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Tourismus-Update
10.07.26, 13:00 Uhr

Erfolgsdestination Türkei – 64 Millionen Gäste trotz Krisen

Die Türkei denkt Tourismus neu. Kultur, Natur, Kulinarik und Gesundheit sollen künftig stärker zum Wachstum beitragen als zusätzliche Betten an der Riviera. Warum Reisebüros dabei eine Schlüsselrolle spielen und warum für die Türkei jetzt die nächste Entwicklungsstufe beginnt.

Kappadokien mit seinen in den Fels gehauenen Höhlenwohnungen steht beispielhaft für die kulturelle Vielfalt, mit der die Türkei künftig stärker um internationale Gäste werben will. Foto: iStock/serts
64 Millionen internationale Gäste, 65,2 Milliarden US-Dollar Tourismuseinnahmen und 6,75 Millionen deutsche Urlauber – die Türkei hat 2025 ihre bislang erfolgreichste Tourismusbilanz vorgelegt. Während geopolitische Spannungen, der Nahostkonflikt und wirtschaftliche Unsicherheiten weltweit das Reiseverhalten verändern, richtet sich die Türkei strategisch neu aus. Aus dem klassischen Badeziel soll eine ganzjährige Qualitätsdestination werden – mit weitreichenden Folgen auch für den deutschen Reisevertrieb.
 


Rekorde erzählen nur die halbe Geschichte: 64 Millionen internationale Gäste. 65,2 Milliarden US-Dollar Tourismuseinnahmen. 6,75 Millionen Urlauber aus Deutschland. Betrachtet man ausschließlich diese Zahlen, scheint die Erfolgsgeschichte der Türkei lediglich ihre Fortsetzung zu finden. Tatsächlich markieren sie jedoch den Beginn einer neuen Entwicklungsphase.

Denn längst geht es der Destination nicht mehr allein darum, möglichst viele Gäste an die Türkische Riviera zu bringen. Die Türkei verfolgt heute ein deutlich ambitionierteres Ziel: höhere Wertschöpfung, mehr Ganzjahrestourismus, neue Zielgruppen und eine stärkere Positionierung über Kultur, Natur, Gesundheit, Kulinarik und Städtereisen.

Die Rekordbilanz 2025 bildet damit nicht den Abschluss einer Entwicklung, sondern ihren Ausgangspunkt. Mit einem Umsatz von 65,231 Milliarden US-Dollar und einem Wachstum von 6,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr zählt die Türkei inzwischen zu den wirtschaftlich erfolgreichsten Tourismusdestinationen weltweit. Gleichzeitig stiegen die durchschnittlichen Ausgaben pro Übernachtung auf 100 US-Dollar – ein Indiz dafür, dass nicht nur die Gästezahlen, sondern auch die touristische Wertschöpfung wächst.

Tourismusminister Mehmet Nuri Ersoy formuliert den Anspruch selbstbewusst: „Unser Ziel sind 68 Milliarden Dollar im Jahr 2026.“ 

Erfolg in einer Zeit wachsender Unsicherheit

Noch bemerkenswerter erscheinen diese Zahlen angesichts der weltpolitischen Lage. Der anhaltende Nahostkonflikt, militärische Spannungen in der Region, zeitweise gesperrte Lufträume und eine insgesamt fragile geopolitische Situation beeinflussen das Reiseverhalten vieler Urlauber. Destinationen im östlichen Mittelmeer stehen dabei besonders im Fokus.

Die Türkei liegt geografisch unmittelbar an der Schnittstelle zwischen Europa, dem Nahen Osten und Asien. Entwicklungen in der Region werden deshalb häufig unmittelbar auf das Reiseland übertragen – unabhängig davon, ob touristische Gebiete tatsächlich betroffen sind oder nicht. Gerade deshalb misst Ankara der Krisenfestigkeit des eigenen Tourismus inzwischen eine zentrale Bedeutung bei.


Mit Musik, Tanz und regionalen Traditionen möchte die Türkei ihr kulturelles Profil im internationalen Tourismus weiter stärken. Foto: iStock/florin1961

Minister Ersoy verweist ausdrücklich darauf, dass die Türkei heute über eine ausgeprägte Erfahrung im Krisenmanagement verfüge und den Tourismus längst über den klassischen Badeurlaub hinaus entwickelt habe. Kultur- und Glaubenstourismus, Natur- und Ökotourismus, Gesundheits- und Thermaltourismus, Gastronomie, Kreuzfahrten, Kongresse und Wintersport ergänzten inzwischen das touristische Portfolio.

