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RTK Dialogtage
09.10.26, 11:18 Uhr

AIDA-Chef Felix Eichhorn: „Wir sehen noch riesiges Wachstumspotenzial“

Die Kreuzfahrt wächst schneller als der Reisemarkt, die Spezialisierung zahlt sich für Reisebüros aus und beim Thema Nachhaltigkeit will Aida mit konkreten Zahlen überzeugen. Beim RTG Summit in Mainz präsentierte AIDA-Präsident Felix Eichhorn eine selbstbewusste Bilanz zum 30-jährigen Bestehen der Reederei. Sein Auftritt war emotional und ausgesprochen werblich, lieferte aber auch bemerkenswerte Einblicke in die Wachstumsstrategie, die Zusammenarbeit mit dem Vertrieb und die ökologischen Herausforderungen der Kreuzfahrt.

Fotos: RTK / Christian Wyrwa
Wenn Felix Eichhorn über Aida spricht, ist ihm die Begeisterung für das eigene Produkt anzumerken. Der Präsident von Aida Cruises versteht es, die emotionale Faszination einer Kreuzfahrt mit wirtschaftlichen Argumenten zu verbinden. Beim RTG Summit in der Alten Lokhalle in Mainz war das nicht anders. Bilder von Schiffstaufen, Erfolgsmeldungen und ein ausdrücklicher Dank an die Reisebüros prägten seine Präsentation. Doch hinter der Markeninszenierung standen durchaus interessante Aussagen über die Zukunft des Kreuzfahrtmarktes.

Vor 30 Jahren startete Aida mit einem Schiff, 1999 waren es rund 30.000 Gäste jährlich. Heute befördert die Reederei mit elf Schiffen etwa 1,5 Millionen Gäste und beschäftigt mehr als 18.000 Mitarbeiter. „Wir haben versucht, dieses Thema zu demokratisieren, in die Breite zu bringen, erschwinglich zu machen“, erinnerte Eichhorn. Kreuzfahrt sei längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Besonders die Abfahrten ab deutschen Häfen hätten dazu beigetragen. Im Sommer sind inzwischen acht der elf AIDA-Schiffe in Nordeuropa unterwegs. Für Familien entfällt damit häufig eine aufwendige und kostspielige Fluganreise.

Wachstum wird vor allem durch Kapazitäten begrenzt

Für die kommenden Jahre sieht Eichhorn weiterhin erhebliches Potenzial. Weltweit seien 2025 rund 37,2 Millionen Menschen auf Kreuzfahrt gegangen. Bis 2029 werde ein Anstieg auf mehr als 42 Millionen Gäste erwartet. In Deutschland liege die Zahl der Hochseekreuzfahrtgäste bei knapp drei Millionen. Gemessen am gesamten Reisemarkt entspreche dies lediglich rund fünf Prozent.



Während der deutsche Reisemarkt zwischen 2019 und 2026 nach seinen Angaben um 3,3 Prozent gewachsen sei, habe die Kreuzfahrt um nahezu zehn Prozent zugelegt. Perspektivisch erwartet Eichhorn vier Millionen deutsche Hochseekreuzfahrtgäste. Der begrenzende Faktor sei weniger die Nachfrage als die verfügbare Kapazität. Neue AIDA-Schiffe sollen ab 2030 hinzukommen. „Wenn wir die nächsten ein, zwei Jahre keine signifikanten Steigerungen sehen werden in der Passagierzahl, liegt es nicht daran, dass die Nachfrage nicht da ist, sondern dass schlicht einfach keine zusätzliche Kapazität in dem Markt ist.“

Die hohen Auslastungen stützen seine Einschätzung. Allerdings setzt weiteres Wachstum voraus, dass die Nachfrage auch bei steigenden Reisepreisen stabil bleibt.

Spezialisierung zahlt sich für Reisebüros aus

Besonders deutlich würdigte Eichhorn die Leistungen der Vertriebspartner. Aida arbeitet nach seinen Angaben mit knapp 7.000 buchenden Agenturen zusammen. Mehr als 1.000 davon hätten sich in den vergangenen Jahren jeweils in höhere Umsatz- und Provisionsstufen verbessern können.

