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VIR Innovationstage 2026
24.06.26, 11:43 Uhr

Digitalexperte warnt: Die KI-Revolution wartet nicht auf Europa

Deutschland diskutiert noch über Chancen und Risiken, während sich die Technologie rasant weiterentwickelt. Robert Heinrich aus dem Bundesministerium für Digitalisierung sieht KI als Schlüssel für Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit. Wer zu lange wartet, könnte den Anschluss verlieren.

Auf den VIR Innovationstagen warnte der Digitalexperte Robert Heinrich davor, die Dynamik im KI-Markt zu unterschätzen. Fotos: TRVL Counter
Europa diskutiert noch über Regeln, während die USA und China längst Fakten schaffen. Bei den VIR Innovationstagen in Berlin findet Digitalexperte Robert Heinrich dafür ungewöhnlich klare Worte: KI sei nicht aufzuhalten, Deutschland habe ein Wachstumsproblem und Europas größte Schwäche liege nicht bei der Innovation, sondern beim Skalieren. Ein politischer Vortrag, der deutlich mehr Ehrlichkeit bot als viele Sonntagsreden.
 


Berlin. VIR Innovationstage, zweiter Tag. Draußen drückt die Hitze auf die Hauptstadt, in den Räumen der Design Offices am Humboldthafen geht es um ein Thema, das die Wirtschaft vermutlich stärker verändern wird als jede Technologie jemals zuvor. Künstliche Intelligenz. Dass ausgerechnet ein Vertreter eines Bundesministeriums den Vormittag eröffnet, sorgt zunächst nicht unbedingt für gespannte Erwartung. Zu oft bestehen politische Vorträge inzwischen aus wohlformulierten Absichtserklärungen, strategischen Leitbildern und dem Versuch, Komplexität durch Schlagworte zu ersetzen. Doch diesmal läuft es anders.

Robert Heinrich, Unterabteilungsleiter für Digitale Wirtschaft, Künstliche Intelligenz und Datenpolitik im Bundesministerium für Digitalisierung und Staatsmodernisierung, hält keinen Vortrag, der beruhigen soll. Er hält einen Vortrag, der aufrütteln soll. Und das gelingt ihm bemerkenswert gut. Vielleicht gerade deshalb, weil er weder als Technik-Evangelist noch als Regulierungsfan auftritt.

Heinrich versucht sichtbar, eine Balance zu finden zwischen den enormen Chancen und den ebenso realen Risiken der KI. Zwischen Aufbruch und Vorsicht. Zwischen Wettbewerbsfähigkeit und Regulierung. Zwischen europäischem Anspruch und globaler Realität.

Wer ihn kennt, weiß, dass Heinrich in den Berliner Digitalzirkeln zu den profilierten Fachleuten gehört. Einer, der eher im Hintergrund arbeitet, an Gesetzesvorhaben, Strategien und Digitalprojekten. Kein Politiker, der Schlagzeilen produziert. Kein Redner, der mit großen Gesten arbeitet. Seine Stärke liegt darin, komplizierte Zusammenhänge verständlich zu erklären. Genau deshalb wirkt vieles von dem, was er an diesem Morgen sagt, glaubwürdiger als manches politische Zukunftsversprechen der vergangenen Jahre.

KI wird das Leben aller verändern

Bereits nach wenigen Minuten wird klar, dass Heinrich die aktuelle Entwicklung als historische Zäsur betrachtet. „Wir sind zutiefst davon überzeugt, dass künstliche Intelligenz die tiefgreifendste und disruptivste technologische Veränderung dieses Jahrhunderts ist“, sagt er. Solche Sätze hört man inzwischen oft. Doch anders als viele KI-Prediger bleibt Heinrich nicht bei der großen Überschrift stehen.

