Best-Reisen-Jahrestagung29.11.25, 10:00 Uhr
„Wir leisten uns 110 Ansprechpartner in Berlin – das ist politischer Wahnsinn“
Beim Mediengespräch des zweiten Tags der Best-Reisen-Tagung treffen erstmals Verbandsvertreter Marcel Klinge, Albin Loidl, Sven Liebert und Marija Linnhoff aufeinander. Während Klinge, Loidl und Liebert auf Kooperation und gemeinsame Interessenvertretung drängen, setzt Linnhoff auf Abgrenzung und Eigenständigkeit. Die Diskussion legt offen, wie zersplittert die Branche ist – und wie sehr sie darunter leidet.

Beim Mediengespräch des zweiten Tags der Best-Reisen-Tagung treffen erstmals Verbandsvertreter Marcel Klinge, Albin Loidl, Sven Liebert und Marija Linnhoff aufeinander. Foto: BEST Reisen
Die Sonne ist kaum über dem Horizont aufgegangen, als sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Best-Reisen-Pressefrühstücks auf der Außenterrasse des Aldiana & Sentido Naga Bay einfinden. Die Jahrestagung steht bevor, die Stimmung ist konzentriert, aber gelöst, die Luft noch kühl. Und dennoch liegt etwas in der Atmosphäre, das spürbar macht, dass dieser Austausch kein gewöhnlicher sein wird.
Cornelius Meyer, Vorstand von Best-Reisen und Gastgeber des Morgens, eröffnet die Runde freundlich und wertschätzend: „Wir sind immerhin die vier Tage im Tagungstunnel“, entschuldigt er sich. Das Setting lädt dazu ein, ungeschminkt zu sprechen: keine Bühne, keine Moderationskarten, keine großen Podiumsmikrofone. Nur ein kleiner Kreis im warmen Morgenlicht – und die Bereitschaft, für eineinhalb Stunden die Wahrheit über die politische Verfasstheit der Branche zuzulassen.
Noch bevor ein einziges kontroverses Wort fällt, signalisiert bereits die kurze Vorstellungsrunde, wie heterogen diese Begegnung werden wird: wissenschaftlich-systemische Perspektiven treffen auf ordnungspolitische Klarheit, politische Integrationslogik kollidiert mit moralisch motivierter Opposition.
Was macht der DZG?
Den ersten Impuls setzt Marcel Klinge, Kopf der Denkfabrik Zukunft der Gastwelt (DZG). Der frühere Bundestagsabgeordnete beginnt ohne jede rhetorische Aufwärmphase. Sein Blick ist analytisch geschult, politisch durchdrungen, er verliert keine Zeit, um in die Tiefe zu gehen, und stellt fest. „Wenn man Tourismus und Hospitality zusammenzählt, kommen wir auf 80 Verbände“, sagt er. „Wir leisten uns rund 110 verschiedene Ansprechpartner in Berlin.“
Es ist ein nüchterner Satz – wiegt aber dadurch schwer. Klinge hält der Branche einen Spiegel vor: Ihre größte Schwäche ist nicht die Politik, nicht der Wettbewerb, nicht die Regulierung. Es ist sie selbst.
Klinge erklärt, warum seine Denkfabrik entstanden ist: In der Pandemie habe der Branche eine politisch anschlussfähige Datenlage gefehlt. Heute arbeite sie wissenschaftlich, orientiere sich an WTTC-Standards und betreibe politische Strategie auf Basis von Evidenz, nicht Emotionen. Doch sein größter Punkt ist ein anderer: 2025 werde politisch entscheidend. „Wir müssen nächstes Jahr Pflöcke einhauen“, sagt er. „Ich vertraue nicht darauf, dass die Koalition die 3,5 Jahre durchhält.“
Je länger Klinge spricht, desto klarer wird: Er zeichnet das Bild einer Branche, die nur dann überleben und wachsen kann, wenn sie sich selbst modernisiert und professionalisiert – vor allem politisch.
