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Tourismusgipfel in Berlin
19.05.26, 09:25 Uhr

BTW fordert politischen Neustart für den Tourismus

Polykrise, Energieabhängigkeit, schrumpfende Kaufkraft: Sören Hartmann nutzte den Tourismusgipfel in Berlin für einen strategischen Weckruf. Seine Botschaft an die Branche und die Bundesregierung fiel direkt aus. „Mut allein reicht nicht“ – so der Appell des BTW-Präsidenten.

Der BTW-Präsident nutzt den Tourismusgipfel in Berlin für eine ungewöhnlich offene Standortbestimmung der Branche. Zwischen Nahost-Krise, Energiekosten, Transformationsdruck und wachsender Verunsicherung der Verbraucher zeichnet Hartmann das Bild einer Industrie, die an einen kritischen Punkt gekommen ist – und der Politik mangelnde Geschwindigkeit vorwirft.
 

Der Rahmen hätte kaum symbolischer sein können. Neues Venue, neues Format, neue Gesprächskultur – und gleichzeitig eine Branche, die sich mitten in einer neuen Phase permanenter Unsicherheit befindet. Beim 27. Tourismusgipfel des Bundesverbands der Deutschen Tourismuswirtschaft (BTW) im Berliner Axica Kongress- und Tagungszentrum machte BTW-Präsident Sören Hartmann schnell klar, dass es diesmal nicht um klassische Branchenfolklore oder routinierte Aufbruchsrhetorik gehen sollte. Seine Keynote war vielmehr eine Mischung aus Krisendiagnose, politischer Mahnung und strategischem Weckruf an eine Branche, die sich nach Jahren des Wachstums plötzlich mit Kipppunkten auseinandersetzen muss.

Schon die Wortwahl verriet, wie ernst Hartmann die Lage einschätzt. Der Tourismus treffe aktuell auf eine „vernetzten Poly-Krise“. Krisen liefen nicht mehr nacheinander ab, sondern verstärkten sich gegenseitig. Nahostkrieg, Ukrainekrieg, geopolitische Spannungen mit den USA, fragile Lieferketten, steigende Energiepreise und wachsende Verunsicherung bei Verbrauchern erzeugten einen gefährlichen Cocktail für eine Branche, die wie kaum eine andere von Stabilität, Mobilität und Konsumvertrauen abhängt.

Der eigentliche Warnsatz des Gipfels

Der vielleicht wichtigste Satz der Rede fiel beinahe beiläufig. Hartmann verwies auf eine aktuelle Studie, wonach inzwischen 26 Prozent der Menschen sich Reisen nicht mehr leisten könnten, zuvor seien es 20 Prozent gewesen. „Ist das ein Kipppunkt?“, fragte er offen. Erstmals formuliert ein führender Branchenvertreter so deutlich die Sorge, dass die jahrelange Wachstumslogik des Reisemarktes an Grenzen stoßen könnte.

Diese Passage war bemerkenswert, weil sie weit über die üblichen Krisenreflexe hinausging. Die Reisewirtschaft argumentierte in den vergangenen Jahren fast mantraartig mit der ungebrochenen Reiselust der Deutschen. Hartmann stellte diese Grundannahme nun zumindest vorsichtig infrage. Allerdings: nicht weil die Menschen weniger reisen wollten – im Gegenteil. Sondern weil steigende Preise, geopolitische Unsicherheit und schrumpfende verfügbare Einkommen beginnen, die Bezahlbarkeit des Reisens anzugreifen.

Damit berührt der BTW-Präsident einen Punkt, der derzeit viele Unternehmen in der Reisewirtschaft umtreibt. Die Nachfrage ist grundsätzlich vorhanden, gleichzeitig steigen Beratungsaufwand, operative Risiken und Kosten massiv. Genau diese Schere beschrieb Hartmann sehr treffend: „Das ist das Gefährliche in der gesamten Situation.“

Kritik an der Bundesregierung – es fehlt die Performance

Auffällig war zudem die politische Tonlage. Hartmann formulierte seine Kritik an der Bundesregierung ungewöhnlich offen. „Diese neue Regierung muss jetzt performen“, sagte er. „Ein Jahr ist vorbei. Viel gesehen haben wir noch nicht.“ Zwar gebe es einzelne positive Ansätze, insgesamt fehle aber Geschwindigkeit und Konsequenz.

