Aquilin Schömig sagt der Touristik Adieu – aber nicht ganz
Fünf Jahrzehnte Touristik liegen hinter Aquilin Schömig – vom Reisebüro der 70er-Jahre bis zur KI. Ende 2026 verlässt er den ADAC Reisevertrieb und geht in den Ruhestand. „Ruhestand“ klingt dabei eher nach Rollenwechsel als nach Stillstand. Im Gespräch mit TRVL COUNTER blickt er zurück und voraus.

Eigentlich ist Aquilin Schömig noch mittendrin im Berufsleben. Als ich ihn gestern am Rande des Strategiemeetings des ADAC Reisevertriebs in Frankfurt per Videocall erreiche, beschäftigt er sich noch mit genau den Fragen, die ihn einen großen Teil seiner Karriere als Touristiker begleitet haben: Wie entwickelt sich der Vertrieb? Was kommt als Nächstes? Wo muss ein Unternehmen investieren, verändern, nachjustieren?
Und doch ist diesmal etwas anders: Es ist eines seiner letzten Strategiemeetings als Geschäftsführer. Ende 2026 ist Schluss. Nach mehr als vier Jahrzehnten in der Touristik geht Schömig in den Ruhestand. Die offizielle Verabschiedung findet im November auf der Jahrestagung des ADAC Reisevertriebs am Wolfgangsee statt. Co-Geschäftsführer Andreas Neumann bleibt und übernimmt zunächst allein.
Dass Schömig diesen Schritt jetzt geht, hat auch mit einem ziemlich nüchternen Schreiben zu tun. Irgendwann habe ihm die Rentenversicherung mitgeteilt, erzählt er, „du hast 45 Jahre gearbeitet und kannst ohne Abzüge im nächsten Jahr in Ruhestand gehen“. Und dann stelle sich zwangsläufig die Frage, ob man weiter „zehn, zwölf Stunden am Tag im Maschinenraum bleiben wolle – oder ob es nicht noch andere Dinge gebe, für die endlich Zeit sein könnte.“
Schömig hat sich für die zweite Variante entschieden. Aber ein klassischer Ruhestand wird das ziemlich sicher nicht.
Ein Berufsleben im Wandel
Seine touristische Karriere begann am 1. September 1978 beim Amtlichen Bayerischen Reisebüro in Würzburg. Wenn Schömig heute auf die fast fünf Jahrzehnte zurückblickt, ist es weniger eine einzelne Position oder ein besonderer Karriereschritt, der für ihn herausragt. Es ist die Veränderung selbst. Was ihn geprägt habe, sei „dieser permanente Wandel, die Weiterentwicklung generell in der Wirtschaft, in der Gesellschaft, aber natürlich sogar noch mit Turbo in der Reisebranche“.
Schömig hat davon reichlich erlebt. Er arbeitete im Reisebüro, beim Veranstalter, im Hotel, in einer Zielgebietsagentur und im Ausland, später bei großen Unternehmen wie TUI und Alltours, bei DERPART und schließlich beim ADAC. Diese Bandbreite war durchaus gewollt. „Ich bin jemand, der Veränderungen liebt“, sagt er. Genau diese Abwechslung habe er gesucht, und die Branche habe sie ihm gegeben.
Dabei war sein Einstieg in die Touristik keineswegs das Ergebnis eines ausgeklügelten Karriereplans. Ende der 70er-Jahre herrschte Lehrstellenmangel. Schömig schrieb drei Bewerbungen: an ein örtliches Reisebüro, eine Bank und einen Fotoladen, auch weil ihn Fotografie interessierte. Das Reisebüro machte das Rennen.
Dann ging es gleich los. Mit 19 Jahren begleitete er Pilgerzüge mit 300, 600 oder sogar 900 Teilnehmern nach Altötting und Lourdes. Gleichzeitig verkaufte er Flug- und Bahntickets. Das Reisebüro war damals nicht ein Vertriebskanal unter vielen, sondern für große Teile des Reisens der entscheidende Zugang zum Produkt. „Wer ein Flugticket wollte, ging ins Reisebüro“, erinnert er sich. „Wer eine TUI-Reise buchen wollte, ebenfalls. Es gab eigentlich nur oder fast nur diesen einen Vertriebskanal“, sagt er.

