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BTW-Tourismusgipfel 2026
19.05.26, 13:49 Uhr

BTW-Gipfel zeigt Deutschlands Wirtschaftskrise ungefiltert

Beim BTW-Tourismusgipfel trafen Unternehmer und Politiker bei einer Paneldiskussion aufeinander – und der Kontrast war scharf. Gastronomen, Hoteliers und Reiseveranstalter schilderten konkrete Probleme. Die Politik zeigte Verständnis, blieb aber in Ankündigungen stecken.

Branchenvertreter schildern auf der Bühne, wo der Schuh drückt. Politiker blieben in abstrakter Reformsprache hängen. Foto: BTW/Svea Pietschmann
Beim 27. Tourismusgipfel des Bundesverbands der Deutschen Tourismuswirtschaft (BTW) am 19. Mai in Berlin diskutierten
  • Jörn-Peter Brinkmann, geschäftsführender Gesellschafter der Ständigen Vertretung und Präsident des DEHOGA Berlin,
  • Henning Höne, stellvertretender Bundesvorsitzender der FDP und Mitglied des nordrhein-westfälischen Landtags,
  • Esra Limbacher, Bundestagsabgeordneter der SPD und Sprecher des Seeheimer Kreises,
  • Mark Tantz, COO von DERTOUR Central Europe, sowie
  • Susanne Gräfin von Moltke, Vorstandsmitglied von Relais & Châteaux und geschäftsführende Gesellschafterin von Gut Steinbach,
über Unternehmertum, Wettbewerbsfähigkeit und Bürokratie in Deutschland. Dabei prallten zwei Welten aufeinander: Unternehmer warnten eindringlich vor schleichender Überforderung des Standorts Deutschland, während die Politik erneut Reformwillen und Aufbruch beschwor – allerdings oft in einer Sprache, die vielen im Saal inzwischen zu abstrakt und zu folgenlos erscheint.
 

Schon nach wenigen Minuten wirkte dieses Panel wie ein Zusammenprall zweier Wirklichkeiten. Auf der einen Seite Unternehmer, die sehr konkret über Bürokratie, steigende Kosten, fehlende Nachfolger und sinkende Wettbewerbsfähigkeit sprachen – direkt, teilweise frustriert und mit spürbarer Ungeduld. Auf der anderen Seite Politiker, die Reformwillen, Aufbruch und Veränderung beschworen, dabei aber oft in jener politischen Sprache aus Ankündigungen, Prozessen und Zukunftsversprechen hängen blieben, die viele im Saal inzwischen nur noch schwer ernst nehmen können.
 
Es war ein Kampf der Kulturen: hier die operative Realität von Unternehmern, die täglich Entscheidungen treffen, Risiken tragen und mit Krisen umgehen müssen – dort eine Politik, die die Probleme zwar sichtbar verstanden hat, deren Antworten aber oft wie Floskeln gegen konkrete Forderungen wirkten.

Auffällig war dabei vor allem eines: Die Unternehmer wirkten geerdet, konkret und teilweise regelrecht alarmiert. Die politischen Vertreter dagegen argumentierten deutlich abstrakter, sprachen von Prozessen, Reformwillen und Mentalitätswandel – und blieben damit oft in genau jener politischen Sprache hängen, die viele Unternehmen inzwischen als hohl und wenig greifbar empfinden.

„14 Stunden Bürokratie pro Woche“

Besonders deutlich wurde das gleich zu Beginn bei Jörn-Peter Brinkmann. Der Gastronom sprach nicht theoretisch über den Wirtschaftsstandort Deutschland, sondern über das konkrete Verhalten seiner Gäste – und über einen Markt, der sich spürbar verändert.

„Die Stimmung ist nicht so gut“, sagte Brinkmann. Früher habe der Gast Vorspeise, Hauptgang und Dessert bestellt. Heute bleibe es oft bei der Hauptspeise – „dafür vielleicht ein drittes Tonic mehr“. Selbst solche kleinen Veränderungen seien inzwischen spürbar Ausdruck eines vorsichtigeren Konsumverhaltens.