DRV: Albin Loidl ordnet ein
Albin Loidl stellt im Anschluss den DRV vor. Der neu gewählte DRV-Präsident beginnt vorsichtig und warmherzig. Er spricht von seinen zahlreichen Verbandsterminen, von der Freude, vertraute Gesichter wiederzusehen. Doch diese persönlichen Einführungen sind nur das Vorspiel zu einer ernsten Agenda. In Hinblick auf die kontroverse Debatte der Pauschalreiserichtlinie betont er: „Die Bundesregierung steht eher auf Industrieseite, das Europäische Parlament ist verbraucherschutzgetrieben“. Der Gegensatz, den er aufmacht, ist kein rhetorischer, sondern ein strategischer. Die Pauschalreiserichtlinie spalte den politischen Raum, und der DRV müsse zwischen beiden Lagern vermitteln.
Loidl erläutert die Unsicherheiten, die zum Beispiel durch das „Wortmann-Urteil“ entstanden sind. Die Gefahr von Rückforderungen bei Überbrückungshilfen steht im Raum. Gerichte urteilen uneinheitlich, Unternehmen verlieren Planungsgrundlagen, mahnt er. „Dass ergangene Urteile, die nur vorläufig sind, vielleicht nicht rechtens sind und Rückzahlungen drohen – das bewegt uns“, sagt er.
Damit schlägt Loidl jenen Ton an, der die Branche wie kaum ein anderer eint: die Sorge vor fehlender Verlässlichkeit. In einer Welt, die ohnehin mit Energiepreisen, Inflation und geopolitischen Spannungen ringt, wirkt juristische Unsicherheit wie ein zusätzlicher Klotz am Bein. Loidl fasst zusammen, fast wie ein Mantra: „Urlaub muss bezahlbar und vermittelbar bleiben.“ Es ist die Übersetzung ordnungspolitischer Komplexität in einen Satz, den jeder in der Branche nachvollziehen kann.
BTW: die Betonung der gemeinsamen Interessenvertretung
Der dritte große Beitrag des Morgens kommt von Sven Liebert. Der junge Generalsekretär des BTW spricht mit ruhiger Stimme, strukturiert, klar. Er beschreibt den BTW als konstruktiven Zusammenschluss, der Vielfalt nicht als Gefahr, sondern als Ressource begreift. „Wir sind ein sehr heterogener Haufen – und das ganz bewusst“, sagt er.
Es wirkt wie eine Ergänzung zu Klinge. Für Liebert ist die Heterogenität nicht Zeichen eines politischen Defizits, sondern Ausdruck einer lebendigen Branche. Doch auch er weiß um die Gefahr: „In Berlin wirken über 10.000 Lobbyisten. Gehört zu werden ist nicht trivial.“ Liebert sieht die Lösung darin, dass die Branche sich zusammenschließt – horizontal, vertikal, quer durch die Wertschöpfungskette. „Wenn die Touristik ein Thema hat, müssen alle Truppen dabei sein.“ Es ist ein Appell, der in vielen Branchen selbstverständlich wäre, doch in der deutschen Touristik immer wieder an Widerständen scheitert.
Und genau hier beginnt sich das Gespräch zu verfärben. Denn während Klinge, Loidl und Liebert – trotz unterschiedlicher Schwerpunkte – alle für Geschlossenheit werben, sitzt am Tisch jemand, der diese Grundprämisse nicht teilt.
Linnhoff mit voller Wucht
Marija Linnhoff übernimmt, und in wenigen Minuten kippt die Stimmung, und alles wird emotional, konfrontativ. Die VSUR-Vorsitzende beginnt sachlich: „Der VUSR hat am 7. November auf der Vollversammlung abgestimmt. Wir haben uns geöffnet, weil der DRV die Reisebüros nicht vertreten kann.“ Der Satz wirkt wie ein Schlag, wie der letzte Moment der Ruhe. Dann folgt der erste Bruch: „Das Präsidium des BTW hat vor zwei Jahren unseren Antrag abgelehnt. Kommentarlos.“ Linnhoff sagt es nicht wütend, aber mit einer Härte, die das Gespräch abrupt in eine neue Tonlage versetzt.