Engagement über die Touristik hinaus: Seit rund 15 Jahren unterstützt Aquilin Schömig die Stiftung Fly & Help von Reiner Meutsch. Als Botschafter begleitet er Schulprojekte und eröffnet Schulen – dieses Ehrenamt will er im Ruhestand ausbauen
Wie weit diese Welt von heute entfernt ist, zeigt eine andere Erinnerung. Flugplätze wurden über sogenannte Daily Calls angefragt. Eine Airline rief das Reisebüro an, Buchungswünsche wurden durchgegeben, bei fehlender Verfügbarkeit blieb der Vorgang liegen und der Kunde wurde später kontaktiert. „Unglaublich, wenn man heute überlegt, was für eine Geschwindigkeit in den ganzen Dingen drin ist“, sagt Schömig.
Dann kamen die ersten Computer ins Büro, und plötzlich hatten ausgerechnet die Jüngsten einen Vorsprung. Die älteren Mitarbeiter hätten „riesige Schwierigkeiten“ mit der neuen Technik gehabt, während sich die Azubis hineinfuchsten und schließlich den erfahrenen Kollegen erklärten, wie das neue System funktionierte.
Es ist eine kleine Episode aus den späten 70ern, die im Gespräch fast beiläufig fällt. Und doch führt von ihr eine erstaunlich gerade Linie bis zur derzeit größten technologischen Umwälzung der Branche.
„Ich würde wieder im Reisebüro anfangen“
Denn ausgerechnet bei der Künstlichen Intelligenz fällt Schömig der Abschied schwer. „Was das Thema KI betrifft, bedauere ich eher, dass ich von der Brücke gehe“, sagt er. Nicht den Abschied generell. Aber diesen Umbruch hätte er gern noch stärker mitgestaltet. Für ihn erinnert die Situation an die Einführung der ersten Computer Ende der 70er-Jahre, als plötzlich die alten Abläufe verschwanden und etwas völlig Neues begann. KI, glaubt Schömig, werde die Branche ähnlich grundlegend verändern.
Das heißt für ihn allerdings keineswegs, dass Reisebüros verschwinden werden. Auf die Frage, ob sie in zehn Jahren noch relevant sein werden, muss er nach eigener Aussage „gar nicht überlegen“. Nur werden es nicht zwangsläufig dieselben Reisebüros mit denselben Geschäftsmodellen sein.
Ein Schlüssel liegt für Schömig in der Spezialisierung. Früher, sagt er, hätte jemand einen noch so guten Wanderreisenveranstalter gründen können – gefunden hätte ihn aber kaum jemand. Google, Plattformen und nun KI verändern das grundlegend. Heute werden Nischen sichtbar und Expertise auffindbar.
Und dann sagt einer, der fast fünf Jahrzehnte Vertrieb hinter sich hat, einen bemerkenswerten Satz: „Ich würde wieder im Reisebüro anfangen.“ Allerdings würde er sich sofort fragen, „was ist denn das, was gebraucht wird?“ Genau darin liegt für ihn die Zukunft: nicht alles für jeden anbieten, sondern dort Kompetenz aufbauen, wo Kunden Orientierung und Beratung tatsächlich brauchen.
Kreuzfahrten sind für ihn ein offensichtliches Beispiel, längst kein Trend mehr, sondern ein etablierter Markt. Schömig erinnert sich an 1996, als AIDA startete und Kreuzfahrten in Deutschland noch ein vergleichsweise kleines Segment waren. Heute sieht er vor allem bei hochwertigen Rundreisen Chancen für den Vertrieb. Anbieter wie Chamäleon oder Studiosus treffen nach seiner Einschätzung auf eine Kundengruppe, die weiterhin neugierig auf die Welt ist, ihre Reisen mit zunehmendem Alter aber komfortabler organisieren möchte.
Schömig zählt sich selbst inzwischen dazu. Früher sei er mit dem Mietwagen durch die USA, Namibia oder andere Länder gefahren. Heute frage er sich bei 4.000 Kilometern Schotterpiste in Namibia durchaus: „Warum eigentlich?“ Wenn man es sich leisten könne, sei eine organisierte Rundreise plötzlich eine ziemlich attraktive Alternative“, sagt er und lacht.
