Best-Reisen-Jahrestagung30.11.25, 11:00 Uhr
„Wer klein denkt, bleibt klein“
Mit klaren Zahlen und einer deutlichen Analyse macht Marcel Klinge auf der Best-Reisen-Jahrestagung sichtbar, wie groß die wirtschaftliche Bedeutung der Touristik ist – und wie gering ihre politische Schlagkraft. Die Touristik soll sich nicht einfach abspeisen lassen, mahnt er.

DZG-Vorstand Marcel Klinge argumentiert in Naga Bay für eine stärkere politische Verankerung des Tourismus und eine Bündelung der Kräfte in Berlin. Foto: Best Reisen
Das große weiße Tagungszelt steht nur wenige Meter vom Roten Meer entfernt; zwei breite Eingänge sind geöffnet, lassen Licht und ein wenig der warmen Außenluft herein. Auf dem fest verlegten Boden sind die Stuhlreihen akkurat ausgerichtet, alle Blicke auf die breite Bühne gerichtet, die den Raum klar strukturiert und ihm die Anmutung eines professionellen Kongresssaals verleiht. Die Klimaanlage hält die Temperatur angenehm kühl, das leise Klirren von Kaffeetassen mischt sich mit erwartungsvollem Murmeln. Es ist ein Ort, der wie gemacht scheint für gute Gespräche, für einen Moment könnte man meinen, diese Tagung sei mehr Urlaub als Arbeit.
Über die Bedeutungslosigkeit der Branche
Nun gehört die Bühne einem jungen, dynamischen Redner: Marcel Klinge, ehemaliger Bundestagsabgeordneter und heute Vorstandsvorsitzender sowie Mitgründer der ‚Denkfabrik – Zukunft der Gastwelt‘.“ Klinge beginnt dort, wo die Branche ungern hinsieht: bei ihrer politischen Bedeutungslosigkeit. Er macht deutlich, dass die Touristik in Deutschland ökonomisch längst eine Macht ist, politisch jedoch kaum vorkommt.
Während er spricht, wirkt es fast grotesk, wie weit auseinander die beiden Realitäten liegen. Er erinnert daran, dass die sogenannte Gastwelt – also Tourismus, Gastronomie, Hotellerie, Freizeitwirtschaft, Mobilität, Events, Kultur und angrenzende Bereiche – rund 6,1 Millionen Beschäftigte zählt.
Eine Zahl, die nicht nur groß ist, sondern größer als jene der Automobilindustrie, die in Deutschland seit Jahrzehnten als politischer Maßstab gilt. Die Touristik, so Klinge, sei in Wahrheit ein Wirtschaftsriese, der sich von der Politik behandeln lasse wie ein Zwerg.
Er zitiert eine aktuelle Studie des Fraunhofer Instituts, dass jeder Mensch in Deutschland im Durchschnitt alle acht Minuten Kontakt zur Gastwelt hat. Beim Frühstück im Café, beim Mittagessen in der Kantine, beim Check-in am Flughafen, im Hotel bei der Dienstreise, beim Besuch im Freizeitpark oder im Reisebüro um die Ecke. Die Touristik ist überall – und dennoch politisch nirgends.
Dieses Paradox legt Klinge präzise offen. Er spricht von einem Sektor, der strukturell unterschätzt wird, nicht durch die Märkte, sondern durch sich selbst. Ein Sektor, der sich an die Rolle des politischen Nebenschauplatzes gewöhnt hat, obwohl er längst eine Hauptrolle spielt.
Brauchen wir ein Ministerium für Tourismus?
Einen entscheidenden Wendepunkt seines Vortrags bildet die Studie der Hochschule Heilbronn, die die DZG in Auftrag gegeben hat. Klinge erklärt, dass diese Untersuchung erstmals wissenschaftlich untersucht hat, welche Vorteile ein eigenes Bundesministerium für Tourismus hätte. Es sei eine Studie, so sagt er, die nicht auszulegen oder schönzureden sei. Sie zeige in einer Klarheit, die in Berlin kaum noch ignoriert werden könne, dass die deutsche Tourismuspolitik unterstrukturiert, unterfinanziert und unterkoordiniert ist. Politikwissenschaftler nennen es ein „Policy-Orphan“, ein Politikfeld ohne Eltern, ohne klare Zuständigkeit, ohne strategische Heimat.
Besonders eindrücklich ist der internationale Vergleich. Deutschland ist das einzige große Reiseziel ohne eigenes Tourismusministerium. Die Länder, die deutsche Reisebüros täglich verkaufen – Ägypten, Griechenland, Türkei, Thailand, Portugal, Marokko – verfügen über Ministerien mit Milliardenbudgets und deutlich mehr politischer Schlagkraft. In Deutschland hingegen sei der Tourismus auf fünf Ministerien verteilt. In der Pandemie habe das zu chaotischen Entscheidungswegen geführt. Eine solche Situation dürfe sich nicht wiederholen.
