DRV-Präsident Albin Loidl: „Die Zukunft wird gut“
DRV-Präsident Albin Loidl beschreibt auf den Azoren eine Branche im Dauerstress. Globale Krisen, steigende Kosten und politische Baustellen prägen den Markt. Zeitgleich gewinnt Vertrauen strategisch an Bedeutung – und der Wert von verlässlicher Beratung am Counter steigt.

Ponta Delgada, São Miguel, Azoren. Ein wolkenüberhangener, regnerischer Morgen liegt über der großen Hauptinsel der Azoren, die Luft ist frisch, der Atlantik rau, die Wellen in ständiger Bewegung. Und über dem weiten Horizont türmen sich Wolken, dicht und schwer, getrieben vom Wind, als wollten sie Unruhe ankündigen.
Azoren als Bühne für eine Standortbestimmung
Im historischen Teatro Micaelense beginnt der offizielle Teil der DRV-Jahrestagung. Das Haus gilt als kulturelles Herz von Ponta Delgada – ein Ort, an dem sich Kunst, Öffentlichkeit und internationale Veranstaltungen verbinden und der gerade für Kongresse eine besondere Mischung aus historischer Atmosphäre und moderner Infrastruktur bietet.
Hier beginnt der offizielle Teil der DRV-Jahrestagung, rund 350 Vertreter der Branche sind vor Ort, Veranstalter, Reisebüros, Partner.
Moderatorin Andrea Grießmann betritt im frühlingshaft hellblauen Kostüm die Bühne und eröffnet den Kongresstag souverän und mit spürbarer Routine. Es folgen einleitende Worte von Hauptgeschäftsführer Achim Wehrmann sowie kurze Beiträge der Gastgeber: Carlos Abade, President of the Board von Visit Portugal, und Berta Cabral, Regional Secretary for Tourism, Mobility and Infrastructure der Azoren, geben Einblicke in Destination, Strategie und Perspektiven.
Ausgangslage voller Widersprüche
Im Saal herrscht zu diesem Zeitpunkt bereits eine konzentrierte, zugleich spürbar vorsichtig gewordene Stimmung, geprägt von Gesprächen über die Krise im Nahen Osten, steigende Kosten und mögliche Kerosinzuschläge der Airlines. Erst danach kündigt Grießmann den DRV-Präsidenten an: Albin Loidl tritt ans Rednerpult – und gibt dieser diffusen Lage mit seiner Keynote eine klare, analytische Einordnung.
Vielleicht gehört es zum Rollenverständnis eines DRV-Präsidenten, Zuversicht zu vermitteln und Optimismus auszustrahlen. Doch an diesem Morgen wählt Loidl einen anderen Ton – nüchtern, ernst und klar in der Analyse. „Wir bewegen uns gerade in einem Spannungsfeld zwischen Aufbruch und Unsicherheit, zwischen Stabilität und Veränderung“, sagt er. Es ist ein Satz, der hängen bleibt, weil er die Ambivalenz dieser Tage treffsicher auf den Punkt bringt.
Eine Branche im Dauerstress – wieder einmal
Loidl macht schnell deutlich, dass es sich bei den aktuellen Entwicklungen nicht um vorübergehende Störungen handelt, sondern um eine neue strukturelle Realität: „Die geopolitischen Entwicklungen sind die neue Realität für unsere Branche, mit der wir umgehen müssen.“
Die erst vor wenigen Tagen vereinbarte Waffenruhe im Nahen Osten bewertet er dabei bewusst nüchtern als „ein Moment des Innehaltens. Ein kleiner Hoffnungsschimmer“ – ohne daraus falsche Sicherheit abzuleiten. Denn, so ergänzt er unmissverständlich: „Von Entwarnung kann zum jetzigen Zeitpunkt noch keine Rede sein.“

DRV-Präsident Albin Loidl sieht die Branche in einem Spannungsfeld zwischen stabiler Nachfrage und wachsender Unsicherheit. Foto: DRV/Marcel Kautz
Der Krieg am Persischen Golf wirke weit über die Region hinaus. Es seien nicht nur gesperrte Lufträume oder eingeschränkte Verbindungen, die die Branche träfen, sondern vor allem die Verunsicherung der Kunden weltweit. „Diese Entwicklung trifft unsere Branche hart – nicht nur durch die direkten Auswirkungen in der Golfregion, sondern vor allem durch die Verunsicherung, die er auslöst – und zwar weltweit“.
