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Frauen in der Touristik
12.07.26, 15:00 Uhr

Macherinnen diskutieren offen über Karriere und Hindernisse

Das jüngste Macherinnen-Treffen zeigt, wie wichtig starke Netzwerke in der Touristik bleiben. Managerinnen, Gründerinnen und Nachwuchskräfte diskutierten in Frankfurt über Karriere, Gleichberechtigung und die Frage, welche strukturellen Hürden Frauen noch immer überwinden müssen.

Offene Gespräche, persönliche Erfahrungen und ein starkes Netzwerk: Beim Macherinnen-Treffen diskutierten 65 Touristikerinnen über Karriere, Führung und die Herausforderungen im Berufsalltag. Alle Fotos: Maria Untermann

Es gibt viele Botschaften an diesem Tag, die im Jahr 2026 eigentlich selbstverständlich sein sollten: „Ohne Frage können Frauen in Führungspositionen erfolgreich sein“, „Klar kennen wir Vorbilder, die es schaffen, Karriere und Familie unter einen Hut zu bringen“, oder „Die Zeiten, in denen Frauen Aufstiegschancen oder gar eine Ausbildung verweigert wird, sind zum Glück vorbei!“ Unterton: Wir können alles schaffen, wenn wir nur wollen. Aber können wir das wirklich?

Denn was auch bleibt von der neuesten Ausgabe des Macherinnen-Treffens im neuen Hangar One der Lufthansa in Frankfurt, ist ein untertöniges „Aber!“, das sich einreiht in eine Liste von Anekdoten, die so ziemlich jede der Teilnehmerinnen im Raum auf Lager hat. Die sind zum Teil so platt, dass sie, wenn eine mal laut ins Mikrofon gesagt wird, für allgemeine Erheiterung im Raum sorgen. Wobei einem aber auch immer wieder mal das Lachen im Hals stecken bleiben will.

Eine Konstante im Karriereweg

In solchen Momenten werden Situationen angesprochen, in denen weibliche Führungskräfte in Unternehmen aus Gruppenchats ausgeschlossen werden, oder solche, in denen unterbrochen, debattiert oder sogar mitten in der Präsentation einer Kollegin zum Hörer gegriffen und telefoniert wird. Momente, in denen man im Arbeitsalltag als „Mäuschen“ bezeichnet, oder bei der Beförderung trotz besserer Qualifikationen gleich ganz ignoriert wird, werden zwar seltener – Teil des Alltags bleiben sie dennoch.


Julia Hillenbrand, Vice President Area Management Europe & Africa bei der Lufthansa Group, sprach beim Macherinnen-Treffen über Mut, Neugier und die Realität weiblicher Führungskarrieren.

Das zeigt sich selbst, wenn man sich die Lebensläufe wie den von Lufthansa-Managerin Julia Hillenbrand ansieht, die auf den ersten Blick genau so wirken, wie man sich das im Idealfall vorstellt. Gestartet mit einem Auslandspraktikum während des Studiums, gefördert worden in den ersten Jobs, erste Rolle als Führungskraft in einer Metropole wie London kaum zehn Jahre nach Eintritt ins Unternehmen.

Aufstieg erfordert Mut und Neugier

Inzwischen ist Hillenbrand bei der Airline als Vice President Area Management für Europa und Afrika zuständig und macht in ihrem Vortrag nicht nur Mut, sondern auf viele Weisen auch klar, dass sich tatsächlich Vieles verbessert hat. Dennoch erinnert auch sie sich an Situationen, in denen sie gemeinsam mit einem ihrer Vertriebsmitarbeiter in Meetings saß und in Gesprächen komplett ignoriert wurde. Dass sie darauf stoisch und mit Humor reagiert, zeigt, wie sehr man sich als Frau auf diesem Karriereweg bei aller positiver Bestärkung auch an diese Art von Situationen gewöhnt hat.

