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Schlagabtausch beim Tourismusgipfel
19.05.26, 11:30 Uhr

Hartmann vs. Ploß – „Strategien reichen nicht mehr“

Beim BTW-Gipfel prallen politische Prozesslogik und touristische Echtzeitrealität aufeinander. Der Tourismuskoordinator der Regierung, Christoph Ploß, wirbt für die Fortschritte aus Berlin, BTW-Präsident Hartmann kontert mit Verweisen auf Reformstau und hausgemachte Wettbewerbsnachteile.

Während Tourismuskoordinator Ploß (Mitte) auf laufende Prozesse verweist, fordert BTW-Präsident Hartmann endlich spürbare Reformen. Foto: TRVL COUNTER
Beim 27. Tourismusgipfel des Bundesverbands der Deutschen Tourismuswirtschaft (BTW) am 19. Mai in Berlin trafen Sören Hartmann und Christoph Ploß zu einem bemerkenswert offenen Schlagabtausch über Wettbewerbsfähigkeit, Bürokratie, Infrastruktur und politische Umsetzungskraft aufeinander. Moderiert von Katie Gallus wurde dabei sichtbar, wie groß die Ungeduld der Branche inzwischen geworden ist – und wie schwer sich Politik trotz erkennbaren Problembewusstseins weiterhin mit konkreter Umsetzung tut.
 

Es waren nicht nur die Worte, die dieses Gespräch bemerkenswert machten. Es war auch die Körpersprache. Während Christoph Ploß ruhig, sachlich und beinahe routiniert die Fortschritte der Bundesregierung aufzählte, hielt BTW-Präsident Sören Hartmann sichtbar Distanz. Fast demonstrativ stand er leicht versetzt auf der Bühne, ließ keinen Zweifel an seiner persönlichen Wertschätzung für den Austausch mit Ploß – und gleichzeitig keinen Zweifel daran, dass der Branche die politische Umsetzung längst nicht mehr schnell genug geht.

Dieses Gespräch war deshalb weit mehr als ein höflicher Gipfel-Dialog zwischen Politik und Wirtschaft. Es wirkte phasenweise wie ein Stellvertreterduell zwischen einer Branche im permanenten Krisenmodus und einer Politik, die zwar Verständnis signalisiert, aber in ihren eigenen Abstimmungsprozessen gefangen bleibt.

„Jetzt kommt das Aber“

Schon früh machte Hartmann klar, wohin die Diskussion gehen würde. Zunächst lobte er Ploß ausdrücklich für dessen schnelles Verständnis touristischer Themen. Die direkte Zusammenarbeit mit Christoph Ploß sei „klasse“, sagte Hartmann, der Tourismuskoordinator habe „ein extrem hohes und schnelles Verständnis für unsere Probleme gehabt“.

Doch dann folgte jener Satz, der den gesamten Ton des Gesprächs definierte: „Jetzt kommt das Aber.“

Hartmann nutzte die Bühne anschließend für eine ungewöhnlich offene Generalanalyse der politischen Realität. Tourismus sei eben kein isoliertes Wirtschaftsthema, sondern ein Querschnittsbereich. Wenn über Arbeitszeiten gesprochen werde, brauche man das Arbeitsministerium, bei Infrastruktur das Verkehrsministerium, bei Visa-Fragen das Auswärtige Amt – und am Ende müsse auch noch das Finanzministerium überzeugt werden.

Genau dort beginne das eigentliche Problem. „Da ist die Message noch nicht hundertprozentig angekommen“, sagte Hartmann mit Blick auf andere Ressorts der Bundesregierung. Zwischen Strategiepapieren und tatsächlicher Umsetzung klaffe weiterhin eine große Lücke. „Das eine ist das Niederschreiben bei einer Tourismusstrategie, das andere ist das Umsetzen“, sagte er. „Da sind wirkliche Knackpunkte drin.“

Die Grenzen politischer Prozesse

Genau an diesem Punkt wurde sichtbar, wie unterschiedlich beide Männer argumentierten. Christoph Ploß widersprach Hartmann nicht grundsätzlich – versuchte aber immer wieder zu erklären, warum politische Prozesse zwangsläufig kompliziert seien. Man merkte deutlich: Der Tourismuskoordinator kennt die Vorwürfe der Branche inzwischen sehr genau.

Die tourismuspolitischen Themen beträfen „in der Tat ganz viele Ministerien“, sagte Ploß. Tourismuspolitik reiche von Arbeits- und Sozialrecht über Infrastruktur bis hin zu außenpolitischen Fragen. Gerade deshalb sei es so wichtig gewesen, die Nationale Tourismusstrategie nicht nur im Wirtschaftsministerium, sondern als Kabinettsbeschluss zu verankern. „Es hätte uns nichts gebracht, wenn wir nur im Bundeswirtschaftsministerium ein Papier beschlossen hätten“, sagte Ploß. Erst dadurch entstehe Verbindlichkeit für andere Ressorts.