Ein Thema, das Klinge im Rahmen seiner politischen Einordnung bewusst nur streift, aber dennoch klar markiert, ist das Lobbyregister. Auch hier zeigt sich aus seiner Sicht die Schwäche der touristischen Interessenvertretung. Während Branchen wie Automobil, Energie oder Pharma mit wenigen, klar erkennbaren Akteuren auftreten, erscheint die Touristik im Register geradezu zerfasert. Wer nachschlägt, findet eine Vielzahl kleinerer Verbände, Initiativen, Kooperationen und einzelner Unternehmen – ein Bild, das die mangelnde Bündelung der Kräfte förmlich schwarz auf weiß dokumentiert.
Organisierte Selbstschwächung
Klinge macht deutlich, dass diese Zersplitterung nicht nur interne Effizienz kostet, sondern auch in der öffentlichen Wahrnehmung ein Problem darstellt. Politik brauche eindeutige Ansprechpartner und erkennbare Strukturen; im Lobbyregister wirke die Touristik hingegen wie eine Branche ohne klare Linie. „Wenn selbst das Register mehr über uns sagt, als uns lieb sein kann, dann zeigt das, wie dringend wir eine gemeinsame Stimme brauchen“, fasst Klinge den Befund zusammen.
Dann kommt die Zahl, die im Publikum wie ein Weckruf wirkt: 111. Es sind 80 politische Verbände, eine Denkfabrik und 29 Unternehmen, die in Berlin Lobbyarbeit machen. Zusammen 111 Ansprechpartner. „Das ist die organisierte Form von Selbstschwächung“, sagt Klinge.
Es sei politisch unmöglich, so konkurrenzfähig zu sein. Es sei, als würde die Branche selbst dafür sorgen, dass sie in Berlin niemals ernst genommen werde. Er stellt die rhetorische Frage, welches Unternehmen sich ein Organigramm mit 80 parallelen Abteilungen leisten würde samt Overheadkosten.
Er weist darauf hin, dass im Bundeswirtschaftsministerium 2.200 Menschen arbeiten, aber nur 16 davon für die zweitgrößte Wirtschaftsbranche des Landes zuständig sind. Das sei nicht nur absurd, sondern fahrlässig. Tourismus sei Außenwirtschaft, Arbeitsmarkt, Standortpolitik, Kulturpolitik, Sicherheitspolitik und regionale Strukturpolitik zugleich – ein Querschnittsressort ohne institutionelle Verankerung.
Dann formuliert Klinge seine zentrale Forderung und deklariert sie klar als schlichte Notwendigkeit. Die Branche brauche ein Bundesministerium für Wirtschaft und Tourismus. Nicht als Prestigeprojekt, sondern als strukturelle Voraussetzung, um wirtschaftlicher Realität politische Entsprechung zu geben.
Vertretung auf Landesebene
An einem Punkt seines Vortrags wechselt Klinge überraschend die Perspektive und richtet den Blick auf die föderale Ebene. Er stellt eine einfache, aber entscheidende Frage: „Wo stehen wir denn eigentlich als Deutschland, wenn es um den Anteil des Tourismus am Bund und an den Landesregierungen geht?“ Deutschland, so erklärt er, verfüge bereits über eine Reihe von Tourismusministerien – sechs an der Zahl, darunter Baden-Württemberg und Bayern, zwei der größten und wirtschaftlich stärksten Bundesländer.
Für Klinge ist das ein zentraler Punkt: Wenn Tourismuspolitik auf Landesebene so erfolgreich institutionalisiert sei, dann sei der Weg zu einem eigenen Bundesministerium für Tourismus keineswegs eine utopische Vision, sondern eher ein konsequenter nächster Schritt. Die Schablone, so formuliert er es, liege längst vor – man müsse sie nur auf den Bund übertragen.
Nicht abspeisen lassen
„Lassen Sie uns in den nächsten Monaten rausgehen und klar sagen: Wir spielen europaweit ganz vorne mit“, appelliert er an die Tagungsteilnehmer. Deutschland müsse sich, so Klinge, nicht kleiner machen als es ist. Die Touristik sei kein Nischenthema, kein Schönwettergeschäft, die Branche dürfe sich nicht länger mit einer Koordinationsstelle zufriedengeben. „Wir haben zum zweiten Mal eine Koordinationsrolle bekommen“, sagt er und lässt die Enttäuschung deutlich hörbar werden. „Ich finde, wir sollten uns nicht abspeisen lassen. Spätestens bei der nächsten Regierungsbildung brauchen wir ein eigenes Bundesministerium für Wirtschaft und Tourismus. Das muss das Minimumziel für uns sein.“
Touristik muss groß denken
Und dann erzählt er die kleine Geschichte: In einem Glückskeks in einem asiatischen Restaurant in Berlin fand er kürzlich einen Spruch, der ihn nachdenklich stimmt: „Wer klein denkt, bleibt klein“, steht auf dem Zettel.