Hillenbrands Rat an all die Frauen, die sich gerade erst auf den Weg machen, eine Karriere in der Touristik einzuschlagen: „Mutig und neugierig sein.“ Was sie auf ihrem Weg besonders geprägt habe, sei zudem gewesen, dass sie an vielen Orten der Welt mit unterschiedlichen Kulturen gearbeitet habe. Als aus dem Publikum die Nachfrage kommt, wie viele Frauen einen Karriereweg wie ihren „mit Kindern geschafft hätten“, antwortet sie ehrlich: „Die gibt es“.

Was diese Kolleginnen jedoch vereine, sei ein „funktionierendes Ecosystem“, also ein entsprechendes familiäres Umfeld, Partner, die gezielt unterstützen, und ein Job, der vielleicht etwas weniger Flexibilität und Reisen erfordert. „Ob und wie ich meinen eigenen Job mit Kindern machen könnte, wüsste ich ganz offen und ehrlich nicht“, sagt Hillenbrand.

Unterschiedliche Wahrnehmung von Chancen

Dass die Sache mit der Chancengleichheit immer noch nicht angekommen ist, wo sie sein sollte, hängt für Sophia Krekel, Director Commercial Management bei Dertour, auch klar damit zusammen, dass es bei allen positiven Entwicklungen immer noch tiefe Gräben gibt – etwa dabei, wie Frauen und Männer sich auf neue berufliche Herausforderungen bewerben und wie unterschiedlich sie beim Lesen von Stellenausschreibungen ihre Chancen einschätzen.


Anna Maria Wieting von der TTS-Agentur Reiselounge in Oldenburg sprach beim Macherinnen-Treffen über Mut und Energie als Reisebüro-Inhaberin.

„Es gibt Statistiken, die klar belegen, dass HR-Abteilungen an Stellenausschreibungen viel bewusster herangehen müssen, wenn sie wollen, dass sich gerade auf Führungsrollen Frauen bewerben.“ So müsse man etwa sprachliche Feinheiten beachten und auch die gestellten Anforderungen bewusster formulieren. Das mache es nachweislich „teurer, Bewerbungen von Frauen zu generieren, als von Männern“, was bedeute, dass ein Umdenken unerlässlich sei, um überhaupt chancengleich auszuschreiben.

Was ihr auf ihrem eigenen Karriereweg geholfen habe, seien Rollenvorbilder, etwa in der eigenen Familie, gewesen, genauso wie ein starkes Netzwerk an Frauen, die sich gegenseitig unterstützen, weshalb sie inzwischen auch zum wiederholten Mal beim Macherinnen-Treffen dabei ist. Denn Gemeinschaft und Zusammenhalt unter den Frauen der Branche seien gerade beim Umgang mit den immer noch existierenden strukturellen Problemen extrem wichtig.

So viele Teilnehmerinnen wie noch nie

Genau für solche Themen bieten die Macherinnen-Treffen, die 2025 von Reiseland und der Event-Agentur Conneccted ins Leben gerufen worden sind, die richtige Plattform und auch einen geschützten Rahmen. Mit-Organisatorin Anna Schwingenschlögl von Reiseland freut sich auch deshalb, dass die Nachfrage von Mal zu Mal steigt und mit 65 Teilnehmerinnen, von der Auszubildenden bis zur Top-Managerin, eine extrem heterogene Gruppe an Frauen miteinander ins Gespräch gekommen ist.


Anna Schwingenschlögl (links), Bereichsleiterin Franchise bei Reiseland, und Christiane Blaeser, Gründerin und Geschäftsführerin der Agentur Connected, haben das Macherinnen-Netzwerk gemeinsam ins Leben gerufen.

