Interview Mirko Jacubowski (A3M)24.04.26, 07:09 Uhr
„Diese Krise trifft die Touristik global – und sie macht Reisen spürbar exklusiver“
Im Gespräch analysiert Krisenexperte Mirko Jacubowski (A3M) die Kettenreaktionen für die Branche, skizziert realistische Szenarien – und erklärt, warum die Warnung von DRV-Präsident Albin Loidl vor Reisen als Luxus zunehmend Realität werden könnte.

Fotos: A3M und DRV/Marcel Kautz
Herr Jacubowski, der DRV spricht von der schwersten Krise seit Corona. Ist das aus Ihrer Sicht gerechtfertigt?
Absolut. Wir haben es mit einer Krise zu tun, die sich geografisch kaum eingrenzen lässt. Der Auslöser liegt im Iran-Konflikt, aber die Auswirkungen sind global. Genau das unterscheidet diese Situation von vielen früheren Krisen.
Was macht diese Krise konkret so gravierend für die Touristik?
Es ist die Gleichzeitigkeit mehrerer Effekte. Wir haben großflächige Reisewarnungen für zentrale Drehkreuzregionen, massive Flugausfälle – insbesondere Richtung Asien – und eine drastische Verknappung von Kapazitäten. Das führt dazu, dass Reisen entweder gar nicht mehr stattfinden können oder nur noch zu extrem hohen Preisen.
Also eine klassische Kettenreaktion?
Genau. Die blockierte Straße von Hormus sorgt für steigende Energiepreise. Diese schlagen direkt auf Flugkosten und damit auf Reisepreise durch. Gleichzeitig steigen Inflationserwartungen – und am Ende wird Reisen für viele schlicht schwerer finanzierbar. Das betrifft nicht nur einzelne Zielgebiete, sondern die gesamte Branche.
Wie stark trifft das den operativen Alltag bei Veranstaltern und Reisebüros?
Extrem. Wir sehen eine enorme Welle an Umbuchungen, Stornierungen und Umroutungen. Das bedeutet massiv mehr Arbeit – ohne zusätzliche Vergütung. Gleichzeitig werden bereits erbrachte Beratungsleistungen oft nicht honoriert, weil Reisen gar nicht stattfinden. Das führt zwangsläufig zu Verteilungskonflikten.

Mirko Jacubowski und Berend Rieckmann von Rieckmann Creative Solutions bei der DRV-Jahrestagung
Selbst sichere Ziele wie Türkei oder Ägypten leiden aktuell unter Rückgängen. Warum?
Das ist keine Sicherheitskrise, sondern eine Vertrauenskrise. Objektiv gibt es kaum Gründe für Rückgänge in diesen Märkten. Aber die geografische Nähe erzeugt Unsicherheit – und viele Kunden reagieren vorsichtig, teilweise übervorsichtig.
Wird das touristische Jahr dadurch kippen?
Ich halte das für sehr wahrscheinlich. Wenn selbst große Player wie TUI ihre Prognosen korrigieren müssen, ist das ein klares Signal. Gleichzeitig schwächt sich die Gesamtwirtschaft ab – das ist kein gutes Umfeld für Reisen.
Wie geht es weiter? Sie haben verschiedene Szenarien skizziert. Was wäre der Best Case?
Ein stabiler Waffenstillstand und langfristig sogar ein politischer Wandel im Iran. Das wäre ein völlig neues touristisches Potenzial – aber realistisch ist das aktuell kaum.
Und der Worst Case?
Ein Zerfall staatlicher Strukturen im Iran, interne Machtkämpfe, Destabilisierung der Region. Das hätte massive globale Auswirkungen – auch für den Tourismus.
Was ist aus Ihrer Sicht am wahrscheinlichsten?
Ein fragiler Waffenstillstand. Die Straße von Hormus wird vermutlich wieder geöffnet – aber nicht zu den alten Bedingungen. Höhere Kosten bleiben. Das bedeutet: Reisen wird strukturell teurer bleiben.
Welche Rolle spielen Airlines in dieser Phase?