Das ist eine persönliche Beobachtung, aber zugleich eine vertriebliche: Eine älter werdende, reiseerfahrene und kaufkräftige Zielgruppe verliert nicht die Lust aufs Entdecken. Sie verändert lediglich die Art, wie sie reisen möchte.
Der Mythos vom treuen Stammkunden
An einer anderen Stelle wird Schömig noch grundsätzlicher. Wenn er eine Fehleinschätzung benennen soll, die sich in der Branche hartnäckig hält, landet er nicht bei Digitalisierung oder Online-Vertrieb. Er landet bei der Kundentreue.
Die Branche glaube bisweilen etwas verklärt, „dass der Kunde uns gehört oder uns treu ist“. Das sei ein gefährlicher Irrtum. Sein Satz dazu ist so einfach wie unbequem: „Der Kunde ist sich selbst treu.“ Findet er anderswo eine bessere Leistung, ein attraktiveres Angebot oder einen besseren Preis, werde er dorthin gehen, selbst wenn er zuvor drei Jahre beim selben Reisebüro gebucht habe.
Damit landet Schömig unmittelbar in der aktuellen Cashback-Debatte. Auch kaufkräftige Kunden seien keineswegs automatisch immun gegen Rabatte. Ein hochwertiger Kunde könne es sich zwar leisten, auf Cashback zu verzichten, sagt er, „wir haben aber auch sehr viele, die trotzdem den Cashback haben wollen“.
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Gemeinsam auf der Bühne bei der Jahrestagung in Abu Dhabi: Aquilin Schömig (links) und Andreas Neumann verbindet eine langjährige Zusammenarbeit.
Besonders schwierig werde es bei standardisierten Produkten. Wer zum dritten Mal dasselbe Vier-Sterne-Badehotel auf Mallorca buchen wolle, brauche für die reine Buchung nicht zwingend ein Reisebüro. Er könne suchen, vergleichen und online buchen. Die häufige Annahme, im Internet sei es grundsätzlich billiger, stimme zwar nicht. Komme dort aber ein Cashback von 200 oder 300 Euro hinzu, könne die Rechnung für den Kunden plötzlich anders aussehen.
Für den stationären Vertrieb steckt darin eine unbequeme Konsequenz: Beratung allein schützt nicht vor Abwanderung. Sie muss einen Mehrwert schaffen, den der Kunde tatsächlich erkennt, und bereit ist zu honorieren.
„Die Branche sieht das sehr wohlwollend“
Noch deutlicher wird Schömig, wenn es um die finanzielle Situation der Kunden geht. Die Touristik, glaubt er, läuft Gefahr, die erstaunlich robuste Reiselust der vergangenen Jahre mit einer unbegrenzten Zahlungsfähigkeit zu verwechseln.
Im ADAC habe man gerade darüber diskutiert, wie stark sich Urlaubsreisen verteuert hätten. Statistisch abgesichert sei die Zahl nicht, betont er ausdrücklich, aber intern gehe man derzeit eher von acht bis zehn Prozent aus. Und „acht bis zehn Prozent hat keiner oder fast keiner eine Gehaltserhöhung bekommen“.
Damit wird die Rechnung für viele Haushalte schwieriger. Wohnen, Lebensmittel, Benzin und andere Lebenshaltungskosten müssen bezahlt werden. Reisen konkurriert um das Geld, das danach übrigbleibt. Oder, wie Schömig es formuliert: „Das frei verfügbare Einkommen reduziert sich.“
Sein Fazit fällt ungewöhnlich deutlich aus: „Die Branche sieht das sehr wohlwollend, würde ich mal sagen. Die Realität ist aber anders.“
Dass die organisierte Touristik diese Realität bislang nur teilweise spürt, erklärt Schömig auch mit ihrer Kundenstruktur. Kreuzfahrten, Rundreisen und hochwertige Reisen sprechen überdurchschnittlich kaufkräftige Zielgruppen an. Genau diese Kunden seien ein wichtiger Rückhalt der Branche. Doch daraus lasse sich nicht ohne Weiteres auf den Gesamtmarkt schließen.
Auch Corona falsch eingeschätzt
Ein Berufsleben über mehr als vier Jahrzehnte ist in der Touristik zwangsläufig auch ein Berufsleben durch Krisen. Schömig zählt den 11. September auf, den Vulkanausbruch auf Island, den Tsunami in Asien, den Golfkrieg – und schließlich Corona.
