CFM-CTO Camil Binas über KI, Menschlichkeit und die Zukunft des Reisens
KI übernimmt Routineaufgaben – aber Kreativität und Offenheit entstehen anders. Camil Binas, CTO von CFM Media, sagt: Reisen erweitert den Horizont auf eine Weise, die kein Algorithmus replizieren kann. Deshalb könnte die Reisebranche in einer KI-Welt sogar noch wertvoller werden.

Künstliche Intelligenz verändert derzeit nahezu jede Branche – auch den Tourismus. Camil Binas, CTO des Technologieunternehmens CFM Media, beschäftigt sich intensiv mit KI-Agenten, Multi-Agenten-Systemen und der Frage, wie sich die Reisebranche in einer zunehmend digitalen Welt verändern wird. Im Gespräch mit TRVL Counter erklärt er, warum echte Reiseerlebnisse für Menschen künftig sogar noch wichtiger werden könnten.
Der KI-Hype scheint inzwischen alles zu überrollen. Warum entsteht gerade jetzt dieser enorme Druck auf Unternehmen?
Weil inzwischen jeder spürt, dass hier etwas passiert, das man nicht mehr ignorieren kann. Man kommt ja kaum noch hinterher, wer gerade wie viele Milliarden investiert. Amazon kündigt neue Investitionen an, Google baut alles um, Microsoft integriert KI in praktisch jedes Produkt. Gleichzeitig hören wir ständig, dass jetzt plötzlich alles über sogenannte Agents laufen soll.
In den Gesprächen mit Kunden merkt man sehr deutlich: Alle wollen sich mit KI beschäftigen, jeder spürt diesen Druck. Aber gleichzeitig wirkt das Thema immer noch wie Magie. Viele benutzen ChatGPT mittlerweile täglich, aber trotzdem verstehen die wenigsten wirklich, was da technisch eigentlich passiert. Und genau deshalb finde ich es wichtig, das Ganze ein bisschen zu entmystifizieren. Denn sobald man versteht, wie diese Systeme funktionieren, verliert das Thema auch einen Teil seines Schreckens.
Was verstehen Sie konkret unter einem KI-Agenten?
Viele denken immer noch, ChatGPT selbst sei bereits die komplette KI. Technisch stimmt das aber eigentlich nicht. Im Kern steckt dort zwar ein großes Sprachmodell – also ein Large Language Model –, aber daraus entsteht noch lange kein Agent.
Die KI selbst ist eigentlich nur das Gehirn. Alles drumherum macht den eigentlichen Agenten aus. Dazu gehören Prompts, also klare Aufgabenbeschreibungen. Dazu gehören Werkzeuge, Datenzugriffe, Speicherfunktionen und vor allem der sogenannte Agent-Loop.
Ein Agent arbeitet nämlich Schritt für Schritt. Er analysiert zunächst ein Problem, überlegt dann, welche Werkzeuge er benutzen kann, verarbeitet Ergebnisse und entscheidet anschließend über den nächsten Schritt. Genau dadurch entsteht dieses Gefühl, dass das System „mitdenkt“.
Können Sie das an einem Beispiel erklären?
Nehmen wir eine Reisebuchung. Ein Nutzer sagt dem Agenten einfach: „Ich muss nach Lissabon.“ Dann analysiert der Agent zunächst die Aufgabe. Er erkennt: Ich brauche Flugdaten. Also benutzt er ein entsprechendes Tool und sucht Flüge heraus. Im nächsten Schritt bewertet er die Ergebnisse. Vielleicht kennt er sogar Reisepräferenzen des Nutzers und weiß: Diese Person bevorzugt Direktflüge oder fliegt ungern nachts. Dann kann er eine Empfehlung aussprechen. Das Entscheidende ist: Dieses Vorgehen passiert schrittweise. Der Agent arbeitet sich strukturiert durch das Problem. Genau das unterscheidet ihn von vielen einfachen Chatbots.
Viele Unternehmen integrieren aktuell Chatbots. Sind das automatisch KI-Agenten?
Nein, überhaupt nicht. Viele Systeme draußen sind eigentlich nur bessere FAQ-Systeme. Sie greifen vielleicht auf eine Datenbank zu und formulieren Antworten schöner aus. Das ist aber noch kein echter Agent. Ein guter Agent weiß exakt, wofür er gebaut wurde. Er kennt seine Aufgabe, seine Grenzen und seine Werkzeuge. Wenn ich auf einer Reisewebsite plötzlich nach einem Käsekuchen-Rezept fragen kann und der Chatbot beantwortet das, dann ist das ein schlechtes System. Dann macht der Agent eben nicht mehr das, was er eigentlich tun soll. Das ist im Grunde wie ein gehacktes System. Der Agent verliert seinen eigentlichen Fokus.
