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DRV-Hauptstadtkongress 2026

Harald Zeiss: „Wir zeichnen Projekte aus, nicht Unternehmen“

Seit 39 Jahren zeichnet der DRV besondere Umwelt- und Nachhaltigkeitsprojekte aus. Harald Zeiss hat die Eco Trophea inzwischen zehnmal verliehen. Im Interview spricht er über den diesjährigen Sieger HX Expeditions, die Wirkung des Preises und die Grenzen nachhaltiger Werbung.

Prof. Dr. Harald Zeiss stellt auf der Bühne des DRV-Hauptstadtkongresses die Eco Trophea 2026 vor. Für den Vorsitzenden des DRV-Ausschusses Nachhaltigkeit ist der Preis vor allem eines: ein Ansporn für die gesamte Branche. Fotos: Felix Hormel für TRVL COUNTER

Am Rande des DRV-Hauptstadtkongresses 2026 sprechen wir im Exklusivinterview mit Professor Harald Zeiss, Vorsitzender des DRV-Ausschusses Nachhaltigkeit, über den Wert und die Wirkung der Eco Trophea, die Auszeichnung einer Kreuzfahrtreederei, und die Frage, wie viel vom Reisepreis tatsächlich in den Zielgebieten bleibt.
 



TRVL COUNTER: Harald, du hast die Eco Trophea gerade zum zehnten Mal verliehen. Es gibt inzwischen zahlreiche Nachhaltigkeitspreise. Warum hält der DRV an dieser Auszeichnung fest?

Harald Zeiss: Wir hängen tatsächlich sehr an der Eco Trophea, weil sie eine lange Geschichte hat. Das war jetzt die 39. Verleihung, im kommenden Jahr feiern wir das 40-jährige Bestehen. Keine andere Umwelt- beziehungsweise Nachhaltigkeitsauszeichnung im Tourismus ist so alt. Dieses Erbe nehmen wir mit. Und der Preis ist alles andere als überholt. In diesem Jahr hatten wir so viele Bewerbungen wie noch nie. Das zeigt, dass es ein großes Interesse gibt. Gleichzeitig können wir auf dem Hauptstadtkongress zeigen, was in unserer Branche beim Thema Nachhaltigkeit bereits geleistet wird. Vor allem aber wollen wir andere Unternehmen inspirieren, ähnliche Projekte umzusetzen.

Welche konkrete Wirkung hat die Eco Trophea? Ist sie mehr als eine schöne Trophäe für die Vitrine?

Das ist sie durchaus. Wir behalten unsere Preisträger im Blick, und die Erfahrungen sind unterschiedlich. Gerade für kleinere, weniger bekannte Unternehmen kann die Auszeichnung ein wichtiger Impuls sein. Sie können damit erfolgreich werben und ihre Projekte einem größeren Publikum bekannt machen. Durch die digitalen Kommunikationsmöglichkeiten ist dieser Effekt heute noch stärker. Allerdings muss ich auch ehrlich sagen: Wie sich das konkret in zusätzlichen Buchungen oder Umsätzen niederschlägt, wissen wir nicht. Solche Zahlen haben wir nicht.

In diesem Jahr gewinnt mit HX Expeditions eine Kreuzfahrtreederei. Ausgerechnet eine Branche, deren ökologische Belastungen bekannt sind. Ist das nicht ein Widerspruch?

Nein, denn wir zeichnen Projekte aus und nicht Unternehmen. Das ist ein ganz wichtiger Unterschied. Wir bewerten nicht die gesamte Produktpalette oder das Geschäftsmodell eines Unternehmens, sondern schauen uns das eingereichte Projekt sehr genau an. HX hat entlang der Nordwestpassage gemeinsam mit Inuit-Gemeinschaften ein Projekt entwickelt, bei dem es um wirtschaftliche Teilhabe, soziale Wirkung und die Einbindung der lokalen Kultur geht. Und da muss man ganz offen sagen: Das haben sie gut gemacht.

Besteht nicht trotzdem die Gefahr, dass HX die Auszeichnung nutzt, um sich insgesamt als besonders nachhaltige Reederei darzustellen?