Es bleibt nicht bei Kritik, ihr Ton schlägt spürbar in einen Vorwurf um. Auf die Frage, ob sie den Aufnahmeantrag ihres Verbandes heute erneut stellen würde, zögert sie keine Sekunde. Dann fällt der Satz, der die Runde für einen Moment innehalten lässt: „Ich werde nicht mit jemandem zusammenarbeiten, der nachweislich kriminelle Energie an den Tag gelegt hat. Da gibt es keine Absolution.“
Sie spielt damit auf Akteure an, die aus ihrer Sicht eine zentrale Rolle beim FTI-Datenskandal hatten. Auch wenn sie betont, es handle sich um ihre persönliche Einschätzung, verleiht gerade diese Formulierung ihren Worten besondere Schärfe und verändert die Atmosphäre des Gesprächs spürbar. Es klingt hart, unversöhnlich, persönlich.

Inhaltlich fordert Linnhoff neue Strukturen, doch ihr Anliegen bleibt emotional und moralisch kodiert, nicht strategisch operationalisiert. Sie liefert keine Modelle, keine Roadmaps, keine Belege. Sie liefert Haltung. Und diese Haltung ist Opposition. „Ich renne niemandem hinterher“, sagt sie. Man könnte sagen: Linnhoff steht in diesem Moment nicht im Gespräch mit der Branche – sie kämpft mit ihr.
Cornelius Meyer, bemüht, das Gespräch nicht entgleisen zu lassen
In dieser aufgeladenen Atmosphäre übernimmt Best-Reisen-Vorstand Meyer wieder das Wort. Er versucht zu schlichten, zu verbinden. „Wir können hier mal offen sprechen – auch über Dinge, die man sonst nicht sofort auf die Bühne bringt.“ Er erkennt die Argumente aller Seiten an, ohne sie zu nivellieren. „Es gibt eine starke Lobby für die Veranstalter“, sagt er, „aber eine schwache für die kleinen Unternehmen. Deshalb ist das, was Marija getan hat, für uns wertvoll.“ Sichtlich erleichtert, bedankt sich die VUSR-Vorsitzende für die Einordnung.
Es ist Meyers Stärke, dass er Konflikt nicht scheut, aber dessen Destruktivität begrenzt. Er weiß, wie politisch fragil der Mittelstand ist, und wie nötig es ist, dass sich die Branche überhaupt noch an einen Tisch setzt.
Eine Branche ohne politisches Zentrum
Am Ende dieser anderthalb Stunden steht ein Bild, das stärker ist als jede einzelne Aussage: Die Branche spricht nicht nur mit unterschiedlichen Stimmen, sie spricht in unterschiedlichen Systemen: Klinge spricht wie ein Thinktank, Loidl wie ein ordnungspolitischer Stabilitätsanker, Liebert wie ein integrativer Dachverbandsstratege. Meyer wie ein Mittelstandsunternehmer.
Und Linnhoff wie eine moralisch motivierte Oppositionsführerin. Ihre Forderung nach neuen Strukturen bleibt an diesem Morgen ohne konkrete Ausgestaltung. Sie spricht von Neuanfang, aber ohne Plan. Sie spricht von Veränderung, aber ohne Instrumente. Sie spricht von Ungerechtigkeit, aber ohne politische Architektur. Ihre Opposition ist Haltung – keine Strategie.
Die anderen drei Verbände jedoch teilen eine Grundannahme: Ohne Geschlossenheit sinkt die Touristik im politischen Raum auf die Rolle eines Störgeräuschs. Doch genau diese Geschlossenheit fehlt – und zwar fundamental. Ein Schluss, der bleibt: Die Branche verliert sich in der Heterogenität – und wirkt von außen zersplittert.
Wer diesen Morgen miterlebt, versteht: Keine andere große Wirtschaftsbranche in Deutschland präsentiert sich derart unkoordiniert, derart von Binnenlogiken getrieben und derart wenig strategisch ausgerichtet wie die Touristik. Während Automobil, Pharma oder Energie ihre Themen abgestimmt, präzise und mit hohem politischen Druck vertreten, tritt der Tourismus meist als lose Ansammlung von Einzelinteressen auf.
