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Interview mit Bruno Borowka (Star Clipper...
19.05.26, 07:46 Uhr

Star-Clippers-Kapitän: „Wir segeln wirklich – nicht nur fürs Foto“

Zwischen Tradition und Hightech: Kapitän Bruno Borowka steuert die Royal Clipper – den weltgrößten Fünfmaster. Im Interview erklärt er, warum echtes Segeln im Kreuzfahrtmarkt mehr ist als Inszenierung, wie anspruchsvoll Gäste sind, und wie sich sein Leben mit Familie vereinbaren lässt.

Sein Aufstieg zum Kapitän war Zufall, seine Leidenschaft fürs Segeln ist es nicht: Bruno Borowka auf der Royal Clipper. Foto: TRVL COUNTER/Jean-Marc Göttert

Herr Borowka, Sie sind diese Nacht komplett unter Segeln gefahren.
Ja, wir sind die ganze Nacht von Calvi, Korsika, gesegelt. Erst kurz vor der Einfahrt in die Bucht von Nizza haben wir den Motor gestartet, weil wir den Lotsen aufnehmen mussten. Davor liefen wir konstant unter Segeln, mit etwa zehn Knoten – bei reduzierter Besegelung.

Viele Gäste haben bemerkt, dass das Schiff leicht auf der Seite lag.
Das ist ganz normal beim Segeln. Der Wind drückt in die Segel, dadurch bekommt das Schiff eine leichte Schräglage. Wir haben die Segel später reduziert, weil wir zu schnell waren und unsere geplante Ankunftszeit einhalten mussten.

Trotzdem läuft der Motor immer mit?
Ja, aber nicht für den Antrieb. Wir brauchen ständig Strom. Die Generatoren versorgen alles an Bord: Klimaanlage, Küche, Wasseraufbereitung, Lüftung. Ohne Strom wäre es hier innerhalb weniger Minuten sehr unkomfortabel, und sehr warm. Da möchte man schnell an Deck.

Wie viel Prozent der Strecke legen Sie tatsächlich unter Segeln zurück?
Das hängt stark vom Fahrtgebiet ab. Im Mittelmeer ist es schwieriger, weil die Winde unzuverlässiger sind. In der Karibik ist es ideal. Mein persönlicher Rekord liegt bei 77 Prozent unter Segeln.

Die Royal Clipper gilt als das größte Segelkreuzfahrtschiff der Welt. Wo positioniert sich das Schiff zwischen klassischen Kreuzfahrten, Luxus und Expedition?
Das Schiff ist ein sehr besonderes Produkt. Wir sind kein klassisches Luxusschiff im Sinne von maximalem Angebot, und wir sind auch kein Expeditionsschiff. Luxus definiert sich für uns anders: durch Raum, durch Ruhe, durch das echte Erlebnis des Segelns. Wir haben rund 200 Gäste an Bord – keine 4.000 oder 5.000. Das schafft Nähe, Atmosphäre und Individualität.


Wenn der Motor schweigt und die Segel sprechen​: Getragen vom Wind vereint die Royal Clipper maritime Tradition mit modernem Reisen. Foto: Star Clippers

Wie unterscheiden Sie sich konkret von klassischen Luxusschiffen?
Auf vielen Luxusschiffen geht es um Vielfalt und Verfügbarkeit: mehrere Restaurants, große Suiten, ein sehr umfangreiches Angebot – bis hin zu Kaviar zu jeder Tageszeit. Bei uns steht nicht das „Mehr“ im Vordergrund, sondern das „Echtere“. Der Wind, die Segel, das Gefühl, wirklich auf See zu sein. Das ist unser Luxus.

Und wo liegt der Unterschied zu Expeditionsschiffen?
Expeditionsschiffe sind stark auf Ziele und Inhalte ausgerichtet – auf Natur, Wissenschaft, Entdeckungen. Das ist spannend, aber ein anderes Konzept. Bei uns ist das Schiff selbst ein Teil des Erlebnisses. Die Reise beginnt nicht erst am Ziel – sie passiert unterwegs, unter Segeln.

Sie kennen beide Welten. Wie blicken Sie persönlich darauf?
Ich habe großen Respekt vor diesen Konzepten. Es ist beeindruckend, wie Mega-Kreuzfahrtschiffe mit mehreren tausend Gästen betrieben werden. Und auch Expeditionsschiffe leisten viel – gerade in abgelegenen Regionen. Aber am Ende ist es eine Frage der Erwartung. Der Markt bietet für jeden das passende Produkt.