„Menschliche Tragödie“
Dabei verlässt Loidl die rein wirtschaftliche Perspektive: „Dieser Krieg ist vor allem eines – eine menschliche Tragödie“, sagt er. Seine Gedanken seien bei den Menschen im Iran, in Israel und im gesamten Nahen Osten. „Gleiches gilt natürlich auch für die Betroffenen in der Ukraine.“ Es sind Sätze, die den Raum kurz still werden lassen und den Ton der Rede erden.
Er verweist auf die Leistungsfähigkeit der Branche in genau solchen Krisensituationen. Die Rückholung zehntausender Reisender unter schwierigsten Bedingungen sei ein Beispiel dafür, wie schnell und effektiv organisiert gehandelt werden könne. Das habe „enorme logistische Leistungen, schnelle Entscheidungen und vor allem eines: die Übernahme von Verantwortung erfordert“ – und genau darin liege die eigentliche Stärke der organisierten Reise.
Das Paradox der Nachfrage
Ökonomisch beschreibt Loidl eine Entwicklung, die viele im Saal bestätigen: Die Reiselust ist ungebrochen – doch sie äußert sich anders als noch vor wenigen Jahren. „Die Nachfrage ist da – aber sie materialisiert sich erst später“, sagt er und beschreibt damit eine Verschiebung, die für die Branche erhebliche Auswirkungen hat. Kunden entscheiden kurzfristiger, halten Optionen länger offen und reagieren sensibler auf äußere Einflüsse.
Der Grund dafür liegt auf der Hand: „Globale Mobilität ist keine Selbstverständlichkeit. Sie ist verletzlich“, so Loidl. Was lange als gegeben galt, wird nun neu bewertet – mit direkten Konsequenzen für Planung, Vertrieb und Preisgestaltung.
Deutschland im Wettbewerbsnachteil
Mit Blick auf den Standort Deutschland wird der DRV-Präsident deutlich. Zwar erkennt er an, dass die Bedeutung des Outgoing-Tourismus politisch stärker wahrgenommen wird, doch entscheidend sei, was daraus folgt. „Die Unternehmen brauchen konkrete Entlastungen – sei es bei Bürokratie, bei steuerlichen Rahmenbedingungen oder bei den Lohnnebenkosten“.
Dazu zählt für Loidl ausdrücklich auch der Deutsche Reisesicherungsfonds: Die bereits erfolgte Beitragssenkung sei ein erster Schritt, reiche aber angesichts zusätzlicher Belastungen durch geopolitische Krisen nicht aus. Weitere Entlastungen seien notwendig, um die wirtschaftliche Handlungsfähigkeit der Veranstalter zu sichern und den Standort Deutschland im internationalen Wettbewerb nicht weiter unter Druck zu setzen.

Albin Loidl, Präsident des DRV, analysiert auf den Azoren die Herausforderungen der Branche. Foto: TRVL COUNTER
Besonders kritisch sieht er die Situation im Luftverkehr. Die Diskussion um die Luftverkehrsteuer sei exemplarisch für die Herausforderungen des Standorts. Eine Absenkung könne „ein erster Schritt sein – aber sie darf nicht der letzte bleiben“. Dahinter steht die klare Warnung, dass Deutschland im internationalen Wettbewerb zurückzufallen droht, wenn die Rahmenbedingungen nicht angepasst werden.
EU: Fortschritt mit Lücken
Auf europäischer Ebene erkennt er Fortschritte bei der Reform der Pauschalreiserichtlinie, die mehr Klarheit und Rechtssicherheit bringe. Gleichzeitig kritisiert er, dass zentrale Lehren aus vergangenen Krisen nicht ausreichend umgesetzt wurden. „Die unveränderte Rückerstattungsfrist von 14 Tagen zeigt, dass in außergewöhnlichen Situationen weiterhin zu wenig Flexibilität vorgesehen ist.“ Gerade vor dem Hintergrund der aktuellen geopolitischen Lage und der damit verbundenen Unsicherheiten werde deutlich, wie schnell Systeme an ihre Grenzen geraten können, wenn kurzfristig Stornierungen und Rückabwicklungen in großem Umfang erfolgen.
