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LCC-Unternehmertagung 2026
22.06.26, 12:16 Uhr

„Die Zukunft wird radikaler, als wir es uns heute vorstellen können“

Zwischen Krise und KI – ARD-Wirtschaftsexpertin Anja Kohl zeichnete bei der Unternehmertagung von Lufthansa City Center das Bild einer Branche im Wandel. Ihre Kernbotschaft: Reisebüros haben beste Zukunftschancen – wenn sie Technologien nutzen und gleichzeitig auf Vertrauen setzen.

Reisebüros ohne KI werden verschwinden, Reiseberater aber nicht. Mit dieser klaren Botschaft sorgte Anja Kohl bei der LCC-Unternehmertagung für Aufmerksamkeit.

Als Anja Kohl die Bühne betritt, wird es spürbar ruhiger im Saal. Die langjährige ARD-Wirtschafts- und Börsenexpertin trägt ein langes schwarz-weißes Sommerkleid, wirkt souverän, präsent und gleichzeitig nahbar. Was folgt, ist kein klassischer Vortrag über Konjunktur, Börsenkurse oder geopolitische Risiken.

Stattdessen hält Kohl eine leidenschaftliche Rede über Veränderung, Unsicherheit und die Frage, wie Unternehmen in einer Welt bestehen können, die sich schneller verändert als jemals zuvor. 

Schon zu Beginn holt sie die rund 160 Unternehmerinnen und Unternehmer von Lufthansa City Center aktiv ab. Sie fordert die Teilnehmer auf aufzustehen, sich zu strecken und einander wahrzunehmen. „Machen Sie aus dem I-Act ein We-Act“, ruft sie in den Saal. Das Netzwerk, die Beziehungen und die gegenseitige Verlässlichkeit seien der eigentliche Erfolgsfaktor. „Die Rahmenbedingungen können Sie nur bedingt beeinflussen. Was Sie beeinflussen können, ist, was Sie daraus machen.“

Krise wird zum Dauerzustand

Kohl spart dabei die Realität nicht aus. Die Reisebranche habe in den vergangenen Jahren nahezu jede Form von Krise erlebt: Pandemie, Terroranschläge, Streiks, Kriege, Inflation, politische Umbrüche und Naturkatastrophen. Wer heute ein Reiseunternehmen führe, habe längst mehr Krisenmanagement betrieben als mancher professionelle Krisenmanager. „Krise ist Ihr Normalzustand. Es wird auch nicht mehr anders“, sagt sie.

Der Satz klingt zunächst ernüchternd, doch Kohl meint ihn keineswegs pessimistisch. Im Gegenteil. Sie erinnert daran, dass die Unternehmen trotz all dieser Herausforderungen weiterhin erfolgreich am Markt sind. „Sie haben mehr Krisenmanagement betrieben als manche Krisenmanager. Und wissen Sie, was das Wichtigste ist? Sie sind immer noch da.“ Gerade diese Erfahrung werde künftig zum entscheidenden Wettbewerbsvorteil. Denn während andere Branchen erst lernen müssten, mit permanenter Unsicherheit umzugehen, verfüge die Touristik längst über dieses Know-how.

Die eigentliche Revolution hat erst begonnen

Die Krisen seien allerdings nur ein Teil der Geschichte. Der eigentliche Wandel, davon ist Kohl überzeugt, liege noch vor der Branche. Mit eindringlichen Worten beschreibt sie die größte Transformation der modernen Wirtschaftsgeschichte. Digitalisierung, künstliche Intelligenz, Dekarbonisierung und neue Arbeitswelten wirkten gleichzeitig auf Unternehmen ein. „Wir stecken wie die Welt in einer Transformation“, sagt sie. Die Geschwindigkeit dieser Entwicklung sei beispiellos. „Die Veränderungsgeschwindigkeit ist die schnellste ever. Schneller als jede Industrieentwicklung, die wir jemals gesehen haben.“

