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Interview mit Salim Sahi (Holologix)
01.04.26, 12:16 Uhr

KI wird Reisebüros nicht ersetzen – nur die, die sie nicht nutzen

Künstliche Intelligenz verändert die Spielregeln im Reisevertrieb. Für Tech-Pionier Salim Sahi geht es nicht um Ersatz, sondern um Erweiterung der Beratung. Reisebüros können Prozesse optimieren und ihre Erreichbarkeit verbessern – ein entscheidender Wettbewerbsfaktor.

Künstliche Intelligenz entwickelt sich im Reisevertrieb vom Trend zum strategischen Faktor. Foto: iStock/adventtr
Mit dem Berliner Startup HoloLogix.AI kehrt einer der prägenden Köpfe der deutschen Travel-Technology-Szene zurück: Salim Sahi. Der frühere Traffics-Manager setzt jetzt voll auf Künstliche Intelligenz.

Mit dem Voice-KI-Agenten MIA entwickelte sein Unternehmen eine Lösung, die Erreichbarkeit, Servicequalität und Effizienz im Vertrieb verbessern soll – von der Zusammenarbeit in Reisebürokooperationen bis zur Kommunikation mit internationalen Partnern. Warum KI für ihn zur strategischen Zukunftsfrage für den stationären Vertrieb wird, erklärt er im Gespräch mit TRVL COUNTER.
 


Herr Sahi, viele in der Branche kennen Sie noch aus Ihrer Zeit bei Traffics. Warum jetzt der Schritt zurück in die Reiseindustrie?
Die Reisebranche hat mich eigentlich nie losgelassen. Ich habe mich in den vergangenen Jahren intensiv mit Künstlicher Intelligenz beschäftigt und irgendwann wurde mir klar, dass gerade der Reisevertrieb enormes Potenzial für den sinnvollen Einsatz dieser Technologie bietet. Wir sprechen über eine Branche mit sehr vielen Kommunikationsprozessen, vielen wiederkehrenden Abläufen und gleichzeitig einem sehr hohen Anspruch an persönliche Beratung. Genau in dieser Kombination kann KI sehr viel bewirken. Für mich war deshalb klar, dass ich diese Entwicklung in einer Branche vorantreiben möchte, die ich sehr gut kenne und in der der Nutzen unmittelbar sichtbar wird.


Salim Sahi treibt mit seinem Startup den Einsatz von Künstlicher Intelligenz im Reisevertrieb voran


Mit Ihrem Unternehmen entwickelten Sie den Voice-KI-Agenten MIA. Was ist das?
MIA ist im Kern eine intelligente Kommunikationslösung, die man sich wie eine zusätzliche Mitarbeiterin vorstellen kann, die immer eine Lösung parat hat, keine Öffnungszeiten kennt und permanent erreichbar ist. Diese KI kann eingehende Anfragen aufnehmen, strukturieren, erste Antworten geben und Anliegen vorbereiten. Gerade in Stoßzeiten oder bei Krisensituationen, wenn sehr viele Kunden gleichzeitig Informationen benötigen, entsteht hier ein enormer Entlastungseffekt. Reisebüros können personell nicht beliebig skalieren, KI hingegen schon. Dadurch verändert sich die Servicefähigkeit erheblich.

Sie haben bereits konkret mit der Kooperation RTK zusammengearbeitet. Wie kam das?
Die Zusammenarbeit mit RTK ist aus einer konkreten Situation heraus entstanden. Während der jüngsten Nahostkrise erreichten viele rtk-Reisebüros innerhalb kürzester Zeit eine außergewöhnlich hohe Zahl von Kundenanfragen zu Sicherheitslagen, Umbuchungen, Stornierungen und zur generellen Durchführung von Reisen. In vielen Büros standen die Telefone dauerhaft nicht still, gleichzeitig stieg das Aufkommen von E-Mails und digitalen Anfragen massiv an. Die große Herausforderung bestand darin, diese Informationsflut schnell zu bewältigen und gleichzeitig die Beratungsqualität stabil zu halten.