In Interviews und Impulsvorträgen meldeten sich im Hangar One auch erfolgreiche Gründerinnen wie Anna Maria Wieting oder Astrid Oberhummer zu Wort. Wieting gründete 2019 in Oldenburg die Reiselounge, ein Reisebüro, das nicht nur wenige Monate nach Gründung die Pandemie unbeschadet überstand, sondern auch beispielhaft zeigt, wie der klassische Reisevertrieb auch einen jungen Kundenstamm anziehen kann. Astrid Oberhummer rief 2007 das Luxusreise-Netzwerk Lobster Experience ins Leben und sprach in ihrem Vortrag etwa davon, wie sie in ihrer Zeit als Unternehmerin gelernt hat, dass starke Netzwerke ausgerechnet in der Touristik Gold wert sind.

Raus aus der Komfortzone

Das bestätigt auch Stefanie Berk, die über viele Jahre in Management- und Aufsichtsratspositionen bei Thomas Cook und der Deutschen Bahn Business-Entscheidungen geprägt hat und erst kürzlich in den AER-Aufsichtsrat berufen wurde. Gerade zu Beginn ihrer Karriere seien die Mentoren, die ihr den Mut gegeben hätten, nach Herausforderungen außerhalb der Komfortzone zu suchen, jedoch ebenfalls ausschließlich männlich gewesen.

Sie selbst sei in vielen Runden noch längere Zeit die einzige Frau geblieben – obwohl zu ihren Kommilitoninnen beim Studium in Worms andere hoch qualifizierte Frauen gehört hätten. Was sie jungen Kolleginnen auf Basis ihrer Erfahrungen heute vor allem rät: „Der wichtigste erste Schritt ist, herauszufinden, wo die eigene persönliche Leidenschaft liegt – und dann ganz bewusst an den eigenen Zielen zu arbeiten.“ Dafür brauche es nicht nur ein starkes Netzwerk, sondern auch viel harte Arbeit.


Stefanie Berk, ehemalige Thomas-Cook- und Deutsche-Bahn-Managerin, sitzt seit Juni 2026 im Aufsichtsrat der AER Touristik und sprach beim Macherinnen-Treffen über Mut und Karrierewege außerhalb der Komfortzone.

Auch Berk gehört zu den Frauen, die viele in der Branche als Vorbild anführen, als eine derjenigen, die Familie und Karriere parallel jongliert haben. Selbst sie bezeichnet diesen Weg allerdings als Herausforderung in einer Kultur, deren Sprache das Wort „Rabenmutter“ kennt, und in einer Gesellschaft, „die in ihrer Ausrichtung nicht sonderlich familienfreundlich ist“. Frauen, die sich für beides entscheiden, stünden nach wie vor unter einem enormen Druck, nicht nur von männlichen Kollegen, sondern aus etlichen Bereichen der Gesellschaft. Was ein Stück weit auch demonstriert, dass in einigen Bereichen immer noch eher über Frauen gesprochen wird als mit ihnen.

Offener Austausch, viel Inspiration

Gleichzeitig ist eine Frage, die Mit-Initiatorin Schwingenschlögl im Vorfeld der Macherinnen-Veranstaltung immer wieder beantworten muss, auch die von männlichen Kollegen, wie man sich denn so ein reines Frauentreffen eigentlich vorstellen müsse. Von Zickenkrieg bis zu stundenlangen Lästereien sei in der Vorstellung der Kollegen da einiges dabei – was sie aber betont, ist auch, dass sehr viele Männer, mit denen sie spricht, Initiativen wie die Macherinnen begrüßen und sie von männlichen Kollegen, genau wie von den teilnehmenden Frauen, viel positives Feedback bekommt.
 

Das Macherinnen-Treffen bringt Frauen aus der Touristik zusammen – vom Azubi bis zur Top-Managerin.

Was viele von ihnen nach dem Treffen in etlichen Linkedin-Posts loben, ist die freundschaftliche Atmosphäre untereinander, das starke Netzwerk, das aktive Empowerment und der offene Austausch. Und die Tatsache, dass es nicht um Hierarchien und Konkurrenzdenken geht, sondern ganz bewusst darum, wie man von den eigenen Erfahrungen und Impulsen auch andere profitieren lassen kann.