Besonders bemerkenswert ist ihre Beobachtung, dass selbst die treibenden Kräfte dieser Entwicklung den Ausgang nicht kennen. Bei internationalen Konferenzen habe sie mit Vertretern großer Technologieunternehmen gesprochen. Das Ergebnis habe sie selbst überrascht. „Das Interessante ist: Auch die Hightech-Konzerne wissen nicht, wo das endet.“ Die Unternehmen, die künstliche Intelligenz entwickeln und Milliarden in deren Ausbau investieren, befänden sich selbst mitten in einem tiefgreifenden Veränderungsprozess. „Die sind selber in der Transformation.“ 

Noch mehr: Die neuen Technologien stellten sogar die bisherigen Geschäftsmodelle der Technologiekonzerne infrage. „Die stellen fest, dass sie mit KI ihre eigenen Geschäftsmodelle gefährden.“ Genau darin unterscheide sich die aktuelle Entwicklung von früheren Innovationsschüben. Niemand kenne das Zielbild. Niemand könne heute sicher sagen, wie Wirtschaft, Kommunikation und Kundenbeziehungen in fünf oder zehn Jahren aussehen werden.

Wer wartet, verliert

Für Kohl ergibt sich daraus eine klare Konsequenz. Unternehmen dürfen nicht auf Klarheit warten. „Wer jetzt nichts macht, fällt zurück.“ Dabei gehe es nicht um blinden Aktionismus oder das Hinterherlaufen jedes neuen Trends. Es gehe darum, Erfahrungen zu sammeln, Technologien auszuprobieren und Lernkurven aufzubauen. Die Entwicklung sei keine plötzliche Disruption, sondern eine Evolution. Gerade deshalb werde sie häufig unterschätzt. Viele Veränderungen kämen schleichend.

Doch während manche Unternehmen noch diskutierten, würden andere längst handeln. Wer heute nicht beginne, sich mit KI auseinanderzusetzen, werde morgen Schwierigkeiten haben, den Anschluss zu halten.

Der Mensch wird wertvoller als die Maschine

Bemerkenswert ist dabei, dass Kohl keineswegs ein Zukunftsbild zeichnet, in dem Technologie den Menschen verdrängt. Vielmehr sieht sie genau das Gegenteil. Je leistungsfähiger künstliche Intelligenz werde, desto wichtiger würden jene Fähigkeiten, die Maschinen nicht beherrschen.


LCC-Chef Markus Orth mit ARD-Wirtschaftsexpertin Anja Kohl

„In Zeiten von künstlicher Intelligenz wird ein Mensch so wertvoll wie nie zuvor.“ Technologie könne Prozesse automatisieren, Daten analysieren und Angebote erstellen. Sie könne aber keine echte Beziehung aufbauen. „Das, was den Menschen am meisten fehlt, ist Anerkennung.“ Gerade deshalb werde persönliche Aufmerksamkeit zu einem immer wichtigeren Wettbewerbsfaktor. Kohl fordert die Unternehmer auf, ihren Kunden wieder stärker zuzuhören, sie wahrzunehmen und ihre Bedürfnisse zu verstehen. „Schauen Sie den Kunden in die Augen. Versuchen Sie zu verstehen, wer das ist.“

Vertrauen wird zum Geschäftsmodell

An dieser Stelle schlägt Kohl die Brücke zur Reisebranche. Aus ihrer Sicht verkaufen Reisebüros künftig nicht mehr nur Reisen. Sie verkaufen Sicherheit, Orientierung und Verlässlichkeit. Der Krieg im Nahen Osten, steigende Energiekosten, volatile Flugpläne und geopolitische Unsicherheiten würden dazu führen, dass Kunden mehr denn je nach Orientierung suchen. „Die Währung ist Vertrauen“, sagt sie.

