„Wir sehen keine grundlegenden Risiken für den Tourismus“
Ägypten wächst weiter – trotz Nahostkrise. Im Interview ordnet Ahmed Youssef, CEO der Egyptian Tourism Authority, die Lage ein, berichtet von steigenden Gästezahlen und neuen Investitionen. Gleichzeitig macht er deutlich, dass nicht die Nachfrage das Problem ist. Entscheidend sind die Kapazitäten.

Herr Youssef, viele Reisebüros fragen sich derzeit: Wie stabil ist das Ägypten-Geschäft angesichts der Lage im Nahen Osten?
Aus unserer Sicht ist die Situation stabil. Die Stornierungen liegen aktuell bei weniger als fünf Prozent. Natürlich sehen wir bei Neubuchungen eine gewisse Zurückhaltung, aber das ist eine normale Reaktion auf Nachrichtenlagen. Wir stehen in engem Austausch mit Veranstaltern und Partnern, um Transparenz zu schaffen. Im Moment sehen wir keine grundlegenden Risiken für den Tourismus.
Wie wichtig ist diese enge Abstimmung mit Veranstaltern gerade jetzt?
Sie ist entscheidend. Wir sprechen kontinuierlich mit Veranstaltern, DMCs und allen relevanten Partnern. Auch unser Minister war zuletzt vor Ort, um Gespräche mit der Branche zu führen. Gerade in solchen Situationen ist Kommunikation der wichtigste Faktor, um Vertrauen zu erhalten.

Ahmed Youssef mit TRVL COUNTER Chefredakteur Jean-Marc Göttert
Gleichzeitig meldet Ägypten stark steigende Gästezahlen. Wie erklären Sie sich dieses Wachstum?
Wir haben im vergangenen Jahr mehr als 19 Millionen Gäste erreicht – das entspricht etwa 20 Prozent Wachstum. Auch im Jahr davor lagen wir bei rund 20 Prozent Plus. Das zeigt sehr deutlich: Die Nachfrage nach Ägypten ist sehr stark. Unsere eigentliche Herausforderung ist deshalb aktuell eher, das Angebot schnell genug auszubauen.
Was bedeutet das konkret?
Wir müssen mehr Hotelkapazitäten schaffen, die Infrastruktur weiterentwickeln und gleichzeitig Airlines davon überzeugen, ihre Programme auszubauen. Parallel dazu investieren wir stark in die Qualität des touristischen Angebots – von Digitalisierung über Nachhaltigkeit bis hin zur Verbesserung der Services an Sehenswürdigkeiten und Museen.
Welche Impulse gehen aktuell vom neuen Grand Egyptian Museum aus?
Das Museum ist ein echter Gamechanger. Wir sehen, dass mehr Gäste – auch aus Deutschland – inzwischen Kairo in ihre Reise integrieren. Früher war das oft nicht der Fall. Heute kombinieren viele Urlauber Badeaufenthalte mit kulturellen Programmen. Genau diese Kombination wollen wir stärken und ausbauen.
Welche Bedeutung hat der deutsche Markt für Ihre Strategie?
Deutschland ist traditionell einer unserer wichtigsten Quellmärkte – meist auf Platz 1 oder 2. Im vergangenen Jahr hatten wir mehr als 1,7 Millionen deutsche Gäste. Allerdings sehen wir hier aktuell eine gewisse Marktsättigung. Deshalb analysieren wir gemeinsam mit unseren Partnern sehr genau, welche neuen Angebote oder Destinationen zusätzliche Nachfrage generieren können.
Der Wettbewerb im Mittelmeerraum wird intensiver. Wie differenziert sich Ägypten?
Ägypten verfügt nicht nur über ein einziges Alleinstellungsmerkmal. Unsere Vielfalt macht Ägypten zu einem der weltweit attraktivsten Reiseziele. Ein großer Vorteil liegt in der Kombination aus Kultur, Badeurlaub, Preis-Leistungs-Verhältnis und einem Klima, das ganzjährig genossen werden kann. Wir verstehen uns als Destination mit einem sehr breiten Produktmix und bezahlbarer Qualität. Diese Position wollen wir weiterhin stärken.
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Wo sehen Sie die wichtigsten Entwicklungsregionen der kommenden Jahre?
Ein sehr großes Zukunftsthema ist die Nordküste Ägyptens. Dort entstehen derzeit mit internationalen Partnern große Projekte mit Investitionen von rund 100 Milliarden US-Dollar über die nächsten zehn Jahre. Diese Region wird sich zu einem wichtigen touristischen Wachstumstreiber entwickeln, mit neuen Hotels, Infrastrukturprojekten und erweiterten Flughäfen.
Wenn Sie Ihre Rolle als CEO beschreiben müssten – was ist Ihr persönlicher Antrieb?
Ich sage immer: Ich arbeite in einer Branche, in der es darum geht, Menschen glücklich zu machen. Mein Antrieb ist es, die Schönheit, Geschichte, Kultur und Gastfreundschaft Ägyptens mit der Welt zu teilen – und dabei Erlebnisse zu schaffen, die Menschen bereichern und verbinden. Es erfüllt mich mit Stolz, wenn Reisende unser Land mit einem Lächeln und wertvollen Erinnerungen verlassen.
Zum Abschluss: Was war für Sie persönlich die größte Herausforderung seit Ihrem Amtsantritt?
Ich habe viele Ideen, wahrscheinlich mehr als wir gleichzeitig umsetzen können. Deshalb geht es für mich vor allem darum, Prioritäten zu setzen und die Entwicklung Schritt für Schritt voranzutreiben. Unser Ziel ist klar: den Wachstumskurs nachhaltig zu sichern und gleichzeitig die Kultur und Schönheit Ägyptens zu schützen.
Danke für das Gespräch!
Jean-Marc Göttert