Vor allem aber brachte Brinkmann einen Satz auf die Bühne, der sich wie ein roter Faden durch die gesamte Diskussion zog: „14 Stunden verbringen wir im Gastgewerbe wöchentlich mit Bürokratie.“ Sein Nachsatz sorgte im Saal für hörbare Reaktionen: „Das tun manche Behörden nicht in der Woche Arbeit. Das machen wir nur für Bürokratieaufwand.“

Genau an diesem Punkt wurde sichtbar, wie tief der Frust vieler Unternehmer inzwischen sitzt. Es ging längst nicht mehr nur um einzelne Vorschriften. Es ging um das Gefühl, dass sich Unternehmertum in Deutschland zunehmend gegen den Staat organisieren müsse – statt mit ihm.

Die Politik erkennt das Problem – aber sie bleibt im Ankündigungsmodus

Esra Limbacher widersprach den Unternehmern inhaltlich kaum. Im Gegenteil. Der SPD-Politiker räumte offen ein, dass Deutschland vor allem den Staat selbst reformieren müsse. „Nicht die Unternehmen müssen noch wettbewerbsfähiger werden, sondern der Staat muss vor allen Dingen wettbewerbsfähig werden“, sagte Limbacher.

Es war einer der stärksten politischen Sätze des Panels – gerade weil er ungewöhnlich offen formuliert war. Limbacher sprach über Handwerksbetriebe, die mehr Zeit im Hinterzimmer mit Formularen verbringen als in der eigentlichen Produktion. Die 14 Stunden Bürokratieaufwand überraschten ihn deshalb „überhaupt nicht“.

Und doch zeigte sich genau hier die strukturelle Schwäche der politischen Argumentation. Denn obwohl die Analyse oft erstaunlich nah an der Realität der Unternehmer lag, blieb es häufig bei Appellen und Zukunftsversprechen. Limbacher sprach von einem „Riesenreformprogramm“, das noch in dieser Jahreshälfte kommen solle. Er sprach davon, den Staat vom Misstrauen gegenüber Bürgern und Unternehmen wegzuführen und stärker auf Vertrauen zu setzen.

„Momentan ist der Staat so aufgestellt, dass er in allererster Linie erstmal das Misstrauen in den Vordergrund stellt“, sagte er. Künftig müsse gelten: Vertrauen zuerst, Kontrolle erst dann, wenn Regeln verletzt würden.

Das klang auf der Bühne durchaus plausibel. Gleichzeitig blieb im Saal spürbar die Frage hängen, die Moderatorin Katie Gallus sehr direkt formulierte: „Was passiert?“ Denn genau darin liegt inzwischen das Glaubwürdigkeitsproblem vieler politischer Debatten. Erkenntnis ist reichlich vorhanden. Umsetzung dagegen bleibt zäh.

„Wir sind eine dauerhafte Krisenbranche“

Während die Politik über Reformprozesse sprach, beschrieb Mark Tantz die Realität der Tourismusbranche beinahe wie eine Chronik permanenter Ausnahmezustände.

Der COO von DERTOUR Central Europ erinnerte an den 11. September, Tsunami, Vulkanasche, Airline-Pleiten, Thomas-Cook-Insolvenz, Pandemie, Nahost-Krise, Waldbrände und Überschwemmungen. „Wir sind es ja mittlerweile gewohnt, dass die Welt verrückt spielt“, sagte er.

Der Satz wirkte fast resigniert – und gleichzeitig hoch professionell. Denn Tantz machte deutlich, dass sich die Branche längst daran gewöhnt habe, permanent unter Unsicherheit zu operieren. Gerade deshalb funktionierten die Strukturen der Pauschalreise weiterhin erstaunlich stabil. Während der jüngsten Nahostkrise habe DERTOUR allein 11.000 Gäste zurückgeholt und dafür rund 50 Vollcharter organisiert.