Genau deshalb ist eine präzise Kommunikation so wichtig. Mit den neuen europäischen Regelungen gegen irreführende Umweltaussagen können Unternehmen nicht einfach behaupten, sie seien die Grünsten oder Nachhaltigsten. HX kann mit der Eco Trophea werben, muss aber deutlich machen, wofür der Preis verliehen wurde. Nämlich für dieses konkrete Projekt mit den Inuit und dessen soziale, wirtschaftliche und kulturelle Wirkung. Daraus lässt sich nicht ableiten, dass das gesamte Unternehmen besonders nachhaltig ist. Diese Unterscheidung schafft Transparenz.

Was hat die Jury an dem Projekt besonders überzeugt?

In diesem Jahr stand die Förderung lokaler Gemeinschaften im Mittelpunkt. Uns war wichtig, dass die Menschen vor Ort nicht nur als Kulisse für touristische Erlebnisse dienen, sondern selbst mitgestalten und wirtschaftlich profitieren. Wir haben uns deshalb sehr genau angesehen, wie die Projekte organisiert sind, wo das Geld ankommt, welchen sozialen Nutzen sie haben und wie mit der Kultur der Gastgeber umgegangen wird. Das HX-Projekt hat diese Kriterien überzeugend erfüllt.

Du stehst inzwischen zum zehnten Mal bei der Preisverleihung auf der Bühne. Ist das für dich noch etwas Besonderes?

Absolut. Es macht mir nach wie vor großes Vergnügen. Vor allem, weil die Eco Trophea eben nicht wie ein halbtotes Pferd durch die Jahre getragen wird, sondern lebendig ist. Die Jury arbeitet mit großem Engagement, und auch im Nachhaltigkeitsausschuss wird intensiv darüber diskutiert, welches Thema wir im nächsten Jahr ausschreiben wollen. Da gibt es durchaus unterschiedliche Meinungen. Aber genau das ist gut. Wir setzen uns damit auseinander, welche Themen für die Branche wirklich wichtig sind.

Gibt es eine Preisverleihung, die dir besonders in Erinnerung geblieben ist?

Die Auszeichnung des Wanderwegs Via Transilvanica in Rumänien im vergangenen Jahr war sehr emotional. Zwei junge Frauen haben das Projekt auf der Bühne mit großer Begeisterung vorgestellt. Auch eine Vertreterin Rumäniens war dabei, und der ganze Saal hat mitgefeiert. Ich habe anschließend von vielen gehört, dass sie sich den Wanderweg selbst einmal anschauen wollen. Das habe ich übrigens auch gemacht und bin im Sommer nach Rumänien gereist. Solche Erlebnisse zeigen, was die Eco Trophea auslösen kann


Ausgerechnet eine Kreuzfahrtreederei gewinnt die Eco Trophea: Harald Zeiss (hier im Bild mit HX-CEO Gebhard Rainer) erklärt im Interview, warum HX Expeditions die Auszeichnung verdient und wo die Grenzen von Nachhaltigkeitspreiseen liegen.

Nachhaltiger Tourismus soll auch den Menschen in den Zielgebieten zugutekommen. Aber wie viel vom Reisepreis bleibt tatsächlich dort?

Das ist eine ausgesprochen schwierige Frage. Es wird häufig behauptet, dass nur ein sehr kleiner Teil der touristischen Einnahmen in den Destinationen verbleibt. Solche pauschalen Aussagen halte ich für problematisch. Nehmen wir die Dominikanische Republik: Selbst wenn ein Hotel einem ausländischen Investor gehört, beschäftigt es Menschen vor Ort, kauft Lebensmittel ein, benötigt Energie und Dienstleistungen. Dazu kommen Taxifahrer, Busunternehmen, Ausflugsanbieter und viele andere. Das Geld wird innerhalb der lokalen Wirtschaft mehrfach ausgegeben. In der Wissenschaft sprechen wir von direkten, indirekten und induzierten Effekten.

Aber es gibt doch erhebliche Unterschiede zwischen den Destinationen und den Geschäftsmodellen.

Natürlich. Deshalb beschäftigen wir uns im Nachhaltigkeitsausschuss schon seit mehr als einem Jahr mit der Frage, wie sich die lokale Wertschöpfung einheitlich berechnen lässt. Wir haben dafür auch externe Experten hinzugezogen. Es ist wirklich nicht einfach. Wenn ein Unternehmen behauptet, 90 Prozent des Reisepreises blieben im Land, bin ich skeptisch. Aber genauso wenig stimmt die pauschale Behauptung, dass fast nichts ankommt. Wir brauchen nachvollziehbare und vergleichbare Zahlen.

