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Tag des Reisevertriebs 2026
02.06.26, 10:21 Uhr

DRV-Präsident Loidl: „Die Zukunft wird gut, wir müssen uns ihr nur stellen“

Die Zukunft des Reisevertriebs entscheidet sich nach Ansicht von Albin Loidl nicht im Gegeneinander verschiedener Vertriebswege, sondern im Miteinander. Beim Tag des Reisevertriebs stellte der DRV-Präsident Zusammenarbeit, digitale Transformation und die Rolle der Reisebüros als zentrale Erfolgsfaktoren heraus.

DRV-Präsident Albin Loidl eröffnete den Tag des Reisevertriebs in Frankfurt und warb für mehr Austausch, digitale Offenheit und Zuversicht in herausfordernden Zeiten. Foto: DRV / Marcel Kautz

Mit einem klaren Bekenntnis zum stationären Vertrieb, einer Warnung vor weiter steigenden Reisepreisen und einem eindringlichen Appell zur digitalen Transformation hat DRV-Präsident Albin Loidl den Tag des Reisevertriebs 2026 in Frankfurt eröffnet. Seine Botschaft an die Branche: Die Herausforderungen sind groß, die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Zukunft aber ebenfalls. Entscheidend werde sein, wie offen die Reisewirtschaft für Veränderung bleibt – und wie gut sie lernt, voneinander zu lernen.
 



Unter dem Motto „Gemeinsam stärker im Vertrieb“ kommen am heutigen Dienstag Reisebüros, Geschäftsreiseprofis, Veranstalter, Technologieanbieter und Vertriebsexperten in Frankfurt zusammen. Im Mittelpunkt stehen Themen, die den Reisevertrieb derzeit bewegen: künstliche Intelligenz, Digitalisierung, Kundenerwartungen, Preisentwicklung und neue Geschäftsmodelle.

Für DRV-Präsident Albin Loidl ist dabei bereits das Format der Veranstaltung Teil der Lösung. In seiner Eröffnungsrede erinnerte er an den kürzlich verstorbenen Philosophen Jürgen Habermas und dessen Überzeugung, dass Wahrheit im Gespräch entstehe. Nicht durch isoliertes Nachdenken, sondern durch den Austausch unterschiedlicher Sichtweisen und Argumente.

Gerade deshalb sei der Tag des Reisevertriebs ein wichtiges Forum. Die Themen, die die Branche beschäftigen, seien komplex. Umso wichtiger sei es, miteinander zu diskutieren, Erfahrungen auszutauschen und gemeinsame Antworten zu finden.  

Die größte Herausforderung heißt Preis

Inhaltlich kam Loidl schnell zu dem Thema, das ihn derzeit besonders umtreibt: die Preisentwicklung im Reisemarkt. Niemand könne heute seriös vorhersagen, ob es in diesem Jahr einen klassischen Last-Minute-Sommer geben werde. Zu viele Faktoren beeinflussten derzeit das Buchungsverhalten. Für Loidl steht jedoch fest, woran sich die weitere Entwicklung maßgeblich entscheiden wird: am Preis.  

Er erinnerte an ein Interview, das er wenige Tage zuvor gegeben hatte. Dort sei er gefragt worden, was aktuell die größte Herausforderung der Branche sei. Seine Antwort habe ohne Zögern gelautet: der Preis.
Dabei gehe es längst nicht mehr um Diskussionen über Cashback-Modelle oder einzelne Vertriebsmechanismen. Die eigentliche Frage sei inzwischen deutlich grundsätzlicher geworden. Viele Familien stünden vor der Herausforderung, dass klassische Urlaubsreisen zunehmend schwerer finanzierbar würden. Die Endpreise hätten ein Niveau erreicht, bei dem sich die sogenannte soziale Frage des Reisens neu stelle.  

Zwar habe die Branche in den vergangenen Jahren von einer bemerkenswert hohen Zahlungsbereitschaft der Verbraucher profitiert. Die Menschen seien bereit gewesen, erhebliche Preissteigerungen zu akzeptieren. Doch inzwischen scheine eine Grenze erreicht. Die Nachfrage sei weiterhin vorhanden, die finanzielle Belastbarkeit vieler Haushalte dagegen nicht unbegrenzt.

Politische Rahmenbedingungen im Fokus

Für Loidl ergibt sich daraus auch ein klarer politischer Auftrag für den DRV. Der Verband müsse weiterhin auf Rahmenbedingungen einwirken, die Reisen verteuern. Dabei nannte der DRV-Präsident insbesondere Luftverkehrssteuern, staatliche Abgaben, Gebühren sowie Kostenbestandteile, die aus regulatorischen Vorgaben entstehen. Auch die Belastungen durch den Deutschen Reisesicherungsfonds gehörten zu den Faktoren, die letztlich auf die Endpreise durchschlagen.

Es gehe dabei keineswegs darum, Sicherheit oder Verbraucherschutz infrage zu stellen. Vielmehr müsse ein Gleichgewicht gefunden werden zwischen notwendiger Absicherung und bezahlbaren Reisen. Die Reisewirtschaft werde sich weiterhin dafür einsetzen, dass Urlaub auch künftig für breite Bevölkerungsschichten erreichbar bleibt.  