Hotels und Gastronomie verfolgen ihre eigene politische Agenda. Reisebüros kämpfen um Anerkennung. Veranstalter verteidigen ihre Geschäftsmodelle. Airlines kämpfen mit globalen Regulierungen. Versicherer mit Haftungsfragen. Destinationen mit Standortpolitik. Jeder spricht für sich. Für Berlin und die politischen Vertreter wirkt das nicht wie Vielfalt, sondern wie Kakophonie.
Diese Vielfalt könnte Stärke sein. Doch an diesem Morgen zeigt sich ihre Kehrseite: Sie ist unkoordiniert, unmoderiert, ungefiltert. Eine Symphonie ohne Dirigent.
TRVL COUNTER-Kommentar
Das Gespräch in Naga Bay hat diesen Befund schmerzlich bestätigt. Marcel Klinge analysiert mit Klarheit, warum nur Fakten und Geschlossenheit politisches Gewicht erzeugen. Albin Loidl zeigt, welche Risiken die Branche trägt, wenn Rechtsprechung unklar und Regulierung unvorhersehbar bleibt. Sven Liebert beschreibt eine politische Realität, in der nur groß denken hilft. Alle drei eint, dass sie – bei allen Unterschieden – die Notwendigkeit erkennen, politische Kraft zu bündeln und mit einer Stimme aufzutreten.
Genau hier aber setzt Marija Linnhoff mit voller Wucht den Kontrapunkt. Ihr Auftritt hat deutlich gemacht, dass es innerhalb der Branche immer noch starke Kräfte gibt, die nicht nur mit bestehenden Strukturen brechen wollen, sondern jeden Versuch gemeinsamer Interessenvertretung grundsätzlich infrage stellen.
Das Problem ist nicht, dass Kritik geäußert wird – im Gegenteil, sie ist notwendig. Linnhoff verlangt einen Neuanfang, ohne den Weg dorthin zu definieren. Sie demontiert, aber baut nicht. Und genau darin liegt der Kern der Herausforderung: Wo die anderen wegweisende Linien formulieren, formuliert sie Ablehnung. Wo die anderen Brücken suchen, reißt sie symbolische Mauern ein. Und damit verstärkt sie genau jene Fragmentierung, die den politischen Einfluss der Branche seit Jahren schwächt.
Die Folge ist gravierend: Eine Branche, die Millionen Arbeitsplätze trägt, Milliardenumsätze generiert und gesellschaftlich relevant ist, erscheint in Berlin oft wie ein politischer Nebensatz. Nicht, weil ihre Themen unwichtig wären – sondern weil ihre Stimme zu selten geschlossen ist.
Während Klinge, Loidl, Liebert und Meyer genau diese Notwendigkeit betonen, zeigt der Beitrag des VUSR, wie tief der Riss inzwischen geht. Die Frage an diesem Morgen lautet: Wie lange kann sich diese Branche leisten, so zu sein, wie sie ist?
Cornelius Meyer, Vorstand von Best-Reisen und Gastgeber des Morgens, eröffnet die Runde freundlich und wertschätzend: „Wir sind immerhin die vier Tage im Tagungstunnel“, entschuldigt er sich. Das Setting lädt dazu ein, ungeschminkt zu sprechen: keine Bühne, keine Moderationskarten, keine großen Podiumsmikrofone. Nur ein kleiner Kreis im warmen Morgenlicht – und die Bereitschaft, für eineinhalb Stunden die Wahrheit über die politische Verfasstheit der Branche zuzulassen.
Noch bevor ein einziges kontroverses Wort fällt, signalisiert bereits die kurze Vorstellungsrunde, wie heterogen diese Begegnung werden wird: wissenschaftlich-systemische Perspektiven treffen auf ordnungspolitische Klarheit, politische Integrationslogik kollidiert mit moralisch motivierter Opposition.
Was macht der DZG?