Interessant war dabei vor allem die Tonlage. Anders als die Politik sprach Tantz nicht über Visionen oder Strategiepapiere. Er sprach über operative Realität, Krisenmanagement und konkrete Abläufe. Genau dadurch wirkten die Unternehmer auf diesem Panel oft glaubwürdiger und näher an der tatsächlichen Lage.

„Mut zum Risiko“ statt Vollkasko-Staat

Besonders ideologisch wurde die Diskussion bei Henning Höne. Der FDP-Politiker kritisierte eine gesellschaftliche „Vollkasko-Mentalität“, die sich zunehmend auch politisch manifestiere. „Das meiste im Leben, was ein bisschen Spaß macht, hat ein bisschen Risiko und ist ein bisschen unvernünftig“, sagte Höne. Genau dieser Mut zum Risiko gehe Deutschland zunehmend verloren.

Bemerkenswert war dabei, dass Höne weniger über einzelne Gesetze sprach als über gesellschaftliche Mentalität. Er kritisierte etwa Aussagen aus dem Bildungssystem, wonach Unternehmertum oder Selbstständigkeit für viele junge Menschen kaum noch als attraktive Perspektive vermittelt würden. Damit griff Höne indirekt ein Problem auf, das auch andere Unternehmer auf der Bühne beschäftigte: die fehlende Nachfolge im Mittelstand.

Das stille Sterben der Betriebe

Besonders eindringlich formulierte das Susanne Gräfin von Moltke. Die Hotelunternehmerin sprach über ein Problem, das in der Tourismusbranche immer sichtbarer wird: Tausende Betriebe finden keine Nachfolger mehr. Bis 2030 seien rund 8.000 Betriebe betroffen. Viele Häuser seien weder ausreichend digitalisiert noch wirtschaftlich stark genug modernisiert. Gleichzeitig sterbe Gastronomie zunehmend weg, weil steigende Kosten nicht mehr an Gäste weitergegeben werden könnten. „Das ist noch lange nicht das Ende der Fahnenstange“, warnte sie.

Interessant war dabei, dass von Moltke trotz aller Probleme nicht resignativ klang. Sie sprach mit großer Leidenschaft über Gastgebertum, über die Komplexität moderner Hotellerie und über die Faszination einer Branche, in der man „jeden Tag die ganze Welt kennenlernen kann“.

Genau dieser Kontrast prägte letztlich das gesamte Panel: Die Unternehmer wirkten gleichzeitig erschöpft und kämpferisch. Sie beschrieben massive strukturelle Probleme – aber eben aus der Perspektive von Menschen, die weiterhin Verantwortung übernehmen wollen.

Die eigentliche Botschaft

Am Ende blieb weniger ein konkretes politisches Ergebnis als vielmehr ein Stimmungsbild des Wirtschaftsstandorts Deutschland. Die Unternehmer auf der Bühne wirkten kaum ideologisch. Sie wirkten pragmatisch, krisenerfahren und erstaunlich lösungsorientiert. Gleichzeitig wurde deutlich, wie stark das Vertrauen vieler Mittelständler in politische Umsetzungsfähigkeit inzwischen erodiert ist.

Die Politik wiederum zeigte durchaus Problembewusstsein. Doch ihre Sprache blieb häufig technokratisch und prozesshaft. Reformprogramme, Mentalitätswechsel, neue Prozesse – all das hörte man an diesem Mittag immer wieder. Was man dagegen kaum hörte, waren klare Zeitachsen, konkrete Vereinfachungen oder spürbar neue politische Mechanik.

Und genau deshalb wirkte dieses Panel am Ende wie ein sehr präzises Abbild der aktuellen deutschen Wirtschaftslage: Unternehmer drängen auf Tempo, Vereinfachung und Freiheit. Die Politik verspricht Bewegung – bleibt aber oft noch im Modus der Ankündigung.