Er beschreibt, warum die Situation heute grundlegend anders sei als bei früheren Technologiesprüngen. „KI wird alles verändern – Wirtschaft, Gesellschaft, Politik, Verwaltung und das Leben jedes Einzelnen.“ Vor allem aber verlaufe die Entwicklung in einer Geschwindigkeit, die selbst Experten überrascht. „Wir haben fast jede Woche ein neues Modell, das noch besser und noch schneller ist als das letzte.“

Für die Reisebranche ist genau dieser Punkt von besonderer Bedeutung. Denn viele Unternehmen diskutieren noch immer darüber, ob KI künftig hilfreich sein könnte. Währenddessen verändert sich das Spielfeld bereits. Suchmaschinen werden zu Assistenten. Buchungssysteme werden intelligenter. Kunden erhalten Antworten, bevor sie überhaupt eine Anfrage stellen. Marketing wird automatisiert. Reiseplanung wird zunehmend personalisiert. Die Frage ist längst nicht mehr, ob KI kommt. Die Frage ist, wie schnell bestehende Geschäftsmodelle unter Anpassungsdruck geraten.

Die unbequeme Wahrheit: Die Welt wartet nicht auf Europa

Besonders bemerkenswert ist die Klarheit, mit der Heinrich über Europas Rolle spricht. Anders als viele politische Redner versucht er nicht, die Lage schönzureden. Er beschreibt nüchtern, dass die entscheidenden Entwicklungen derzeit in den USA und China stattfinden. Gleichzeitig macht er deutlich, dass Europa die Wahlmöglichkeiten überschätzt.

„Die Entwicklung wird weitergehen, egal ob wir mitmachen oder nicht“, sagt Heinrich. Es sei eine Illusion, zu glauben, man könne diese Entwicklung aufhalten. „Sie ist zu gestalten, aber sie ist nicht aufzuhalten.“ Dieser Satz gehört zu den wichtigsten Aussagen des gesamten Vortrags.

Mitgestalten – oder sich das Heft aus der Hand nehmen lassen

Denn er widerspricht einer Haltung, die man gerade in Europa häufig beobachtet. Dort wird oft diskutiert, ob bestimmte Technologien überhaupt erwünscht sind. Ob Risiken zu groß sind. Ob Regulierung nicht wichtiger wäre als Innovation. Heinrich stellt die Debatte auf den Kopf. Die Technologie werde kommen, unabhängig davon, was Europa entscheide. Die eigentliche Frage sei daher, ob Europa selbst gestalten wolle oder ob andere die Regeln bestimmen.

Noch deutlicher wird er, als er vor technologischer Abhängigkeit warnt. „Sonst schöpfen andere die Erträge ab und Europa läuft Gefahr, abhängig zu werden.“ Spätestens seit den jüngsten Entwicklungen auf dem globalen KI-Markt müsse jedem klar sein, dass hier nicht nur über Software gesprochen werde, sondern über wirtschaftliche und geopolitische Macht.

Für die Touristik bedeutet das ebenfalls eine strategische Herausforderung. Denn viele der Werkzeuge, die künftig Vertrieb, Beratung und Kundenkommunikation prägen werden, entstehen derzeit außerhalb Europas. Wer ausschließlich Anwender bleibt, läuft Gefahr, von Plattformen und Technologien abhängig zu werden, die anderswo entwickelt werden.

Deutschlands eigentliches Problem heißt Produktivität

Während viele KI-Debatten um Ethik, Datenschutz oder Arbeitsplatzverluste kreisen, setzt Heinrich einen anderen Schwerpunkt. Er spricht über Wachstum. Über Produktivität. Über Wettbewerbsfähigkeit. Und hier wird der Vortrag fast schon unbequem, zumindest für die, die Deutschland als Wachstumstreiber in Europa sehen.

„Deutschland hat ein strukturelles Wachstumsproblem“, sagt Heinrich. Fachkräftemangel, geringe Produktivitätszuwächse und Investitionsschwächen würden die wirtschaftliche Entwicklung bremsen. Die Folge sei ein dauerhaft niedriges Potenzialwachstum. Genau hier könne KI eine entscheidende Rolle spielen.

