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VUSR: Marija Linnhoff
18.07.20, 00:00 Uhr

»wir müssen an einem Strang ziehen«

Die streitbare Vorsitzende des VUSR ist bekannt für klare Kante. Ein Gespräch über Corona, den Weg aus der Krise und die Zukunft der Reisebüros.

Bekannt als das Orakel aus Iserlohn, gibt sich Marija Linnhoff als streitbare Gesprächspartnerin mit politischem Gespür. Sie vertritt die Interessen der selbständigen unabhängigen Reisebüros. Foto: VUSR 2020

 
Frau Linnhoff, in Ihrem Verband VUSR genießen Sie einen sehr guten Ruf. Bei den anderen Verbänden dagegen sind Sie als meinungsstarke Touristikerin eher gefürchtet und werden gerne angefeindet. Woran liegt das?
Es liegt ganz einfach daran, dass ich meine Meinung sage und eine klare Haltung habe. Ich habe auch nichts dagegen, dass man sich wie Kesselflicker streiten mag, am Ende sollte aber der persönliche Respekt nicht fehlen. Und natürlich kokettiere ich damit, dass ich eine Krawallnudel bin. So lenke ich den Fokus auf mich, kann aber im Hintergrund in Ruhe arbeiten.
 
Klappt anscheindend gut...
Ja, Sie dürfen nicht vergessen: Man kann sich nicht nur einfach hinstellen und rumkrakelen. Sie müssen auch abliefern. Ich versuche, alles was ich sage auch mit Fakten zu untermauern. Und ich bereite mich akribisch vor. Das, was ich tue, ist nicht nur mein Beruf, sondern meine Leidenschaft.
 
Sie haben den Beinamen »Orakel von Iserlohn«, weil Sie schon häufig Ereignisse richtig vorhergesagt haben, etwa die Pleite von Thomas Cook. Wie war das im März, als Corona erstmals in Europa Fuß fasste?
Ich habe schon früh geahnt, was auf uns zurollt. Schon im März habe ich unsere Mitglieder darüber informiert und denen gesagt, so schwer das für euch ist, ihr müsst damit rechnen, ein ganzes Jahr lang ohne eine einzige verkaufte Reise auszukommen. Wir stehen nämlich gerade am Anfang, und das wird eine Katastrophe. Das war Mitte März.

Wie haben die Reisebrüos reagiert?
Viele waren geschockt, aber dann haben sie sich hingesetzt und die Rücklagen geprüft und alles einmal durchgerechnet. Der überwiegende Anteil meinte, sie würden bis Ende Mai durchhalten. So waren sie zumindest etwas vorbereitet.
 
Und Vorbereitung ist extrem wichtig bei einer anbahnenden Katastrophe?
Absolut richtig. Dieses Verschweigen der Realität oder auch das ständige Schönreden, das geht gar nicht. Man muss zwar Optimismus verbreiten, aber dafür muss man auch etwas tun.
 
Am Anfang haben Sie ja auch für die Gutscheinlösung plädiert, sind dann aber schnell umgeschwenkt. Warum eigentlich?
Bei den Details in der Gutscheinlösungen konnten wir uns mit den Veranstaltern nicht einigen. Da waren viele Fragen offen, aber es gab keinen echten Lösungsvorschlag. Also haben wir dann mit Kunden und Verbraucherschützern geredet, die das skeptisch gesehen haben. Danach haben wir das öffentlich zurückgezogen und haben stattdessen die Fondslösung propagiert.
 

Man kann das nicht einfach auf dem Rücken des Vetriebs austragen.
 


Die Gutscheinlösung hatte sicher zunächst den einfachen Grund, den Geldabfluss zu stoppen. Das ist doch verständlich?
Das ist richtig, keine Frage, und das kann ich auch gut verstehen. Nur man kann das nicht einfach auf dem Rücken des Vertriebs, der zu diesem Zeitpunkt auch keine Zukunftschancen mehr hatte, austragen und auf diese Weise Veranstalter retten. Ganz zu schweigen von den Rechten der Kunden, die ebenfalls durch Corona in Not geraten sind. Das Problem ist eher, dass die Reisewirtschaft seit Jahren ein margenschwaches Geschäft ist. Sie lebt im Wesentlichen von den Kundengeldanzahlungen und -bezahlungen. Es ist ein Rotationsprinzip, wie ein Schneeballsystem.
 
Dann ist es ja auch richtig, wichtige Teile davon zu stützen?
Ja, ich fand es richtig, dass man zum Beispiel die TUI und Lufthansa mit Steuergeldern stabilisiert. Denn es geht darum, die Pauschalreise nicht noch mehr zu beschädigen und das Vertrauen der Kunden zu verspielen. Das musste verhindert werden. Das hat mal eben 1,8 Milliarden Euro gekostet und trug dazu bei, auch andere Arbeitsplätze zu retten.
 