Als Beleg für den Erfolg der Spezialisierung verwies er auf die Zusammenarbeit mit der QTA und Reiseland. Der durchschnittliche AIDA-Umsatz der QTA-Reisebüros sei in den vergangenen Jahren um rund 50 Prozent gestiegen, bei Reiseland sogar um mehr als 100 Prozent. Beide Entwicklungen lägen deutlich über dem Marktdurchschnitt. Eichhorn sieht darin eine Bestätigung der langjährigen Shop-in-Shop-Konzepte und einer konsequenten Fokussierung auf Kreuzfahrt. Aida werde den Vertrieb weiterhin mit einem eigenen Außendienst, technischen Investitionen und einem stabilen Provisionsmodell unterstützen.

Die Zahlen unterstreichen den wirtschaftlichen Wert der Spezialisierung. Zugleich wächst der Wettbewerb durch spezialisierte Onlineanbieter, Social-Media-Plattformen und TV-Vertriebskanäle. Für stationäre Reisebüros wird deshalb entscheidend sein, ihre Produktkompetenz stärker in konkrete Beratungsvorteile umzusetzen.

Nachhaltigkeit: Landstrom wird zum Standard

Einen wesentlichen Teil seiner Präsentation widmete Eichhorn der Nachhaltigkeit. Auch wenn das Thema öffentlich derzeit weniger Aufmerksamkeit bekomme, bleibe es für Aida eine strategische Priorität. Wer heute mehr als eine Milliarde Euro in einen Neubau investiere, müsse langfristig denken. „Es ist unser ureigenstes Interesse, dass die Destinationen, die tollen Destinationen in aller Welt, genau so sind, dass unsere Gäste da gerne hinfahren.“

Als wichtigen Fortschritt nannte Eichhorn den Landstromeinsatz. In Nordeuropa erfolge inzwischen etwa jeder zweite AIDA-Hafenanlauf an einer Landstromanlage. „Das ist keine Pilottechnik mehr, die wir hier und da mal einsetzen, sondern ein Standard.“ Damit können während der Liegezeit lokale Luftschadstoffe und abhängig vom Strommix auch CO₂-Emissionen reduziert werden. Die größere Herausforderung bleibt allerdings der Energieverbrauch während der Fahrt.

Für Aufmerksamkeit sorgte Eichhorn mit einem Emissionsvergleich: Eine siebentägige Kreuzfahrt mit AIDAnova ab Kiel verursache nach seinen Angaben rund 250 Kilogramm CO₂ pro Gast. Ein einfacher Flug von Hamburg nach Palma de Mallorca komme dagegen auf etwa 340 Kilogramm. Damit wollte er verdeutlichen, dass die Kreuzfahrt hinsichtlich ihres ökologischen Fußabdrucks besser sei als ihr Ruf.



Allerdings sind die Zahlen nur eingeschränkt vergleichbar. Ein einzelner Flug und eine komplette Kreuzfahrt stellen unterschiedliche Leistungen dar. Zudem erläuterte Eichhorn nicht, welche Berechnungsmethoden und Emissionsfaktoren zugrunde liegen. Für eine belastbare Bewertung müssten vergleichbare Urlaubsreisen einschließlich An- und Abreise betrachtet werden. Dennoch zeigt der Vergleich, wie offensiv Aida inzwischen versucht, die Nachhaltigkeitsdebatte mit konkreten Zahlen zu führen.

Overtourism: Mehr Steuerung statt pauschaler Kritik

Auch beim Thema Overtourism widersprach Eichhorn einer pauschalen Kritik an Kreuzfahrten. Die Schiffe brächten ihre Unterkünfte selbst mit und produzierten nahezu ihr gesamtes Trinkwasser durch Meerwasseraufbereitung. Zudem werde der Anteil der Kreuzfahrtgäste am gesamten Tourismus häufig überschätzt.

Weltweit liege er bei rund 2,4 Prozent. Für Barcelona verwies Eichhorn auf eine Untersuchung, nach der Kreuzfahrtgäste durchschnittlich etwa 2,5 Prozent der internationalen Besucher ausmachten. Selbst an besonders stark frequentierten Tagen seien es maximal sieben Prozent.

