Anzeige
LCC-Unternehmertagung 2026
22.06.26, 11:37 Uhr

LCC-Chef Markus Orth: „Eine App kann ich nicht anrufen“

Geopolitische Krisen, KI und ein Generationenwechsel prägen die Reisebranche. Für Markus Orth sind das keine Gründe für Pessimismus. Auf der LCC-Unternehmertagung stellte der Deutschland-Chef klar, warum persönliche Beratung gerade in unsicheren Zeiten an Bedeutung gewinnt.

Markus Orth schwört LCC auf die Zukunft ein. Foto: Sebastian Gabsch/Lufthansa City Center
35 Jahre Lufthansa City Center, 150 Unternehmerinnen und Unternehmer, eine Branche im permanenten Wandel – und dennoch herrscht bei der diesjährigen Unternehmertagung in Oberursel spürbarer Optimismus. In seiner Keynote zeichnet Deutschland-Chef Markus Orth das Bild eines Franchiseverbundes, der trotz Krisen, Fachkräftemangel und KI-Debatte auf Wachstumskurs bleibt. 
 


Die Sonne scheint über dem Taunus, auf der Terrasse des Dorint Hotels Oberursel werden noch die letzten Gespräche vom Vorabend fortgesetzt. Rund 150 Reisebüroinhaber, Unternehmerinnen und Unternehmer sowie Partner der Lufthansa City Center sind zur diesjährigen Unternehmertagung zusammengekommen. Die Stimmung ist gelöst, herzlich und geprägt von vielen Wiedersehen. Zwei Tage lang soll diskutiert, analysiert und vor allem nach vorne gedacht werden.

Als die Moderatoren Caroline von Taysen und Holger Beindorfdie Veranstaltung pünktlich um zehn Uhr eröffnen, wird schnell deutlich: Diese Tagung soll keine Jubiläumsveranstaltung im klassischen Sinne werden. Zwar feiert Lufthansa City Center in diesem Jahr sein 35-jähriges Bestehen, doch der Blick richtet sich konsequent auf die Zukunft.

Wenig später betritt Markus Orth die Bühne. Der Deutschland-Chef von Lufthansa City Center führt den Franchiseverbund inzwischen im siebten Jahr. Seine Botschaft an die Partner ist klar: Die Branche steht vor großen Herausforderungen – aber auch vor großen Chancen.

35 Jahre Erfolgsgeschichte – und jetzt der Blick nach vorne

Orth beginnt seine Rede mit einem Dank an die Teilnehmer und erinnert an die besondere Geschichte des Netzwerks. Viele der Unternehmerinnen und Unternehmer im Saal haben Lufthansa City Center über Jahrzehnte mitaufgebaut. „Wir stehen stark da“, sagt Orth gleich zu Beginn. Und er macht deutlich, wem dieser Erfolg gehört: „Der Erfolg, den wir heute haben, ist allein Ihr Erfolg. Der Erfolg der Unternehmerinnen und Unternehmer.“


LCC-Unternehmertagung in Oberursel: Vertrauen, persönliche Nähe und technologische Offenheit, mit dieser Mischung wollen die Partner die Zukunft gestalten.

Es ist ein Satz, der viel Applaus erhält. Immer wieder betont Orth im Verlauf seiner Rede, dass die Stärke von Lufthansa City Center nicht aus der Zentrale komme, sondern aus den Reisebüros selbst. Gleichzeitig warnt er davor, sich auf den Erfolgen der Vergangenheit auszuruhen. „35 Jahre können wir uns darüber freuen. Aber was jetzt zählt und was uns heute und morgen beschäftigt, ist der Blick nach vorn.“

Wachstum bleibt das erklärte Ziel

Dabei formuliert Orth einen klaren Anspruch. „Wir wollen wachsen. Wir wollen keinen Stillstand“, sagt er mit Nachdruck. Der Markt befinde sich weiterhin in einem Konsolidierungsprozess. Viele Reisebüroinhaber der Babyboomer-Generation würden in den kommenden Jahren ihre Unternehmen übergeben oder aus dem Berufsleben ausscheiden. Deshalb müsse das Netzwerk heute die Voraussetzungen schaffen, um auch morgen stark zu bleiben.