Viele meinen, dass Corona in Hinblick auf die Digitalisierung wie ein Brandbeschleuniger wirke. Zumindest hat es den Anschein, dass jetzt der Direktvertrieb ausgebaut werden soll. Was sagen Sie dazu?
Für mich geht es darum, das Vertrauen der Kunden wieder zu gewinnen. Denn durch das Vorgehen der Veranstalter ist ein immenser Imageschaden entstanden. Auch die Reisebüros fühlen sich zunehmend in Stich gelassen. Ganz viele Veranstalter haben sich anfangs weggeduckt. Sie haben einfach den Stecker gezogen, so könnte man es sagen. Dadurch ist ein Schaden entstanden, der immer größer wurde. Stattdessen hätte man sagen müssen: Jetzt müssen wir das alles im Schulterschluss mit dem Vertrieb stemmen. Ich frage mich, wie will man Vertrauen besser und schneller aufbauen als mit einem Face-to Face-Gespräch?
 

Die Reisebüros fühlen sich zunehmend im Stich gelassen. Viele Veranstalter haben sich einfach weggeduckt.


Das heißt, die Reisebüros, die ohnehin oft die erste Anlaufstelle waren, hätten gestärkt werden müssen?
Genau. Sie erleben gerade ein Renaissance, weil sie fast rund um die Uhr und jederzeit erreichbar sind und auch mit allen Problemen helfen. Schaut man sich alle bisherigen Krisen an, von Tsunami bis Condor, sieht man immer, wer die Kundenarbeit gemacht hat. Und in Corona-Zeiten sind Reisebüros zu kleinen Krisenzentren mutiert.
 
Blicken wir nach vorne. Was kann man besser machen?
Es ist der richtige Zeitpunkt, Änderungen herbeizuführen und für die Reisebüros Planungssicherheit zu schaffen. Das Problem ist, es gibt nach wie vor zu viele Interessen im Markt: Kooperationsinteressen, Franchise-Interessen, Eigeninteressen der Reisebüros und so weiter. Das muss man unter einen Hut bringen und nach geltendem Handelsvertreterrecht festlegen, was sind die Rechten und die Pflichten und was sind die Vertragsmodalitäten. Wir sollten uns jetzt mit allen Veranstaltern an einen Tisch setzen, wobei das nicht Aufgabe des VUSR ist, und an einem Strang ziehen. Es geht uns allen um Wirtschaftlichkeit und den Erhalt von Unternehmen in der Branche.
 

Wir müssen damit leben, dass es einen Direktvertrieb gibt.


Wo liegt genau das Problem?
Man darf nicht außer Acht lassen, dass Veranstalter zwar unsere wirtschaftlichen Partner sind, aber auch unsere Mitbewerber. Das ist auch in Ordnung so, wir müssen damit leben, dass es einen Direktvertrieb gibt. Aber genau deswegen müssen wir unseren Mehrwert gegenüber den Verbrauchern herausstellen.
 
Die Reisebüros leisten natürlich ihren Anteil dabei, und werden dafür auch entlohnt. Doch bei Stornos gibt es unterschiedliche Regelungen. Sie haben jetzt bei Corona-bedingten Stornos für einen Verbleib der Provisionen in Höhe von fünf Prozent plädiert. Warum?
Für die erwirtschaftete Leistung finden wir das einen fairen Deal für beide Seiten, das entspricht der Hälfte der gängigen Regelprovision von zehn Prozent.
Was ist mit der Mehrarbeit, die danach noch anfällt?
Auch das müsste geregelt sein, und wir müssten dafür eine begründete Summe erhalten. Wir sollten eine Einigung für die Zukunft finden, denn für die vergangenen Monaten ist jetzt die Bundesregierung eingesprungen.
 
Jetzt haben die Reisebüros etwas Luft und können überlegen, wie sie jetzt vorgehen wollen, oder?
Wir dürfen uns nichts vormachen, ohne Impfstoff wird das alles bis Ende 2022 weitergehen. Darauf müssen wir uns einstellen und auch neue Wege finden. Die Schlagworte für die nächste Zukunft heißen »Sicherheit« und »Vetrauen«. Das zu erreichen klappt am besten im persönlichen Gespräch. Das ist der Grund, warum Reisebüros oft bis zu 80 Prozent Stammkunden haben. Man kennt sich und vertraut sich.
 
Wie ist die Lage bei den selbstständigen Reisebüros gerade?
Es ist schon sehr schwierig und es ist schlimm, wenn Sie weinende Menschen am Telefon haben, die ihre Existenz verlieren. Für mich ist das auch eine große Verantwortung. Ich habe immer versprochen, dass ich mich einsetze für die vielen Mitglieder. Ich kämpfe für sie und versuche, etwas zu tun. Mir ist klar, dass wir in Rahmen der Krise alle an einem Strang ziehen müssen. Wenn wir das nicht gemeinsam schaffen, habe ich schwere Bedenken, dass wir das am Ende unbeschadet überstehen.
 
Danke fürs Gespräch.