„Der neue Gast tickt anders – und Hotels müssen folgen“
Warum buchen Gäste heute Urlaub ganz anders als noch vor wenigen Jahren? Ingo Burmester, CEO der Dertour Group Hotels & Resorts, erklärt im Interview mit TRVL COUNTER, was Reisende wirklich suchen – und wie das neue Ananea Rocrita auf Kreta genau diesen Nerv trifft.

Herr Burmester, wie erleben Sie Ihren Neuzugang?
Ich war ehrlich gesagt überrascht, wie schnell man hier entschleunigt. Trotz eines vollen Programms fühlt man sich sofort entspannt. Man kommt ins Zimmer, schaut raus aufs Meer und hat direkt das Gefühl, runterzukommen. Gerade im Vergleich zu anderen Hoteltrips mit engem Zeitplan funktioniert das hier wirklich gut.
Woran liegt das aus Ihrer Sicht?
Das passt genau zum Konzept: „Sehnsucht nach Leichtigkeit“. Gäste suchen heute weniger Reizüberflutung, sondern Ruhe, Entspannung und bewusste Erlebnisse. Genau das wird hier sehr gut umgesetzt. Die Auswertungen unseres Dertour European Travel Trend Report, dem wir 8.000 Gäste in 13 Ländern befragt haben, zeigen, dass die große Mehrheit der Urlauber bewusst eine Auszeit von digitalen Medien wünschen. Ebenfalls mehr als zwei Drittel legen Wert auf Entschleunigung und Erholung, und erstaunlicherweise spielt Social Media wie Instagram nur noch eine untergeordnete Rolle. Das ist ein klarer Wandel gegenüber früher.
Welche Rolle spielen heute im Urlaub die Faktoren Sicherheit und Preis?
Sicherheit ist deutlich wichtiger geworden – rund 86 Prozent unserer befragten Gäste achten darauf. Gleichzeitig ist Preis-Leistung entscheidend. Viele wissen gar nicht, dass Pauschalreisen oft günstiger sind als Einzelbuchungen, weil Veranstalter unter anderem durch den früheren Einkauf bessere Konditionen bekommen.
Was bedeutet das für Hotelkonzepte?
Hotels müssen heute mehr bieten als nur Unterkunft. Es geht um emotionale Qualität: Orte, die beruhigen, Sicherheit geben und echte Erholung ermöglichen – mental, körperlich und emotional.