Den ersten Impuls setzt Marcel Klinge, Kopf der Denkfabrik Zukunft der Gastwelt (DZG). Der frühere Bundestagsabgeordnete beginnt ohne jede rhetorische Aufwärmphase. Sein Blick ist analytisch geschult, politisch durchdrungen, er verliert keine Zeit, um in die Tiefe zu gehen, und stellt fest. „Wenn man Tourismus und Hospitality zusammenzählt, kommen wir auf 80 Verbände“, sagt er. „Wir leisten uns rund 110 verschiedene Ansprechpartner in Berlin.“
Es ist ein nüchterner Satz – wiegt aber dadurch schwer. Klinge hält der Branche einen Spiegel vor: Ihre größte Schwäche ist nicht die Politik, nicht der Wettbewerb, nicht die Regulierung. Es ist sie selbst.
Klinge erklärt, warum seine Denkfabrik entstanden ist: In der Pandemie habe der Branche eine politisch anschlussfähige Datenlage gefehlt. Heute arbeite sie wissenschaftlich, orientiere sich an WTTC-Standards und betreibe politische Strategie auf Basis von Evidenz, nicht Emotionen. Doch sein größter Punkt ist ein anderer: 2025 werde politisch entscheidend. „Wir müssen nächstes Jahr Pflöcke einhauen“, sagt er. „Ich vertraue nicht darauf, dass die Koalition die 3,5 Jahre durchhält.“
Je länger Klinge spricht, desto klarer wird: Er zeichnet das Bild einer Branche, die nur dann überleben und wachsen kann, wenn sie sich selbst modernisiert und professionalisiert – vor allem politisch.
DRV: Albin Loidl ordnet ein
Albin Loidl stellt im Anschluss den DRV vor. Der neu gewählte DRV-Präsident beginnt vorsichtig und warmherzig. Er spricht von seinen zahlreichen Verbandsterminen, von der Freude, vertraute Gesichter wiederzusehen. Doch diese persönlichen Einführungen sind nur das Vorspiel zu einer ernsten Agenda. In Hinblick auf die kontroverse Debatte der Pauschalreiserichtlinie betont er: „Die Bundesregierung steht eher auf Industrieseite, das Europäische Parlament ist verbraucherschutzgetrieben“. Der Gegensatz, den er aufmacht, ist kein rhetorischer, sondern ein strategischer. Die Pauschalreiserichtlinie spalte den politischen Raum, und der DRV müsse zwischen beiden Lagern vermitteln.
Loidl erläutert die Unsicherheiten, die zum Beispiel durch das „Wortmann-Urteil“ entstanden sind. Die Gefahr von Rückforderungen bei Überbrückungshilfen steht im Raum. Gerichte urteilen uneinheitlich, Unternehmen verlieren Planungsgrundlagen, mahnt er. „Dass ergangene Urteile, die nur vorläufig sind, vielleicht nicht rechtens sind und Rückzahlungen drohen – das bewegt uns“, sagt er.
Damit schlägt Loidl jenen Ton an, der die Branche wie kaum ein anderer eint: die Sorge vor fehlender Verlässlichkeit. In einer Welt, die ohnehin mit Energiepreisen, Inflation und geopolitischen Spannungen ringt, wirkt juristische Unsicherheit wie ein zusätzlicher Klotz am Bein. Loidl fasst zusammen, fast wie ein Mantra: „Urlaub muss bezahlbar und vermittelbar bleiben.“ Es ist die Übersetzung ordnungspolitischer Komplexität in einen Satz, den jeder in der Branche nachvollziehen kann.
BTW: die Betonung der gemeinsamen Interessenvertretung
Der dritte große Beitrag des Morgens kommt von Sven Liebert. Der junge Generalsekretär des BTW spricht mit ruhiger Stimme, strukturiert, klar. Er beschreibt den BTW als konstruktiven Zusammenschluss, der Vielfalt nicht als Gefahr, sondern als Ressource begreift. „Wir sind ein sehr heterogener Haufen – und das ganz bewusst“, sagt er.
