„Tourismus ist Entwicklungspolitik“ – Branche fordert Anerkennung
Kreuzfahrt, Luftfahrt und Entwicklungszusammenarbeit ziehen auf dem BTW-Gipfel eine gemeinsame Linie: Tourismus schafft Jobs, Perspektiven und Stabilität. Die Branche sieht sich als Teil globaler Lösungen und fordert von der Politik mehr Anerkennung und weniger Bürokratie.

Was auf dem Papier zunächst wie eine klassische Nachhaltigkeitsrunde wirkte, entwickelte sich auf dem 27. Tourismusgipfel des Bundesverbands der Deutschen Tourismuswirtschaft schnell zur politisch interessanten Diskussion. Moderiert von Katie Gallus diskutierten
- Julia Bellinghausen, Leiterin des Import Promotion Desk,
- Felix Eichhorn, Präsident von Aida Cruises,
- Peter Gerber, CEO von Condor,
- Reiner Meutsch, Gründer der Stiftung Fly & Help, sowie
- Johann Saathoff, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ),
über Verantwortung im Tourismus – und lieferten dabei weit mehr als die üblichen Floskeln.
Denn zwischen Kreuzfahrthäfen, Flugverbindungen, Schulen in Afrika und Entwicklungszusammenarbeit zeichnete sich ein bemerkenswerter Grundton ab: Die Tourismuswirtschaft sieht sich zunehmend als Teil geopolitischer Stabilisierung – und will politisch endlich auch so behandelt werden.
Kreuz- und Luftfahrt verteidigen ihren globalen Nutzen
Besonders offensiv argumentierte Aida-Präsident Felix Eichhorn gegen die oft pauschale Kritik an Kreuzfahrten und Massentourismus. Tourismus bringe weltweit Wertschöpfung – nicht nur in Deutschland, sondern gerade auch im globalen Süden. Allein Kreuzfahrten erzeugten in Hamburg eine jährliche Wertschöpfung von rund 750 Millionen Euro. „Jeder Einlauf eines Kreuzfahrtschiffes bringt 2,7 Millionen Euro zusätzliche Wertschöpfung in den Hafen Hamburg“, erklärte Eichhorn. Besonders bemerkenswert: Laut der von ihm zitierten Studie sei der wirtschaftliche Effekt der Kreuzfahrtindustrie für Hamburg inzwischen sogar größer als jener des Hamburger Flughafens.
Noch interessanter war allerdings seine globale Perspektive. Eichhorn sprach über Infrastrukturaufbau, lokale Einkaufsketten, europäische Standards und die Beschäftigung von 18.000 Crewmitgliedern aus 60 Nationen. Besonders eindrucksvoll schilderte er die Bedeutung philippinischer Seeleute für die lokale Wirtschaft ihres Heimatlandes. Nur ein halbes Prozent der Bevölkerung arbeite dort als Seeleute – indirekt hänge davon aber fast zehn Prozent des lokalen Konsums ab.
Damit formulierte Eichhorn indirekt ein Gegenmodell zur derzeit oft moralisierenden Tourismusdebatte. Nicht Verzicht, sondern wirtschaftliche Teilhabe sei der eigentliche Hebel für Entwicklung.
Ähnlich argumentierte auch Condor-CEO Peter Gerber. Tourismus schaffe überhaupt erst die Grundlage für Infrastruktur, Beschäftigung und wirtschaftliche Entwicklung. Entscheidend sei deshalb zunächst die Wettbewerbsfähigkeit der Branche. „Wir müssen überhaupt erstmal ermöglichen, dass das touristische Angebot da ist“, sagte Gerber.
Bemerkenswert war dabei sein Satz über deutsche Unternehmen: „Wir haben sowieso als deutsche CEOs ein Umweltbewusstsein, das es sonst auf der Welt überhaupt nirgends gibt.“
Das war durchaus als Botschaft Richtung Politik zu verstehen: Die Branche sieht sich längst nicht mehr als Bremser bei Nachhaltigkeit – sondern fordert vielmehr realistische Rahmenbedingungen statt zusätzlicher Belastungen.
Das BMZ entdeckt den Tourismus neu
Mindestens ebenso interessant war die Rolle des Bundesentwicklungsministeriums. Staatssekretär Johann Saathoff machte deutlich, dass wirtschaftliche Zusammenarbeit inzwischen zu den zentralen strategischen Schwerpunkten des BMZ gehört. Tourismus spiele dabei eine immer wichtigere Rolle.

