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RTK Dialogtage
09.10.26, 12:38 Uhr

RTG-Summit: Dertour startet KI-Frühwarnsystem Go Safe

Reisebüros sollen künftig nicht nur Reisen verkaufen, sondern auch ihre Kompetenz im Umgang mit Krisen stärker ausspielen. Dafür will Dertour zusätzliche Informationen bereitstellen. Beim RTG Summit kündigte Melanie Gerhardt hierfür das KI-Frühwarnsystem Go Safe an.

Fotos: RTK / Christian Wyrwa
Dertour baut sein Krisenmanagement mit künstlicher Intelligenz aus. Noch im Oktober soll das neue Frühwarnsystem Go Safe starten, bei dem mehrere KI-Agenten Risiken analysieren und Informationen aus unterschiedlichen Quellen zusammenführen. Auch Reisebüros sollen künftig zusätzliche Informationen erhalten. Die Ankündigung machte Melanie Gerhardt, Director Crisis Management bei Dertour und Leiterin des DRV-Krisenstabs, beim RTG Summit in Mainz. Ihr eindrucksvoller Vortrag zeigte zugleich, warum persönliche Beratung gerade in Krisenzeiten wichtiger wird.
 

Die Alte Lokhalle in Mainz mit ihrem markanten Industrielook bildet die Kulisse für einen Vortrag, den die Teilnehmer des RTG Summit mit großem Interesse verfolgen. Auf der hell erleuchteten Bühne, vor drei großen Präsentationsflächen, steht Melanie Gerhardt. Die erfahrene Krisenmanagerin spricht ruhig, fast beiläufig, über eine Welt, in der Risiken immer komplexer werden und sich Krisen zunehmend überlagern. Doch gleich zu Beginn wird deutlich, dass sie nicht nur über die Herausforderungen der Gegenwart sprechen will. Sie hat auch eine konkrete Neuigkeit mitgebracht: Dertour steht kurz vor dem Start eines neuen, KI-gestützten Frühwarnsystems.

Go Safe: KI-Agenten sollen Risiken früher erkennen

„Da ist die KI mein totaler Begleiter. Ich habe mehrere KI-Agenten“, berichtet Gerhardt. Dertour habe sein bestehendes Frühwarnsystem grundlegend weiterentwickelt. Unter dem Namen Go Safe sollen künftig mehrere KI-Agenten im Hintergrund Informationen aus politischen, meteorologischen und digitalen Quellen auswerten, miteinander verknüpfen und auf mögliche Krisenentwicklungen hinweisen. Das System befindet sich bereits in der Erprobung und soll noch im Oktober live gehen. „Go Safe funktioniert schon in der Übungsphase recht gut“, sagt Gerhardt. Reisebüros sollen anschließend zusätzliche Informationen erhalten, die über den bisherigen Krisennewsletter hinausgehen.

Die Weiterentwicklung ist aus Sicht der Krisenmanagerin dringend notwendig. Denn nicht nur die Zahl der Krisenereignisse nehme zu, sondern vor allem deren Komplexität. Hinzu kommt die Geschwindigkeit, mit der sich Informationen heute verbreiten. Bilder und Berichte aus Krisengebieten erreichen über soziale Medien innerhalb weniger Minuten ein Millionenpublikum. Für die Krisenzentralen bedeutet das einen enormen Druck, Meldungen schnell zu überprüfen, Risiken einzuordnen und mögliche Folgen abzuschätzen. „Social Media ist momentan wirklich das, was im Krisenmanagement auch den Druck bei der Lagebewertung erhöht und was auch immer wieder zu neuen Recherchen führt.“ Genau hier sollen KI-Agenten helfen: Sie können große Informationsmengen analysieren, unterschiedliche Quellen vergleichen und mögliche Entwicklungen frühzeitig sichtbar machen.

