Tech-Experte Camil Binas: „KI wird uns nicht ersetzen!“
Was können KI-Agenten wirklich – und was bedeutet das für Reisebüros? Camil Binas von der Tech-Firma CFM lieferte auf der Best-Reisen-Jahrestagung an Bord der Vasco da Gama eine der bemerkenswertesten Antworten darauf.

Es ist eines der Themen, an denen derzeit keine Touristiktagung vorbeikommt: künstliche Intelligenz. Auch bei der Best-Reisen-Jahrestagung 2026 auf der Vasco da Gama zwischen Kiel und Kopenhagen nimmt KI breiten Raum ein. Doch während viele Vorträge über die Technologie schnell zwischen Zukunftseuphorie und Untergangsszenarien pendeln, wählt Camil Binas einen anderen Weg.
Der junge Tech-Experte von CFM erklärt KI und insbesondere KI-Agenten locker, verständlich und erstaunlich unaufgeregt. Keine Technikshow, kein Feuerwerk vermeintlich revolutionärer Anwendungen. Stattdessen zerlegt Binas die Technologie in ihre Bestandteile und zeigt, was sie kann, wo ihre Grenzen liegen – und vor allem, wie Reisebüros sinnvoll mit ihr arbeiten können.
Seinen Ausgangspunkt formuliert er zu Beginn denkbar klar: „Alle haben Angst, dass wir ersetzt werden. Welche Jobs gibt es überhaupt noch? Was kann KI alles? Ich kann euch sagen: Wir werden nicht ersetzt.“
Die Magie entzaubern
Das größte Hindernis beim Einstieg in KI sieht Binas zunächst gar nicht in der Technologie selbst. Das Problem sei vielmehr, dass sie auf viele Menschen wie Magie wirke. Genau deshalb falle der Anfang schwer: Wie arbeitet man damit? Was steckt hinter einem Agenten? Und wie behält man die Kontrolle?
Binas erklärt einen KI-Agenten als Zusammenspiel verschiedener Komponenten. Im Zentrum steht das KI-Modell. Hinzu kommen eine Art Jobbeschreibung – der Prompt –, Erinnerungsfunktionen und vor allem Tools, mit denen der Agent tatsächlich Aktionen ausführen kann: etwa eine Reise suchen, eine Buchung aufrufen oder eine E-Mail schreiben.
Der entscheidende Punkt: Diese Werkzeuge sind programmiert. Unternehmen können festlegen, welche Informationen ein Agent bekommt, was er darf und wo seine Grenzen liegen. „Die ganze Kontrolle für so einen KI-Agenten, die bleibt eigentlich bei uns“, sagt Binas.
Damit nimmt er einem der größten Vorbehalte gegenüber Agentic AI etwas von seinem Schrecken. Der Agent ist eben nicht zwangsläufig eine digitale Blackbox, die autonom macht, was sie will. Gut konzipiert bewegt er sich innerhalb klar definierter Leitplanken.
Drei Dinge bleiben beim Menschen
Interessanter als die Frage, was KI künftig alles übernehmen kann, ist für Binas allerdings die Gegenfrage: Was sollte sie gerade nicht übernehmen? Seine Antwort besteht aus drei Begriffen: Verantwortung, Kreativität und Menschlichkeit.
Bei der Verantwortung zieht Binas die Grenze besonders deutlich. Auch ein sehr leistungsfähiges Modell könne halluzinieren oder Fehler produzieren. „Wir können nicht die Verantwortung abgeben“, sagt er.„Die bleibt immer bei uns. Das lässt sich nicht ersetzen. Egal wie gut der KI-Agent ist.“
Ähnlich argumentiert er bei Kreativität und Empathie. KI könne vorhandenes Wissen beeindruckend kombinieren, echte menschliche Kreativität aber nicht ersetzen. Und gerade für Reisebüros sieht Binas darin eine gute Nachricht.
„Reisen ist kreativ“, sagt er. Und wenn Reiseberater ihre Kunden am Telefon empathisch verstehen, komme eine weitere menschliche Qualität hinzu, die sich nicht einfach automatisieren lasse. Wer Verantwortung übernehme, kreativ arbeite und Menschlichkeit in die Beratung bringe, habe auch in einer von KI geprägten Zukunft eine hohe Relevanz.
KI darf Fehler machen – wenn der Mensch sie kontrolliert
Bemerkenswert ist auch Binas' Umgang mit einer Schwäche, die in der Diskussion häufig als Ausschlusskriterium für KI angeführt wird: KI macht Fehler.
Seine Antwort darauf ist pragmatisch. Menschen machen schließlich ebenfalls Fehler. Trotzdem käme niemand auf die Idee, deshalb grundsätzlich keine Mitarbeiter mehr zu beschäftigen. Entscheidend sei vielmehr, Verantwortung zu übernehmen, Fehler zu korrigieren und daraus zu lernen.

Camil Binas erklärt bei der Best-Reisen-Jahrestagung auf der Vasco da Gama, wie KI-Agenten Reisebüros unterstützen können – und warum Verantwortung, Kreativität und Menschlichkeit beim Menschen bleiben.
