„Globaler Austausch wird komplexer“ – LCC positioniert sich für die Zukunft des Reisens
Im Vorfeld der LCC-Vollversammlung auf Malta sprachen Markus Orth und Heiko Brix über neue Marktmechanismen, technologische Entwicklungen und die Erwartungen der Generation Z. Im Fokus: Wie sich das Franchise-Netzwerk zwischen Digitalisierung, geopolitischen Verschiebungen und Nachwuchsgewinnung positioniert.

„Wir sehen derzeit eine klare Verschiebung wirtschaftlicher Aktivitäten – und die hat direkte Folgen für die Reisebranche“, sagte Heiko Brix. Als Beispiel nannte er Asien: „Viele Firmen verlagern ihre Produktion von China nach Vietnam oder andere Teile Südostasiens. Diese Bewegungen erzeugen neue Reiseströme, weil Ingenieure, Fachkräfte und Managementteams in neue Märkte entsendet werden.“
Die Dynamik sei deutlich spürbar, insbesondere im Geschäftsreisemarkt. Auch in der Touristik entstünden neue Reiseachsen: „Wir beobachten, dass sich Märkte verschieben – etwa vom Point-of-Sale Kanada in Richtung Mexiko, oder dass Südamerika boomt, weil Reisende dort Alternativen zu den USA suchen.“
Zugleich entstünden durch den wachsenden Protektionismus neue Wirtschaftsräume. „Der freie Welthandel, wie wir ihn kannten, verändert sich“, so Brix. „Wenn Wirtschaftspartner sich stärker regional zusammenschließen, hat das unmittelbare Auswirkungen auf Geschäftsreisen. Globaler Austausch wird komplexer – aber auch spannender für Anbieter, die diese Ströme frühzeitig verstehen.“
Digitale Plattformen: Von Cockpit bis CRM
Ein weiteres zentrales Thema war die Plattformstrategie von Lufthansa City Center. Markus Orth erklärte, dass LCC an einer Vielzahl digitaler Lösungen arbeitet, um Prozesse für Partner und Kunden zu vereinfachen:
„Wenn wir von Plattformen sprechen, meinen wir Technologie in mehreren Ebenen – von NDC-basierter Flugdistribution über Online-Buchungssysteme bis zu CRM-Lösungen wie Fresh Sales.“
Die deutsche Bridge-IT-Plattform sei der Kern des Cockpit-Systems für Geschäftsreisen, während international unterschiedliche technische Module im Einsatz sind: „Eine globale Lösung wäre aktuell nicht realistisch – dafür sind Märkte, Währungen und Regularien zu divers.“
Im Bereich Nachhaltigkeit spielt die Lufthansa-Tochter Squake eine Schlüsselrolle: Sie misst und kompensiert CO₂-Emissionen „on the fly“ bei der Buchung. „Das ist mittlerweile fest in unsere Corporate-Plattform integriert“, so Orth.
Neue Online-Plattform und Omnichannel-Vertrieb
Besonderes Augenmerk liegt auf dem Relaunch der LCC-Webseite, die bis Jahresende live gehen soll. „Die neue Plattform bietet ein ganzheitliches Kundenerlebnis – mit personalisierten Kundenkonten, Buchungshistorien und einer mandantenfähigen Struktur für Partner“, erläuterte Orth. „Der Kunde kann nahtlos zwischen Online-Buchung und Beratung im Büro wechseln – alles wird zentral im Konto gespeichert.“
Franchise-Partner können künftig eigene Pro-Seiten gestalten, inklusive Content-Management und Social-Media-Integration: „Ein Büro in Münster kann seine Kreuzfahrtkompetenz auf der Startseite prominent präsentieren, während ein anderer Partner in Pforzheim ganz andere Schwerpunkte setzt.“
Das Ziel: Mehr digitale Eigenständigkeit für stationäre Büros – verbunden mit einheitlicher Technologie und markenübergreifendem CRM. „Der Reisebürovertrieb ist beim Thema Online noch nicht da, wo er sein sollte“, räumte Orth ein. „Aber mit dieser neuen Lösung schließen wir die Lücke zum OTA-Geschäft.

Next Gen als Unternehmerzielgruppe
Ein weiterer Diskussionspunkt war die nächste Generation von Unternehmern. „Wir haben erkannt, dass wir nicht nur Next-Gen-Kunden brauchen, sondern auch Next-Gen-Franchise-Nehmer“, betonte Orth. „Das ist entscheidend für die Zukunft unseres Modells.“
Die Herausforderung: junge Gründer für den stationären Vertrieb zu begeistern.
„Wir müssen neue Franchise-Konzepte entwickeln, die zu den Werten und Lebensmodellen junger Unternehmer passen – flexibler, digitaler, mit mehr Eigenverantwortung und kreativem Freiraum.“
Brix ergänzte die internationale Perspektive: „Gerade die Generation Z denkt in Nischen, nicht in Masse. Sie sucht das Authentische, das Individuelle, das ‚off the beaten track‘. Genau dort liegen unsere Chancen – im Bereich Experiential Travel und Spezialisierung auf hochwertige Nischensegmente.“
Künstliche Intelligenz verändert den Reisevertrieb
Das Thema KI prägt die strategische Weiterentwicklung von LCC. „Im Corporate-Bereich sehen wir großes Potenzial, Prozesse zu automatisieren und RFPs in kürzester Zeit professionell zu beantworten“, so Brix. „Was früher drei bis fünf Tage dauerte, schaffen unsere internationalen Partner heute mit AI-Prompts in zwei Stunden.“
Beispielhaft nannte er den britischen Partner Good Travel Management, der gemeinsam mit LCCI Best-Practice-Modelle entwickelt hat, sowie den US-Partner Gant Travel, der ein eigenes GantGPT auf Basis firmeneigener Daten aufgebaut hat.
Orth betont, dass KI nicht nur Effizienz schafft, sondern auch Chancen für die Nachwuchsförderung bietet: „AI ist eine Werkbank für gute Touristiker. Sie hilft jungen Mitarbeitenden, schneller Expertise aufzubauen und mit weniger Aufwand auf ein hohes Beratungsniveau zu kommen.“
Während auf der Corporate-Seite KI bereits produktiv eingesetzt wird, dient sie im Leisure-Bereich vor allem der Inspiration und Beratungserweiterung: „Commodity-Produkte laufen über OTAs – aber im Premiumsegment ist KI die perfekte Ergänzung zur persönlichen Beratung“, so Orth.
Fazit: Technologie, Unternehmertum und Haltung
„Wir wollen Innovation mit Verantwortung verbinden“, resümiert Orth. „Unsere Aufgabe ist es, Komplexität zu verstehen, Wandel zu gestalten und jungen Menschen eine Perspektive im Reisevertrieb zu geben.“ „Next Gen, KI und Nachhaltigkeit gehören für uns zusammen – sie definieren, wie wir 2030 reisen und arbeiten werden.“