Doch Gerhardt, die seit 2001 im Krisenmanagement tätig ist und zu den erfahrensten Expertinnen der deutschen Reisewirtschaft gehört, macht zugleich deutlich, wo die Grenzen der Technologie liegen. „Die KI kann Daten sammeln. Macht sie richtig gut. Die kann auch Informationen strukturieren“, erklärt sie. Ebenso könne sie Szenarien vorbereiten und Meldungen aus verschiedenen Frühwarnsystemen vergleichen. Dann folgt ihre zentrale Botschaft: „Aber die KI kann keine Verantwortung übernehmen. Die kann keine Entscheidung treffen. Und Vertrauensanker kann sie gar nicht sein.“

Die eigentliche Krise ist die Wirkungskette

Warum technische Frühwarnung und menschliche Erfahrung zusammengehören, zeigt Gerhardt anhand konkreter Beispiele. Seit ihrem ersten großen Kriseneinsatz nach einem Flugzeugabsturz in Alaska im Jahr 2001 hat sie zahlreiche Katastrophen und politische Konflikte begleitet. Doch die Herausforderungen hätten sich grundlegend verändert. „2026 ist das Jahr der Überlagerung. Das Jahr der Überlappungen.“ Früher seien Krisen häufig einzelne, klar abgrenzbare Ereignisse gewesen. Heute verstärkten sich unterschiedliche Risiken gegenseitig. Nach ihren Angaben wurden 2026 bislang 512 Ereignisse im aktiven Krisenmanagement bearbeitet. Rund 450.000 SMS gingen an Reisegäste, darunter zahlreiche präventive Warnmeldungen.



Was sie damit meint, verdeutlicht Gerhardt am Beispiel eines Ätna-Ausbruchs auf Sizilien. Als Fluggesellschaften ihre Maschinen nach Palermo umleiteten, fehlten dort plötzlich Busfahrer für den Weitertransport. Gleichzeitig waren kaum Hotelzimmer verfügbar. Manche Reisende mussten bis zu 24 Stunden auf eine Transportmöglichkeit warten, Taxifahrten kosteten teilweise 750 Euro. „Da ist das eigentliche Ereignis gar nicht die Krise, sondern all diese Krisenherde, die hinter der eigentlichen Krise stecken.“ Ähnlich sei es bei Unwettern auf Mallorca. Während zusätzliche Busfahrer früher kurzfristig organisiert werden konnten, müsse Dertour entsprechende Kapazitäten inzwischen teilweise drei Tage im Voraus sichern. Auch Ersatzhotels, Gepäckkoordination und alternative Transfers müssten frühzeitig eingeplant werden. Die eigentliche Herausforderung bestehe deshalb darin, nicht nur das Ereignis selbst zu erkennen, sondern seine möglichen Folgen vorauszudenken.

Reisebüros sollen zu Krisenexperten werden

Gerhardt verbindet diese Beispiele mit einem nachdrücklichen Appell an den Vertrieb. Denn was im Hintergrund eines Reiseveranstalters geleistet werde, sei für Kunden häufig kaum sichtbar. Krisenzentralen, lokale Partner, spezialisierte Mitarbeiter und organisierte Hilfsstrukturen seien jedoch wesentliche Bestandteile einer Pauschalreise. „Das sind doch eure Verkaufsargumente, warum man bei euch eine Pauschalreise buchen soll und bei einem Veranstalter“, sagt sie in Richtung der Reisebüros.

Ihr Ziel sei es deshalb, das Wissen aus dem Krisenmanagement stärker an den Counter zu bringen. „Ich möchte euch eigentlich zu Krisenexperten machen. Weil genau das wird der Mehrwert sein. Genau damit könnt ihr euch von der KI abgrenzen.“ Go Safe soll dazu beitragen, dass Reisebüros künftig nicht nur schneller, sondern auch umfassender über mögliche Risiken informiert werden. Ergänzend setzt Dertour auf Newsletter, Webinare und weitere Informationsangebote. Gerhardt kündigt zudem an, Vertretern der RTG einen Einblick in die weiterentwickelte Krisenzentrale zu ermöglichen.

Dabei geht es ihr nicht darum, Reisende mit möglichen Gefahren zu verunsichern. Vielmehr sollen Reisebüros erklären können, welche Vorsorge ein Veranstalter trifft und welche Unterstützung Kunden im Ernstfall erwarten dürfen. Gerade bei Extremwetter, politischen Konflikten oder kurzfristigen Reiseunterbrechungen werde deutlich, welchen Wert eine organisierte Pauschalreise haben könne. Gegenüber reinen Buchungsplattformen sieht Gerhardt deshalb einen entscheidenden Vorteil in der Verbindung aus professionellem Krisenmanagement und persönlicher Betreuung.

