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Interview mit Tim Starke (Thurgau Travel)
20.06.26, 10:00 Uhr

„Nicht alles, was geht, muss man auch machen“

Seit dem Markteintritt in Deutschland wächst Thurgau Travel schneller als geplant. Geschäftsführer Tim Starke spricht im Interview mit TRVL COUNTER über Themenreisen, kurze Flussreisen, KI, steigenden Wettbewerbsdruck – und warum Anlegerplätze künftig wie Gold gehandelt werden.

Von Reisen abseits der Klassiker bis zu KI-gestützter Reisesuche: Thurgau Travel setzt auf Spezialisierung statt Massenmarkt. Geschäftsführer Tim Starke spricht über Wachstumschancen, veränderte Kundenbedürfnisse und die Zukunft der Flusskreuzfahrt. Foto: Thurgau Travel
Die großen Schlagzeilen der Flusskreuzfahrtbranche drehen sich derzeit um Luxus, Neubauten und internationale Expansion. Thurgau Travel verfolgt dagegen einen anderen Ansatz. Der Schweizer Spezialist setzt auf ungewöhnliche Routen, persönliche Betreuung und eine hohe Stammkundenquote. Im Gespräch mit TRVL COUNTER spricht Deutschland-Chef Tim Starke über neue Reisetrends, den Boom bei Alleinreisenden, den Umgang mit steigenden Kosten und die Frage, warum der größte Engpass der Zukunft nicht auf dem Wasser, sondern an Land liegen könnte.
 


Herr Starke, Thurgau Travel ist in Deutschland erst seit 2022 mit einer eigenen Gesellschaft aktiv. Wo steht das Unternehmen heute?

Wir sind inzwischen gut im Markt angekommen. Vorher war Thurgau Travel in Deutschland zwar bekannt, aber eher bei Flusskreuzfahrtkennern. Die Schiffe fuhren hier zwar schon lange, waren aber fast ausschließlich mit Schweizer Gästen besetzt. Mit der Gründung unserer Berliner Gesellschaft haben wir den direkten Markteintritt gewagt.

Heute können wir sagen, dass wir unsere Wachstumsziele erreicht oder sogar übertroffen haben. Global betrachtet haben wir das Niveau von 2019 praktisch wieder erreicht. Der Unterschied zu früher ist, dass wir heute breiter aufgestellt sind und damit auch krisenresistenter geworden sind.

Was unterscheidet Thurgau Travel von vielen anderen Flusskreuzfahrtanbietern?

Unser Ansatz war von Anfang an, nicht einfach die gleichen Produkte anzubieten wie alle anderen. Natürlich könnten wir Rhein und Donau fahren. Das tun wir auch. Aber unser Markenkern sind außergewöhnliche Routen und regionale Flussreisen. Als wir in Deutschland gestartet sind, haben wir Reisen von Berlin nach Saarbrücken oder von Bremen über den Dollart nach Amsterdam angeboten. Solche Strecken findet man nicht an jeder Ecke.

Gleichzeitig verstehen wir uns als Familienunternehmen mit persönlicher Atmosphäre. Viele Gäste kommen wieder, fragen nach bestimmten Reiseleitern oder erkennen Crewmitglieder wieder. Diese Nähe ist ein wichtiger Teil unserer Identität.


Im Interview spricht Deutschland-Chef Tim Starke über die Strategie von Thurgau Travel, neue Reisetrends und den zunehmenden Wettbewerb auf Europas Flüssen

Ein Schwerpunkt sind Ihre Themenreisen. Was steckt dahinter?

Wir unterscheiden zwischen klassischen Themenreisen und Eventreisen. Bei den klassischen Themenreisen ist das Thema der eigentliche Reisegrund. Das können Fahrradreisen, Wanderreisen oder Genussreisen sein. Gerade Wanderreisen haben bei unseren Schweizer Gästen traditionell eine hohe Bedeutung. Daneben haben wir Eventreisen entwickelt. Dort dient das Thema eher als zusätzliche Bereicherung. Die Gäste machen die Reise nicht ausschließlich wegen des Programms, bekommen aber einen besonderen Mehrwert.

Dazu gehört auch die neue Reihe „Hinter den Kulissen“. Warum setzen Sie bewusst auf Menschen hinter bekannten Produktionen?