Bei Corona räumt er eine klare Fehleinschätzung ein. Anfangs habe er gedacht: „Das wächst sich aus, das ist bald wieder vorbei.“ Das sei „natürlich völlig falsch“ gewesen.
Vielleicht lag diese Einschätzung auch an der Erfahrung mit früheren Krisen. Beim Golfkrieg 1991 sollte sein Team ein Konzept für den Umgang mit der Situation entwickeln. „Bis wir mit dem Konzept fertig waren, war der Krieg vorbei“, erinnert er sich. Bei Corona funktionierte dieses Muster nicht. „Das habe ich völlig falsch eingeschätzt. Im Nachhinein ist man schlauer, und da hätte man früher anders reagieren sollen.“
Dass Schömig eine solche Fehleinschätzung ohne große Relativierung einräumt, passt zu dem Eindruck, den er im Gespräch vermittelt. Die eigene Karriere nachträglich auf Hochglanz zu polieren, interessiert ihn wenig.
Wenn er sagt, worauf er tatsächlich stolz ist, nennt er denn auch nicht zuerst Umsatz oder Wachstum, sondern seine Teams. An unterschiedlichen Stationen sei es ihm immer wieder gelungen, vorhandene Mitarbeiter mit neuen Kollegen zusammenzubringen und daraus funktionierende Teams zu formen. Wichtig sei ihm dabei gewesen, Menschen nicht nur zu entwickeln, sondern anschließend auch loszulassen und selbstständig agieren zu lassen.
Eine Doppelspitze, bei der eins plus eins zweieinhalb war
Eine besondere Rolle in Schömigs Karriere spielt Andreas Neumann. Beide führten bereits Derpart gemeinsam und bildeten später beim ADAC erneut eine Doppelspitze. In der offiziellen Mitteilung würdigt Neumann seinen langjährigen Weggefährten für dessen „strategische Weitsicht“, Marktgespür und den respektvollen Umgang mit Mitarbeitern und Partnern.
Schömig selbst beschreibt das Zusammenspiel weniger feierlich und dafür umso anschaulicher. Neumann sei für ihn in einer Co-Geschäftsführung „der ideale Partner“, gerade weil beide völlig unterschiedliche Profile hätten. Was Neumann besonders gern mache, gehöre häufig nicht zu Schömigs Lieblingsaufgaben – und umgekehrt.
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Mit Humor in Richtung Zukunft: Auf der Jahrestagung des ADAC Reisevertriebs in Abu Dhabi zeigte sich ein KI-generierter Aquilin Schömig auf der Leinwand mit ADAC-Tattoo
Über die Jahre entstand daraus Vertrauen. „Wir ergänzen uns, wie man sich besser eigentlich nicht ergänzen kann“, sagt Schömig. Bei ihnen sei „eins und eins auch nicht zwei, sondern vielleicht zweieinhalb“, weil jeder wisse, was er am anderen habe und keine Zeit für interne Reibereien verloren gehe.
Die ADAC-Jahre: aus der Krise auf 500 Millionen Euro
Beim ADAC bekamen Schömig und Neumann schließlich die Chance, mitten aus Corona heraus einen Reisevertrieb neu aufzustellen. Die Ausgangslage half paradoxerweise beim Wachstum, räumt Schömig ein: „Wenn was am Boden ist, geht es natürlich leichter, Wachstum zu erzielen.“
Die Ziele waren trotzdem ambitioniert. 500 Millionen Euro Umsatz, 250 Reisebüros, die Wiederbelebung der Mitgliederreisen und der Ausbau des Campergeschäfts gehörten zu den ADAC-Vorgaben. „Wir haben die Zeit und die Chance genutzt“, sagt Schömig.
Die Zahlen zeigen, wie stark sich das Unternehmen entwickelt hat. Aus rund 150 Reisebüros in den ADAC Regionalclubs im Jahr 2022 wurden mittlerweile 250 Standorte einschließlich Firmendiensten. 2025 überschritt der Umsatz 500 Millionen Euro. Parallel wurde mit ADAC Travel Management Services ein Geschäftsreisesegment aufgebaut.