Sie sprechen sehr stark über Kontrolle und Begrenzung solcher Systeme. Warum ist das so wichtig?
Weil KI niemals völlig autonom funktionieren darf. Die Verantwortung bleibt immer beim Menschen. Das ist ein ganz zentraler Punkt. Viele sagen heute schnell: „Die KI hat einen Fehler gemacht.“ Aber eigentlich stimmt das nicht. Ein Mensch hat entschieden, diese KI einzusetzen. Ein Mensch hat entschieden, den Ergebnissen zu vertrauen. Genau deshalb bleibt die Verantwortung immer bei den Menschen – bei den Entwicklern, bei Unternehmen oder bei denjenigen, die die Systeme einsetzen. Das finde ich übrigens auch deshalb wichtig, weil häufig so getan wird, als seien Fehler bei KI etwas völlig Neues. Menschen machen ebenfalls ständig Fehler. Trotzdem schaffen wir ja nicht alle Mitarbeiter ab.
Das heißt, Unternehmen müssen lernen, mit KI-Fehlern ähnlich umzugehen wie mit menschlichen Fehlern?
Genau. Wenn ein Mitarbeiter Fehler macht, sagen wir ja auch nicht sofort: „Menschen funktionieren nicht.“ Stattdessen bauen wir Prozesse, Kontrollmechanismen und Regeln. Genauso muss man auch mit KI umgehen. Ein Agent wird niemals perfekt sein. Auch die hundertste Version wird noch Fehler machen. Entscheidend ist, wie wir diese Systeme kontrollieren und absichern.
Deshalb braucht KI klare Grenzen. Wenn ein Agent beispielsweise Reisen buchen darf, dann definiert man Regeln. Vielleicht darf er nur bis zu einem bestimmten Budget eigenständig buchen. Alles darüber muss ein Mensch freigeben. Das Spannende ist ja: Genau diese Grenzen können wir komplett selbst definieren.
Viele Menschen empfinden die aktuellen KI-Systeme trotzdem als unglaublich intelligent. Überschätzen wir diese Systeme?
Teilweise schon. Die Systeme wirken beeindruckend, weil sie Sprache sehr überzeugend verarbeiten können. Aber das bedeutet nicht automatisch, dass sie wirklich verstehen wie Menschen. Das sieht man besonders beim Thema Kreativität. KI kann Dinge kombinieren und neu zusammensetzen. Aber echte Kreativität entsteht anders.
Ich habe in der Vorbereitung ein sehr spannendes Projekt eines koreanischen Künstlers gesehen. Dort sollten Kinder und KI-Systeme neue Fantasietiere erfinden. Die KI hat Wesen erzeugt, die irgendwie bekannt wirkten – Drachen, Mischwesen, Variationen von Tieren, die wir schon kennen. Kinder dagegen denken völlig frei. Die haben keinerlei innere Begrenzung. Genau darin liegt echte Kreativität.
Sie sagen deshalb: „KI bleibt die Coverband der Menschheit.“
Ja, weil es das sehr gut beschreibt. KI wird immer auf Dingen aufbauen, die bereits existieren. Sie kann variieren, kombinieren und reproduzieren. Aber wirklich neue kreative Ideen entstehen weiterhin durch Menschen. Das bedeutet übrigens auch, dass Kreativität in Zukunft noch wichtiger wird. Denn je mehr Routineaufgaben automatisiert werden, desto wertvoller werden Menschen, die wirklich kreativ denken können.
Welche Rolle spielt dabei die Reisebranche?
Eine sehr spannende sogar. Reisen hält Menschen kreativ. Neue Kulturen, neue Eindrücke, Perspektivwechsel – all das erweitert den Horizont. Wenn wir auf eine Welt zusteuern, in der immer mehr Prozesse automatisiert werden, dann werden genau diese menschlichen Erfahrungen wichtiger. Reisen hilft Menschen, offen und kreativ zu bleiben. Deshalb sage ich tatsächlich: Reisen könnte in einer KI-Welt sogar noch wertvoller werden.
Neben Kreativität nennen Sie auch Menschlichkeit und Empathie als klare Grenzen von KI.