Weil dadurch ganz andere Gespräche entstehen. Wenn ein Schauspieler an Bord sitzt, konzentrieren sich die Fragen oft auf die Person. Wenn dagegen Produzenten, Autoren oder Menschen aus dem Hintergrund einer Produktion erzählen, interessieren sich die Gäste stärker für die Inhalte und Prozesse. Wir möchten bewusst Raum für Dialog schaffen. Die Gäste sollen Fragen stellen können und einen echten Blick hinter die Kulissen bekommen. Das unterscheidet sich von klassischen Lesungen oder Auftritten prominenter Persönlichkeiten.

Viele Reedereien haben zuletzt wegen steigender Treibstoffkosten Zuschläge eingeführt. Thurgau Travel verzichtet darauf. Warum?

Wir haben die Entwicklung sehr genau beobachtet. Viele Anbieter haben relativ schnell reagiert und Zuschläge eingeführt. Wir haben uns bewusst für einen anderen Weg entschieden. Unsere Überlegung war relativ einfach: Wir stehen für Verlässlichkeit. Wenn wir einen Preis kommunizieren, möchten wir diesen nach Möglichkeit auch halten. Für das laufende Jahr haben wir deshalb entschieden, die Kostensteigerungen nicht an die Kunden weiterzugeben. Natürlich werden wir die Entwicklungen künftig in die Kalkulation einbeziehen. Aber für dieses Jahr war uns die Reputation wichtiger als nachträgliche Kostenerhebung an die Gäste.

Heißt das, dass Reisen künftig grundsätzlich teurer werden?

Die Branche wird Preisentwicklungen stärker berücksichtigen müssen. Niemand weiß heute, wie sich Energiepreise langfristig entwickeln werden. Für 2027 werden wir sicherlich mit größeren Puffern kalkulieren. Gleichzeitig gehen wir davon aus, dass sich die Märkte wieder stabilisieren werden.

Sie beobachten einen deutlichen Zuwachs bei Alleinreisenden. Woher kommt dieser Trend?

Der Trend wächst seit Jahren kontinuierlich. Viele Menschen sind heute länger aktiv und reisen selbstständiger als früher. Der überwiegende Teil unserer Alleinreisenden sind Frauen. Oft sind sie verwitwet oder geschieden, manchmal reisen sie aber auch ganz bewusst allein.


Während viele Anbieter auf größere Schiffe und das Premiumsegment setzen, stellt Thurgau Travel die persönliche Atmosphäre in den Mittelpunkt

Interessant ist, dass die meisten das Gefühl haben wollen, Bestandteil einer Gruppe zu sein. Sie möchten einfach das Erlebnis Kreuzfahrt gemeinsam mit anderen Menschen genießen. Deshalb setzen wir Alleinreisende auf Wunsch gemeinsam an einen Tisch. Das funktioniert sehr gut und wird von den Gästen geschätzt.

Gleichzeitig gewinnen kürzere Reisen an Bedeutung. Warum?

Das Reiseverhalten verändert sich. Früher dominierte die klassische Sieben-Nächte-Reise. Heute suchen viele Menschen nach flexibleren Formaten. Wir haben beispielsweise eine fünftägige Reise rund um Potsdam aufgelegt. Ehrlich gesagt waren wir selbst überrascht, wie schnell diese Reise ausverkauft war. Das Feedback war eindeutig: Für viele Gäste – besonders Neulinge im Flussreisebereich – ist eine Reisedauer von vier bis sechs Nächten ideal. Zwischen den ganz kurzen Schnupperreisen und den klassischen Wochenreisen gibt es einen Markt, der bislang unterschätzt wurde.

2027 drängen mit Celebrity River Cruises und weiteren Neubauten zusätzliche Kapazitäten auf Europas Flüsse. Wird der Wettbewerb deutlich härter?

Man muss unterscheiden: Die amerikanischen Anbieter bedienen zunächst einmal ein anderes Publikum als die klassischen europäischen Flusskreuzfahrer. Die Schiffe, die Preisstruktur und die Erwartungen der Gäste unterscheiden sich teilweise deutlich. Deshalb sehe ich darin nicht automatisch eine direkte Konkurrenz um dieselben Kunden. Die eigentliche Herausforderung liegt für mich an anderer Stelle.

Wo genau?