„Wir wollen weitere Partner gewinnen für unser Netzwerk. Wir wollen aber auch weitere Kunden gewinnen, damit wir groß bleiben und größer werden.“ Ganz klar: Für Orth ist Wachstum keine Frage des Prestiges, sondern eine Notwendigkeit, um die Zukunftsfähigkeit des Verbundes langfristig zu sichern.

Vertrauen wird zum wichtigsten Kapital

Ein zentrales Thema seiner Keynote ist das Vertrauen der Kunden. Für Orth ist es die eigentliche Währung der Zukunft. „Wir genießen unglaublich viel Vertrauen bei unseren Kunden. Und das ist nicht selbstverständlich.“
Mehrfach verweist er auf aktuelle Auszeichnungen für Beratungs- und Servicequalität sowie auf die Ergebnisse der jüngsten Kundenbefragungen. Ein Net-Promoter-Score von 72 und hohe Zufriedenheitswerte bei den Franchise-Partnern seien Ausdruck dieser besonderen Positionierung.


Auf der LCC-Unternehmertagung in Oberursel werben Deutschland-Chef Markus Orth und Heiko Brix für Wachstum, Nachwuchs und einen selbstbewussten Umgang mit KI.

Die neue Realität heißt Krise

Orth beschreibt die aktuellen Rahmenbedingungen bemerkenswert offen. Geopolitische Konflikte, geschlossene Lufträume, Extremwetter, Inflation, Streiks und wirtschaftliche Unsicherheiten seien längst zum Alltag geworden. „Wir sind voll im Krisenmodus.“

Dabei versteht er diese Entwicklung jedoch nicht ausschließlich als Belastung. „Komplexität ist Last und Chance zugleich.“ Denn genau in diesen Situationen könnten Reisebüros ihre Stärke ausspielen. Wenn Kunden Orientierung suchen, Umbuchungen benötigen oder in Krisensituationen Unterstützung brauchen, zeige sich der Wert persönlicher Beratung besonders deutlich. „Jede Situation, die entsteht, ist am Ende des Tages für uns die Möglichkeit, uns auch gegenüber den Kunden zu beweisen.“

Während viele digitale Plattformen an ihre Grenzen stoßen, könnten Reisebüros genau dort punkten, wo Menschen konkrete Hilfe benötigen.

Trotz aller Herausforderungen stimmen die Zahlen

Dass dieses Konzept funktioniert, zeigen auch die aktuellen Geschäftszahlen, die Orth präsentiert. Das touristische Geschäft liegt zwar leicht unter dem Vorjahr. Angesichts der zahlreichen Belastungen bewertet er die Entwicklung jedoch als stabil. Besonders erfreulich entwickelt sich der Bereich Geschäftsreisen, der deutlich wächst. Auch die jüngsten Buchungszahlen geben Anlass zu Optimismus. Sowohl touristische Buchungen als auch Geschäftsreisen verzeichnen im Juni spürbare Zuwächse.

Für Orth hat das einen einfachen Grund: „Vielleicht ist es so einfach. Es seid ihr. Das sind die Menschen. Das ist das Vertrauen.“

Künstliche Intelligenz als Chance

Ein weiterer Schwerpunkt seiner Rede ist die Künstliche Intelligenz. Während viele Diskussionen von Sorgen und Unsicherheit geprägt seien, plädiert Orth für einen pragmatischen Umgang. „Wir dürfen vor KI wirklich keine Scheu haben.“ Denn KI werde Prozesse beschleunigen, Buchungsvorgänge vereinfachen und die Kundenansprache verbessern. Gleichzeitig sei sie kein Ersatz für menschliche Beratung. „Vertrauen ist nicht skalierbar. Vertrauen lässt sich nicht automatisieren.“

Eine Erkenntnis, die Orth während der internationalen LCC-Konferenz in Vilnius vor wenigen Wochen intensiv beschäftigt habe. „Die persönliche Aufmerksamkeit wird ein Differenzierungsmerkmal, das für uns viel, viel wichtiger wird.“ Gerade deshalb sieht er die Zukunft in einer intelligenten Verbindung von Technologie und persönlicher Betreuung. „KI entlastet die tägliche Arbeit und ist nicht unser Feind.“

Die Zukunft braucht eine neue Generation

Besonders emotional wird Orth beim Thema Nachwuchs. Die Branche müsse sich dringend mit ihrer eigenen Zukunft beschäftigen. „Unsere Zeit ist endlich“, sagt der 62-Jährige mit Blick auf viele langjährige Unternehmer im Saal.