Dabei argumentierte Ploß fast mantraartig mit den vielen kleinen Fortschritten der vergangenen Monate: Nationale Tourismusstrategie, Arbeitszeitflexibilisierung, Investitionen in Infrastruktur, Senkung des Beitrags zum Deutschen Reisesicherungsfonds oder die reduzierte Mehrwertsteuer für die Gastronomie. Immer wieder versuchte er deutlich zu machen, dass die Bundesregierung durchaus liefere – wenn auch schrittweise.
Gleichzeitig räumte er indirekt ein, wie kompliziert und langwierig die politischen Prozesse tatsächlich sind.

Die eigentliche Sorge: Kaufkraft und Verunsicherung

Besonders interessant wurde das Gespräch beim Thema Konsumstimmung und Reiselust. Hartmann präsentierte aktuelle Zahlen, die deutlich differenzierter wirkten als die oft beschworene „ungebrochene Reiselust“.

Zwar wollten weiterhin 67 Prozent der Menschen verreisen. Gleichzeitig aber sagten 40 Prozent, sie wollten künftig weniger Geld ausgeben. Noch alarmierender: 26 Prozent könnten sich Reisen inzwischen grundsätzlich nicht mehr leisten – zuvor seien es nur 20 Prozent gewesen.

Genau an diesem Punkt wurde sichtbar, warum die Branche derzeit so massiv Druck macht. Die Nachfrage ist prinzipiell vorhanden. Gleichzeitig steigen Unsicherheit, Kosten und Preissensibilität deutlich an.

Hartmann beschrieb sehr plastisch, wie sich das Buchungsverhalten verändert: kurzfristigere Entscheidungen, stärkerer Wunsch nach Sicherheit, eine Renaissance der Pauschalreise und eine stärkere Verlagerung Richtung Europa und Deutschland. „Die Menschen buchen kurzfristiger“, sagte Hartmann. „Sie buchen letztendlich sicherer.“ Gerade organisierte Reisen oder Kreuzfahrten profitierten aktuell davon.

Trotzdem war immer wieder spürbar, dass Hartmann die wirtschaftliche Lage deutlich ernster einschätzt, als es manche politischen Sonntagsreden vermuten lassen.

„Wir müssen über die Geschäftsmodelle sprechen“

Immer wieder kam Hartmann auf Wettbewerbsfähigkeit, Kosten und strukturelle Belastungen zurück. Die Verbände müssten jetzt zusammenhalten und gemeinsam mit der Politik Maßnahmen ergreifen. Dabei sprach er sehr konkret über Arbeitszeitregelungen, Steuern, Bürokratie und Infrastruktur.

Die vielleicht schärfste Passage des Gesprächs kam allerdings gegen Ende. Hartmann machte deutlich, dass die Branche nicht mehr nur über einzelne Maßnahmen diskutieren dürfe – sondern über strukturelle Veränderungen.

„Wir müssen über die Geschäftsmodelle sprechen“, sagte er. Man dürfe nicht einfach an Strukturen festhalten, „die vor 30 oder 40 Jahren erfunden worden sind“. Damit spielte er indirekt auf aktuelle Diskussionen über Regulierung, Vertriebsmodelle und Flexibilisierung an.

Seine Botschaft war klar: Die Krisen verändern die Branche schneller, als viele Marktteilnehmer und politische Akteure bereit sind zu akzeptieren.

Bürokratie als Dauerfrust der Branche

Besonders auffällig war dabei, wie unterschiedlich beide Männer ihre Rollen interpretierten. Während Hartmann permanent auf Geschwindigkeit, Flexibilität und Anpassungsdruck pochte, argumentierte Ploß stärker aus der Perspektive institutioneller Prozesse und politischer Machbarkeit.

Gleichzeitig zeigte Ploß mehrfach, dass er die Probleme der Branche durchaus verstanden hat. Er sprach über Energiekosten, Infrastrukturmängel und Bürokratie fast so, als säße er selbst im Vorstand eines touristischen Unternehmens.

Gerade Bürokratie sei für viele mittelständische Unternehmen inzwischen ein enormes Problem. Viele hätten „ein, zwei, drei, vier Stunden am Tag damit zu tun, noch mehr Zettel auszufüllen“, sagte Ploß. Die Unternehmer sollten sich „auf ihr Unternehmertum konzentrieren können“.

Dass ein Regierungsvertreter inzwischen so argumentiert, zeigt auch, wie sehr sich die politische Wahrnehmung der Branche verändert hat.

Verständnis reicht der Branche nicht mehr

Und doch blieb nach diesem Gespräch ein Eindruck hängen: Die politische Logik arbeitet in Legislaturperioden, Ressortabstimmungen und Kabinettsverfahren. Die touristische Realität dagegen arbeitet längst in Echtzeit.

Genau deshalb wirkte Sören Hartmann an diesem Vormittag weniger wie ein klassischer Verbandspräsident – sondern eher wie ein Krisenmanager, der der Politik freundlich, aber sehr deutlich sagen wollte: Verständnis allein reicht der Branche inzwischen nicht mehr.