Diese Aussage ist weit mehr als eine politische Floskel. Sie beschreibt den Kern der türkischen Tourismusstrategie. Wer touristisch breiter aufgestellt ist, reagiert widerstandsfähiger auf Krisen, saisonale Schwankungen und Veränderungen der Nachfrage.

Deutschland ist ein strategischer Partner

Welche Bedeutung Deutschland dabei besitzt, macht Botschafter Gökhan Turan unmissverständlich deutlich. „Deutschland ist für Türkiye weit mehr als ein wichtiger Quellmarkt – es ist ein strategischer Partner, mit dem uns eine langjährige, vertrauensvolle Zusammenarbeit verbindet. Gerade in Zeiten des Wandels im globalen Tourismus setzen wir auf Innovation, Nachhaltigkeit und kulturelle Vielfalt, um unsere Position als führende Destination weiter zu stärken.“

Auch beim DRV-Sommerfest Mitte Juni in Berlin betonte Turan, dass die Türkei inzwischen weltweit zu den vier meistbesuchten Ländern gehöre und mit 64 Millionen internationalen Besuchern sowie Tourismuseinnahmen von über 65 Milliarden US-Dollar einen neuen Rekord erreicht habe.


Die Felslandschaften und Ballonfahrten über Kappadokien sind zu einem Symbol für den Kultur- und Erlebnisurlaub in der Türkei geworden. Foto: iStock/Circle Creative Studio

Gleichzeitig verwies er darauf, dass sich das Land konsequent über den klassischen Strandurlaub hinaus entwickele. Kultur werde zunehmend zum Wachstumstreiber. Unesco-Welterbestätten, Museen, Festivals, archäologische Projekte und neue Kulturrouten erschlössen ganzjährig neue Zielgruppen.

Mehr Qualität statt Preiskampf

Diese strategische Entwicklung spiegelt sich auch bei den Reiseveranstaltern wider. Koray Çavdır, Geschäftsführer von Coral Travel Zentraleuropa, hält die öffentliche Diskussion über steigende Preise für verkürzt. „Die Diskussion über steigende Preise greift aus meiner Sicht zu kurz. Entscheidend ist nicht der absolute Preis, sondern die Frage, welche Qualität, welche Infrastruktur und welches Urlaubserlebnis Gäste dafür erhalten.“ 

Für Familien, so Çavdır, biete die Türkei nach wie vor eines der besten Preis-Leistungs-Verhältnisse Europas. „Die Hotellerie bietet höchsten Standard weltweit, liefert Spitzenwerte im Mittelmeerraum und hat trotzdem in den vergangenen Jahren erheblich investiert: in Qualität, Nachhaltigkeit, Familienkonzepte, Gastronomie und Service. Die Türkei muss sich heute also nicht mehr über den günstigsten Preis definieren. Sie kann selbstbewusst über Qualität, Gastfreundschaft, Investitionen und Vielfalt sprechen. Genau darin liegt ihre Zukunft.“

Das Erfolgsmodell bleibt bestehen

Trotz aller strategischen Neuausrichtung stellt allerdings niemand das bestehende Geschäftsmodell infrage. Firuz Bağlıkaya, Vorsitzender des türkischen Reisebüroverbandes Türsab, warnt ausdrücklich davor, den Erfolg des klassischen Badeurlaubs zu unterschätzen. „All-inclusive war und ist eine Erfolgsgeschichte. Unsere Hotels gehören zu den besten der Welt. Die Servicequalität, die Infrastruktur und das Preis-Leistungs-Verhältnis sind wesentliche Gründe dafür, dass Millionen Menschen Jahr für Jahr in die Türkei reisen. Wir möchten dieses Erfolgsmodell auf keinen Fall ersetzen.“
 


„Die Türkei muss mehr sein als Sonne, Strand und All-inclusive“: Türsab-Chef Firuz Bağlıkaya über neue Chancen jenseits des Badeurlaubs und die Bedeutung von Reisebüros. Jetzt lesen!



Die eigentliche Veränderung bestehe vielmehr darin, auf diesem Fundament aufzubauen. „Reisende suchen heute nicht mehr ausschließlich Sonne, Strand und ein gutes Hotel. Sie möchten Kultur erleben, Menschen kennenlernen, regionale Küche entdecken und authentische Geschichten mit nach Hause nehmen. Genau hier besitzt die Türkei außergewöhnliche Stärken.“ Deshalb gehe es nicht um einen Kurswechsel, sondern um eine Erweiterung des touristischen Angebots.

