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BTW-Tourismusgipfel 2026
19.05.26, 17:30 Uhr

„Warten Sie nicht auf politische Entscheidungen“

Einst Exportweltmeister, heute gefangen in Regulierung: Zukunftsforscher und Mobilitätsexperte Stefan Carsten zeichnet ein ernüchterndes Bild des Standorts Deutschland – und fordert die Branche auf, die Mobilität der Zukunft selbst zu gestalten, statt auf die Politik zu warten.

In seinem Impulsvortrag warnt Zukunftsforscher Stefan Carsten vor deutscher Behäbigkeit bei Digitalisierung und Mobilität. Foto: BTW/Svea Pietschmann
Mit einem ungewöhnlich provokanten Impulsvortrag hat Zukunftsforscher und Mobilitätsexperte Stefan Carsten beim BTW-Tourismusgipfel in Berlin für einen der spannendsten Programmpunkte der Tagung gesorgt. Unter dem Titel „Mut zur Veränderung: Wie der Anschluss gelingt“ zeichnete Carsten das Bild einer Mobilitätsrevolution, die Tourismus, Geschäftsreisen und ganze Geschäftsmodelle grundlegend verändern wird.
 

Schon der Einstieg seines Vortrags war bemerkenswert direkt. Deutschland sei einmal Exportweltmeister gewesen, betont Carsten. „Wir haben die besten Autos gebaut, wir waren führend in der Chemieindustrie, die Pharmaindustrie war exzeptionell und die Maschinenbauer haben ihre Teile überall in die Welt exportiert.“ Möglich gewesen sei das durch starke Infrastruktur, funktionierende Verkehrswege und eine frühe technologische Führungsrolle. „Seitdem hat sich alles verändert“, sagte er – und stellte die provokante Frage: „Wie viel Zukunft steckt noch in Deutschland?“

Carsten sprach dabei nicht wie ein klassischer Technologie-Evangelist, sondern eher wie jemand, der die zunehmende Trägheit des Standorts Deutschland mit wachsender Sorge beobachtet. Seine Diagnose: Deutschland rede zu viel über Risiken und zu wenig über Gestaltung. Während anderswo längst neue Mobilitätsmodelle entstehen, verliere man sich hierzulande in Regulierung, Zuständigkeiten und Abwehrreflexen.

„Die Art und Weise, wie Mobilität passiert, wird sich dramatisch verändern“, sagte Carsten. „Ab sofort. Drastisch. Über die nächsten 20 bis 30 Jahre.“ Und betroffen seien davon nicht nur Autohersteller oder Verkehrsunternehmen, sondern vor allem diejenigen, „die Mobilität verkaufen“, also Airlines, Mietwagenanbieter, Geschäftsreiseplattformen, Reiseveranstalter und letztlich die gesamte touristische Infrastruktur.

Die Mobilität der Zukunft ist autonom, flexibel und datengetrieben

Besonders eindrucksvoll war Carstens Blick auf autonomes Fahren. Während Deutschland noch darüber diskutiere, ob und wie autonome Fahrzeuge überhaupt reguliert werden könnten, seien Robotaxis in den USA längst Teil des Alltags. „Jeder Uber, jeder Lyft, jeder Waymo bereitet sich auf diese Zukunft vor“, sagte er. Millionen autonome Fahrten würden dort bereits stattfinden. „Dies wird kommen. Nach Deutschland, nach Berlin, nach Klein-Tanzmannsdorf – überall.“

Carsten beschrieb dabei nicht einfach nur technische Innovationen, sondern eine komplett neue Logik von Mobilität. Weg vom statischen Linienverkehr, hin zu dynamischen, KI-gesteuerten Mobilitätsnetzwerken. Bis 2040 könnten „850.000 autonome Shuttles“ auf deutschen Straßen unterwegs sein – integriert in den öffentlichen Nahverkehr und kombiniert mit Deutschlandticket, Sharing-Angeboten und digital orchestrierten Reiseketten.

 


Foto: BTW/Svea Pietschmann
 


Besonders im ländlichen Raum sieht Carsten darin enormes Potenzial. Der klassische ÖPNV funktioniere dort vielerorts längst nicht mehr. Linienbusse würden häufig „nur mit heißer Luft“ durch die Gegend fahren. Autonome Shuttle könnten dagegen völlig neue Mobilität ermöglichen. „Dann können wir sonntagnachts um drei Uhr morgens die besoffenen Kegelbrüder an jeder Gießkanne in jedem Dorf abholen“, sagte er provokant.

Hinter der humorvollen Zuspitzung steckte allerdings eine hochpolitische Aussage: Mobilität müsse künftig bedarfsgerechter, flexibler und regional intelligenter organisiert werden. Genau dafür brauche es jetzt Modellregionen und politische Unterstützung.