Was suchen Ihre Gäste konkret?
Viele sagen: „Es ist egal, wohin wir fahren, hauptsache, wir sind an Bord und sehen die Segel.“ Das beschreibt es sehr gut. Unsere Gäste kommen nicht wegen eines einzelnen Ziels, sondern wegen des gesamten Erlebnisses. Wir haben viele Stammgäste, die immer wiederkommen und sich fast wie Teil der Crew fühlen.

Wie nah ist das Verhältnis zwischen Gästen und Crew?
Sehr nah. Manche Gäste helfen sogar freiwillig bei kleinen Arbeiten an Deck oder bringen den Seeleuten Kaffee. Sie wollen das Schiff erleben – nicht nur konsumieren.

Wie lässt sich ein Leben auf See mit Familie vereinbaren?
Das ist nicht einfach. Wir arbeiten in einem Rotationssystem – etwa drei bis vier Monate an Bord, danach zwei bis drei Monate zu Hause. Das hilft, aber es bleibt eine Herausforderung. Meine Familie hat sich daran gewöhnt, aber es hat Zeit gebraucht. Allein die Entscheidung zu heiraten hat bei uns fast sieben Jahre gedauert.

Manchmal ergeben sich kleine Momente des Glücks: Eine meiner Töchter hat mich jetzt auf der Tour in Portofino besucht – nur für ein paar Stunden. Sie war mit einer Studentengruppe unterwegs und hat die Gelegenheit genutzt, kurz an Bord zu kommen. Solche Begegnungen sind selten, aber sie bedeuten uns viel.


Auf der Royal Clipper verantwortet Kapitän Bruno Borowka Kurs, Crew und das Zusammenspiel von Wind und Technik. Foto: TRVL COUNTER/Jean-Marc Göttert

Sie sind seit Jahrzehnten auf See. Wollten Sie immer Kapitän werden?
Nein. Ich wollte einfach zur See fahren. Kapitän wurde ich eher zufällig. Eines Tages sagte ein Kollege zu mir: „Pack deine Sachen – du bist mein Nachfolger.“ So hat sich das entwickelt.
Ihr Alltag klingt trotz allem sehr strukturiert.

Mein Tag beginnt mit einem Meeting mit den Abteilungsleitern. Danach geht es in den operativen Betrieb. Ich bin rund um die Uhr verfügbar – gerade beim An- und Ablegen. Abends gibt es letzte Checks und die Nachtanweisungen.

Spüren Sie eigentlich den Klimawandel auf See?
Ja, deutlich. In der Karibik verschieben sich die Jahreszeiten. Früher war der Dezember windig, heute regnet es teilweise noch im März – eigentlich Trockenzeit. Auch im Mittelmeer beobachten wir höhere Wassertemperaturen und veränderte Windverhältnisse.

Wie hat sich die Seefahrt verändert?
Als ich angefangen habe, gab es keine Klimaanlage, kaum Frischwasser, wir haben in Hängematten geschlafen. Heute habe ich die gesamte Navigation und Kommunikation in der Tasche – ich kann mitten im Atlantik meine Familie sehen und sprechen.

Werden Sie von den Gästen immer als Kapitän erkannt?
(lacht) Nicht unbedingt. Es kommt vor, dass ich an der Bar sitze und jemand fragt: „Entschuldigung, junger Mann, wer sind Sie eigentlich?“ Und dann schauen sie auf mein Namensschild – und merken erst, dass ich der Kapitän bin.

Wie reagieren Sie darauf?
Mit Humor. Zwei Stammgäste nennen mich inzwischen immer „junger Mann“. Das ist zu einem Running Gag geworden. Deshalb trage ich mein Namensschild auch konsequent – ich kann ja schlecht von der Crew verlangen, dass alle es tragen, und ich selbst nicht.

Letzte Frage: Denken Sie ans Aufhören?
Ich könnte jederzeit in Rente gehen. Aber viele Kollegen sagen mir: „Bleib auf See, solange du kannst.“ Einer hat mir nach seiner Pensionierung gesagt, es sei ein Fehler gewesen aufzuhören. Und zurückzukommen ist schwierig. Solange ich gesund bin, bleibe ich. Jeder Tag auf einem Segelschiff ist etwas Besonderes.

Danke fürs Gespräch!
Jean-Marc Göttert