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VIR Innovationstage 2026
23.06.26, 14:20 Uhr

KI stellt Websites und Vertriebskanäle auf den Prüfstand

Künstliche Intelligenz macht individuelle Reiseberatung erstmals skalierbar. Davon sind die Mainmatter-Experten Marco Otte-Witte und Florian Pichler überzeugt. Auf den VIR Innovationstagen warnten sie zugleich davor, die neuen Spielregeln bei Daten, Sichtbarkeit und Vertrieb zu unterschätzen.

Die Mainmatter-Experten Marco Otte-Witte und Florian Pichler zeigten in Berlin, warum KI-gestützte Reiseassistenten die Customer Journey grundlegend verändern könnten. Foto: TRVL COUNTER
Die nächste Disruption der Touristik kommt nicht aus der Branche selbst. Sie kommt aus der Künstlichen Intelligenz. Auf den VIR Innovationstagen zeigten Marco Otte-Witte und Florian Pichler von Mainmatter, wie KI individuelle Reiseberatung automatisiert, neue Vertriebskanäle schafft und die Rolle von Websites grundlegend verändert. Ihre Botschaft: Wer jetzt nur über Chatbots nachdenkt, unterschätzt die Dimension des Wandels.
 


Wer über Künstliche Intelligenz spricht, landet schnell zwischen Euphorie und Weltuntergang. Die einen erwarten die baldige Superintelligenz, die anderen fürchten das Ende menschlicher Arbeit. Marco Otte-Witte, Geschäftsführer des Technologie- und Innovationsberaters Mainmatter, und UX-Experte Florian Pichler versuchten auf den VIR Innovationstagen einen anderen Ansatz. Weniger Zukunftsfantasie, mehr Praxis. Weniger Hype, mehr konkrete Auswirkungen auf die Reisebranche.

Die beiden Speaker arbeiten seit Jahren an digitalen Innovationsprojekten, unter anderem für Unternehmen außerhalb der Touristik, und beobachten die Entwicklung von KI-Systemen unmittelbar. Ihr Fazit: Niemand weiß genau, wie die Reisewelt in fünf Jahren aussehen wird. Sicher sei jedoch, dass KI die Art verändert, wie Menschen Reisen suchen, vergleichen, planen und buchen. Und damit verändern sich auch Websites, Vertriebskanäle und Markenführung grundlegend.

KI macht individuelle Beratung erstmals skalierbar

Im Mittelpunkt des Vortrags stand ein Szenario, das heute bereits technisch möglich ist. Eine Familie aus Berlin sucht einen Sommerurlaub. Statt Filtermasken auszufüllen oder sich durch Buchungsstrecken zu klicken, beschreibt sie einem KI-Agenten einfach ihre Wünsche. Die Familie möchte mit Kindern und Hund verreisen, bevorzugt das Auto statt des Flugzeugs und sucht ein passendes Ziel am Meer.

Während des Gesprächs analysiert die KI automatisch Standort, Reisezeitraum, Familienkonstellation und individuelle Präferenzen. Sie stellt Rückfragen, schlägt Alternativen vor, berechnet Anfahrtszeiten, empfiehlt Zwischenstopps und kombiniert Angebote verschiedener Anbieter zu einem individuellen Reisepaket.

Was bislang nur im Reisebüro oder im Callcenter möglich war, wird damit digital und automatisiert. Genau darin sehen die Referenten die eigentliche Revolution: KI macht individuelle Beratung erstmals in großem Maßstab skalierbar. Die bisherige Logik vieler Reiseportale, Nutzer durch standardisierte Suchmasken und feste Buchungsprozesse zu führen, könnte dadurch zunehmend an Bedeutung verlieren.

Die Zukunft gehört dem Dialog statt dem Suchformular

Für die Reisebranche bedeutet das einen fundamentalen Perspektivwechsel. Bisher mussten Kunden meist wissen, wonach sie suchen. Reiseziel, Zeitraum, Budget und Hotelkategorie wurden in Filter eingegeben und anschließend durch Angebote verglichen. KI dreht diesen Prozess um.

Künftig können Reisende ihre Wünsche zunächst unscharf formulieren. Die KI entwickelt gemeinsam mit dem Kunden Schritt für Schritt die passende Reise. Der Beratungsprozess wird dialogorientiert und deutlich persönlicher.

Für Reiseanbieter eröffnen sich neue Möglichkeiten, Zusatzleistungen zu verkaufen, individuelle Angebote zusammenzustellen und Kunden früher im Entscheidungsprozess zu begleiten. Gleichzeitig steigt die Erwartungshaltung der Nutzer. Wer künftig nur Standardprozesse anbietet, könnte gegenüber intelligenteren Beratungssystemen schnell an Attraktivität verlieren.

Websites verlieren ihre Monopolstellung

Besonders spannend wurde der Vortrag bei der Frage nach der Zukunft von Websites. Denn wenn Kunden künftig direkt mit ChatGPT, Claude, Gemini oder spezialisierten Reiseagenten sprechen, stellt sich zwangsläufig die Frage: Brauchen sie dann überhaupt noch klassische Reiseportale?

Die Antwort der Referenten fällt differenziert aus. Websites werden nicht verschwinden – genauso wenig wie Reisebüros durch das Internet verschwunden sind. Aber sie verlieren ihre bisherige Sonderstellung als zentraler Einstiegspunkt für Informationen und Buchungen.