Sandra Kathe
 


Fünf Fragen an Anna Schwingenschlögl

Anna Schwingenschlögl gehört zu den beiden Initiatorinnen des Netzwerks „Macherinnen in der Touristik“, das sie gemeinsam mit Agentur-Chefin Christiane Blaeser von Conneccted 2025 gegründet hat. Als langjährige Franchise-Chefin der Reisebüro-Kette Reiseland setzt sich Schwingenschlögl intensiv für die Nachwuchsförderung ein.​

Frau Schwingenschlögl, wie hat sich das Teilnehmerinnenfeld seit der ersten Ausgabe der Macherinnen verändert?

Die Gruppe der teilnehmenden Frauen ist größer geworden, hat sich seit der ersten Ausgabe von ihrer Zusammensetzung her kaum verändert. Zu uns kommen Frauen aus allen Bereichen des Reisevertriebs, ganz unabhängig von Alter, Hierarchie oder Firmenzugehörigkeit.

Was schätzen Sie besonders am Miteinander unter den Teilnehmerinnen?

Das Miteinander war von Tag eins von Offenheit, Herzlichkeit und positiver Energie geprägt. Beim ersten Mal hatten wir uns sogar extra ein paar Aktionen überlegt, um die Vernetzung untereinander zu vereinfachen, waren aber positiv überrascht, dass das gar nicht nötig gewesen wäre. Die Teilnehmerinnen sind schon bei der Premiere proaktiv und herzlich aufeinander zugegangen, was sich über die nächsten Veranstaltungen weiterentwickelt hat. Inzwischen ist deutlich zu sehen, wie die positive Energie und Stimmung sofort alle erfasst.

Gibt es eine Erkenntnis, die Sie dieses Mal persönlich mitgenommen haben?

Dass ich es toll finde, wie offen Frauen zu anderen Frauen sprechen. Auch auf der Bühne. In diesem geschützten Rahmen erzählt man Dinge, die man bei anderen Vorträgen wahrscheinlich auslassen würde. Besonders inspirierend fand ich auch den Vortrag von Anna Wieting als Reisebüroinhaberin. Mit welchem Mut, welcher Begeisterung und Energie sie ihr Reisebüro führt, eine junge Zielgruppe anspricht und ganz offen ihr Wissen mit anderen Frauen aus dem Reisevertrieb teilt, macht sie zum Vorbild für viele.


Anna Schwingenschlögl setzt sich für mehr Austausch, gegenseitige Unterstützung und die stärkere Vernetzung von Frauen in der Touristik ein.

Wenn Sie sich ein Thema wünschen könnten, das bei einem der nächsten Treffen eben kein Thema mehr sein könnte, sondern Selbstverständlichkeit: Was wäre das?

Dass Frauen sich nicht mehr zwischen Job und Kinderwunsch entscheiden und aufgrund der Familienplanung im Karriereweg zurückstecken müssen. Mein Wunsch dafür wäre, dass es hier kein Entweder/Oder mehr gibt, und zwar egal, in welcher Position in der Branche die Kolleginnen sind.

Sie haben erzählt, dass Sie von männlichen Kollegen oft gefragt werden, wie diese reinen Frauentreffen denn so ablaufen. Was antworten Sie auf die Nachfragen und welche Reaktion würden Sie sich wünschen?

Wenn solche Kommentare mit kritischem Unterton kommen, lache ich und betone, dass ich mich über die Frage freue, weil sie erst mal von Interesse und Neugierde zeugt. Generell fände ich es schön, wenn sowohl Männer als auch Frauen ihre Meinung revidieren, dass solche Netzwerke überhaupt nicht notwendig wären. Auch diesen Kommentar gab es nämlich immer wieder.