„Die touristische Zukunft findet statt – die Frage ist nur: wie“
Tourismusforscher Martin Lohmann zeichnet auf Basis der ReiseAnalyse ein überraschend stabiles Bild der Reisewelt bis 2035. Die Nachfrage bleibt konstant – aber die Erwartungen steigen. Für die Branche bedeutet das: weniger Wachstum, mehr Differenzierung und ein höherer Beratungsbedarf.

Es ist ein Vortrag, der sich bewusst gegen die Dramaturgie der Gegenwart stellt. Während auf der Bühne zuvor über Krisen, Kriege und operative Ausnahmezustände diskutiert wird, richtet Martin Lohmann, wissenschaftlicher Berater der ReiseAnalyse, den Blick nach vorn – und entzieht sich dabei den üblichen Schlagworten. „Die touristische Zukunft, dass sie überhaupt stattfindet, ist eigentlich keine Frage. Aber wie sie stattfinden wird – das ist eure Arbeit“, sagt Lohmann gleich zu Beginn. Es ist ein Satz, der weniger Prognose als Auftrag ist – an eine Branche, die sich gerade neu sortiert.
Die große Überraschung: Es bleibt stabil
Was Lohmann präsentiert, wirkt auf den ersten Blick unspektakulär – und genau darin liegt seine Pointe. Die Nachfrage nach Urlaubsreisen bleibt stabil. Seit Jahren bewegen sich die Zahlen auf konstant hohem Niveau. „Wir haben knapp 70 Millionen Urlaubsreisende, die Stabilität ist sehr hoch“.
Für eine Branche, die sich oft von kurzfristigen Ausschlägen treiben lässt, ist das eine zentrale Erkenntnis: Die Basis stimmt. Urlaub bleibt ein zentrales Bedürfnis – nicht trotz, sondern gerade wegen der Unsicherheiten.
Der Grund liegt für Lohmann im Kern des Produkts selbst. Tourismus lebt nicht von Logik, sondern von Emotion: „Die Zukunftsfähigkeit gewinnt der Tourismus aus den Nutzen, die die Reisenden erleben“ – aus Freude, Erlebnissen, Status, Auszeit.
Mehr Anspruch statt mehr Wachstum
Wachstum ist dabei nicht die zentrale Kategorie. Vielmehr verändern sich die Erwartungen. Ein besonders deutliches Signal liefert die Preiswahrnehmung: Während der Wunsch nach günstigen Reisen stabil bleibt, wächst parallel der Anspruch an Qualität und Erlebnis. „Die luxuriöse Einstellung […] steigt stärker als die preiswerte Kurve“. Die Konsequenz: Der Markt wird nicht größer, aber anspruchsvoller. Anbieter stehen unter wachsendem Druck, differenzierte Produkte zu entwickeln, die über den reinen Preis hinausgehen.
Demografie: Bekannt – aber unterschätzt
Auch beim demografischen Wandel bleibt Lohmann nüchtern. Ja, die Gesellschaft altert. Aber: „Dieser Zugang an Älteren ist […] überschaubar, man kann damit arbeiten“. Viel entscheidender ist für ihn ein anderer Aspekt: Die heutigen älteren Reisenden sind nicht mehr mit früheren Generationen vergleichbar. Sie sind aktiver, reisefreudiger, anspruchsvoller. Gleichzeitig wächst die Vielfalt durch Migrationserfahrungen und neue Lebensmodelle. Der Markt wird damit nicht nur älter – sondern heterogener.
Verschiebungen statt Umbrüche
Auch bei den Reisezielen zeigt sich kein radikaler Wandel, sondern eine langsame Verschiebung. Küstenregionen gewinnen weiter an Bedeutung, Fernreisen legen zu, während klassische Muster bestehen bleiben. „Da passiert also nicht irre viel“, sagt Lohmann bewusst lapidar.

Tourismusforscher Prof. Dr. Martin Lohmann ordnet die Zukunft der Reisemärkte auf Basis von Langzeitdaten ein. Foto: DRV/Marcel Kautz
Diese Einschätzung widerspricht vielen gängigen Narrativen – etwa der Vorstellung, dass sich Märkte grundlegend neu erfinden. Tatsächlich verlaufen Veränderungen oft langsamer, dafür nachhaltiger.
Die unterschätzte Chance der Beratung
Besonders spannend wird Lohmann dort, wo er ins Detail geht. Am Beispiel von Familienreisen zeigt er, wie komplex Nachfrage wahrhaftig ist. Unterschiedliche Erwartungen innerhalb einer Reisegruppe führen zu Zielkonflikten – zwischen Erholung, Erlebnis und Familienzeit. „Die Motive sind konflikthaft“, sagt Lohmann, und genau daraus entstehe eine zentrale Chance für die Branche. Denn wo Kunden selbst nicht genau wissen, was sie wollen, entsteht Beratungsbedarf.
Das gilt umso mehr in einer Welt, die Lohmann als „multi-optional“ beschreibt. Die Auswahl wächst, die Entscheidung wird schwieriger. Am Ende, so seine These, kaufen Kunden nicht das Beste, sondern „das, was gut genug ist“.
Die eigentliche Herausforderung: Orientierung
Genau hier liegt der strategische Kern seiner Analyse. Trends geben keine Handlungsanweisung, sondern einen Rahmen. „Die Trends sagen nicht, was wir tun sollen“, betont Lohmann. Aber sie helfen, Entwicklungen zu verstehen – und daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen. Für die Branche bedeutet das: weniger Fokus auf kurzfristige Effekte, mehr Aufmerksamkeit für langfristige Linien. Weniger Reaktion, mehr Strategie.
Analyse: Keine Revolution – aber ein klarer Auftrag
Was Lohmann liefert, ist keine spektakuläre Zukunftsvision. Es ist eine nüchterne, datenbasierte Einordnung – und gerade deshalb so relevant. Der Tourismus der Zukunft wird nicht radikal anders sein. Aber er wird komplexer, anspruchsvoller, differenzierter. Kunden erwarten mehr, entscheiden später, vergleichen intensiver – und sind gleichzeitig schneller überfordert. Oder, zugespitzt formuliert: Die größte Herausforderung ist nicht der Wandel.