Der Satz sitzt, weil es mehr ist als eine Erkenntnis, eher eine Selbstbeschreibung der Branche.
Eine Branche, die groß ist, aber nicht groß denkt. Eine Branche, die politisch leise auftritt, obwohl ihr Alltag laut ist. Eine Branche, die Emotion verkauft, aber politisch kaum Emotion erzeugt.
Nun liegt es an der Branche, ob sie bereit ist, endlich größer zu werden.
Über die Bedeutungslosigkeit der Branche
Nun gehört die Bühne einem jungen, dynamischen Redner: Marcel Klinge, ehemaliger Bundestagsabgeordneter und heute Vorstandsvorsitzender sowie Mitgründer der ‚Denkfabrik – Zukunft der Gastwelt‘.“ Klinge beginnt dort, wo die Branche ungern hinsieht: bei ihrer politischen Bedeutungslosigkeit. Er macht deutlich, dass die Touristik in Deutschland ökonomisch längst eine Macht ist, politisch jedoch kaum vorkommt.
Während er spricht, wirkt es fast grotesk, wie weit auseinander die beiden Realitäten liegen. Er erinnert daran, dass die sogenannte Gastwelt – also Tourismus, Gastronomie, Hotellerie, Freizeitwirtschaft, Mobilität, Events, Kultur und angrenzende Bereiche – rund 6,1 Millionen Beschäftigte zählt.
Eine Zahl, die nicht nur groß ist, sondern größer als jene der Automobilindustrie, die in Deutschland seit Jahrzehnten als politischer Maßstab gilt. Die Touristik, so Klinge, sei in Wahrheit ein Wirtschaftsriese, der sich von der Politik behandeln lasse wie ein Zwerg.
Er zitiert eine aktuelle Studie des Fraunhofer Instituts, dass jeder Mensch in Deutschland im Durchschnitt alle acht Minuten Kontakt zur Gastwelt hat. Beim Frühstück im Café, beim Mittagessen in der Kantine, beim Check-in am Flughafen, im Hotel bei der Dienstreise, beim Besuch im Freizeitpark oder im Reisebüro um die Ecke. Die Touristik ist überall – und dennoch politisch nirgends.
Dieses Paradox legt Klinge präzise offen. Er spricht von einem Sektor, der strukturell unterschätzt wird, nicht durch die Märkte, sondern durch sich selbst. Ein Sektor, der sich an die Rolle des politischen Nebenschauplatzes gewöhnt hat, obwohl er längst eine Hauptrolle spielt.
Brauchen wir ein Ministerium für Tourismus?
Einen entscheidenden Wendepunkt seines Vortrags bildet die Studie der Hochschule Heilbronn, die die DZG in Auftrag gegeben hat. Klinge erklärt, dass diese Untersuchung erstmals wissenschaftlich untersucht hat, welche Vorteile ein eigenes Bundesministerium für Tourismus hätte. Es sei eine Studie, so sagt er, die nicht auszulegen oder schönzureden sei. Sie zeige in einer Klarheit, die in Berlin kaum noch ignoriert werden könne, dass die deutsche Tourismuspolitik unterstrukturiert, unterfinanziert und unterkoordiniert ist. Politikwissenschaftler nennen es ein „Policy-Orphan“, ein Politikfeld ohne Eltern, ohne klare Zuständigkeit, ohne strategische Heimat.
Besonders eindrücklich ist der internationale Vergleich. Deutschland ist das einzige große Reiseziel ohne eigenes Tourismusministerium. Die Länder, die deutsche Reisebüros täglich verkaufen – Ägypten, Griechenland, Türkei, Thailand, Portugal, Marokko – verfügen über Ministerien mit Milliardenbudgets und deutlich mehr politischer Schlagkraft. In Deutschland hingegen sei der Tourismus auf fünf Ministerien verteilt. In der Pandemie habe das zu chaotischen Entscheidungswegen geführt. Eine solche Situation dürfe sich nicht wiederholen.
Ein Thema, das Klinge im Rahmen seiner politischen Einordnung bewusst nur streift, aber dennoch klar markiert, ist das Lobbyregister. Auch hier zeigt sich aus seiner Sicht die Schwäche der touristischen Interessenvertretung. Während Branchen wie Automobil, Energie oder Pharma mit wenigen, klar erkennbaren Akteuren auftreten, erscheint die Touristik im Register geradezu zerfasert. Wer nachschlägt, findet eine Vielzahl kleinerer Verbände, Initiativen, Kooperationen und einzelner Unternehmen – ein Bild, das die mangelnde Bündelung der Kräfte förmlich schwarz auf weiß dokumentiert.