Gibt es eine Grenze, ab der du sagen würdest: Diese Reise ist nachhaltig, weil genügend Geld in der Destination bleibt?

So einfach ist das nicht. Nachhaltigkeit umfasst immer die wirtschaftliche, ökologische und soziale Dimension. Wenn wir über den Anteil des Reisepreises sprechen, betrachten wir zunächst nur die wirtschaftliche Seite. Grundsätzlich würde ich sagen: Je mehr Geld bei den Menschen vor Ort ankommt, desto besser. Aber eine allgemeingültige Prozentzahl kann ich nicht nennen. Genau deshalb wollen wir ein verlässliches Berechnungsverfahren entwickeln.

Wie beurteilst du die grundsätzliche Kritik an Fernreisen? Manche sagen beispielsweise, auf die Malediven zu fliegen sei aus ökologischer Sicht kaum noch zu rechtfertigen.

Ich halte wenig von solchen pauschalen Urteilen. Natürlich verursacht eine Fernreise CO₂-Emissionen. Hinzu kommen mögliche Belastungen durch Flächenverbrauch, Eingriffe in Ökosysteme oder den Verlust von Biodiversität. Aber man muss auch die wirtschaftliche Situation der Menschen betrachten. Für die Malediven ist der Tourismus eine zentrale wirtschaftliche Grundlage. Wir können nicht einfach von Deutschland aus erklären, dass diese Menschen keinen Tourismus mehr anbieten sollten.

Aber die ökologischen Probleme verschwinden dadurch nicht.

Natürlich nicht. Deshalb müssen wir genauer hinschauen, wie gereist wird und welche Auswirkungen eine Reise hat. Ich tue mich nur schwer damit, ganze Reiseformen oder Destinationen grundsätzlich zu verteufeln. Wir würden es schließlich auch nicht akzeptieren, wenn jemand von außen fordert, Deutschland müsse aus ökologischen Gründen seine Automobilindustrie abschaffen. Nachhaltigkeit ist komplexer als solche einfachen Verbote.

Was empfiehlst du Reisenden, die ihren Urlaub nachhaltiger gestalten möchten?

Zunächst sollte man sich fragen, wohin man eigentlich reisen möchte. „Nicht das weit entfernteste Ziel ist das sinnvollste Ziel.“ Dann geht es um die Verkehrsmittel. Wenn es möglich ist, würde ich dafür plädieren, am Boden zu bleiben. Natürlich gibt es Grenzen. Wer acht, zehn oder zwölf Stunden mit der Bahn unterwegs ist, erreicht irgendwann die persönliche Belastungsgrenze. Aber ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass man sich auch an längere Bahnreisen gewöhnt.

Und wenn es doch die Fernreise sein soll?

Dann kommt es darauf an, wie man sich vor Ort verhält. Bleibe ich ausschließlich in einer All-inclusive-Anlage oder erkunde ich das Land, gehe in lokale Restaurants und unterstütze kleinere Anbieter? Wobei auch das Grenzen hat. Wenn zu viele Individualreisende dieselben Orte besuchen, kann das für die Bevölkerung ebenfalls problematisch werden.

Wichtig ist außerdem die Aufenthaltsdauer. Wer eine Fernreise unternimmt, sollte möglichst länger bleiben, statt mehrfach im Jahr für wenige Tage um die halbe Welt zu fliegen. Als Orientierung wird häufig empfohlen, bei Mittelstreckenflügen etwa zehn Tage und bei Langstreckenreisen mindestens zweieinhalb Wochen einzuplanen.

Ist nachhaltiger Tourismus am Ende also auch eine Frage des persönlichen Reiseverhaltens?

Unbedingt. Wir sollten uns wieder stärker bewusst machen, dass Reisen etwas Besonderes ist. Es ist nicht selbstverständlich, jederzeit für ein paar Tage irgendwohin zu fliegen. Wir müssen einer Urlaubsreise wieder die Wertigkeit zurückgeben, die sie einmal hatte. Sie sollte etwas sein, das man bewusst plant, genießt und wertschätzt – und dessen Erlebnisse man anschließend mit anderen Menschen teilt.

 

Danke fürs Gespräch!
Jean-Marc Göttert