Stattdessen entstehen neue Vertriebskanäle. KI-Systeme entwickeln sich zunehmend zu Gatekeepern zwischen Kunde und Anbieter. Wer dort nicht sichtbar ist, läuft Gefahr, in der Customer Journey schlicht nicht mehr stattzufinden.

Aus SEO wird GEO

Jahrzehntelang galt für digitale Sichtbarkeit vor allem eine Regel: Wer bei Google gefunden wird, gewinnt Kunden.

Dieses Prinzip verändert sich nun. Neben klassischer Suchmaschinenoptimierung entsteht eine neue Disziplin, die Otte-Witte und Pichler als Optimierung für KI-Systeme beschreiben. Nicht mehr nur Suchmaschinen müssen Inhalte verstehen können, sondern auch KI-Agenten.

Die Konsequenz: Inhalte müssen technisch anders aufbereitet werden. Informationen müssen für Maschinen leichter interpretierbar sein. Gleichzeitig steigt die Bedeutung qualitativ hochwertiger Inhalte.


Die Zukunft der Reisebuchung wird dialogorientiert und KI-gestützt sein, davon sind Marco Otte-Witte und Florian Pichler überzeugt

Denn KI erkennt immer besser, ob ein Text echten Mehrwert bietet oder lediglich für Suchmaschinen produziert wurde. Wer als vertrauenswürdige Quelle wahrgenommen werden möchte, muss echte Expertise liefern.
Marken werden wichtiger – nicht unwichtiger

Auf den ersten Blick könnte man vermuten, dass KI die Bedeutung von Marken reduziert. Wenn eine Maschine die Auswahl trifft, entscheidet am Ende doch nur noch der Algorithmus.

Die Mainmatter-Experten sehen das Gegenteil.

Je stärker automatisierte Beratungssysteme werden, desto wichtiger wird Vertrauen. Nutzer müssen sich sicher fühlen, wenn sie einer Empfehlung folgen. Deshalb gewinnen Markenidentität, Glaubwürdigkeit und redaktionelle Kompetenz an Bedeutung.

Unternehmen müssen künftig nicht nur Produkte verkaufen, sondern Orientierung bieten. Gute Inhalte, eine klare Positionierung und ein konsistentes Nutzererlebnis werden zu zentralen Wettbewerbsfaktoren. Die Marke wird zum Vertrauensanker in einer zunehmend automatisierten Welt.

Die Branche muss sich öffnen

Ein weiterer wichtiger Punkt des Vortrags war die Frage nach Offenheit. Viele touristische Unternehmen sind traditionell zurückhaltend, wenn es um Daten, Schnittstellen oder die gemeinsame Nutzung von Informationen geht. Genau das könnte künftig zum Problem werden.

Denn KI-Systeme funktionieren nur dann optimal, wenn sie auf Daten zugreifen können. Anbieter, die ihre Inhalte abschotten, laufen Gefahr, in den neuen KI-Ökosystemen unsichtbar zu werden.

Deshalb erwarten die Referenten eine stärkere Öffnung der Branche. APIs, standardisierte Schnittstellen und KI-fähige Datenstrukturen werden künftig ebenso wichtig wie attraktive Reiseprodukte.

Die eigentliche Herausforderung beginnt jetzt

Noch ist vieles offen. Niemand weiß, ob sich ChatGPT, Google, spezialisierte Reiseagenten oder ganz andere Plattformen als dominante Zugangswege etablieren werden.

Doch genau darin sehen Otte-Witte und Pichler keinen Grund zum Abwarten. Die Technologien existieren bereits. Die ersten Anwendungen funktionieren. Die Entwicklung beschleunigt sich kontinuierlich. Wer erst reagiert, wenn die neuen Vertriebskanäle etabliert sind, könnte wertvolle Zeit verlieren.

Für die Reisebranche beginnt deshalb eine Phase, die viele an die frühen Jahre des Internets erinnert. Damals entstanden neue Marktführer, während andere die Entwicklung unterschätzten.
Die zentrale Frage lautet heute nicht mehr, ob KI die Touristik verändert. Die Frage lautet vielmehr, wer die Veränderungen aktiv mitgestaltet – und wer sich später an neue Spielregeln anpassen muss.
 

Fünf Take-aways für Reiseunternehmen
  • KI macht individuelle Beratung skalierbar: Was bisher nur Reisebüros oder Callcenter leisten konnten, kann künftig automatisiert und rund um die Uhr digital angeboten werden.
  • Die klassische Website verliert ihre Rolle als alleiniger Vertriebskanal: Kunden werden Reisen zunehmend über KI-gestützte Dialoge suchen und buchen.
  • Sichtbarkeit muss neu gedacht werden: Neben Google wird die Auffindbarkeit in KI-Systemen zu einem entscheidenden Erfolgsfaktor.
  • Starke Marken gewinnen an Bedeutung: Vertrauen, Glaubwürdigkeit und Orientierung werden in einer KI-dominierten Welt zu zentralen Wettbewerbsvorteilen.
  • Abwarten ist keine Strategie: Die Technologien sind bereits verfügbar. Wer heute experimentiert, sammelt Erfahrungen. Wer wartet, läuft Gefahr, den Anschluss zu verlieren.