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Peter Gerber bei Best-Reisen
28.11.25, 12:02 Uhr

„Diese Politik zerstört den Luftverkehr – und sie schadet dem Klima“

Deutschlands Luftfahrt verliert an Boden, warnt Condor-Chef Peter Gerber auf der Best-Reisen-Jahrestagung. Steigende Kosten verdrängen Airlines, ohne CO₂ zu sparen. Parallel präsentiert er Condor als moderne Airline mit nachhaltiger Flotte und auf Wachstumskurs.

Auf der Best-Reisen-Tagung kritisiert Peter Gerber die politischen Rahmenbedingungen für Airlines in Deutschland als realitätsfern und schädlich. Foto: Best-Reisen
Auf der Best-Reisen-Jahrestagung im Aldiana & Sentido Naya Bay herrscht gespannte Aufmerksamkeit, als Condor-CEO Peter Gerber die Bühne betritt. Es ist später Vormittag, die Hitze des Tages liegt noch in der Luft, und die gut 600 Reiseprofis wissen, dass nun ein Programmpunkt folgt, der eher für Klartext steht als für Höflichkeitsrhetorik. 

Gerber beginnt mit einem Satz, der den Saal lachen lässt: „Die Wahrscheinlichkeit, dass ihr morgen früh beim Frühsport einen Herzinfarkt bekommt, ist größer als die, dass beim Fliegen etwas passiert.“ Der Satz löst die Stimmung, aber er dient auch als Sprungbrett in eine Analyse, die schonungslos, faktengesättigt und zugleich leidenschaftlich ist.

Standort Deutschland verliert Anschluss

Nach einem Dank an die Gastgeber, schlägt Gerber eine Tonlage an, die die Zuspitzung eines Problems in den Mittelpunkt stellt, das er seit Jahren beobachtet: den strukturellen Abstieg Deutschlands als Luftverkehrsstandort. Schon früh macht er deutlich, dass er nicht über abstrakte Trends spricht, sondern über harte Realitäten. „Wir sind bei etwa 86 Prozent stehen geblieben. Alle anderen Staaten in Europa sind längst vorbeigezogen.“

Während Spanien, Italien, Frankreich und auch kleinere Märkte wie Portugal oder Griechenland längst wieder über den Passagierzahlen von 2019 liegen, verharrt Deutschland in einem selbst erzeugten Stillstand – mit massiven volkswirtschaftlichen Folgen.

Milliarden-Verluste durch politische Fehlsteuerung

Gerber lässt keinen Zweifel daran, wen er verantwortlich sieht. „Wir reden von über 30 Milliarden Euro Wertschöpfung, die dem Staat fehlen. Steuern, Sozialabgaben – alles weg.“ Was folgt, ist eine messerscharfe Analyse, wie staatliche Standortkosten, politisch gewollt und administrativ umgesetzt, genau jene Wertschöpfung vernichtet haben. 

Besonders drastisch ist der Befund: „Die staatlichen Standortkosten haben sich in fünf Jahren praktisch verdoppelt – auf fünf Milliarden Euro.“ Für die Airlines sei dies längst nicht mehr darstellbar. Die Folge: Flotten werden abgezogen, Strecken verlagert, Drehkreuze geschwächt. „Ryanair und Easyjet stellen ihre Flotten dahin, wo sie Geld verdienen – und das ist nicht mehr Deutschland.“ Gerade Berlin, Stuttgart, Hamburg und Düsseldorf hätten innerhalb kürzester Zeit dramatische Angebotsverluste erlebt.

Klimaschutz nur auf dem Papier

Dann kommt Gerber zu dem Punkt, der ihn emotional am stärksten bewegt: der politisch kommunizierte Nutzen dieser Maßnahmen. „Kein einziges Flugzeug, das aus Deutschland abgezogen wurde, steht am Boden.“ Es sei eine fatale Illusion, zu glauben, dass Kürzungen im Inlandskorridor oder steigende Steuern CO₂ einsparen. „Die fliegen weiter – nur woanders. Der CO₂-Ausstoß ist derselbe, aber die Wertschöpfung ist weg.“ Und er setzt nach: „Das Argument, höhere Kosten seien gut fürs Klima, ist eine Lüge. Eine kleine Lüge – aber eine Lüge.“

Gerber bringt ein Beispiel, das im Saal hörbar Resonanz erzeugt. Der Rückgang innerdeutscher Verbindungen sei keineswegs ein ökologischer Erfolg, sondern das Gegenteil. „Die Leute fahren dann Auto. Und die meisten dieser Autos brauchen auf 100 Kilometer mehr als ein Airbus.“ Die Verkehrsmittelabwanderung vom Flugzeug aufs Auto sei politisch gewollt, aber ökologisch kontraproduktiv und ökonomisch ein Schaden – ein Dreifachverlust.