Wenn Fluggesellschaften wie Emirates Kapazitäten wieder hochfahren, ist das ein wichtiges Signal. Gleichzeitig ist es auch wirtschaftlicher Zwang – ein Flugzeug am Boden kostet Geld. Und natürlich soll Vertrauen in den Markt zurückgebracht werden.
Reisen ist seit Corona deutlich teurer geworden. Verschärft die Krise diese Entwicklung weiter?
Ganz klar. Wir sehen schon jetzt, dass viele Familien an die Grenze der Finanzierbarkeit kommen. Wenn sich diese Entwicklung fortsetzt, droht Reisen tatsächlich zum Luxusgut zu werden.
.jpg)
DRV-Jahrestagung 2026 auf den Azoren
Der DRV-Präsident Albin Loidl hat auf der Jahrestagung auf den Azoren genau davor gewarnt. Zu Recht?
Absolut. Diese Warnung ist sehr ernst zu nehmen. Wir haben steigende Energiepreise, steigende Flugkosten und keine echten Ausweichmöglichkeiten mehr. Selbst Ziele mit Eigenanreise werden teurer. Das trifft vor allem Familien und mittlere Einkommensgruppen.
Welche Folgen hat das für die Branche?
Weniger Reisende bei stabilen Umsätzen – das klingt zunächst robust, ist aber trügerisch. Wenn breite Bevölkerungsschichten nicht mehr reisen, leidet langfristig die gesamte Infrastruktur. Tourismus braucht Volumen, sonst wird das Angebot ausgedünnt.
Wie kritisch ist die Situation beim Thema Kerosin?
Sehr kritisch. Die Vorräte aus der Zeit vor der Krise sind aufgebraucht, jetzt beginnt reale Knappheit. Airlines reagieren bereits mit Flugstreichungen. Im Extremfall müssen Prioritäten gesetzt werden – etwa zwischen Fracht und touristischem Verkehr.
Gibt es überhaupt einen Weg aus dieser Krise?
Es ist eine verdammt schwierige Situation. Das zentrale Problem ist der Gesichtsverlust – für beide Seiten. Keiner kann einfach nachgeben, ohne innenpolitisch Schaden zu nehmen. Ich glaube, es braucht einen Vermittler. Eine dritte Instanz, die es beiden Seiten ermöglicht, aus dieser Situation herauszukommen, ohne als Verlierer dazustehen. Wer das sein kann, ist völlig offen.
Eine verfahrene Situation?
Ja, am Ende ist das ein bisschen wie in einer hoch eskalierten Ehekrise: Man kann nicht miteinander, aber ohne einander auch nicht. Genau in solchen Situationen braucht es jemanden von außen, der moderiert. Ob die Pakistaner hier die richtigen sind, ist fraglich.
Danke fürs Gespräch!
**
Die fünf wichtigsten Aussagen des Krisenexperten
Globale Wucht:
Die Krise wirkt weltweit – weit über die eigentliche Konfliktregion hinaus.
Kapazitätsschock:
Flugausfälle und gesperrte Drehkreuze treiben Preise und begrenzen Angebot.
Vertrauenskrise:
Selbst sichere Destinationen leiden unter Unsicherheit bei den Kunden.
Luxusrisiko:
Steigende Preise drohen Reisen für breite Bevölkerungsschichten unerschwinglich zu machen.
Unsichere Zukunft:
Selbst im besten Szenario bleibt Reisen langfristig teurer und komplexer als vor der Krise.
**
Zur Person Mirko Jacubowski
Mirko Jacubowski ist Chief Operating Officer (COO) beim Krisen- und Sicherheitsdienstleister A3M Global Monitoring. In dieser Funktion verantwortet er operative Prozesse, Lageanalysen und die Bewertung globaler Sicherheitsrisiken für die Reiseindustrie.
Der studierte Experte für Risiko- und Krisenmanagement begleitet die Touristik seit vielen Jahren durch geopolitische Spannungen, Naturkatastrophen und pandemiebedingte Ausnahmesituationen. Seine Einschätzungen basieren auf datengetriebenem Monitoring, Echtzeitanalysen und einem internationalen Netzwerk an Informationsquellen.
