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Positionspapier des ATV
14.09.26, 10:30 Uhr

Tourismusverbände beziehen Stellung nach Wahlsieg der AFD

Millionen Deutsche reisen jedes Jahr ins Ausland und erwarten, dort willkommen zu sein. Nach dem AFD-Sieg in Sachsen-Anhalt appellieren Branchenverbände daran, diesen Maßstab auch zu Hause anzulegen. Das Credo: Weltoffenheit ist für die Touristik „Haltung und wirtschaftliche Realität zugleich“.

Begegnung, Respekt und das Gefühl, willkommen zu sein, gehören zum Kern des Reisens, so die Argumentation des ATV und der neun Unterzeichner seiner Stellungnahme. Foto: iStock/FotografiaBasica
Das Aktionsbündnis Tourismusvielfalt (ATV) hat sich mit einer deutlichen Stellungnahme zum Ausgang der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt zu Wort gemeldet. Im Zentrum der Mitteilung, die von neun Branchenverbänden mitgetragen wird, steht eine Warnung: Ohne ausländische Arbeitskräfte wäre das Gastgewerbe in Teilen Ostdeutschlands schlicht nicht mehr betriebsfähig.

Der Anlass: Erdrutschsieg für die AFD

Bei der Landtagswahl am 6. September wurde die AFD mit 43,8 Prozent der Stimmen die mit deutlichem Abstand stärkste Kraft in Sachsen-Anhalt – bei einer Rekord-Wahlbeteiligung von 77,8 Prozent. Der Landesverband der Partei gilt dem Landesverfassungsschutz als „gesichert rechtsextremistische Bestrebung“. Genau an diesem Befund setzt das ATV an: „Das Ergebnis der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt ist ein Einschnitt“, heißt es in der Mitteilung. „Das erfüllt uns mit großer Sorge. Doch Empörung allein wird der Bedeutung dieses Ergebnisses nicht gerecht.“

Der Großteil des fünfseitigen Papiers (hier als PDF) ordnet das Wahlergebnis politisch-gesellschaftlich ein und richtet Forderungen an demokratische Parteien, ihre Politik an messbaren Ergebnissen statt an Ankündigungen zu orientieren. Erst im vorletzten Kapitel wird die Mitteilung branchenkonkret – und genau dieser Teil dürfte für die Touristik die eigentliche Nachricht sein.

Branche „lebt von Begegnung“

Unter der Überschrift „Warum sich die Tourismuswirtschaft zu Wort meldet“ benennt das ATV, was die Branche für ihr Funktionieren braucht – und macht dabei klar, dass es nicht nur um ein politisches Bekenntnis geht, sondern um harte wirtschaftliche Voraussetzungen: „Tourismus braucht weit mehr als Weltoffenheit. Unsere Branche braucht Frieden und Sicherheit, wirtschaftliche Stabilität, funktionierende Infrastruktur, ein starkes Europa, wettbewerbsfähige Unternehmen und ausreichend Arbeits- und Fachkräfte. Und sie lebt von Begegnung.“

Um diese These zu untermauern, liefert das Bündnis eine regionale Kennzahl, die in der Deutlichkeit aufhorchen lässt: „Im sachsen-anhaltischen Landkreis Harz sank die Zahl deutscher Beschäftigter im Gastgewerbe zwischen 2019 und 2025 um 20,4 Prozent, während die Zahl ausländischer Beschäftigter um 90,7 Prozent stieg.“

Die Schlussfolgerung, die das ATV daraus unter Berufung auf die Bundesagentur für Arbeit zieht, ist unmissverständlich: Viele Unternehmen wären „ohne Beschäftigte und Auszubildende aus dem Ausland heute nicht mehr handlungsfähig“.

Eine Prüfung der Ursprungszahlen bei der Agentur für Arbeit Sachsen-Anhalt-West bestätigt den Trend: Im Landkreis Harz, der landesweit die meisten Gastgewerbebetriebe zählt, sank die Gesamtzahl sozialversicherungspflichtig Beschäftigter im Gastgewerbe von 4.040 im Juni 2019 auf 3.975 im Jahr 2025 – bei gleichzeitig nahezu verdoppelter Zahl ausländischer Beschäftigter. Bereits 2025 hatte jeder achte Gastronomiebetrieb in der Region mindestens einen ausländischen Mitarbeiter, jeder zehnte einen Auszubildenden mit ausländischem Pass.

Weltoffenheit, so die Verfasser, „ist für uns deshalb Haltung und wirtschaftliche Realität zugleich.“

Ordnung fordern, Offenheit verteidigen

Das ATV positioniert sich dabei bewusst nicht einseitig. Die Mitteilung erkennt ausdrücklich den Ordnungsbedarf in der Migrationspolitik an: „Deutschland braucht verlässliche Regeln für Einwanderung, Asyl, Integration und Rückkehr sowie einen handlungsfähigen Rechtsstaat.“ Im gleichen Atemzug hält sie aber fest: „Gleichzeitig braucht unsere Wirtschaft Menschen, die zu uns kommen, bei uns arbeiten und Teil unserer Gesellschaft werden.“

Besonders pointiert formuliert das Bündnis den Perspektivwechsel, den es von der eigenen Branche ableitet: „Millionen Deutsche reisen in andere Länder. Dort sind wir selbst die Ausländer. Wir erwarten selbstverständlich, willkommen zu sein, respektvoll behandelt und nicht allein aufgrund unserer Herkunft beurteilt zu werden. Diesen Maßstab sollten wir auch zu Hause anlegen.“

Neun Verbände tragen die Erklärung mit

Der Mitteilung ist eine Liste von neun Unterzeichnerverbänden beigefügt, die die Position gemeinsam vertreten:
  • Allianz selbständiger Reiseunternehmen – Bundesverband (ASR)
  • Bundesverband der Campingwirtschaft in Deutschland (BVCD)
  • Bundesforum Kinder- und Jugendreisen
  • Bundesverband führender Schulfahrtenveranstalter
  • Forum Anders Reisen
  • Denkfabrik Zukunft der Gastwelt (DZG)
  • Internationaler Verband der Paketer (VPR)
  • Reisenetz – Deutscher Verband für Kinder- und Jugendreisen
  • Verband Internet Reisevertrieb (VIR)

Das ATV selbst ist ein seit 2020 bestehender Zusammenschluss von rund 28 bis 30 touristischen Branchenverbänden, die zusammen mehr als 10.000 Mitgliedsunternehmen mit über einer Million Arbeitsplätzen repräsentieren. Das Bündnis tritt regelmäßig gegenüber Politik und Bundestag auf, unter anderem mit Stellungnahmen im Tourismusausschuss, und ist auch auf der ITB Berlin mit mehreren Mitgliedsverbänden präsent.

Felix Hormel