Erste politische Bewegung in Berlin

Trotz dieser Analyse hat Gerber auch ein vorsichtiges Hoffnungssignal parat. In den vergangenen Monaten sei es gelungen, in Berlin Bewegung zu erzeugen. „Es ist uns gelungen, die Politik zu bewegen. Die Luftverkehrssteuer wird zum 1. Juli um 350 Millionen Euro sinken.“ Auch Flugsicherung und Sicherheitsgebühren sollen entlastet werden. „Das reicht noch nicht – aber es ist der erste Schritt, um die Spirale wieder in die richtige Richtung zu drehen.“
 

Nach der politischen Analyse wendet sich Gerber seiner eigenen Airline zu – und hier verändert sich sein Ton. Er spricht mit sichtbarem Stolz, aber ohne Übertreibung, über das, was Condor in den vergangenen Jahren geschafft hat.

Die Worte „doppelter Knockdown“ beschreiben die dramatische Phase nach der Thomas-Cook-Pleite und den Einbruch durch Corona. „Ich kenne keine Firma, die so einen doppelten Knockdown überstanden hat – erst Thomas Cook, dann Corona.“ Er nimmt sich einen Moment, um seinen Vorgänger zu würdigen. „Ralf Teckentrup und sein Team hat Condor durch diese Zeit getragen. Dafür sind wir ihm viel schuldig.“

Nach dem Knockdown folgt der Neustart

Was dann folgt, ist die Beschreibung eines vollständigen Neustarts: Condor als modernisierte, eigenständige, durchkapitalisierte Fluggesellschaft mit klarem Fokus, eigener Zubringerstruktur und ambitionierten Wachstumszielen. Gerber beschreibt die neue A330 Neo-Langstreckenflotte nicht nur als technisches Upgrade, sondern als strategisches Rückgrat: „Das ist das Benchmark-Flugzeug. 2,1 Liter pro 100 Kilometer pro Passagier bei realer Auslastung – das kann man mit jedem guten Gewissen verkaufen.“

Er betont, dass der CO₂-Ausstoß um 20 Prozent sinke und die Lärmbelastung um 40 Prozent – Werte, die im internationalen Vergleich Spitzenklasse sind. Mit Sustainable Aviation Fuel hat Condor bereits begonnen. „Wir mischen jetzt schon zwei Prozent SAF bei – Tendenz steigend. Wenn die Politik die Mengen garantieren würde, könnten wir viel mehr.“

Selbstbewusste Produktpositionierung

Auch beim Produkt spart Gerber nicht mit Selbstbewusstsein. „Ich empfehle jedem, Condor auf der Langstrecke zu fliegen. Die Business Class ist im Moment das beste Produkt aus Deutschland.“ Die Premium Economy bezeichnet er als „im Preis-Leistungs-Verhältnis ungeschlagen“. Das Streckennetz sei breit diversifiziert, Nordamerika entwickle sich hervorragend, Europa werde gestärkt, und die City-Operation laufe „so gut, dass wir im Winter dreimal täglich fliegen“.

Dass er im Nebensatz andeutet, „dass in den nächsten Tagen noch etwas für die Golfregion kommt“, sorgt im Saal für Raunen. Er darf es noch nicht aussprechen, aber die Botschaft ist eindeutig: Condor bewegt sich weiter – und will Marktanteile zurückholen.

Appell an die Politik

Zum Ende seines Vortrags findet Gerber zurück zur großen Linie – und zu einer politischen Forderung. „Wir müssen weg von dieser Politik, die Wachstum verhindert und dem Klima nicht hilft. Wir brauchen wieder eine Luftverkehrspolitik, die Wertschöpfung ermöglicht – und Investitionen in moderne, nachhaltige Flugzeuge.“