Bei der Infrastruktur. Die Zahl attraktiver Anleger ist begrenzt. Jeder möchte vor dem Kölner Dom, in Amsterdam oder an prominenter Stelle in den Innenstädten liegen. „Die Anleger werden zu bestimmten Zeiten und an bestimmten Orten wie Gold gehandelt werden.“ Je mehr Schiffe auf den Markt kommen, desto stärker wird der Wettbewerb um diese Liegeplätze. Daraus ergeben sich zwangsläufig Diskussionen mit Häfen und Destinationen. Themen wie Kapazitäten, Besucherströme und Overtourism werden künftig noch stärker in den Fokus rücken.

Gleichzeitig investieren viele Anbieter massiv in das Premiumsegment. Warum?

Das Premiumsegment ist traditionell das widerstandsfähigste Segment im Reisemarkt. Menschen möchten besondere Erlebnisse, mehr Komfort und Individualität. Reisen sind heute auch Ausdruck eines Lebensstils und gelten als Statussymbol. Deshalb gibt es immer Gäste, die bereit sind, für größere Kabinen, exklusive Erlebnisse oder besondere Schiffe mehr Geld auszugeben. Das macht dieses Segment natürlich auch für Investoren attraktiv.

Muss man diesen Trend als Anbieter zwangsläufig mitgehen?

Aus Unternehmersicht könnte man sagen: Der Wurm muss dem Fisch schmecken und nicht dem Angler. Persönlich sehe ich das etwas differenzierter. Nicht alles, was geht, muss man auch machen. Wir merken, dass unsere Gäste vor allem die persönliche Atmosphäre schätzen. Viele kommen immer wieder, kennen die Crew oder fragen gezielt nach bestimmten Reiseleitern. Deshalb ist unser Ziel nicht, ständig neue Rekorde oder immer größere Schiffe zu präsentieren. Unsere beste Werbung sind zufriedene Stammgäste.


Von Reisen abseits der Klassiker bis zu KI-gestützter Reisesuche: Thurgau Travel setzt auf Spezialisierung statt Massenmarkt

Künstliche Intelligenz verändert derzeit den Vertrieb. Welche Rolle spielt KI für Thurgau Travel?

KI wird viele Prozesse vereinfachen und begleiten. Besonders spannend finde ich aber die Veränderungen bei der Reisesuche. Immer mehr Menschen nutzen KI-gestützte Suchsysteme und individuell trainierte Suchagenten. Die entscheidende Frage wird künftig sein, wie sichtbar man in diesen Suchumgebungen ist. Wenn wir dort gut positioniert sind, kann das langfristig wichtiger werden als manche klassische Vertriebsschnittstelle. Die nächste Generation von Reisenden wird ganz selbstverständlich über KI-Agenten nach Reisen suchen.

Zum Schluss noch ein Blick auf die Kundenbewertungen. Thurgau Travel erzielt auf Trustpilot außergewöhnlich hohe Werte. Warum wird das bislang vergleichsweise wenig kommuniziert?

Trustpilot bietet nach unserer Meinung den entscheidenden Mehrwert bei Neukunden. Die hohe Bewertung kommt nicht von ungefähr, denn Thurgau Travel hat sehr früh angefangen, systematisch Kundenfeedback einzuholen und digital auszuwerten, noch bevor das Ratingsystem jeden Service durchdrungen hat. Das betrifft den gesamten Prozess – von der Buchung bis zur Reise selbst. Dadurch haben wir über viele Jahre eine große Zahl an Bewertungen aufgebaut. Für mich sind solche Bewertungen ein wichtiger Indikator. Sie zeigen, wie die Gäste das Produkt tatsächlich erleben.

Danke fürs Gespräch!
Jean-Marc Göttert
 

Zur Person: Tim Starke

Tim Starke ist Deutschland-Chef des Schweizer Flusskreuzfahrtanbieters Thurgau Travel und verantwortet seit dem Markteintritt 2022 den Aufbau der deutschen Gesellschaft in Berlin. Der studierte Medienwissenschaftler ist ein Quereinsteiger in die Touristik.

Nach Stationen im Marketing und bei der Stadt Berlin wechselte er zum Berliner Veranstalter Lernidee Erlebnisreisen, wo er den internationalen Vertrieb verantwortete. Über gemeinsame Projekte zwischen Lernidee und Thurgau Travel entstand schließlich der Kontakt zum Schweizer Familienunternehmen.

Starke steht für einen eher bodenständigen Ansatz im Kreuzfahrtgeschäft. Statt auf Größe und Neubau-Offensiven setzt er auf persönliche Betreuung, ungewöhnliche Routen und langfristige Kundenbindung.