Interessanterweise widerspricht er damit auch einem Teil der öffentlichen Diskussion. Während häufig über Arbeitsplatzverluste gesprochen wird, sieht Heinrich zunächst einen anderen Effekt. „Wir reden viel über Arbeitsplatzverlust, aber wir sollten nicht vergessen, dass Fachkräftemangel eines der größten Probleme unserer Wirtschaft ist.“ KI könne helfen, genau diese Lücke teilweise zu schließen.

Für Reisebüros dürfte dieser Gedanke besonders relevant sein. Kaum ein Segment kämpft so stark mit fehlendem Personal, steigenden Anforderungen und gleichzeitig wachsendem Beratungsbedarf. Wer heute Mitarbeiter sucht, weiß, wie schwierig das geworden ist. Wenn KI Routineaufgaben übernimmt, Anfragen vorqualifiziert oder Angebotsprozesse beschleunigt, könnte dies die Produktivität deutlich steigern. Heinrich formuliert es entsprechend deutlich: „KI ist ein Schlüssel zu mehr Produktivität, zu neuen Geschäftsmodellen und zu mehr Wettbewerbsfähigkeit.“

Europa ist nicht so schlecht, wie es sich selbst einredet

Ein weiterer interessanter Punkt: Heinrich wehrt sich gegen die in Deutschland weit verbreitete Neigung zum digitalen Pessimismus. Ja, die USA seien bei den großen Modellen vorn. Ja, China investiere massiv. Ja, Europa habe Rückstände. Aber die Vorstellung, Europa sei bereits abgeschlagen, hält er für falsch.

Deutschland verfüge über einen enormen Datenschatz, über starke Forschungseinrichtungen, über exzellente Universitäten und vor allem über einen Mittelstand mit einzigartiger Branchenkompetenz. „Es gibt keinen Grund zu resignieren“, sagt Heinrich ausdrücklich.


Robert Heinrich sieht Künstliche Intelligenz als die prägendste technologische Veränderung des Jahrhunderts. Auf den VIR Innovationstagen wirbt er für mehr Tempo bei Innovationen und einen selbstbewussteren Umgang Europas mit KI.

Interessant ist dabei sein strategischer Ansatz. Deutschland müsse nicht zwangsläufig das nächste OpenAI hervorbringen. Entscheidend sei vielmehr, zum weltweit führenden Standort für KI-Anwendungen zu werden. Das klingt unspektakulär, könnte aber genau die europäische Chance sein. Denn Anwendungen entstehen dort, wo Branchenwissen vorhanden ist. Und genau hier besitzt die deutsche Wirtschaft tatsächlich besondere Stärken.

Die eigentliche Schwäche Europas: Wir können nicht skalieren

Seiner Ansicht nach liegt die größte Schwäche nicht bei Forschung oder Innovation. Sie liegt bei der Skalierung. Deutschland bilde exzellente Forscher aus. Europa entwickle innovative Technologien. Doch sobald Unternehmen wachsen wollen, beginne das Problem. „Heute ist es für ein deutsches Start-up oft einfacher, in die USA zu expandieren als innerhalb Europas“, sagt Heinrich.

Denn genau darin liegt seit Jahren ein Kernproblem Europas. Ideen entstehen hier. Forschung findet hier statt. Doch die großen Geschäftsmodelle entstehen oft anderswo. Der amerikanische Binnenmarkt funktioniert deutlich integrierter. Kapital ist leichter verfügbar. Wachstum wird schneller finanziert.

Für die Reisebranche könnte sich dieselbe Frage stellen. Entstehen die künftigen Plattformen, KI-Assistenten und Reiseökosysteme in Europa – oder werden sie importiert?

Die politische Gratwanderung zwischen Schutz und Fortschritt

Der wohl ehrlichste Teil des Vortrags betrifft die Regulierung. Heinrich verteidigt die europäische KI-Verordnung grundsätzlich. Vertrauen sei eine entscheidende Voraussetzung für die Akzeptanz neuer Technologien. Gleichzeitig räumt er ein, was viele Unternehmen seit Monaten kritisieren. „Diese Regulierung ist natürlich nicht perfekt.“ Ein bemerkenswerter Satz für einen Vertreter der Bundesregierung.