Auch beim Campergeschäft wollte der ADAC mehr als nur Produkte Dritter verkaufen. Gemeinsam mit einem niederländischen Partner wurde eine Lösung mit Schnittstellen zu internationalen Anbietern aufgebaut. Camper und Mietwagen passten aus Schömigs Sicht besonders gut zur Marke ADAC, weil sie ohnehin als Kompetenzfelder wahrgenommen würden.
Die gesetzten Meilensteine seien damit erreicht. Nur dürfe man daraus nicht ableiten, jetzt sei die Arbeit erledigt. „Das ist ein ongoing process“, betont Schömig. Man könne nicht bei 500 Millionen Euro Umsatz einfach „einen Haken dranmachen“ und stehen bleiben.
Schömigs Abgang hinterlässt operative Arbeit
Genau deshalb ist die Frage interessant, wie es beim ADAC ohne ihn weitergeht. Fest steht bislang: Andreas Neumann übernimmt mit Schömigs Ausscheiden zunächst allein die Geschäftsführung. Ob es dauerhaft bei dieser Lösung bleibt oder später wieder eine Doppelspitze installiert wird, ist nach Schömigs Darstellung noch offen.
Dass die bisherige Konstruktion nicht einfach eins zu eins wegfallen kann, macht er im Gespräch allerdings sehr deutlich. Neumann und Schömig seien „mitarbeitende Geschäftsführer“. Beide hätten nicht nur Führungs- und Ergebnisverantwortung, sondern seien tief im operativen Geschäft geblieben.
Schömig verhandelt beispielsweise selbst Verträge mit großen Veranstaltern und Airlines, Neumann begleitet wichtige Firmenkundentermine. Die Vorstellung, seine Aufgaben ließen sich nach dem Ausscheiden einfach im bestehenden Team verteilen, hält Schömig deshalb für unrealistisch. „Zu glauben: So viel hat der Schömig gar nicht gemacht, das können die anderen mitmachen – das wird nicht funktionieren.“ In irgendeiner Form müsse Unterstützung geschaffen werden.
Eine Generation, die anders auf Arbeit blickt
Wenn Schömig über seine Kinder spricht, 27 und 29 Jahre alt, wird der Blick auf fast fünf Jahrzehnte Berufsleben auch zu einem Blick auf veränderte Generationen. Er selbst begann mit 16 Jahren zu arbeiten, reiste mit Anfang 20 auf eigene Faust durch Mexiko und erlebte eine Arbeitswelt, in der Einsatz, Karriere und die Bereitschaft, Risiken einzugehen, weitgehend selbstverständlich waren.
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Ein eingespieltes Duo: Aquilin Schömig (rechts) und Andreas Neumann führten bereits Derpart gemeinsam und bildeten später beim ADAC Reisevertrieb erneut eine Doppelspitze
Bei den Jüngeren beobachtet er heute andere Prioritäten. „Ich glaube, bei uns war die Risikobereitschaft höher“, sagt er. Gleichzeitig seien junge Menschen heute häufig weniger „hungrig, andere Dinge kennenzulernen“ – vielleicht auch deshalb, weil viele von ihnen schon früh mit ihren Eltern viel von der Welt gesehen hätten.
Von der Brücke – aber nicht aus der Branche
Was bleibt also nach dem 31. Dezember? Zunächst Reisen. Eine Karibik-Kreuzfahrt ist gebucht, im Februar geht es nach Patagonien, Chile und Argentinien. Und die Liste der Ziele, die Schömig noch sehen oder wiedersehen möchte, ist lang. Schlösser an der Loire mit dem Cabrio stehen darauf, ebenso weitere Reisen nach Australien, Kanada und in die USA.
Auch die ITB bleibt gesetzt. Denn bei aller Vorfreude auf die neue Freiheit weiß Schömig ziemlich genau, was ihm fehlen wird: „Ich werde meine Kolleginnen und Kollegen sehr vermissen. Ich werde auch solche Themen wie Branchentreffen sehr vermissen.“
Was ihm dagegen weniger fehlen dürfte, ist der Geschäftsführerstatus. Er sei nicht der Typ, sagt er, der anschließend „unter Bedeutungslosigkeit leidet“. Er werde vermutlich genauso viel machen wie bisher, nur eben anderes, und nicht mehr jeden Morgen für zehn Stunden in den Maschinenraum gehen.
