Anzeige
Reisesommer 2026
10.10.26, 12:00 Uhr

"Wir müssen Gas geben“: Verbände machen Druck

Wenig Publikum, aber klare Botschaften: Beim Reisesommer diskutieren die Spitzen von DRV, VIR, BTW, ASR und QTA über steigende Reisepreise, die KI-Revolution und die politische Schlagkraft der Branche. Trotz unterschiedlicher Interessen zeigen sich die Verbände erstaunlich geschlossen – und nehmen auch sich selbst in die Pflicht.

Gemeinsam für die Branche: Beim Reisesommer diskutierten (von links) VIR-Vorstand Michael Buller, DRV-Präsident Albin Loidl, ASR-Präsidentin Anke Budde, BTW-Generalsekretär Sven Liebert sowie RTK-Chef und QTA-Sprecher Thomas Bösl über steigende Reisepreise, KI und die politische Schlagkraft der Tourismusverbände.
Ein Paneltalk der Tourismusverbände? Das klingt zunächst nach bekannten Forderungen, politischen Floskeln und Botschaften, die man auf Branchentreffen schon oft gehört hat. Vielleicht finden deshalb nur wenige Reisebürovertreter den Weg ins Auktionshaus, ein Nebengebäude der Messe.

Schade eigentlich. Denn was DRV-Präsident Albin Loidl, VIR-Vorstand Michael „Michi“ Buller, BTW-Generalsekretär Sven Liebert, ASR-Präsidentin Anke Budde und RTK-Chef sowie QTA-Sprecher Thomas Bösl beim Reisesommer diskutieren, betrifft unmittelbar die Zukunft des Reisevertriebs. Moderatorin Katja führt ebenso herzlich wie hartnäckig durch das Gespräch. Die Verbandsvertreter sind gut gelaunt, widersprechen sich gelegentlich und demonstrieren dennoch bemerkenswerte Geschlossenheit.

Reisepreise erreichen kritische Grenze
DRV-Präsident Albin Loidl beschäftigt vor allem die Frage, wie lange sich die Menschen Urlaub überhaupt noch leisten können. „Ich merke, dass auch Menschen, die das Geld haben, sich überlegen, ob sie dafür das Geld ausgeben“, sagt er. Reisen werde zunehmend zu einer sozialen Frage. Als wesentlichen Preistreiber nennt Loidl die Energiekosten. Politische Erleichterungen seien wichtig, reichten aber allein nicht aus. „Die Preise müssen sinken.“

Thomas Bösl teilt diese Einschätzung. Die Reisebüros seien Seismografen der Branche und registrierten unmittelbar, wenn Kunden ihre finanziellen Grenzen erreichten. „Wir können als Seismograf der Branche im Reisebüro feststellen, dass wir das Limit nicht nur erreicht, sondern überschritten haben.“ Veranstalter und Vertrieb müssten deshalb verstärkt Produkte entwickeln, die wieder besser zu den Budgets der Kunden passten.

BTW-Generalsekretär Sven Liebert sieht einen wesentlichen Hebel bei den Standortkosten und der internationalen Fluganbindung. Während Deutschland bei der Konnektivität erst rund 86 Prozent des Vorkrisenniveaus erreicht habe, liege das übrige Europa bereits bei 111 Prozent. Weniger Verbindungen bedeuteten weniger Wettbewerb und höhere Preise. „Europa fliegt an Deutschland vorbei“, lautet seine Warnung an die Politik. Dabei dürfe sich die Tourismuswirtschaft keineswegs kleinmachen. Mit rund 2,7 Millionen Beschäftigten und 250.000 Betrieben sei sie ein bedeutender Wirtschaftsfaktor. „Nicht verzwergen, wir sind groß“, fordert Liebert.

KI: Mut statt Abwarten
Deutlich wird die Diskussion beim Thema künstliche Intelligenz. VIR-Vorstand Michael Buller fordert die Reisebüros auf, die neuen Möglichkeiten konsequent auszuprobieren. „Was wir brauchen, ist Mut“, sagt er. Die technischen Hürden würden immer niedriger. KI könne längst Webseiten erstellen, administrative Aufgaben übernehmen und bei der Entwicklung individueller Reiseprodukte helfen. Sein Appell: „Einfach ausprobieren.“

Auch Loidl sieht einen grundlegenden Wandel auf die Beratung zukommen. Wenn Kunden künftig mit vollständig ausgearbeiteten KI-Reiseplänen ins Reisebüro kämen, müsse der Vertrieb seinen Mehrwert neu definieren.

ASR-Präsidentin Anke Budde hält dagegen, dass gut informierte Kunden schon heute zum Alltag gehörten. Entscheidend bleibe die Fähigkeit der Reiseberater, Angebote richtig einzuordnen und zu beurteilen, welches Hotel oder Reiseziel tatsächlich zum Kunden passe.

Buller warnt allerdings davor, die digitale Sichtbarkeit zu unterschätzen. „Wenn du nicht sichtbar bist, wirst du kein Teil der Antworten sein.“ Reisebüros müssten ihre Kompetenz deshalb auch für KI-Systeme auffindbar machen.