Es wirkt wie eine Ergänzung zu Klinge. Für Liebert ist die Heterogenität nicht Zeichen eines politischen Defizits, sondern Ausdruck einer lebendigen Branche. Doch auch er weiß um die Gefahr: „In Berlin wirken über 10.000 Lobbyisten. Gehört zu werden ist nicht trivial.“ Liebert sieht die Lösung darin, dass die Branche sich zusammenschließt – horizontal, vertikal, quer durch die Wertschöpfungskette. „Wenn die Touristik ein Thema hat, müssen alle Truppen dabei sein.“ Es ist ein Appell, der in vielen Branchen selbstverständlich wäre, doch in der deutschen Touristik immer wieder an Widerständen scheitert.
Und genau hier beginnt sich das Gespräch zu verfärben. Denn während Klinge, Loidl und Liebert – trotz unterschiedlicher Schwerpunkte – alle für Geschlossenheit werben, sitzt am Tisch jemand, der diese Grundprämisse nicht teilt.
Linnhoff mit voller Wucht
Marija Linnhoff übernimmt, und in wenigen Minuten kippt die Stimmung, und alles wird emotional, konfrontativ. Die VSUR-Vorsitzende beginnt sachlich: „Der VUSR hat am 7. November auf der Vollversammlung abgestimmt. Wir haben uns geöffnet, weil der DRV die Reisebüros nicht vertreten kann.“ Der Satz wirkt wie ein Schlag, wie der letzte Moment der Ruhe. Dann folgt der erste Bruch: „Das Präsidium des BTW hat vor zwei Jahren unseren Antrag abgelehnt. Kommentarlos.“ Linnhoff sagt es nicht wütend, aber mit einer Härte, die das Gespräch abrupt in eine neue Tonlage versetzt.
Es bleibt nicht bei Kritik, ihr Ton schlägt spürbar in einen Vorwurf um. Auf die Frage, ob sie den Aufnahmeantrag ihres Verbandes heute erneut stellen würde, zögert sie keine Sekunde. Dann fällt der Satz, der die Runde für einen Moment innehalten lässt: „Ich werde nicht mit jemandem zusammenarbeiten, der nachweislich kriminelle Energie an den Tag gelegt hat. Da gibt es keine Absolution.“
Sie spielt damit auf Akteure an, die aus ihrer Sicht eine zentrale Rolle beim FTI-Datenskandal hatten. Auch wenn sie betont, es handle sich um ihre persönliche Einschätzung, verleiht gerade diese Formulierung ihren Worten besondere Schärfe und verändert die Atmosphäre des Gesprächs spürbar. Es klingt hart, unversöhnlich, persönlich.

Cornelius Meyer, bemüht, das Gespräch nicht entgleisen zu lassen
In dieser aufgeladenen Atmosphäre übernimmt Best-Reisen-Vorstand Meyer wieder das Wort. Er versucht zu schlichten, zu verbinden. „Wir können hier mal offen sprechen – auch über Dinge, die man sonst nicht sofort auf die Bühne bringt.“ Er erkennt die Argumente aller Seiten an, ohne sie zu nivellieren. „Es gibt eine starke Lobby für die Veranstalter“, sagt er, „aber eine schwache für die kleinen Unternehmen. Deshalb ist das, was Marija getan hat, für uns wertvoll.“ Sichtlich erleichtert, bedankt sich die VUSR-Vorsitzende für die Einordnung.
Es ist Meyers Stärke, dass er Konflikt nicht scheut, aber dessen Destruktivität begrenzt. Er weiß, wie politisch fragil der Mittelstand ist, und wie nötig es ist, dass sich die Branche überhaupt noch an einen Tisch setzt.
Eine Branche ohne politisches Zentrum
Am Ende dieser anderthalb Stunden steht ein Bild, das stärker ist als jede einzelne Aussage: Die Branche spricht nicht nur mit unterschiedlichen Stimmen, sie spricht in unterschiedlichen Systemen: Klinge spricht wie ein Thinktank, Loidl wie ein ordnungspolitischer Stabilitätsanker, Liebert wie ein integrativer Dachverbandsstratege. Meyer wie ein Mittelstandsunternehmer.