Foto: BTW/Svea Pietschmann
Saathoff formulierte den Zusammenhang ungewöhnlich direkt: Wer Beschäftigung, Ausbildung und Perspektiven schaffe, verhindere zugleich Instabilität und Extremismus. „Jeder, der in Beschäftigung ist, eine Perspektive hat in seiner Umwelt, ist auch jemand, der nicht zu irgendwelchen terroristischen, extremistischen Organisationen läuft“, sagte er.
Damit wurde das Panel plötzlich hochpolitisch. Tourismus wurde hier nicht mehr nur als Freizeitindustrie diskutiert, sondern als sicherheitspolitischer und gesellschaftlicher Stabilitätsfaktor. Saathoff verwies darauf, dass weltweit zehn Prozent aller Beschäftigten im Tourismus arbeiten, in vielen Partnerländern sogar mehr als 20 Prozent. Genau deshalb sei Tourismus ein idealer Einstieg für wirtschaftliche Entwicklung und soziale Stabilisierung.
Der eigentliche emotionale Mittelpunkt des Panels
Den emotionalen Höhepunkt lieferte allerdings Reiner Meutsch. Der Gründer der Stiftung FLY & HELP erzählte die Geschichte seines persönlichen Wendepunkts – und verwandelte die Diskussion zeitweise fast in ein sehr persönliches Plädoyer für Menschlichkeit und Verantwortung.
Meutsch schilderte, wie der frühe Tod seines Vaters ihn dazu brachte, sein Unternehmen Berg & Meer zu verkaufen, Pilot zu werden und mit einem kleinen Flugzeug die Welt zu umrunden. Aus fünf ursprünglich geplanten Schulen wurden inzwischen über 1.000 Schulprojekte weltweit.
Besonders bemerkenswert war dabei seine offene Kritik an der Bürokratie staatlicher Förderprogramme. Für einen Zuschussantrag habe er „zwei Leitz-Ordner mit 746 Seiten“ erhalten. „Ich habe die Ordner zurückgeschickt, aber das Porto mussten sie bezahlen“, sagte Meutsch unter großem Gelächter im Saal.
Der Satz traf einen Nerv. Denn genau hier zeigte sich eine Grundspannung des gesamten Panels: Alle Beteiligten sprachen über Partnerschaften und Verantwortung – gleichzeitig wurde deutlich, wie groß die Frustration vieler Unternehmen über politische Prozesse und Bürokratie inzwischen ist.
Wirtschaftliche Zusammenarbeit statt klassischer Entwicklungshilfe
Julia Bellinghausen zeigte anhand des Import Promotion Desk, wie konkret diese Zusammenarbeit inzwischen funktioniert. Ziel sei es, touristische Anbieter aus Ländern des globalen Südens fit für den europäischen Markt zu machen und gleichzeitig nachhaltige touristische Produkte zu entwickeln. Besonders Destinationen wie Usbekistan oder Tunesien stünden dabei exemplarisch für neue touristische Konzepte abseits klassischer Massenmärkte.
Bellinghausen sprach über Marktstudien, Nachhaltigkeits-Scorecards, Trainings und gezielte Vernetzung mit europäischen Reiseveranstaltern. Gleichzeitig wurde deutlich: Entwicklungszusammenarbeit im Tourismus funktioniert längst nicht mehr nur über klassische Förderlogik, sondern zunehmend über konkrete wirtschaftliche Partnerschaften.
Warum diese Diskussion für die Branche wichtig war
Interessant war vor allem, wie stark sich hier wirtschaftliche Interessen, gesellschaftliche Verantwortung und geopolitische Argumentation vermischten. Das wäre vor einigen Jahren in dieser Form noch ungewöhnlich gewesen. Heute versucht die Branche zunehmend, ihre gesellschaftliche Legitimation neu zu definieren. Nicht nur über Urlaub und Erholung, sondern über Bildung, Stabilisierung, Beschäftigung und internationale Zusammenarbeit.
Genau deshalb war auch der Schlusssatz von Peter Gerber mehr als nur ein netter Abschluss. Engagement dürfe nicht bei der ersten Krise gestrichen werden. „Das ist das, was wir als Letztes wegnehmen“, sagte der Condor-Chef über soziale Projekte und Partnerschaften.
Das Panel zeigte damit sehr deutlich, wohin sich die strategische Erzählung der Branche entwickelt: Tourismus will nicht länger nur als Konsumindustrie wahrgenommen werden. Sondern als globaler Wirtschafts- und Stabilitätsfaktor mit gesellschaftlicher Verantwortung.
Und genau diese Debatte dürfte in Zeiten geopolitischer Krisen, wachsender Unsicherheit und zunehmender Polarisierung künftig noch deutlich wichtiger werden.