>>> RTK unterstützt Reisebüros mit KI-Hotline zu Nahost-Fragen

Das war also kein Pilotprojekt, sondern ein konkreter Bedarf aus der Praxis?
Genau. Thomas Bösl ist in dieser Situation pragmatisch auf mich zugekommen mit der klaren Anfrage, kurzfristig eine Lösung zu schaffen, um diese Kommunikationslast besser zu strukturieren und die angeschlossenen Reisebüros konkret zu entlasten. Daraufhin wurde innerhalb sehr kurzer Zeit eine KI-gestützte Anwendung umgesetzt, die eingehende Anfragen analysiert, thematisch strukturiert und für die Reisebüros so vorbereitet war, dass diese deutlich schneller reagieren konnten.

Was hat sich dadurch konkret verändert?
Der Nutzen war im Alltag sofort sichtbar. Die Reisebüros mussten Anfragen nicht mehr vollständig neu erfassen und einordnen, sondern konnten auf bereits strukturierte Inhalte aufbauen. Dadurch haben sich die Reaktionszeiten deutlich verkürzt. Gleichzeitig konnten viele Büros trotz der hohen Belastung eine konsistente und verlässliche Kommunikation ihren Kunden gegenüber sicherstellen. Gerade in Krisensituationen entscheidet diese Geschwindigkeit darüber, ob Vertrauen erhalten bleibt, oder nicht.

Wie schnell ließ sich so eine Lösung tatsächlich umsetzen?
Zwischen der konkreten Anfrage der Kooperation und dem operativen Einsatz der Lösung lag nur ein sehr kurzer Zeitraum. Dieses Beispiel zeigt sehr deutlich, dass KI heute kein abstraktes Zukunftsthema mehr ist, sondern sehr schnell zu einem praktischen Werkzeug im Tagesgeschäft werden kann, wenn ein klarer Bedarf vorhanden ist.

Was sagt dieses Beispiel aus Ihrer Sicht über den Einsatz von KI im Reisevertrieb generell aus?
Für mich ist dieses Projekt ein sehr gutes Beispiel für die Stärke des touristischen Mittelstands. Technologie wird hier nicht als Selbstzweck eingeführt, sondern als pragmatische Lösung für ein konkretes Problem. Kooperationen wie RTK übernehmen dabei eine wichtige Rolle, weil sie technologische Lösungen für viele Reisebüros gleichzeitig nutzbar machen und dadurch Skaleneffekte entstehen, die ein einzelnes Reisebüro allein kaum erreichen könnte.


Der Reisevertrieb steht vor einem tiefgreifenden Wandel. KI kann Abläufe strukturieren, Reaktionszeiten verkürzen und die Servicequalität stabilisieren.


Ist das auch ein Modell, das auch für andere Kooperationen interessant sein könnte?
Davon bin ich überzeugt. Gerade Kooperationen können KI sehr effizient in die Fläche bringen, weil sie Standards schaffen und Infrastruktur bereitstellen können. Damit wird Technologie auch für kleinere Reisebüros zugänglich, ohne dass jedes Unternehmen eigene Lösungen entwickeln muss. Genau darin liegt aus meiner Sicht einer der größten Hebel für die Zukunft des stationären Vertriebs.

Welche Rolle kann KI zum Beispiel in der Zusammenarbeit mit Incoming-Agenturen spielen?
Ein sehr typischer Anwendungsfall entsteht bei Individualreisen oder komplexeren Anfragen. Dort gibt es viele operative Abstimmungen zwischen Reisebüro und Incoming-Agentur. Kunden äußern Sonderwünsche, Programme werden angepasst oder Leistungen ergänzt. Diese Kommunikation erfolgt heute häufig über E-Mail oder Messenger-Dienste und ist oft zeitaufwendig, weil Informationen nicht immer strukturiert übermittelt werden oder Rückfragen entstehen. 

KI kann hier wie eine intelligente Koordinationsschicht wirken. Eine Anfrage lässt sich automatisch analysieren, in eine klare Leistungsbeschreibung übersetzen und in der jeweiligen Landessprache weiterleiten. Gleichzeitig kann die KI bereits prüfen, ob vergleichbare Leistungen existieren oder Alternativen infrage kommen. Dadurch reduziert sich die Zahl der Kommunikationsschleifen erheblich und Prozesse werden spürbar schneller.