Während Online-Plattformen vor allem Preise vergleichen, könnten Reiseberater etwas liefern, das digitale Systeme nicht leisten: persönliche Begleitung. „Sie verkaufen nicht mehr nur Reisen. Sie verkaufen, dass Sie Ihre Kunden durch die gesamte Reise begleiten.“ Wer Alternativen kennt, erreichbar bleibt, Risiken einschätzen kann und im Krisenfall Lösungen anbietet, schaffe einen Mehrwert, der weit über den eigentlichen Buchungsvorgang hinausgeht. „Sicherheit ist Ihr Produkt.“

KI ersetzt keine Reiseberater

Besonders deutlich wird Kohl, als sie über die Zukunft der Reisebüros spricht. „KI wird eine Reiseberatung nicht ersetzen.“ Eine kurze Pause später folgt der entscheidende Zusatz: „Reisebüros ohne KI werden verschwinden.“ Für die ARD-Wirtschaftsexpertin liegt die Zukunft weder in der reinen Technologie noch in der ausschließlichen Konzentration auf traditionelle Beratung. Erfolgreich werde vielmehr die intelligente Verbindung aus beidem sein. KI könne Routineaufgaben übernehmen, Daten auswerten und Prozesse beschleunigen. Dadurch entstehe mehr Zeit für Beratung, Beziehungspflege und Kundenbindung. Genau dort liege die eigentliche Stärke des stationären Vertriebs.

Eine Botschaft, die nachwirkt

Als Anja Kohl die Bühne verlässt, bleibt vor allem ein Gedanke hängen. Die kommenden Jahre werden von Veränderungen geprägt sein, deren Ausmaß heute kaum jemand vollständig überblicken kann. Selbst die Technologiekonzerne, die diesen Wandel vorantreiben, kennen den Ausgang nicht. Doch gerade deshalb entsteht eine neue Chance für jene Unternehmen, die Orientierung geben können.

Die eigentliche Herausforderung besteht darin, Technologie sinnvoll zu nutzen und gleichzeitig das zu stärken, was keine Maschine ersetzen kann. Vertrauen, Aufmerksamkeit und menschliche Nähe. Oder wie Anja Kohl es zum Abschluss ihres Vortrags formuliert: „Die Währung ist Vertrauen.“

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Fazit: die fünf wichtigsten Tipps aus ihrem Vortrag

1. Vertrauen wird zur wichtigsten Währung
In einer Zeit von Krisen, Unsicherheit und Informationsüberflutung suchen Kunden Orientierung. Wer als Reisebüro verlässlich, erreichbar und kompetent berät, schafft einen Wettbewerbsvorteil, den keine Suchmaschine und kein Algorithmus ersetzen kann.

2. Krisenmanagement wird zur Kernkompetenz
Kriege, Naturkatastrophen, politische Spannungen oder Streiks werden nicht verschwinden. Reisebüros müssen lernen, mit Unsicherheit professionell umzugehen. Kunden erinnern sich vor allem daran, wer ihnen geholfen hat, als etwas schiefging.

3. Die Transformation ist größer als viele glauben
Anja Kohl betonte, dass die aktuellen Veränderungen weit über einzelne Wirtschaftskrisen hinausgehen. Künstliche Intelligenz, geopolitische Verschiebungen und neue Kundenbedürfnisse verändern Geschäftsmodelle grundlegend. Reisebüros sollten Veränderung nicht als Bedrohung, sondern als dauerhafte Aufgabe verstehen.

4. Beratung gewinnt gegenüber reiner Vermittlung
Je komplexer die Welt wird, desto wertvoller wird persönliche Einordnung. Kunden benötigen nicht nur Angebote, sondern Antworten auf Fragen zu Sicherheit, Einreisebestimmungen, Nachhaltigkeit, Versicherungen oder Krisensituationen. Genau hier liegt die Stärke inhabergeführter Reisebüros.

5. Unternehmer müssen Zuversicht ausstrahlen
Auch wenn niemand genau weiß, wohin die Entwicklung führt, erwarten Mitarbeiter und Kunden Orientierung. Erfolgreiche Unternehmer zeichnen sich nicht dadurch aus, dass sie alle Antworten kennen, sondern dass sie Entscheidungen treffen, Verantwortung übernehmen und Zuversicht vermitteln.

Jean-Marc Göttert