Jacubowski gilt als gefragter Analyst für sicherheitsrelevante Entwicklungen im Reiseverkehr – insbesondere an der Schnittstelle zwischen geopolitischen Konflikten, Mobilität und touristischer Nachfrage.
Absolut. Wir haben es mit einer Krise zu tun, die sich geografisch kaum eingrenzen lässt. Der Auslöser liegt im Iran-Konflikt, aber die Auswirkungen sind global. Genau das unterscheidet diese Situation von vielen früheren Krisen.
Was macht diese Krise konkret so gravierend für die Touristik?
Es ist die Gleichzeitigkeit mehrerer Effekte. Wir haben großflächige Reisewarnungen für zentrale Drehkreuzregionen, massive Flugausfälle – insbesondere Richtung Asien – und eine drastische Verknappung von Kapazitäten. Das führt dazu, dass Reisen entweder gar nicht mehr stattfinden können oder nur noch zu extrem hohen Preisen.
Also eine klassische Kettenreaktion?
Genau. Die blockierte Straße von Hormus sorgt für steigende Energiepreise. Diese schlagen direkt auf Flugkosten und damit auf Reisepreise durch. Gleichzeitig steigen Inflationserwartungen – und am Ende wird Reisen für viele schlicht schwerer finanzierbar. Das betrifft nicht nur einzelne Zielgebiete, sondern die gesamte Branche.
Wie stark trifft das den operativen Alltag bei Veranstaltern und Reisebüros?
Extrem. Wir sehen eine enorme Welle an Umbuchungen, Stornierungen und Umroutungen. Das bedeutet massiv mehr Arbeit – ohne zusätzliche Vergütung. Gleichzeitig werden bereits erbrachte Beratungsleistungen oft nicht honoriert, weil Reisen gar nicht stattfinden. Das führt zwangsläufig zu Verteilungskonflikten.

Mirko Jacubowski und Berend Rieckmann von Rieckmann Creative Solutions bei der DRV-Jahrestagung
Selbst sichere Ziele wie Türkei oder Ägypten leiden aktuell unter Rückgängen. Warum?
Das ist keine Sicherheitskrise, sondern eine Vertrauenskrise. Objektiv gibt es kaum Gründe für Rückgänge in diesen Märkten. Aber die geografische Nähe erzeugt Unsicherheit – und viele Kunden reagieren vorsichtig, teilweise übervorsichtig.
Wird das touristische Jahr dadurch kippen?
Ich halte das für sehr wahrscheinlich. Wenn selbst große Player wie TUI ihre Prognosen korrigieren müssen, ist das ein klares Signal. Gleichzeitig schwächt sich die Gesamtwirtschaft ab – das ist kein gutes Umfeld für Reisen.
Wie geht es weiter? Sie haben verschiedene Szenarien skizziert. Was wäre der Best Case?
Ein stabiler Waffenstillstand und langfristig sogar ein politischer Wandel im Iran. Das wäre ein völlig neues touristisches Potenzial – aber realistisch ist das aktuell kaum.
Und der Worst Case?
Ein Zerfall staatlicher Strukturen im Iran, interne Machtkämpfe, Destabilisierung der Region. Das hätte massive globale Auswirkungen – auch für den Tourismus.
Was ist aus Ihrer Sicht am wahrscheinlichsten?
Ein fragiler Waffenstillstand. Die Straße von Hormus wird vermutlich wieder geöffnet – aber nicht zu den alten Bedingungen. Höhere Kosten bleiben. Das bedeutet: Reisen wird strukturell teurer bleiben.
Welche Rolle spielen Airlines in dieser Phase?
Wenn Fluggesellschaften wie Emirates Kapazitäten wieder hochfahren, ist das ein wichtiges Signal. Gleichzeitig ist es auch wirtschaftlicher Zwang – ein Flugzeug am Boden kostet Geld. Und natürlich soll Vertrauen in den Markt zurückgebracht werden.