Deutschlands größte Schwäche: die Angst vor Veränderung

Auffällig war, wie konsequent Carsten mit der deutschen Mentalität abrechnete. Immer wieder sprach er über Angst, Verharren und regulatorische Übervorsicht. „Ich weiß, wir lieben es in Deutschland, über Ängste zu sprechen“, sagte er. „Aber wir müssen keine Angst haben.“

Autonome Fahrzeuge seien bereits heute „Faktor zehn sicherer“ als menschliche Fahrer – „vor allem die Männer unter Ihnen“, ergänzte er mit einem Seitenhieb auf Unfallstatistiken. Besonders Frauen würden autonome Fahrzeuge in Städten wie San Francisco oder Houston intensiv nutzen, weil sie sich sicherer fühlten und keine Angst vor Übergriffen hätten.

Genau darin zeigte sich ein wesentlicher Unterschied zu vielen klassischen Technologiedebatten: Carsten sprach nicht nur über Effizienz oder Digitalisierung. Er sprach über gesellschaftliche Teilhabe, Sicherheit und neue Freiheit durch Mobilität.

Die „Scooter-Generation“ denkt längst anders

Besonders spannend wurde der Vortrag dort, wo Carsten über Generationenwandel sprach. Die jüngeren Generationen seien nicht mehr klassisch automobil sozialisiert. Sie machten zwar weiterhin Führerschein – wollten aber immer seltener selbst ein Auto besitzen. „Die Menschen wollen nur noch Zugriff und Zugang zur Automobilität.“

Die von ihm beschriebene „Scooter-Generation“ sei Ausdruck genau dieses Wandels. In Deutschland gebe es inzwischen rund eine Million Scooter – davon nur 20 Prozent Sharing-Angebote. Die große Mehrheit befinde sich im Privatbesitz und werde vor allem in Vororten und ländlichen Regionen genutzt. Nicht aus Lifestyle-Gründen, sondern weil dort Mobilitätsalternativen fehlen.

Der klassische ÖPNV sei in vielen Regionen faktisch nicht mehr präsent. Menschen organisierten sich deshalb selbst neue Mobilitätsformen – flexibel, individuell und digital. Genau darin liege eine Entwicklung, die von Politik und klassischen Verkehrsstrukturen noch immer unterschätzt werde.

Die Reisekette wird neu gedacht

Besonders relevant für die Touristik war Carstens Analyse der sogenannten multimodalen Reisekette. Künftig werde entscheidend sein, wie reibungslos unterschiedliche Mobilitätsformen miteinander verbunden werden.

Heute müsse der Reisende oft noch „17 Apps“ gleichzeitig bedienen, um ans Ziel zu kommen. Genau diese Brüche seien das eigentliche Problem moderner Mobilität. Niemand wolle nach einer Flugreise vor einem Fahrkartenautomaten stehen und versuchen, komplizierte Tarifsysteme zu verstehen. „Dann fährt man halt eben doch mit dem Taxi“, sagte Carsten. „Gut für die Taxis, schlecht für alles andere.“


Foto: BTW/Svea Pietschmann

KI werde deshalb künftig vor allem Mobilität orchestrieren: Auswahl, Bündelung, Individualisierung und Echtzeit-Steuerung von Verkehrsangeboten. Geschäftsreise und Privatreise würden dabei zunehmend verschmelzen.

Carsten sprach in diesem Zusammenhang auch über Zeit als entscheidenden Wettbewerbsfaktor. Anbieter wie Uber investierten Milliarden in die präzise Berechnung von Ankunftszeiten. Denn wenn Mobilität unzuverlässig werde, wechselten Kunden sofort zum nächsten Anbieter.

„Das haben wir schon immer so gemacht“

Der vielleicht stärkste Satz des gesamten Vortrags fiel erst ganz am Ende. Carsten sprach über die „sieben teuersten Worte jeder Organisation“: „Das haben wir schon immer so gemacht.“

Genau darin lag letztlich die eigentliche Botschaft seines Vortrags. Nicht Technologie sei das größte Problem Deutschlands – sondern mentale Trägheit, Silodenken und die Hoffnung, politische Prozesse würden die Veränderungen irgendwann schon lösen.

Deshalb formulierte Carsten am Ende einen fast schon unternehmerischen Appell an die Branche: „Warten Sie nicht auf politische Entscheidungen.“ Die Wirtschaft müsse „das Heft des Handelns wieder selbst in die Hand nehmen“. Unternehmen, Regionen und Mobilitätsanbieter müssten anfangen, gemeinsam neue Lösungen zu entwickeln – statt weiter auf perfekte politische Rahmenbedingungen zu warten.