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Best-Reisen-Jahrestagung
29.11.25, 10:00 Uhr

„Angst macht den Handlungsspielraum zu – Innovation öffnet ihn“

Nach seinem vielbeachteten Tagungsvortrag spricht der Informatiker und KI-Philosoph Christoph Holz im Interview offen über ethische Verantwortung, hartnäckige KI-Mythen und die Frage, warum Reisebüros in einer KI-getriebenen Zukunft an Relevanz gewinnen könnten.

KI-Philosoph Christoph Holz während seines Vortrags auf der Tagung: mit klaren Botschaften zu Ethik, Verantwortung und der Rolle des Menschen im Zeitalter der künstlichen Intelligenz. Foto: Best Reisen
Herr Holz, Sie unterrichten Digitale Ethik. Ist Technik überhaupt eine moralische Frage?
Ja., tatsächlich. Jede Software enthält Wertentscheidungen. In jedem Produkt steckt das Weltbild der Entwickler. Man sieht das deutlich, wenn man Apple und Windows vergleicht – das eine System ist paternalistisch, das andere maximal offen. Das sind moralische Grundhaltungen, die sich in Code übersetzen.

Gilt das bei KI noch stärker?
Ja, denn KI entscheidet auf Basis von Wahrscheinlichkeiten und lernt aus menschlichen Daten. Die Ethik muss im Produkt eingebaut werden, nicht später als Etikett hinzugefügt. Das wird oft übersehen.

Viele Menschen haben Angst vor KI. Wie berechtigt ist diese Angst?
Angst macht eng. Und dieses enge Denken nutzen Populisten. Man kann nicht gegen KI demonstrieren – also sucht man Schuldige. Wir Nerds sind nicht frei von Verantwortung: Wir wollten immer ernst genommen werden und haben mit Science-Fiction-Bildern selbst zu diesen Ängsten beigetragen. Viele Sorgen entstehen aus Missverständnissen, nicht aus der Technik selbst.

Ist KI also neutral?
Nein. Technik ist nie neutral. Aber generative KI ist zunächst ein Werkzeug, das Muster erkennt und Zusammenfassungen erstellt. Sie arbeitet nicht logisch im menschlichen Sinn, sondern statistisch. Sie kann interpolieren, aber nicht extrapolieren. Das ist entscheidend, wenn man ihre Grenzen verstehen will.

Wie gefährlich sind verzerrte oder rassistische Daten?
Die Verzerrung steckt meist nicht in der KI, sondern in den Systemen, die die Daten erzeugen. Es gibt Beispiele, in denen KI Entscheidungen genauso getroffen hat wie Richter, obwohl sensible Merkmale entfernt wurden. Das zeigt: Das Problem ist oft das Umfeld, nicht der Algorithmus.

Und die Halluzinationen? KI erfindet ja auch Dinge.
Halluzinationen sind bei neuronalen Netzen systemimmanent. Das ist kein Defekt, sondern Funktionsweise. Ein Wetterbericht ist auch statistisch korrekt, aber im Einzelfall falsch. Genauso verhält es sich mit KI. Wenn man KI-Agenten 100 Schritte machen lässt und jede Entscheidung hat eine Fehlerquote von nur drei Prozent, dann landet der Agent am Ende trotzdem falsch. Wirtschaftlich ist vieles, was versprochen wird, deshalb nicht realisierbar.

Macht KI uns klüger – oder dümmer?
Beides. Sie macht jene dümmer, die ihr blind vertrauen. Sie macht diejenigen klüger, die sie gezielt nutzen: zum Strukturieren, zum Gegenlesen, zum Hinterfragen. Ich lasse mir von KI oft sagen, welche Argumente ich vergessen habe. Das ist enorm hilfreich.

Wie wirkt sich KI in Schulen aus?
In Schulen kann KI hinderlich sein, wenn sie eigenständiges Denken ersetzt. Aber KI kann Lernprozesse enorm verbessern: adaptive Systeme, die üben, abfragen und wiederholen, bis etwas wirklich verstanden ist. Kinder sprechen extrem gut darauf an.

Kommt irgendwann eine KI, die uns übertrifft?
Das ist hochspekulativ. Vieles, was behauptet wird, dient dem Börsenwert techgetriebener Firmen. Wir wissen nicht, wie Maschinen dauernd lernen oder vergessen sollen. Erfahrung und Bewusstsein lassen sich nicht simulieren. Da wird viel Mystik ins Technische hineininterpretiert.

Wie verändert KI die Touristik?
Grundlegend. KI kann sehr gute Reisepläne erstellen, oft besser als Menschen. Aber sie kann keine Verantwortung übernehmen und keine reale Welt prüfen. Sie weiß nicht, ob ein Restaurant existiert oder ein Wanderweg gesperrt ist. Diese Verantwortung bleibt beim Menschen.

Welche Rolle haben Reisebüros künftig?
Reisebüros werden kleiner, persönlicher und relevanter. KI senkt Transaktionskosten dramatisch – und genau deshalb gewinnen die Player, die Nähe und Verantwortung bieten. Reiseberater werden zu Kuratoren der KI: Sie wissen, wie man fragt, filtert, prüft und verantwortet. Das ist eine starke Rolle.

Wie bewerten Sie die transformative Kraft der KI insgesamt?
Eine klare Acht von zehn. KI verändert Strukturen, weil sie Komplexität beherrschbar macht. Sie nimmt uns Routine ab, aber schafft neue Verantwortung. Vor allem in der Touristik, denn dort wollen Menschen jemanden, der für sie einsteht. Das kann keine Maschine übernehmen.
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Zur Person:
Christoph Holz ist Informatiker, Unternehmer und einer der bekanntesten KI-Philosophen im deutschsprachigen Raum. Er lehrt Digitale Ethik, berät Unternehmen zu Zukunftstechnologien und ist als internationaler Keynote-Speaker gefragt. Bekannt wurde er durch seine pointierten Analysen zur digitalen Transformation und zur moralischen Verantwortung technischer Systeme.