 


Beim BTW-Tourismusgipfel in Berlin machte Verbandspräsident Sören Hartmann Druck: Die neue Bundesregierung müsse endlich liefern. Foto: BTW/Svea Pietschmann

Das ist deshalb relevant, weil der BTW traditionell eher moderat formuliert. Die Geduld der Branche scheint jedoch spürbar abzunehmen. Hartmann machte klar, dass Tourismuspolitik eben keine isolierte Nische sei, sondern tief mit Energiepolitik, Mobilität, Arbeitsmarkt, Digitalisierung und internationalen Beziehungen verbunden ist. Der Tourismus werde politisch noch immer unterschätzt, obwohl er mit 2,7 Millionen Beschäftigten und rund vier Prozent Anteil am Bruttoinlandsprodukt längst zu den großen Wirtschaftszweigen Deutschlands gehöre.

Genau darin steckt eine der zentralen Botschaften der Rede: Die Branche fordert endlich eine industriepolitische Behandlung auf Augenhöhe. Der Tourismus wolle nicht länger nur als Freizeit- oder Konsumthema wahrgenommen werden, sondern als systemrelevanter Wirtschaftsfaktor.

Energie wird zur strategischen Überlebensfrage

Besonders interessant war Hartmanns Fokus auf Energie und Mobilität. Die aktuellen geopolitischen Entwicklungen würden schmerzhaft zeigen, wie abhängig der Tourismus weiterhin von fossilen Energieträgern sei. Damit sprach er indirekt genau jene Nervosität an, die derzeit Airlines, Kreuzfahrtunternehmen, Busreiseanbieter und Veranstalter gleichermaßen beschäftigt.

Hartmann blieb dabei bewusst pragmatisch. Er sprach nicht über moralische Symbolpolitik, sondern über Wettbewerbsfähigkeit und Versorgungssicherheit. Nachhaltige Flugkraftstoffe, alternative Mobilitätskonzepte, Ladeinfrastruktur und neue Antriebssysteme seien keine Zukunftsdebatten mehr, sondern inzwischen unmittelbare wirtschaftliche Notwendigkeiten. Gleichzeitig machte er deutlich, dass die Unternehmen diese Transformation allein nicht stemmen könnten. Gefordert seien „verlässliche Förderinstrumente“ sowie eine „echte Partnerschaft zwischen Wissenschaft, Wirtschaft und Politik“.

Gerade dieser Punkt dürfte in den kommenden Monaten noch deutlich an Bedeutung gewinnen. Denn die Branche steht zunehmend zwischen zwei Fronten: steigender Nachhaltigkeitsdruck einerseits und eine immer stärkere Preissensibilität der Kunden andererseits.

„Mut“ als Leitmotiv – aber auch als Warnung

Das offizielle Motto des Gipfels lautete „Nur Mut!“. Hartmann versuchte diesen Begriff bewusst größer zu denken als reine Durchhalteparolen. Mut bedeute eben nicht nur Investitionen trotz unsicherer Lage. Mut bedeute auch, unangenehme Debatten zu führen – über Preise, Wachstum, ökologische Grenzen und „teils bröckelnde Geschäftsmodelle“.

Dieser Satz dürfte vielen im Saal nicht entgangen sein. Denn er verweist indirekt auf die tektonischen Veränderungen innerhalb der Branche: wachsender Margendruck, Diskussionen um Rabattmodelle, neue KI-gestützte Vertriebsprozesse, verändertes Kundenverhalten und eine zunehmende Konsolidierung im Markt. Hartmann deutete an, dass die Branche vor strukturellen Veränderungen steht, die weit über die aktuelle Nahost-Krise hinausreichen.

Reisen bleibt gesellschaftlicher Stabilitätsfaktor

Trotz aller Warnungen endete die Rede nicht pessimistisch. Hartmann rückte den gesellschaftlichen Wert des Reisens bewusst in den Mittelpunkt. Reisen sei „mehr als Wirtschaft“, sagte er. Es gehe um Teilhabe, kulturellen Austausch, Erholung und gesellschaftliche Offenheit. Die Demokratisierung des Reisens bezeichnete er als europäische Erfolgsgeschichte.

Gerade dieser Schlussteil war strategisch wichtig. Denn er zeigt, worum es der Branche aktuell auch kommunikativ geht: Sie möchte verhindern, dass Reisen zunehmend wieder als Luxus oder Privileg wahrgenommen wird. Genau deshalb dürfte die Debatte über Bezahlbarkeit, Energiepreise und wirtschaftliche Stabilität in den kommenden Monaten weiter an Schärfe gewinnen.

Am Ende blieb von dieser Keynote vor allem ein Eindruck: Der deutsche Tourismus befindet sich nicht mehr nur in einer Phase kurzfristiger Krisenbewältigung. Die Branche diskutiert inzwischen offen über strukturelle Belastungsgrenzen ihres bisherigen Wachstumsmodells. Und genau deshalb wirkte Hartmanns Rede weniger wie ein klassischer Verbandsauftritt – sondern eher wie der Versuch, die Branche mental auf schwierigere Jahre vorzubereiten.

Jean-Marc Göttert