Bösl sieht darin Chancen für spezialisierte Reiseprofis, nimmt aber zugleich Kooperationen und Franchise-Organisationen in die Pflicht. Sie müssten ihren Partnern konkrete Anwendungen und Unterstützung bieten. Statt bloßer Beschwichtigung brauche es „Hilfe zur Selbsthilfe“.

Budde erinnert daran, dass viele kleine Reisebüros schon heute an ihre Kapazitätsgrenzen stoßen. Zwischen Kundenberatung, Buchhaltung, Marketing und administrativen Aufgaben fehlten häufig Zeit und Geld für zusätzliche Projekte. Gerade deshalb müssten technische Lösungen den Alltag tatsächlich erleichtern.

Liebert: Verbände müssen selbst moderner werden
Zum Schluss stellt Moderatorin Katja eine unbequeme Frage: Was leisten die zahlreichen Verbände eigentlich konkret für die Reisebüros? Budde und Loidl verweisen auf politische Erfolge, die häufig kaum sichtbar würden, weil problematische Gesetze bereits im Vorfeld verhindert oder entschärft werden könnten. Unterschiedliche Verbände seien dabei kein Nachteil, sondern ermöglichten verschiedene politische Zugänge.

BTW-Generalsekretär Sven Liebert räumt allerdings ein, dass die Organisationen selbst an ihrer Wahrnehmung arbeiten müssten. Der BTW habe sich in den vergangenen Jahren intensiv mit der Frage beschäftigt, wie Interessenvertretung in einer digitalisierten Welt funktionieren könne. Seine Konsequenz: „Du musst sichtbarer sein, du musst digital kommunizieren, du musst auf Augenhöhe kommunizieren.“

Gleichzeitig beschreibt Liebert ein grundsätzliches Dilemma: Viele politische Erfolge bestünden darin, drohende Probleme abzuwenden, bevor sie öffentlich bekannt würden. Die Mitglieder bemerkten davon häufig nichts. Zudem verlangten politische Verhandlungen Vertraulichkeit. Die Verbände könnten deshalb nicht immer erklären, welche Regelungen ursprünglich geplant gewesen seien und was sie verhindert hätten. Umso wichtiger sei das Vertrauen in ihre Arbeit.

Bösl fordert stärkeren Dachverband
Thomas Bösl greift diesen Gedanken auf und fordert eine deutlich stärkere gemeinsame Interessenvertretung. Die Vielfalt der Verbände solle erhalten bleiben, der BTW als Dachverband aber mehr Gewicht bekommen. Schließlich würden viele Entscheidungen, die den deutschen Reisevertrieb beträfen, in Brüssel getroffen.

„Brüssel funktioniert nun mal mit Lobbyismus“, stellt Bösl fest. Dafür brauche es die besten Köpfe, ausreichende finanzielle Mittel und eine dauerhafte Präsenz. Die Branche müsse dort „zwölf Monate im Jahr präsent sein“.
Fünf Köpfe, fünf Perspektiven – und eine gemeinsame Verantwortung

Am Ende zeigt der Talk vor allem, wie unterschiedlich die Verbände auf die Herausforderungen der Branche blicken. DRV-Präsident Albin Loidl gibt sich als besonnener Mahner, der angesichts steigender Reisepreise die wirtschaftlichen Grundlagen des Tourismus in Gefahr sieht.

VIR-Vorstand Michael Buller übernimmt die Rolle des technologischen Antreibers, der mit seinem KI-Optimismus bewusst aufrüttelt und zum Handeln drängt.

ASR-Präsidentin Anke Budde holt die Diskussion immer wieder auf den Boden des Reisebüroalltags zurück. Ihre Botschaft: Wer Veränderungen fordert, muss auch die begrenzten Ressourcen kleiner Betriebe berücksichtigen.

BTW-Generalsekretär Sven Liebert argumentiert dagegen aus der politischen Vogelperspektive. Er will die wirtschaftliche Bedeutung des Tourismus stärker ins Bewusstsein der Politik rücken, verlangt aber zugleich von den Verbänden selbst mehr Modernität, Sichtbarkeit und Kommunikation auf Augenhöhe.

RTK-Chef und QTA-Sprecher Thomas Bösl wiederum verbindet die Sorgen des Vertriebs mit einem klaren strategischen Anspruch: Die Branche braucht nicht nur praktische Unterstützung bei der Transformation, sondern vor allem eine schlagkräftigere Interessenvertretung in Brüssel.

So unterschiedlich die Akzente sind, so deutlich wird auch der gemeinsame Nenner: Die Verbände verstehen sich nicht als Konkurrenten, sondern zunehmend als Partner mit unterschiedlichen Aufgaben. Das ist eine Stärke. Allerdings wird sich ihre Geschlossenheit nicht an freundlichen Auftritten auf kleinen Bühnen messen lassen, sondern daran, ob sie für die Reisebüros tatsächlich etwas bewegen.