Impact – das Motto der Tagung in Oberursel: 35 Jahre Lufthansa City Center – und der Blick geht nach vorn.

Die Antwort darauf sei die neue Next-Gen-Initiative innerhalb von Lufthansa City Center. Bereits rund 30 junge Führungskräfte und Nachwuchstalente engagieren sich dort aktiv. Gleichzeitig arbeitet die Organisation an einer grundlegenden Modernisierung des Berufsbildes. „Wir müssen das Berufsbild nicht nur aufpolieren. Wir müssen es neu definieren.“ Mit einer neuen Arbeitgeberkampagne soll der Reisevertrieb wieder attraktiver für junge Talente werden.

Dabei gehe es nicht nur um Mitarbeiter, sondern auch um künftige Unternehmer. „Wir müssen auch Leute haben, die in die Verantwortung gehen.“

„Eine App kann ich nicht anrufen“

Zum Ende seiner Rede verdichtet Orth seine Gedanken auf einen einzigen Satz, der wohl vielen Teilnehmern im Gedächtnis bleiben wird: „Eine App kann ich nicht anrufen.“

Es ist die Quintessenz seiner Keynote. Während andere Branchen darüber diskutieren, wie viel Mensch durch Technologie ersetzt werden kann, setzt Lufthansa City Center auf das Zusammenspiel von digitaler Effizienz und persönlicher Nähe. Beratung bleibt der Kern des Geschäftsmodells.

Internationale Expansion geht weiter

Zum Abschluss der Eröffnung übernimmt Heiko Brix, Geschäftsführer von Lufthansa City Center International. Er berichtet von einem weiterhin dynamischen Wachstum der internationalen Organisation. Weltweit umfasst das Netzwerk inzwischen mehr als 600 Büros in 110 Ländern. Besonders positiv entwickeln sich derzeit Märkte wie Polen, Brasilien und Indonesien.

Zudem stellte Brix neue Initiativen im Bereich Corporate Travel, Destination Management Companies und internationales Account Management vor. Auch die internationale Organisation investiert verstärkt in Digitalisierung, Business Intelligence und neue KI-Anwendungen.

Gemeinsam mit Orth wirbt er außerdem für das soziale Jubiläumsprojekt des Netzwerks. Zusammen mit Fly & Help soll in Tansania eine Schule gebaut werden. Bis zum Ende des Projekts wollen Lufthansa City Center Deutschland und Lufthansa City Center International gemeinsam 175.000 Euro sammeln.
 


Kommentar: Die Renaissance des Menschen

Was von dieser Eröffnung der Unternehmertagung vor allem bleibt, ist eine bemerkenswert nüchterne Zuversicht. Markus Orth verschweigt keine Probleme. Weder Fachkräftemangel noch Nachfolgefragen, weder Krisen noch die Herausforderungen durch Künstliche Intelligenz.

Doch statt Untergangsszenarien zeichnet er ein anderes Bild: Je komplexer die Welt wird, desto wichtiger werden Menschen, die Orientierung geben können. In einer Zeit, in der viele über Automatisierung sprechen, setzt Lufthansa City Center auf Vertrauen. In einer Zeit, in der Algorithmen immer mächtiger werden, spricht Orth über Aufmerksamkeit.

Und in einer Zeit, in der digitale Plattformen immer mehr Marktanteile gewinnen wollen, erinnert er daran, was Kunden in schwierigen Situationen wirklich suchen: einen Ansprechpartner. Oder wie er es selbst formuliert: „Eine App kann ich nicht anrufen.“

Jean-Marc Göttert