Reisebüros bleiben das Fundament

Gleichzeitig nutzte Loidl die Gelegenheit, die Rolle des stationären Vertriebs hervorzuheben. Mit einem Augenzwinkern bemerkte er, dass manche Teilnehmer die Veranstaltung noch immer als „Tag des Reisebüros“ bezeichneten. Das sei zwar nicht falsch, greife aber mittlerweile zu kurz. Denn der Reisevertrieb habe sich in den vergangenen Jahren deutlich weiterentwickelt und umfasse heute weit mehr als das klassische Reisebüro.  

Dennoch ließ Loidl keinen Zweifel daran, welche Bedeutung der stationäre Vertrieb für die Branche besitzt. Reisebüros seien nach wie vor das Fundament des touristischen Vertriebs. Ihre Beratungsqualität, ihre Kundennähe und ihre Fachkompetenz seien ein wesentlicher Erfolgsfaktor der gesamten Reisewirtschaft.



KI als Schlüsselthema der kommenden Jahre

Den wohl deutlichsten Blick nach vorne richtete der DRV-Präsident beim Thema künstliche Intelligenz. Dass KI einen zentralen Platz im Programm des diesjährigen Tags des Reisevertriebs einnimmt, sei kein Zufall. Loidl sieht die Branche an einem technologischen Wendepunkt. Während Deutschland digitale Angebote intensiv nutze, bestehe bei vielen Menschen und Unternehmen noch erheblicher Nachholbedarf bei der digitalen Weiterbildung.

Genau hier wolle der Verband ansetzen. Ziel sei es, Reisebüros und Vertriebsorganisationen auf diesem Weg mitzunehmen und Orientierung zu geben. Die neuen Technologien seien keine abstrakte Zukunftsmusik mehr, sondern längst Realität. Wer ihre Möglichkeiten verstehe und sinnvoll einsetze, werde davon profitieren können.  

Um die Dimension des Wandels zu verdeutlichen, griff Loidl auf ein Bild zurück, das er bewusst als drastisch bezeichnete. Die Steinzeit sei nicht deshalb zu Ende gegangen, weil es keine Steine mehr gegeben habe. Sie sei zu Ende gegangen, weil neue Technologien entstanden seien.

Die Reisebranche befinde sich heute in einer vergleichbaren Situation. Technologische Entwicklungen würden Geschäftsmodelle, Arbeitsweisen und Kundenbeziehungen verändern. Wer sich diesen Veränderungen verweigere, laufe Gefahr, den Anschluss zu verlieren.  

Die Basis stimmt

Trotz aller Herausforderungen vermittelte Loidl in seiner Rede vor allem Zuversicht. Die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Zukunft seien vorhanden. Die Reiselust der Deutschen sei ungebrochen. Urlaub bleibe für viele Menschen ein Grundbedürfnis und ein wichtiger Bestandteil ihres Lebens. Gleichzeitig verfüge Deutschland über einen außergewöhnlich starken und professionellen Reisevertrieb. Die Reisebüros seien hervorragend ausgebildet, verfügten über hohe Fachkompetenz und stünden näher am Kunden als viele andere Marktteilnehmer.  

Doch genau diese Kundennähe müsse weiterentwickelt werden. Die Erwartungen der Kunden veränderten sich. Neue Wettbewerber drängten auf den Markt. Digitale Technologien eröffneten neue Möglichkeiten. Deshalb dürfe sich niemand auf bisherigen Erfolgen ausruhen.

Voneinander lernen statt gegeneinander arbeiten

Den vielleicht wichtigsten Gedanken seiner Rede formulierte Loidl zum Ende. Für ihn besteht die Zukunft des Reisevertriebs nicht darin, einzelne Vertriebswege gegeneinander auszuspielen. Auch die Diskussion zwischen klassischen und digitalen Geschäftsmodellen führe aus seiner Sicht nicht weiter. Erfolgreich werde die Branche nur dann sein, wenn sie bereit sei, voneinander zu lernen.

Mitbewerber seien nicht automatisch Gegner. Im Gegenteil. Oft entstünden die besten Ideen gerade dann, wenn unterschiedliche Perspektiven zusammenkämen. Reisebüros könnten von Technologieunternehmen lernen. Digitale Anbieter könnten von der Beratungsqualität stationärer Vertriebe profitieren. Veranstalter, Reisebüroketten, Geschäftsreiseanbieter und Technologiepartner stünden letztlich vor ähnlichen Herausforderungen.

Gerade deshalb seien persönliche Begegnungen wie der Tag des Reisevertriebs so wichtig. Hier entstehe der Austausch, der notwendig sei, um die Branche gemeinsam weiterzuentwickeln. Hier würden Erfahrungen geteilt, neue Ideen geboren und Kooperationen angestoßen. Für den DRV seien solche Formate deshalb weit mehr als reine Netzwerkveranstaltungen. Sie seien ein zentraler Baustein für die Zukunftsfähigkeit der gesamten Reisewirtschaft.  

Die Herausforderungen seien real. Hohe Preise, technologische Umbrüche und veränderte Kundenerwartungen würden die Branche weiter beschäftigen. Gleichzeitig verfüge die Reisewirtschaft über enorme Stärken: eine ungebrochene Reiselust, leistungsfähige Vertriebsstrukturen, engagierte Unternehmer und gut ausgebildete Mitarbeiter.

Die Zukunft werde deshalb nicht von selbst gut. Aber sie könne gut werden, wenn die Branche bereit sei, sich zu verändern, Neues anzunehmen und gemeinsam an Lösungen zu arbeiten. Oder, wie Albin Loidl es in Frankfurt formulierte: „Die Zukunft wird gut. Wir müssen uns ihr nur stellen.“

Jean-Marc Göttert