Loidl plädiert deshalb erneut für zusätzliche Instrumente wie verpflichtende Gutscheinlösungen oder zumindest mehr zeitliche Spielräume bei Rückerstattungen, um Veranstalter in Krisensituationen handlungsfähig zu halten. Sein Appell bleibt klar formuliert: „Wir brauchen ein ausgewogenes Verhältnis von Verbraucherschutz und wirtschaftlicher Tragfähigkeit.“
Die Renaissance der Beratung
Parallel zu diesen politischen und regulatorischen Fragen verändert sich der Markt bereits spürbar. Die Nachfrage verschiebt sich hin zu mehr Sicherheit, mehr Orientierung, mehr Verlässlichkeit. „Die organisierte Reise gewinnt zunehmend an Bedeutung“, stellt Loidl fest und verweist darauf, dass Kunden heute „Sicherheit für ihr Geld, Verlässlichkeit bei der Planung und Unterstützung im Fall von Unvorhersehbarem“ suchen.
Gerade in diesem Umfeld wird die Rolle der Reisebüros neu bewertet. Was lange als selbstverständlich galt, wird zum entscheidenden Differenzierungsmerkmal. „Wir übernehmen Verantwortung – für unsere Kundinnen und Kunden“, sagt Loidl – und formuliert daraus eine klare strategische Linie: „Die Zukunft der Reisebüros liegt nicht im Wettbewerb über den Preis, sondern ganz klar in ihrer fachlichen Kompetenz“.
Denn gerade bei komplexeren Reisen, etwa Fernreisen, Rundreisen oder individuell zusammengestellten Angeboten, stoßen standardisierte, rein digitale Prozesse an ihre Grenzen. Hier sind Einordnung, Erfahrung und persönliche Beratung gefragt. Kunden suchen Orientierung in einem zunehmend unübersichtlichen Markt, wollen Risiken besser einschätzen und erwarten Unterstützung, wenn sich Rahmenbedingungen kurzfristig ändern. Genau in diesem Spannungsfeld entsteht der Mehrwert des Reisebüros: als verlässlicher Ansprechpartner, der nicht nur verkauft, sondern begleitet, absichert und im Zweifel Lösungen findet.
Die Rolle des DRV und die nächste Generation
In dieser Gemengelage sieht Loidl auch den Verband gefordert. „Der DRV hat hier eine klare Rolle: Orientierung geben“ – eine Orientierung, die in Zeiten multipler Krisen wichtiger ist denn je. Der Verband müsse bündeln, einordnen und begleiten, etwa durch Webkonferenzen zur aktuellen Lage in Nahost oder Positionspapiere zu Themen wie Digitalisierung, KI und Nachhaltigkeit.
Gleichzeitig richtet Loidl den Blick bewusst nach vorn, auf die nächste Generation. „Unsere jungen Talente stehen für die nächste Generation unserer Branche – für neue Ideen, neue Perspektiven und die Bereitschaft, Dinge anders zu denken und auch zu machen“, sagt er und ergänzt: „Sie zeigen uns: Wandel ist nicht nur Herausforderung, Wandel ist in erster Linie Chance“.
Zwischen Wolken und Zuversicht
Draußen hat der Wind die Wolken inzwischen weitergetrieben. Der Himmel reißt auf, das Licht kehrt zurück. Vielleicht ist genau das das Bild dieser Tage auf den Azoren: eine Branche im Gegenwind, aber sturmerprobt und mit der Erfahrung, dass auf dunkle Wolken stets wieder Sonne folgt.
Am Ende wird Loidl persönlicher. „Ich bin Überzeugungsoptimist“, sagt er und blickt lächelnd in die Reihen der Teilnehmer. „Und ich bin sicher: Die Zukunft wird gut.“ Sein Satz steht einen Moment im Raum.
Die Keynote von DRV-Präsident Albin Loidl: sieben Thesen
- Geopolitik prägt den Markt dauerhaft: Krisen sind kein Ausnahmezustand mehr, sondern bestimmen Planung und Nachfrage.
- Nahost bleibt Unsicherheitsfaktor: Die Waffenruhe bringt kurzfristige Entspannung, aber keine echte Stabilität.
- Nachfrage verschiebt sich nach hinten: Reiselust bleibt, Buchungen erfolgen später und vorsichtiger.
- Reisebüros gewinnen strategisch an Bedeutung: Beratung, Sicherheit und Einordnung werden wieder zum zentralen Mehrwert.
- Preis verliert an Bedeutung: Kompetenz und Vertrauen werden wichtiger als reine Rabatte.
- Politischer Handlungsdruck steigt: Themen wie Luftverkehrsteuer, DRSF und EU-Regulierung entscheiden über Wettbewerbsfähigkeit.
- Trend: Mehr Beratung, spätere Buchungen, höhere Preise: Die Branche steuert auf einen Markt zu, in dem Sicherheit, Flexibilität und professionelle Begleitung entscheidend sind – bei gleichzeitig steigenden Kosten und wachsender Komplexität.

