn zeigt das, wie stark sich die Nachfrage verändert hat.
Dahinter steht eine veränderte Nachfrage. Viele Urlauber schätzen die Möglichkeit, ohne lange Flugreise an Bord zu gehen. Gleichzeitig haben sich die Fahrtgebiete in Nord- und Ostsee zu eigenständigen und attraktiven Urlaubsregionen entwickelt.
Für Eichhorn ist diese Entwicklung ein Beispiel dafür, wie sich die Kreuzfahrt an neue Marktbedingungen anpassen kann. Wer flexibel auf veränderte Kundenwünsche reagiere und das passende Produkt anbiete, könne auch in einem schwierigen Marktumfeld wachsen.
Wachstum verlangt kontinuierliche Investitionen
Allerdings macht der Aida-Präsident deutlich, dass sich diese Entwicklung nicht automatisch fortsetzen werde. Die Reedereien müssten ihre Produkte kontinuierlich weiterentwickeln und in die Qualität ihrer Schiffe investieren. „Natürlich kommt das nicht von alleine, wir investieren stark in die Schiffe, und wir haben auch eine Verantwortung“, erklärt Eichhorn.
Diese Verantwortung betrifft nicht nur die Weiterentwicklung des Urlaubserlebnisses, sondern auch die ökologischen Herausforderungen der Branche. Neue Technologien und ein nachhaltigerer Schiffsbetrieb gehören für Eichhorn zu den Voraussetzungen für die langfristige Zukunftsfähigkeit der Kreuzfahrt.
Dabei bleibt die Frage, wie sich weiteres Wachstum und die notwendigen Fortschritte beim Umwelt- und Klimaschutz miteinander vereinbaren lassen. Dass die Branche hier unter besonderer Beobachtung steht, dürfte auch Aida bewusst sein.
Optimismus statt Krisenstimmung
Am Ende ist Eichhorns Vortrag vor allem ein Plädoyer für mehr Selbstbewusstsein in der Tourismuswirtschaft. Die langfristigen Marktdaten zeigten, dass Reisen für die Menschen einen unverändert hohen Stellenwert besitzen. Selbst schwere Krisen hätten daran wenig geändert.
Für die Kreuzfahrt sieht er besonders gute Perspektiven. Das Produkt sei heute vielfältiger, zugänglicher und flexibler als jemals zuvor. Zusätzliche Kapazitäten könnten neue Nachfrage erschließen und den Marktanteil weiter erhöhen.
Bemerkenswert ist dabei vor allem der Perspektivwechsel: Während in anderen Bereichen der Tourismuswirtschaft über Konsumzurückhaltung, steigende Kosten und schwierige Rahmenbedingungen diskutiert wird, beschäftigt sich Aida vor allem mit der Frage, wie sich die erwartete Nachfrage überhaupt bedienen lässt.
Das ist zweifellos auch die Sicht eines Unternehmens, das von der dynamischen Entwicklung seines Marktsegments profitiert. Doch Eichhorns Botschaft reicht über die Kreuzfahrt hinaus: Die Tourismuswirtschaft sollte ihre Chancen stärker betonen, statt sich ausschließlich mit den Risiken zu beschäftigen.
Die drei wichtigsten Thesen von Aida-Chef Felix Eichhorn
- Die Reiselust ist stärker als jede Krise: Trotz Konsumzurückhaltung, wirtschaftlicher Unsicherheit und geopolitischer Krisen bleibt die Reisenachfrage erstaunlich stabil. Urlaub hat für die Deutschen einen hohen Stellenwert. Die Tourismusbranche sollte deshalb stärker auf Optimismus setzen, statt sich von der allgemeinen Krisenstimmung anstecken zu lassen.
- Nicht die Nachfrage, sondern die Kapazität begrenzt das Wachstum: Die Kreuzfahrt wächst deutlich schneller als der touristische Gesamtmarkt. Ihr Anteil an den deutschen Urlaubsreisen liegt laut Eichhorn erst bei rund fünf Prozent. Mittelfristig hält er sechs bis sieben Prozent für möglich. Entscheidend dafür sind zusätzliche Schiffe und Kapazitäten. „Unsere Herausforderung ist generell die Kapazität“, betont Eichhorn.
- Die Demokratisierung der Kreuzfahrt ist der Schlüssel zum Erfolg: Die Kreuzfahrt hat sich vom exklusiven Luxusprodukt zum Urlaub für breite Bevölkerungsschichten entwickelt. Familien, jüngere Reisende und neue Zielgruppen treiben das Wachstum. Attraktive Preis-Leistungs-Verhältnisse, vielfältige Angebote und die Flexibilität, Schiffe je nach Nachfrage in unterschiedlichen Fahrtgebieten einzusetzen, verschaffen der Branche entscheidende Wettbewerbsvorteile.