„Es wird schiefgehen, wir übernehmen die Verantwortung dafür und arbeiten trotzdem weiter damit“, sagt Binas. Seine Konsequenz: Unternehmen sollten nicht bei jedem Fehler sofort urteilen, die Technologie funktioniere nicht. Sie müssten vielmehr lernen, sie zu führen und sinnvoll in ihre Prozesse einzubauen.
Das ist für Reisebüros vielleicht einer der wichtigsten Gedanken seines Vortrags. Denn wer darauf wartet, dass KI fehlerfrei wird, wird vermutlich lange warten – und gleichzeitig wertvolle Erfahrungen im Umgang mit der Technologie verpassen.
Der Agent sucht – der Mensch entscheidet
Wie diese Arbeitsteilung konkret aussehen könnte, zeigt Binas an einem einfachen Beispiel. Ein KI-Agent könnte Flüge suchen, Kundenpräferenzen aus vorhandenen Daten berücksichtigen und eine passende Verbindung vorschlagen.
Auch automatisierte Buchungen wären technisch denkbar. Entscheidend sind dabei feste Regeln. Ein Unternehmen könnte beispielsweise definieren, dass ein Agent Flüge bis zu einer bestimmten Preisgrenze selbstständig buchen darf. Liegt der Preis darüber, stoppt der Prozess nicht einfach. Stattdessen wird ein Mensch hinzugezogen und trifft die Entscheidung.
Das ist der Kern von Binas' Vorstellung: nicht Mensch gegen Maschine, sondern Mensch mit Maschine.
„Es ist eine Zusammenarbeit, kein Gegeneinander“, sagt er. Die entscheidenden Grenzen würden nicht dem guten Willen des KI-Modells überlassen, sondern technisch in die Systeme eingebaut.
Reiseberatung bleibt menschlich
Und was bedeutet das nun konkret für den Counter? Gerade bei der Reiseberatung sieht Binas den Menschen weiterhin in der führenden Rolle. Denn eine gute Beratung sei „hoffentlich eine hochemotionale Geschichte mit viel Empathie“. Der Reiseberater führt das Gespräch, versteht Wünsche und Stimmungen und entscheidet, welches Angebot er seinem Kunden tatsächlich empfiehlt.
Der KI-Agent arbeitet daneben oder dahinter. Er sucht, sortiert, bereitet vor und übernimmt jene Arbeiten, die Zeit kosten, ohne den eigentlichen Wert der Beratung auszumachen.
Anders kann die Rollenverteilung bei standardisierten Vorgängen aussehen – etwa wenn Flüge ausfallen und schnell Alternativen für viele betroffene Kunden gefunden werden müssen. Hier könnte der Agent den Prozess führen, Alternativen recherchieren und erst dort den Menschen hinzuziehen, wo eine Entscheidung oder persönliche Kommunikation erforderlich wird.
Damit liefert Binas eine wesentlich differenziertere Antwort als das oft gehörte „KI wird den Reiseberater nicht ersetzen“. Natürlich wird KI Arbeit ersetzen. Vermutlich sogar ziemlich viel davon. Die entscheidende Frage ist nur: Welche Arbeit wollen Reisebüros überhaupt behalten?
Wenn Agenten künftig Routinen, Recherche und standardisierte Prozesse schneller erledigen können, könnte genau das den Raum schaffen, den persönliche Beratung heute häufig zu wenig hat.
Nicht jeder muss zum KI-Experten werden
Zum Schluss nimmt Binas den Reisebüros noch einen weiteren Druck. Die Geschwindigkeit der technologischen Entwicklung sei so hoch, dass nicht jeder Unternehmer und jeder Expedient selbst verstehen müsse, wie man einen KI-Agenten programmiert.
„Ihr werdet nicht alle lernen, einen KI-Agenten aufzubauen. Das wäre völlig falsch“, sagt er. Stattdessen brauche es Partner, die Technologie beherrschen und für die Branche nutzbar machen. Sein Rat fällt entsprechend unspektakulär aus: ausprobieren, Erfahrungen teilen, über Fehler sprechen und lernen. „Nehmt ein bisschen Druck raus“, sagt Binas. Und weiter: „Geht entspannt damit um, ohne Druck. Aber lernt es einfach. Ist ein bisschen wie Sport am Anfang.“
Infos zur Person: Camil Binas – COO, CFM Media:
Camil Binas ist COO und Mitglied der Geschäftsführung der CFM Media GmbH, die digitale Lösungen für die Touristik entwickelt. Angefangen hat sein Weg bei CFM bereits mit 15 Jahren als Ferienjobber, später folgten die Ausbildung zum Mediengestalter und die Leitung der Softwareentwicklung.
Heute verantwortet er das operative Geschäft und beschäftigt sich besonders damit, wie Kl-Agenten und digitale Plattformen die Reisebranche sinnvoll voranbringen können. Da er auch selbst gerne reist, interessiert ihn dabei nicht nur, was Technologie leisten kann, sondern auch, was man weiterhin selbst erleben muss.