Reisen ist seit Corona deutlich teurer geworden. Verschärft die Krise diese Entwicklung weiter?
Ganz klar. Wir sehen schon jetzt, dass viele Familien an die Grenze der Finanzierbarkeit kommen. Wenn sich diese Entwicklung fortsetzt, droht Reisen tatsächlich zum Luxusgut zu werden.
.jpg)
DRV-Jahrestagung 2026 auf den Azoren
Der DRV-Präsident Albin Loidl hat auf der Jahrestagung auf den Azoren genau davor gewarnt. Zu Recht?
Absolut. Diese Warnung ist sehr ernst zu nehmen. Wir haben steigende Energiepreise, steigende Flugkosten und keine echten Ausweichmöglichkeiten mehr. Selbst Ziele mit Eigenanreise werden teurer. Das trifft vor allem Familien und mittlere Einkommensgruppen.
Welche Folgen hat das für die Branche?
Weniger Reisende bei stabilen Umsätzen – das klingt zunächst robust, ist aber trügerisch. Wenn breite Bevölkerungsschichten nicht mehr reisen, leidet langfristig die gesamte Infrastruktur. Tourismus braucht Volumen, sonst wird das Angebot ausgedünnt.
Wie kritisch ist die Situation beim Thema Kerosin?
Sehr kritisch. Die Vorräte aus der Zeit vor der Krise sind aufgebraucht, jetzt beginnt reale Knappheit. Airlines reagieren bereits mit Flugstreichungen. Im Extremfall müssen Prioritäten gesetzt werden – etwa zwischen Fracht und touristischem Verkehr.
Gibt es überhaupt einen Weg aus dieser Krise?
Es ist eine verdammt schwierige Situation. Das zentrale Problem ist der Gesichtsverlust – für beide Seiten. Keiner kann einfach nachgeben, ohne innenpolitisch Schaden zu nehmen. Ich glaube, es braucht einen Vermittler. Eine dritte Instanz, die es beiden Seiten ermöglicht, aus dieser Situation herauszukommen, ohne als Verlierer dazustehen. Wer das sein kann, ist völlig offen.
Eine verfahrene Situation?
Ja, am Ende ist das ein bisschen wie in einer hoch eskalierten Ehekrise: Man kann nicht miteinander, aber ohne einander auch nicht. Genau in solchen Situationen braucht es jemanden von außen, der moderiert. Ob die Pakistaner hier die richtigen sind, ist fraglich.
Danke fürs Gespräch!
**
Die fünf wichtigsten Aussagen des Krisenexperten
Globale Wucht:
Die Krise wirkt weltweit – weit über die eigentliche Konfliktregion hinaus.
Kapazitätsschock:
Flugausfälle und gesperrte Drehkreuze treiben Preise und begrenzen Angebot.
Vertrauenskrise:
Selbst sichere Destinationen leiden unter Unsicherheit bei den Kunden.
Luxusrisiko:
Steigende Preise drohen Reisen für breite Bevölkerungsschichten unerschwinglich zu machen.
Unsichere Zukunft:
Selbst im besten Szenario bleibt Reisen langfristig teurer und komplexer als vor der Krise.
**
Zur Person Mirko Jacubowski
Mirko Jacubowski ist Chief Operating Officer (COO) beim Krisen- und Sicherheitsdienstleister A3M Global Monitoring. In dieser Funktion verantwortet er operative Prozesse, Lageanalysen und die Bewertung globaler Sicherheitsrisiken für die Reiseindustrie.
Der studierte Experte für Risiko- und Krisenmanagement begleitet die Touristik seit vielen Jahren durch geopolitische Spannungen, Naturkatastrophen und pandemiebedingte Ausnahmesituationen. Seine Einschätzungen basieren auf datengetriebenem Monitoring, Echtzeitanalysen und einem internationalen Netzwerk an Informationsquellen.
Jacubowski gilt als gefragter Analyst für sicherheitsrelevante Entwicklungen im Reiseverkehr – insbesondere an der Schnittstelle zwischen geopolitischen Konflikten, Mobilität und touristischer Nachfrage.