Allerdings sagt der Gesamtanteil wenig darüber aus, wie stark einzelne Sehenswürdigkeiten oder Stadtviertel zeitweise belastet werden. Eichhorn plädierte deshalb für eine bessere Abstimmung zwischen Reedereien, Häfen und Destinationen. Als positives Beispiel nannte er Dubrovnik, wo die Anläufe und Besucherströme gezielter gesteuert würden. „Wir kommen nicht überraschend dahin. Drei, vier Jahre vorher legen wir unsere Fahrpläne fest.“

Zugleich verwies er auf die wirtschaftliche Bedeutung der Kreuzfahrt. Nach einer Untersuchung generiere jeder Kreuzfahrtanlauf in Hamburg eine lokale Wertschöpfung von rund 2,7 Millionen Euro. Allein Aida komme dort auf etwa 140 Anläufe jährlich. Auch soziale Verantwortung gehöre zur Unternehmensstrategie: Gemeinsam mit Partnern, Gästen und Crewmitgliedern habe Aida inzwischen mehr als 100 Schulprojekte unterstützt.

Modernisierung statt ausschließlich neuer Schiffe

Neben dem weiteren Flottenwachstum setzt Aida auf die Modernisierung bestehender Schiffe. Das Programm Aida Evolution wird inzwischen auch auf AIDAprima und AIDAperla ausgeweitet. Dabei geht es sowohl um neue Angebote für Gäste als auch um technische Verbesserungen.

Eichhorn verwies darauf, dass aktuell ausgerechnet das kleinste Schiff der Flotte besonders hohe Gästezufriedenheitswerte erreiche. „Es muss nicht immer das Neueste, Größte, Most Fancy sein.“ Entscheidend sei vielmehr, bestehende Produkte kontinuierlich weiterzuentwickeln.

Zum Abschluss dankte Eichhorn ausdrücklich den Reisebüros für ihre langjährige Unterstützung. „Ohne auch euren Mut, eure Unterstützung in all den 30 Jahren, auch mal kreative neue Wege zu gehen, wäre das nicht möglich gewesen.“ Es war ein ausgesprochen werblicher Auftritt, dennoch lieferte Eichhorn wichtige Argumente für den Reisevertrieb. Kreuzfahrt bleibt ein Wachstumsmarkt, Spezialisierung schafft wirtschaftliche Chancen und Nachhaltigkeit wird zunehmend zum Beratungsthema.

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Die fünf wichtigsten Thesen von Felix Eichhorn

1. Kreuzfahrt bleibt ein Wachstumsmarkt: Weltweit soll die Zahl der Kreuzfahrtgäste bis 2029 auf mehr als 42 Millionen steigen. Für Deutschland erwartet Eichhorn perspektivisch vier Millionen Hochseekreuzfahrtgäste. Die wesentliche Wachstumsgrenze sieht er derzeit bei den verfügbaren Schiffskapazitäten.
2. Spezialisierung bringt Reisebüros mehr Umsatz: Der durchschnittliche AIDA-Umsatz der QTA-Büros sei in den vergangenen Jahren um rund 50 Prozent, bei Reiseland sogar um mehr als 100 Prozent gestiegen. Eichhorn sieht darin eine Bestätigung spezialisierter Vertriebskonzepte und einer engen Partnerschaft mit den Reisebüros.
3. Nachhaltigkeit bleibt eine strategische Aufgabe: Bereits jeder zweite AIDA-Hafenanlauf in Nordeuropa erfolge an einer Landstromanlage. Mit technischen Innovationen und der Modernisierung der Flotte will die Reederei ihren ökologischen Fußabdruck weiter reduzieren.
4. Kreuzfahrt braucht eine differenzierte Umweltdebatte: Eichhorn verweist auf vergleichsweise geringe Anteile der Kreuzfahrt am internationalen Tourismus und auf eigene Berechnungen zum CO₂-Ausstoß. Beim Overtourism setzt er auf eine bessere Steuerung der Besucherströme und eine engere Zusammenarbeit mit den Destinationen.
5. Die Zukunft gehört modernen Produkten und starken Vertriebspartnern: Aida investiert sowohl in neue Schiffe ab 2030 als auch in die bestehende Flotte. Gleichzeitig setzt Eichhorn auf spezialisierte Reisebüros, stabile Provisionen und eine langfristige Zusammenarbeit. Seine Überzeugung: Die Erfolgsgeschichte der Kreuzfahrt ist noch lange nicht zu Ende.