„Wir müssen der Vertrauensanker sein“

Am Ende ihres Vortrags führt Gerhardt die technischen Entwicklungen und die praktischen Beispiele auf einen zentralen Gedanken zurück: Vertrauen. Denn auch wenn KI-Agenten Risiken künftig schneller erkennen können, suchen Menschen in unsicheren Situationen nicht allein nach Informationen. Sie brauchen Orientierung, Verlässlichkeit und jemanden, der Verantwortung übernimmt.

„Wir möchten nämlich, dass wir als Veranstalter und ihr im Reisebüro, dass wir ein Team sind und dass wir der Vertrauensanker für unsere Reisegäste sind.“ Für Gerhardt ist diese Zusammenarbeit das entscheidende Qualitätsmerkmal der organisierten Reise. Während der Veranstalter Schutz und konkrete Hilfe organisiert, kann das Reisebüro die persönliche Verbindung zum Kunden halten, Sorgen auffangen und Informationen verständlich einordnen.

Gerhardts Vortrag war damit weit mehr als die Vorstellung eines neuen Frühwarnsystems. Er zeigte, wie künstliche Intelligenz das Krisenmanagement verändert, ohne den Menschen überflüssig zu machen. Im Gegenteil: Je schneller Informationen verfügbar werden und je komplexer die Risiken sind, desto wichtiger wird ihre verantwortungsvolle Einordnung.

Für Reisebüros liegt darin eine Chance, die über den reinen Verkauf hinausgeht. Wer seinen Kunden auch in schwierigen Situationen Sicherheit und Orientierung vermitteln kann, schafft einen Wert, den kein Preisvergleich abbildet. Oder, wie Melanie Gerhardt es zum Abschluss formuliert: „Wenn alles unsicher wird, wird Verlässlichkeit absolut unbezahlbar.“

Gerhardts zentrale Botschaft bleibt: Die eigentliche Krise ist nicht das Ereignis, sondern die Wirkungskette, die es auslöst. Je komplexer diese Zusammenhänge werden, desto wichtiger sind frühzeitige Informationen, klare Entscheidungen und persönliche Betreuung. KI kann dabei unterstützen, aber keine Verantwortung übernehmen. Genau hier sieht Gerhardt die besondere Stärke der Reisebüros: Sie sollen gemeinsam mit den Veranstaltern zum Vertrauensanker für ihre Gäste werden – gerade dann, wenn Sicherheit und Orientierung am dringendsten gebraucht werden.
 

Die fünf wichtigsten Thesen von Melanie Gerhardt
  • KI-Agenten verändern das Krisenmanagement grundlegend. Mit Go Safe startet Dertour noch im Oktober ein neues Frühwarnsystem, das Informationen aus unterschiedlichen Quellen analysiert und Risiken früher erkennbar machen soll. Auch Reisebüros sollen davon profitieren.
  • Die eigentliche Krise ist nicht das Ereignis, sondern seine Wirkungskette. Naturkatastrophen, politische Konflikte und Extremwetter führen zunehmend zu zusätzlichen Problemen wie fehlenden Transportkapazitäten, Personalengpässen und unterbrochenen Abläufen. Professionelles Krisenmanagement muss diese Zusammenhänge frühzeitig erkennen.
  • Krisenmanagement ist ein starkes Verkaufsargument für die Pauschalreise. Organisierte Hilfe, lokale Partner, Frühwarnsysteme und spezialisierte Krisenteams bieten einen Mehrwert, den Reisebüros im Beratungsgespräch stärker herausstellen sollten.
  • Künstliche Intelligenz kann informieren, aber keine Verantwortung übernehmen. KI kann Daten sammeln, Meldungen vergleichen und Szenarien vorbereiten. Entscheidungen, persönliche Betreuung und konkrete Hilfe bleiben Aufgaben von Menschen.
  • Reisebüros müssen zum Vertrauensanker ihrer Kunden werden. Gerade in unsicheren Zeiten erwarten Reisende Orientierung, Sicherheit und Verlässlichkeit. Im Zusammenspiel mit dem Veranstalter können Reisebüros diesen Anspruch erfüllen und sich im Wettbewerb profilieren.