Organisierte Selbstschwächung
Klinge macht deutlich, dass diese Zersplitterung nicht nur interne Effizienz kostet, sondern auch in der öffentlichen Wahrnehmung ein Problem darstellt. Politik brauche eindeutige Ansprechpartner und erkennbare Strukturen; im Lobbyregister wirke die Touristik hingegen wie eine Branche ohne klare Linie. „Wenn selbst das Register mehr über uns sagt, als uns lieb sein kann, dann zeigt das, wie dringend wir eine gemeinsame Stimme brauchen“, fasst Klinge den Befund zusammen.
Dann kommt die Zahl, die im Publikum wie ein Weckruf wirkt: 111. Es sind 80 politische Verbände, eine Denkfabrik und 29 Unternehmen, die in Berlin Lobbyarbeit machen. Zusammen 111 Ansprechpartner. „Das ist die organisierte Form von Selbstschwächung“, sagt Klinge.
Es sei politisch unmöglich, so konkurrenzfähig zu sein. Es sei, als würde die Branche selbst dafür sorgen, dass sie in Berlin niemals ernst genommen werde. Er stellt die rhetorische Frage, welches Unternehmen sich ein Organigramm mit 80 parallelen Abteilungen leisten würde samt Overheadkosten.
Er weist darauf hin, dass im Bundeswirtschaftsministerium 2.200 Menschen arbeiten, aber nur 16 davon für die zweitgrößte Wirtschaftsbranche des Landes zuständig sind. Das sei nicht nur absurd, sondern fahrlässig. Tourismus sei Außenwirtschaft, Arbeitsmarkt, Standortpolitik, Kulturpolitik, Sicherheitspolitik und regionale Strukturpolitik zugleich – ein Querschnittsressort ohne institutionelle Verankerung.
Dann formuliert Klinge seine zentrale Forderung und deklariert sie klar als schlichte Notwendigkeit. Die Branche brauche ein Bundesministerium für Wirtschaft und Tourismus. Nicht als Prestigeprojekt, sondern als strukturelle Voraussetzung, um wirtschaftlicher Realität politische Entsprechung zu geben.
Vertretung auf Landesebene
An einem Punkt seines Vortrags wechselt Klinge überraschend die Perspektive und richtet den Blick auf die föderale Ebene. Er stellt eine einfache, aber entscheidende Frage: „Wo stehen wir denn eigentlich als Deutschland, wenn es um den Anteil des Tourismus am Bund und an den Landesregierungen geht?“ Deutschland, so erklärt er, verfüge bereits über eine Reihe von Tourismusministerien – sechs an der Zahl, darunter Baden-Württemberg und Bayern, zwei der größten und wirtschaftlich stärksten Bundesländer.
Für Klinge ist das ein zentraler Punkt: Wenn Tourismuspolitik auf Landesebene so erfolgreich institutionalisiert sei, dann sei der Weg zu einem eigenen Bundesministerium für Tourismus keineswegs eine utopische Vision, sondern eher ein konsequenter nächster Schritt. Die Schablone, so formuliert er es, liege längst vor – man müsse sie nur auf den Bund übertragen.
Nicht abspeisen lassen
„Lassen Sie uns in den nächsten Monaten rausgehen und klar sagen: Wir spielen europaweit ganz vorne mit“, appelliert er an die Tagungsteilnehmer. Deutschland müsse sich, so Klinge, nicht kleiner machen als es ist. Die Touristik sei kein Nischenthema, kein Schönwettergeschäft, die Branche dürfe sich nicht länger mit einer Koordinationsstelle zufriedengeben. „Wir haben zum zweiten Mal eine Koordinationsrolle bekommen“, sagt er und lässt die Enttäuschung deutlich hörbar werden. „Ich finde, wir sollten uns nicht abspeisen lassen. Spätestens bei der nächsten Regierungsbildung brauchen wir ein eigenes Bundesministerium für Wirtschaft und Tourismus. Das muss das Minimumziel für uns sein.“
Touristik muss groß denken
Und dann erzählt er die kleine Geschichte: In einem Glückskeks in einem asiatischen Restaurant in Berlin fand er kürzlich einen Spruch, der ihn nachdenklich stimmt: „Wer klein denkt, bleibt klein“, steht auf dem Zettel.
Der Satz sitzt, weil es mehr ist als eine Erkenntnis, eher eine Selbstbeschreibung der Branche.
Eine Branche, die groß ist, aber nicht groß denkt. Eine Branche, die politisch leise auftritt, obwohl ihr Alltag laut ist. Eine Branche, die Emotion verkauft, aber politisch kaum Emotion erzeugt.
Nun liegt es an der Branche, ob sie bereit ist, endlich größer zu werden.