Heinrich spricht offen über Schwächen, Doppelstrukturen und unnötige Komplexität. Regulierung müsse verständlich und praktikabel bleiben, gerade für kleine und mittelständische Unternehmen. Nur dann könne sie funktionieren. Andernfalls werde sie selbst zum Innovationshemmnis.

Genau hier zeigt sich die eigentliche Herausforderung Europas. Vertrauen schaffen, ohne Innovation abzuwürgen. Sicherheit gewährleisten, ohne Geschwindigkeit zu verlieren. Regeln definieren, ohne Unternehmen zu überfordern.

Was von diesem Vormittag bleibt

Die vielleicht wichtigste Erkenntnis dieses Vortrags lautet: Die größte Gefahr liegt nicht in der künstlichen Intelligenz selbst. Die größte Gefahr liegt darin, ihre Bedeutung zu unterschätzen. Robert Heinrich hat keine Heilsversprechen geliefert. Er hat auch keine KI-Utopie entworfen. Stattdessen hat er etwas getan, was in politischen Debatten selten geworden ist: Er hat Widersprüche benannt. Chancen aufgezeigt. Risiken nicht verschwiegen.

Vor allem aber hat er deutlich gemacht, dass die entscheidende Frage nicht mehr lautet, ob KI die Reisebranche verändern wird. Sondern wie tief dieser Wandel gehen wird – und ob Unternehmen, Verbände und Politik bereit sind, schnell genug darauf zu reagieren. „Die Entwicklung ist nicht aufzuhalten“, sagt er. „Die Frage ist nur noch, wer sie gestaltet.“
 



Die fünf wichtigsten Take-outs aus dem Vortrag von Robert Heinrich

1. KI ist keine Zukunftstechnologie mehr – sie ist die neue Wettbewerbsrealität
Heinrich machte klar, dass die Entwicklung nicht aufzuhalten ist. Die entscheidende Frage sei nicht mehr, ob KI kommt, sondern ob Europa und deutsche Unternehmen aktiv mitgestalten oder lediglich Anwender fremder Technologien werden. Wer wartet, verliert Zeit – und möglicherweise Marktanteile.

2. Deutschlands größtes Problem heißt Produktivität
Der Digitalexperte bezeichnete Deutschlands schwaches Wachstum als strukturelles Problem. Fachkräftemangel, geringe Produktivitätszuwächse und Investitionsschwächen bremsen die Wirtschaft. KI könne hier zum entscheidenden Hebel werden, um Effizienz zu steigern und fehlende Arbeitskräfte teilweise zu kompensieren.

3. Europas Schwäche ist nicht Innovation, sondern Skalierung
Deutschland verfügt über starke Forschung, exzellente Universitäten und innovative Start-ups. Das Problem beginnt oft erst beim Wachstum. Heinrich formulierte es zugespitzt: Für viele Start-ups sei die Expansion in die USA einfacher als innerhalb Europas. Der europäische Binnenmarkt funktioniere noch immer nicht vollständig.

4. Regulierung ist notwendig – darf aber Innovation nicht verhindern
Heinrich verteidigte den europäischen KI-Ansatz grundsätzlich, räumte aber zugleich offen ein, dass die KI-Verordnung nicht perfekt sei. Seine Botschaft: Vertrauen und Sicherheit sind wichtig, Regeln müssen jedoch für Unternehmen praktikabel bleiben. Zu viel Komplexität könnte zum Wettbewerbsnachteil werden.

5. Die Chance für Deutschland liegt bei KI-Anwendungen
Deutschland werde vermutlich nicht das nächste OpenAI hervorbringen. Die große Chance liege vielmehr darin, Weltmarktführer bei KI-Anwendungen zu werden. Mit Branchenwissen, Daten und Mittelstandskompetenz könnten gerade spezialisierte Industrien – und auch die Reisebranche – von KI profitieren und neue Geschäftsmodelle entwickeln.