Ein Teil dieser neuen Zeit ist bereits verplant. Seit rund 15 Jahren engagiert sich Schömig für die Stiftung FLY & HELP von Reiner Meutsch und begleitet Schulprojekte und Delegationsreisen. Dieses Engagement will er ausbauen.
Und auch die Touristik dürfte Schömig nicht ganz loslassen. Erste Anfragen habe es bereits gegeben. Bisher halte er sich zurück, sagt er. Wenn ihn eine Aufgabe interessiere, könne er sich aber durchaus vorstellen, etwas zu machen. Reisebegleitungen reizen ihn, auch Kreuzfahrt könne ein Thema sein.
Nur das Modell des klassischen Ruheständlers scheint ihm weniger zu liegen. „Wenn ich zu Hause sitze, Pralinen esse und meine Frau ärgere, dann wird das nach über 30 Jahren kein Happy End geben“, sagt er und lacht. Wer ihm eine Stunde lang zuhört, zweifelt keine Sekunde daran.
Und damit schließt sich ein Kreis. Nur ausgerechnet beim nächsten großen Umbruch steht Schömig künftig nicht mehr ganz vorne auf der Brücke. Ein bisschen Wehmut ist da, doch mindestens ebe‚nso groß ist die Vorfreude auf den neuen Lebensabschnitt, der für ihn und seine Frau beginnt: mit mehr Zeit, vielen Reisen und neuen Aufgaben. Nach Ruhestand im klassischen Sinne klingt das ohnehin nicht. Und so wird Aquilin Schömig, der in der Branche liebevoll Aqui genannt wird, steht nicht mehr am Steuer, der Touristik wird er aber ziemlich sicher lange erhalten bleiben.
Info: ADAC Reisevertrieb auf einen Blick
Die ADAC Reisevertrieb GmbH mit Sitz in Frankfurt am Main ist ein Unternehmen der ADAC Regionalclubs. Das Netzwerk umfasst bundesweit mehr als 250 Reisebüros. Angeboten werden Individual- und Gruppenreisen namhafter Reiseveranstalter, Reiseversicherungen, Mitgliederreisen und weitere touristische Leistungen. Unter ADAC Travel Management Services (TMS) betreut das Unternehmen zudem Geschäftsreisekunden. Der ADAC zählt nach eigenen Angaben mehr als 22,8 Millionen Mitglieder.
Aquilin Schömig wechselte 2022 zum ADAC, um die neu gegründete ADAC Reisevertrieb GmbH aufzubauen. Zuvor war er unter anderem für Thomas Cook, TUI, Travco und Alltours tätig. Von 2012 bis 2021 führte er DERPART, seit 2017 als Sprecher der Geschäftsführung. Beim ADAC verantwortete er unter anderem den Ausbau des Franchisenetzwerks, die Omnichannel-Strategie und die Technologisierung.
Ende 2026 scheidet Schömig aus der Geschäftsführung aus. Seine offizielle Verabschiedung findet im November auf der Jahrestagung des ADAC Reisevertriebs am Wolfgangsee statt. Andreas Neumann führt das Unternehmen zunächst allein weiter.
Vier zentrale Aussagen von Aquilin Schömig
- „Der Kunde ist sich selbst treu.“ Schömig warnt davor, Stammkundentreue zu überschätzen. Bessere Leistung, Preis oder Cashback können auch langjährige Kunden zum Wechsel bewegen.
- „Ich würde wieder im Reisebüro anfangen.“ Für Schömig haben Reisebüros eine Zukunft – allerdings stärker spezialisiert und mit Beratung dort, wo Kunden tatsächlich Orientierung und Expertise benötigen.
- „Die Branche sieht das sehr wohlwollend. Die Realität ist aber anders.“ Steigende Reisepreise treffen auf Haushalte, deren Einkommen nicht im gleichen Maße wächst. Schömig sieht darin eine unterschätzte Herausforderung für die Nachfrage.
- „Was das Thema KI betrifft, bedauere ich eher, dass ich von der Brücke gehe.“ Künstliche Intelligenz hält Schömig für einen fundamentalen Umbruch des Reisevertriebs – vergleichbar mit dem Einzug der Computer Ende der 70er-Jahre. Gerade diesen Wandel hätte er gerne noch länger aktiv mitgestaltet.