Deutschland bietet weiteres Wachstum

Obwohl Deutschland inzwischen mit 6,75 Millionen Gästen den wichtigsten Auslandsmarkt bildet, sieht Bağlıkaya noch erhebliches Potenzial. „Deutschland ist für uns weit mehr als ein Quellmarkt. Deutschland ist ein strategischer Partner. Die Beziehungen zwischen der deutschen und der türkischen Reisewirtschaft reichen Jahrzehnte zurück.“ Gleichzeitig verweist er auf den Vergleich mit Spanien. „Spanien empfängt nach wie vor deutlich mehr deutsche Urlauber als die Türkei. Das zeigt uns, dass wir trotz unserer Erfolge wachsen können.“

Dieses Wachstum soll allerdings nicht mehr ausschließlich an der Riviera stattfinden. „Kappadokien, Göbeklitepe, Ephesus oder die Schwarzmeerregion besitzen ein enormes touristisches Potenzial“, so der Türsab-Chef. „Dort finden Besucher Geschichte, Natur, Kulinarik und authentische Begegnungen.“

Reisebüros werden wichtiger

Interessanterweise stärkt genau diese Entwicklung den stationären Reisevertrieb. Denn je individueller Reisen werden, desto größer wird aus Sicht der Türkei der Beratungsbedarf. „Gerade wenn Reisen individueller und anspruchsvoller werden, wächst die Bedeutung qualifizierter Beratung. Gemeinsam mit unseren deutschen Partnern möchten wir deshalb neue Produkte entwickeln.“ Themenreisen, Kulinarik, Pilgerwege, Kulturprogramme oder Gesundheitsangebote seien deutlich beratungsintensiver als klassische Badeurlaube und eröffneten damit neue Chancen für Reisebüros.

Bentour: Das Fundament bleibt der Badeurlaub

Auch Deniz Ugur, CEO von Bentour, sieht erhebliches Potenzial jenseits der klassischen Ferienhotels. „Es ist richtig, dass im Türkei-Tourismus noch mehr Potenzial gerade im Hinblick auf Erlebnis- und Kulturreisen steckt.“ Gleichzeitig warnt er davor, die Größenverhältnisse falsch einzuschätzen. „Auf der anderen Seite ist es so, dass die Zielgruppe der Menschen, die die Türkei als Erholungsort am Meer mit Sonne nutzen, auch künftig die deutliche Mehrheit ausmachen wird.“


Der Leanderturm zählt zu den Wahrzeichen Istanbuls. Die Metropole soll im Rahmen der neuen Tourismusstrategie künftig noch stärker als Kultur- und Städtereiseziel positioniert werden. Foto: iStock/101cats

Hinzu komme ein stabilisierender Faktor, über den vergleichsweise selten gesprochen werde. „Die kulturelle Brücke durch die steigende Zahl der Deutschtürken ist dauerhaft gewährleistet. Damit gibt es ein Fundament, dass selbst in Krisenzeiten eine kritische Menge an Reisen stattfindet und damit Flugkapazitäten erhalten bleiben.“

Infrastruktur als strategischer Vorteil

Parallel zur inhaltlichen Neuausrichtung investiert die Türkei massiv in ihre touristische Infrastruktur. Neue Verkehrsachsen, der Ausbau des Flughafens Istanbul, Galataport sowie nachhaltige Mobilitätskonzepte sollen die Erreichbarkeit verbessern. Gleichzeitig verfügt das Land inzwischen über 580 Strände mit der Blauen Flagge und gehört damit weltweit zu den führenden Destinationen im nachhaltigen Küstentourismus.
Die eigentliche Herausforderung

Die Türkei gehört heute endgültig zur touristischen Weltspitze. Aber noch mehr Gäste allein werden künftig kaum ausreichen, um dauerhaft zweistellige Wachstumsraten zu erzielen. Entscheidend wird vielmehr sein, wie lange Urlauber bleiben, welche Regionen sie bereisen und wie viel Wertschöpfung sie im Land hinterlassen.

Firuz Bağlıkaya bringt diesen Wandel auf den Punkt: „Unser Ziel ist Qualität statt Quantität. Wir möchten Gäste gewinnen, die sich bewusst für Kultur, Natur, Gastronomie oder Gesundheit interessieren und entsprechend länger bleiben sowie höhere Wertschöpfung ins Land bringen.“

Sollte diese Strategie aufgehen, dürfte die Türkei nicht nur ihre Position im internationalen Wettbewerb festigen. Sie könnte auch zum Vorbild für andere Mittelmeerdestinationen werden, die vor ähnlichen Herausforderungen stehen.

Jean-Marc Göttert