Und Linnhoff wie eine moralisch motivierte Oppositionsführerin. Ihre Forderung nach neuen Strukturen bleibt an diesem Morgen ohne konkrete Ausgestaltung. Sie spricht von Neuanfang, aber ohne Plan. Sie spricht von Veränderung, aber ohne Instrumente. Sie spricht von Ungerechtigkeit, aber ohne politische Architektur. Ihre Opposition ist Haltung – keine Strategie.
Die anderen drei Verbände jedoch teilen eine Grundannahme: Ohne Geschlossenheit sinkt die Touristik im politischen Raum auf die Rolle eines Störgeräuschs. Doch genau diese Geschlossenheit fehlt – und zwar fundamental. Ein Schluss, der bleibt: Die Branche verliert sich in der Heterogenität – und wirkt von außen zersplittert.
Wer diesen Morgen miterlebt, versteht: Keine andere große Wirtschaftsbranche in Deutschland präsentiert sich derart unkoordiniert, derart von Binnenlogiken getrieben und derart wenig strategisch ausgerichtet wie die Touristik. Während Automobil, Pharma oder Energie ihre Themen abgestimmt, präzise und mit hohem politischen Druck vertreten, tritt der Tourismus meist als lose Ansammlung von Einzelinteressen auf.
Hotels und Gastronomie verfolgen ihre eigene politische Agenda. Reisebüros kämpfen um Anerkennung. Veranstalter verteidigen ihre Geschäftsmodelle. Airlines kämpfen mit globalen Regulierungen. Versicherer mit Haftungsfragen. Destinationen mit Standortpolitik. Jeder spricht für sich. Für Berlin und die politischen Vertreter wirkt das nicht wie Vielfalt, sondern wie Kakophonie.
Diese Vielfalt könnte Stärke sein. Doch an diesem Morgen zeigt sich ihre Kehrseite: Sie ist unkoordiniert, unmoderiert, ungefiltert. Eine Symphonie ohne Dirigent.
TRVL COUNTER-Kommentar
Das Gespräch in Naga Bay hat diesen Befund schmerzlich bestätigt. Marcel Klinge analysiert mit Klarheit, warum nur Fakten und Geschlossenheit politisches Gewicht erzeugen. Albin Loidl zeigt, welche Risiken die Branche trägt, wenn Rechtsprechung unklar und Regulierung unvorhersehbar bleibt. Sven Liebert beschreibt eine politische Realität, in der nur groß denken hilft. Alle drei eint, dass sie – bei allen Unterschieden – die Notwendigkeit erkennen, politische Kraft zu bündeln und mit einer Stimme aufzutreten.
Genau hier aber setzt Marija Linnhoff mit voller Wucht den Kontrapunkt. Ihr Auftritt hat deutlich gemacht, dass es innerhalb der Branche immer noch starke Kräfte gibt, die nicht nur mit bestehenden Strukturen brechen wollen, sondern jeden Versuch gemeinsamer Interessenvertretung grundsätzlich infrage stellen.
Das Problem ist nicht, dass Kritik geäußert wird – im Gegenteil, sie ist notwendig. Linnhoff verlangt einen Neuanfang, ohne den Weg dorthin zu definieren. Sie demontiert, aber baut nicht. Und genau darin liegt der Kern der Herausforderung: Wo die anderen wegweisende Linien formulieren, formuliert sie Ablehnung. Wo die anderen Brücken suchen, reißt sie symbolische Mauern ein. Und damit verstärkt sie genau jene Fragmentierung, die den politischen Einfluss der Branche seit Jahren schwächt.
Die Folge ist gravierend: Eine Branche, die Millionen Arbeitsplätze trägt, Milliardenumsätze generiert und gesellschaftlich relevant ist, erscheint in Berlin oft wie ein politischer Nebensatz. Nicht, weil ihre Themen unwichtig wären – sondern weil ihre Stimme zu selten geschlossen ist.
Während Klinge, Loidl, Liebert und Meyer genau diese Notwendigkeit betonen, zeigt der Beitrag des VUSR, wie tief der Riss inzwischen geht. Die Frage an diesem Morgen lautet: Wie lange kann sich diese Branche leisten, so zu sein, wie sie ist?
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