Ja, weil es Situationen gibt, die man nicht automatisieren sollte. Wir sehen aktuell Diskussionen darüber, ob KI-Systeme militärisch genutzt werden dürfen, um automatisch Ziele auszuwählen. Technisch ist vieles möglich. Aber nur weil etwas technisch funktioniert, heißt das noch lange nicht, dass man es tun sollte. Da bin ich ehrlich gesagt froh, dass wir Regulierung haben. Manche Grenzen müssen gesellschaftlich gezogen werden.
Und in der Touristik?
Auch dort gibt es Situationen, in denen Menschen unverzichtbar bleiben. Wenn Gäste wegen einer Krise irgendwo feststecken oder dringend Hilfe brauchen, dann möchte niemand mit einem emotionslosen KI-Agenten sprechen. In solchen Situationen braucht es Empathie, Erfahrung und Verantwortung. Natürlich kann KI Prozesse unterstützen oder Informationen liefern. Aber echte menschliche Betreuung bleibt extrem wichtig.
Trotzdem investieren Unternehmen massiv in KI. Warum?
Weil KI Dinge ermöglicht, die vorher schlicht nicht möglich waren. Wir entwickeln aktuell beispielsweise Multi-Agenten-Systeme für unsere Analytics-Plattform. Dort analysieren spezialisierte Agenten gemeinsam Daten, Suchverhalten, Umsätze oder Nutzerströme.
Ein Agent zerlegt die Fragestellung in Teilprobleme. Andere Agenten analysieren einzelne Bereiche. Ein weiterer überprüft anschließend die Qualität der Ergebnisse. Das Spannende ist: Solche Systeme können extrem komplexe Fragestellungen bearbeiten, die wir früher technisch kaum hätten umsetzen können.
Das bedeutet also: Nicht ein Super-Agent übernimmt alles, sondern viele spezialisierte Agenten arbeiten zusammen?
Genau. Einen einzigen Agenten zu bauen, der alles kann, ergibt überhaupt keinen Sinn. Menschen arbeiten ja auch spezialisiert. Deshalb entstehen jetzt Multi-Agenten-Systeme. Jeder Agent übernimmt eine klar definierte Aufgabe. Genau dadurch werden diese Systeme leistungsfähig und kontrollierbar. Das Interessante daran ist: KI-Agenten können auch untereinander kommunizieren. Und genau darin liegt enormes Potenzial – gerade für die Reisebranche.
Warum speziell für die Touristik?
Weil die Touristik unglaublich komplexe Prozesse hat. Heute verbinden wir unzählige Systeme über komplizierte Schnittstellen miteinander. Airlines, Veranstalter, Versicherungen, Hotels, Mietwagenanbieter – alles muss technisch integriert werden.
Langfristig könnten KI-Agenten viele dieser Probleme vereinfachen. Agenten könnten direkt miteinander kommunizieren und Geschäftsprozesse verstehen. Ein persönlicher Reise-Agent könnte beispielsweise eigenständig eine Stornierung organisieren, mit verschiedenen Systemen sprechen und den gesamten Ablauf koordinieren. Gerade die Touristik mit ihrer hohen Komplexität könnte davon massiv profitieren.
Sie entwickeln selbst bereits intensiv mit KI-Unterstützung. Wie stark verändert das die Softwareentwicklung?
Massiv. Wir haben ein eigenes Agent-Framework mit rund 80.000 Zeilen Code innerhalb weniger Wochen aufgebaut – unterstützt durch KI. Früher hätte man dafür vermutlich deutlich größere Teams und wesentlich mehr Zeit gebraucht. Heute können erfahrene Entwickler mit KI-Unterstützung Dinge umsetzen, die früher kaum realistisch gewesen wären. Das verändert gerade die gesamte Softwareentwicklung fundamental.
Viele Menschen haben trotzdem Angst vor KI. Halten Sie diese Sorge für übertrieben?
Zum großen Teil ja. Ich halte die Angst vor KI für weitgehend unbegründet. Die Systeme nehmen uns vor allem repetitive, langweilige Aufgaben ab. Genau die Dinge also, die ohnehin niemand gerne macht. Die Zukunft ist deshalb aus meiner Sicht kein Kampf zwischen Mensch und Maschine. Menschen bleiben verantwortlich, kreativ und empathisch. KI-Agenten werden dagegen spezialisierte Werkzeuge sein, die uns unterstützen. Und genau darin liegt eigentlich die große Chance dieser Technologie.
Danke fürs Gespräch!
Jean-Marc Göttert