Wie kann ein Reisebüro ganz praktisch mit KI anfangen?
Der Einstieg muss nicht kompliziert sein. Viele erfolgreiche Einführungen beginnen damit, dass Reisebüros ihre häufigsten Kundenanfragen analysieren. In der Regel zeigt sich schnell, dass ein großer Teil der Kommunikation aus wiederkehrenden Fragen besteht, etwa zu Einreisebestimmungen, Versicherungen oder organisatorischen Details einer Buchung. Genau hier entsteht der schnellste Nutzen.


Künstliche Intelligenz hält zunehmend Einzug in den Reisevertrieb und verändert Abläufe im Alltag – auch kundenseitig


Mit welchen Kosten müssen Reisebüros rechnen?
Viele Lösungen werden heute als monatliche Services angeboten. Dadurch entstehen keine hohen Anfangsinvestitionen. Die Kosten bewegen sich oft in einem Rahmen, der vergleichbar ist mit anderen professionellen Softwarelösungen. MIA ist günstig zu nutzen, flexibel, und ungenutzte monatliche Guthaben bleiben erhalten. Aber die Frage wird künftig nicht sein, ob KI Geld kostet, sondern welchen Beitrag sie zur Leistungsfähigkeit eines Reisebüros leistet.

Welche Bedeutung hat KI speziell für den touristischen Mittelstand?
Eine sehr große. Große Plattformen haben ihre Skalenvorteile immer aus Technologie gezogen. Mittelständische Reisebüros hatten ihre Stärke dagegen in Kundennähe und Beratungskompetenz. KI ermöglicht es nun, diese persönliche Stärke mit technologischer Effizienz zu verbinden. Auch kleinere Unternehmen können ihre Prozesse professionalisieren und ihre Erreichbarkeit verbessern. Dabei geht es nicht darum, Personal zu ersetzen. sondern vorhandene Ressourcen besser einzusetzen. Jede Stunde, die nicht für Routineaufgaben benötigt wird, kann in Beratung investiert werden. Und genau dort entsteht der Wert eines Reisebüros.

Welche Rolle spielt Datenschutz bei all dem?
Datenschutz ist kein Hindernis, sondern eine Voraussetzung. Reisebüros arbeiten mit sensiblen Kundendaten und müssen deshalb sehr genau darauf achten, welche Systeme sie einsetzen. Seriöse Anbieter bieten heute Lösungen an, die DSGVO-konform betrieben werden können. Entscheidend ist, dass Reisebüros KI genauso sorgfältig auswählen wie andere geschäftskritische Software.


Tech-Profi Salim Sahi mit RTK-Chef Thomas Bösl bei den VIR Innovationstagen 2025 in Berlin

Wie autonom sollten KI-Agenten arbeiten?
Das Entscheidende ist, dass der Mensch die Kontrolle behält. Moderne KI-Systeme lassen sich so konfigurieren, dass sie Vorschläge machen, aber keine finalen Entscheidungen treffen. Gerade bei komplexen Reisen oder Vertragsfragen sollte der Mensch immer die letzte Instanz bleiben. KI kann vorbereiten, strukturieren und Optionen aufzeigen, aber die Verantwortung bleibt beim Berater.

Ihr Fazit für den Reisevertrieb?
KI wird sich sehr schnell als normales Werkzeug im Reisebüro etablieren. Nicht als Ersatz für Menschen, sondern als Erweiterung ihrer Möglichkeiten. Gute Reisebüros werden durch KI nicht ersetzt. Sie werden besser. Wer früh beginnt, Erfahrungen zu sammeln und die Technologie sinnvoll einzusetzen, wird in einigen Jahren einen deutlichen Vorsprung haben. KI wird den Reiseberater nicht ersetzen. Aber sie wird die Reisebüros ersetzen, die sich nicht mit ihr beschäftigen.

Danke für das Gespräch!
Jean-Marc Göttert

 

Hintergrund

Die Voice-KI MIA von HoloLogix.AI fungiert als digitale Mitarbeiterin im Reisebüro: Sie nimmt Kundenanfragen rund um die Uhr entgegen, strukturiert Anliegen, beantwortet Standardfragen und entlastet Teams besonders in Stoßzeiten und Krisensituationen. Während Personal nur begrenzt skalierbar ist, ermöglicht KI eine deutlich höhere Serviceverfügbarkeit.