Mit dem Ananea Rocrita ist die Marke nun mit drei Häusern in Griechenland vertreten – neben dem Ananea Kos und dem Ananea Mykonos
Die Lifestyle-Marke Ananea richtet sich mit ihrem „Slow-Glamour“-Konzept an design- und trendbewusste Reisende, die Entschleunigung, Ästhetik und authentische Erlebnisse suchen. Dazu zählen neben Familien auch Alleinreisende. Wie werden diese integriert?
Wir haben keine klassischen Kennenlernabende wie in Clubs. Aber wir schaffen gezielt Begegnungsräume – etwa über Food-&-Beverage-Events oder Formate wie „Chef & Me“. Dort kommen Gäste automatisch ins Gespräch, wenn sie zusammensitzen und vom Küchenchef individuell bekocht werden. Außerdem sprechen wir unsere Zielgruppen sehr gezielt an. Dadurch entsteht oft eine natürliche Community, weil viele Gäste ähnliche Interessen haben. Es gibt sogar Fälle, in denen sich Gäste nach dem Urlaub wieder verabreden.
Das ist eher ungewöhnlich für ein Hotelkonzept.
Ja, das kennt man eher aus Clubanlagen. Aber wir sehen, dass es auch im Hotel funktioniert – besonders bei unseren Marken wie Ananea als Hotelmarke oder Aldiana als Clubmarke.
Das Ananea Rocrita wurde aus einem ehemaligen Aldiana Club umfassend modernisiert und erweitert. Es bietet jetzt 360 Zimmer und Swim-up-Suiten, zwei Pools, ein Wellness Center sowie eine Fitness Area. Gab es besondere Herausforderungen bei den Bauarbeiten?
Definitiv! Der bestehende Gebäudeteil wurde komplett entkernt – inklusive Elektrik, und Böden. Gleichzeitig haben wir die Grundstruktur genutzt und mit einem Neubau kombiniert. Heute wirkt das Gesamtbild sehr einheitlich, obwohl es aus Alt- und Neubau besteht. Beim Umbau wurden übrigens viele Materialien recycelt und wiederverwendet. Das war ein wichtiger Bestandteil des Konzepts.
Stichwort Nachhaltigkeit: In den Zimmern und Suiten stehen Wasserflaschen aus Kunststoff, am Pool werden die Speisen im Streetfood-Restaurant auf Pappgeschirr mit Kunststoffdeckel serviert. Wie passt das zusammen?
Kunststoff wird oft pauschal als nicht nachhaltig wahrgenommen, aber das ist so nicht korrekt. Die verwendeten Polyethylen-Flaschen sind gut recycelbar und haben durch ihr geringes Gewicht sogar Vorteile gegenüber Glas, etwa beim Transport. Entscheidend ist, dass die Materialien korrekt recycelt werden können – und das ist bei Polyethylen der Fall.
Am Schluss noch eine persönliche Frage: Sie haben im vergangenen November die Nachfolge von Karl Pojer als CEO der Dertour Group Hotel Division angetreten, der einen ganz eigenen Stil hatte. Wie wird Ihr Führungsstil sein? Was wird Sie kennzeichnen?
Wenn ich meinen Führungsstil beschreiben müsste, würde ich sagen: Mir ist die Nähe zu meinem Team sehr wichtig. Nähe bedeutet für mich Offenheit, aber gleichzeitig auch Verbindlichkeit. Man muss sich aufeinander verlassen können, und es muss alles gesagt werden dürfen – ohne Konsequenzen im Nachhinein. Ich bin ein großer Freund davon, dass wirklich alles angesprochen wird. Denn nur so hat man am Ende die beste Entscheidungsgrundlage.
Ein zweiter Punkt ist: Ich treffe Entscheidungen ungern ohne Alternativen. Mir ist wichtig, dass wir Optionen haben – Option A, B oder C. Entscheidungen sollen so vorbereitet werden, dass man sie bewerten kann. Und ja, ich bin immer offen für eine vierte oder fünfte Option. Maximale Offenheit führt in der Regel zu besseren Ergebnissen.
Der dritte Punkt ist Unternehmertum. Ich wünsche mir, dass alle unternehmerisch denken. Gleichzeitig spreche ich oft von einem „Spagat“: Auf der einen Seite müssen wir wirtschaftlich handeln, auf der anderen Seite eine maximale Gästeorientierung haben. Unser Ziel ist es, Gäste wirklich glücklich zu machen und eine hohe Zufriedenheit sowie Weiterempfehlung zu erreichen.

Das neue Domizil befindet sich direkt an einer Badebucht im Nordosten Kretas und entstand aus dem Umbau des ehemaligen Aldiana Clubs
Was sind die wichtigsten Punkte Ihrer Strategie?
Drei Punkte sind entscheidend: Erstens: klarer Gästefokus. Die Bedürfnisse verändern sich. Wir sehen aktuell sehr deutlich, dass Themen wie Entschleunigung, bewusste Wahrnehmung und persönliche Erlebnisse wichtiger geworden sind als beispielsweise Social Media. Das hat selbst mich überrascht.
Zweitens: Wirtschaftlichkeit. Wir müssen unsere Betriebe so führen, dass sie für Eigentümer und Partner wirtschaftlich sinnvoll sind. Nur dann funktioniert das Konzept langfristig.
Drittens: Wachstum. Wir sind bereits stark gewachsen und wollen weiter wachsen – mit einem ambitionierten Ziel von 50 Prozent in fünf Jahren. Das funktioniert nur durch enge, partnerschaftliche Zusammenarbeit. Gerade als Teil der Rewe Group als Genossenschaft ist uns wichtig, mit Partnern auf Augenhöhe zu arbeiten.
Iris Quirin
Zur Person: Ingo Burmester
Ingo Burmester ist seit November 2025 CEO der Hotel Division der Dertour Group und verantwortet deren Ausbau als eigenes Vorstandsressort. Zuvor leitete er seit 2019 das Veranstaltergeschäft in Zentraleuropa. Ziel ist ein nachhaltiges Wachstum der Division mit über 120 Hotels, erreicht durch bessere Qualität, optimierte Prozesse sowie die Weiterentwicklung von Marken, Produkten und Gästeerlebnis.
Burmester verfügt über umfassende Erfahrung im Veranstalter- und Hotelgeschäft. Nach Studium und Promotion begann er in der Beratung, wechselte 2000 zur TUI und übernahm Führungsrollen im Hotel- und Airline-Sektor. Als CEO der Robinson Clubs (2011–2017) prägte er deren Wachstum. Später leitete er bei Thomas Cook das internationale Hotelgeschäft. Seit 2019 ist er bei Dertour tätig, seit 2022 auch Mitglied des Executive Boards.

