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Groß-Deal im Cruise-Vertrieb
04.09.26, 15:53 Uhr

Trip.com macht E-hoi zum europäischen Kreuzfahrtstandbein

Einer der größten asiatischen Reisekonzerne steigt in den europäischen Kreuzfahrtvertrieb ein. Trip.com übernimmt die Mehrheit an E-hoi und verbindet damit seine globale Technologieplattform mit einem der führenden Cruise-OTA Europas. Für E-hoi soll sich operativ zunächst nichts ändern.

Die Trip.com Group übernimmt die Mehrheit am Frankfurter Kreuzfahrtportal E-hoi. Für den chinesischen Travel-Tech-Konzern ist der Deal ein bedeutender Schritt in den europäischen Online-Kreuzfahrtvertrieb. Foto: iStock/LisaStrachan

Mit der Übernahme der Mehrheit an dem Frankfurter Kreuzfahrtportal E-hoi vollzieht die Trip.com Group mit Sitz in Shanghai den bislang deutlichsten Schritt eines chinesischen Reisekonzerns in den europäischen Online-Kreuzfahrtvertrieb.

Der Deal, dessen Kaufpreis vertraulich bleibt, verbindet einen der größten Travel-Tech-Anbieter Asiens mit dem nach eigenen Angaben umsatzstärksten paneuropäischen Kreuzfahrt-OTA – und dürfte den Wettbewerb im digitalen Vertrieb von Hochsee- und Flusskreuzfahrten in der DACH-Region und darüber hinaus neu ordnen.

Über 20 Jahren Aufbauarbeit

Die 2003 gegründete E-hoi Group ist keine Neugründung, die sich einen schnellen Exit gesichert hat, sondern das Ergebnis einer über zwei Jahrzehnte gewachsenen Konsolidierungsstrategie. Unter Gründer und CEO Detlev Schäferjohann hat sich das Unternehmen sukzessive vom deutschen Nischenanbieter zum kontinentaleuropäischen Marktführer im Kreuzfahrtvertrieb entwickelt – mit heute zehn Marken in acht Ländern: Deutschland, Österreich, der Schweiz, den Niederlanden, Belgien, Spanien, Portugal und Frankreich.

Zukäufe wie die des niederländischen Portals Cruisewinkel (2015), von Zeetours (2018) und von Cruise Travel (2019) haben die Marktführerschaft in den Benelux-Ländern zementiert.

Die Wachstumszahlen der letzten Jahre unterstreichen die Dynamik: Der Umsatz stieg von 140,6 Millionen Euro im Jahr 2022 auf 270,8 Millionen Euro in 2024, das Kreuzfahrt-Reisevolumen der Gruppe liegt inzwischen deutlich über 250 Millionen Euro, erwirtschaftet von rund 220 Mitarbeitern, von denen etwa die Hälfte in Deutschland tätig ist. Schäferjohann bezeichnet E-hoi selbst als „einzigen paneuropäischen Spieler“ im Online-Cruise-Geschäft – ein Alleinstellungsmerkmal, das für einen international wachsenden Käufer wie Trip.com naturgemäß attraktiv ist.

Warum Trip.com jetzt zuschlägt

Für die an der Nasdaq und der Hongkonger Börse notierte Trip.com Group – zu der auch Ctrip, Skyscanner und Qunar gehören – ist der E-hoi-Deal Teil einer internationalen Expansionsstrategie. Der Konzern verfolgt eine sogenannte G2-Strategie (für „Great Quality“ und „Globalization“), die Servicequalität und Globalisierung priorisiert und dabei gezielt auf Europa und Südostasien setzt.

Das Management strebt an, den Anteil des internationalen Geschäfts am Konzernumsatz von rund 15 Prozent (2024) auf 20 bis 25 Prozent bis 2027 zu steigern. Der Konzern erzielte 2024 einen Umsatz von umgerechnet rund 6,2 Milliarden US-Dollar und wächst weiterhin zweistellig.


Mit der Trip.com Group bekommt E-hoi einen neuen Mehrheitseigner. Gründer Detlev Schäferjohann bleibt dem Frankfurter Kreuzfahrtportal als Gesellschafter und CEO erhalten.

Wie ernst es Trip.com mit seiner Europa-Ausrichtung meint, zeigt ein anderes Vertikalgeschäft: der europäische Bahnvertrieb. Seit 2017 mit Fokus auf Großbritannien gestartet, hatte sich das Angebot bis 2024 auf Deutschland, Frankreich, Spanien und Italien ausgeweitet. Im ersten Quartal 2024 verzeichnete das Segment ein Buchungswachstum von 122 Prozent im Jahresvergleich.

Der Ausbau des Bahngeschäfts folgt damit demselben Muster wie jetzt der Einstieg bei E-hoi: Trip.com sichert sich in einzelnen europäischen Reisevertikalen zunächst lokale Marktnähe, um sie anschließend über die eigene Technologieplattform zu skalieren. Ray Chen, CEO der Trip.com Group Vacation Business Unit, weiß, dass Europa einer „der wichtigsten Kreuzfahrtquellmärkte der Welt“ ist, und verweist auf das „langfristige Potenzial“ darin, die Kreuzfahrtexpertise von E-hoi mit „unserer globalen Technologie- und Reiseplattform zu verbinden“.

Kreuzfahrtmarkt als Wachstumswette

Der Zeitpunkt ist kein Zufall: Die weltweite Zahl der Hochseekreuzfahrt-Passagiere hat laut der Cruise Lines International Association (Clia) 2025 mit 37,2 Millionen einen neuen Höchststand erreicht – ein Plus von 7,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Da der Online-Buchungsanteil in der Kreuzfahrtbranche traditionell hinter anderen Reisesegmenten zurückbleibt, aber laut Prognosen in den kommenden zehn Jahren strukturell weiter zulegen dürfte, positioniert sich Trip.com frühzeitig in einem Segment mit überdurchschnittlichem Digitalisierungspotenzial.

E-hois eigene Technologieplattform erzielt bereits heute eine Online-Buchungsquote, die laut eigenen Angaben „deutlich über dem Branchendurchschnitt“ liegt – ein Effizienzvorteil, den sich der Käufer offenkundig auf den gesamten Konzern übertragen möchte.

Kontinuität als strategisches Versprechen

Anders als bei anderen Übernahmen im Reisevertrieb betonen beide Seiten Kontinuität. E-hoi soll als eigenständige Einheit innerhalb der Trip.com Group weitergeführt werden, mit unveränderten Marken, Standorten, Teams und Management. Schäferjohann bleibt Gesellschafter und CEO, Nicolay Merkt Managing Director.

„Für unsere Kunden, Mitarbeitenden und Partner steht Kontinuität an erster Stelle“, erklärt Merkt und verweist darauf, dass Buchungen, Services und Ansprechpartner von der Transaktion unberührt bleiben. Schäferjohann selbst blickt auf mehr als 20 gemeinsame Aufbaujahre zurück und verspricht sich von der neuen Konzernanbindung vor allem zusätzliche technologische Schlagkraft, „um Zukunftsthemen wie Künstliche Intelligenz noch gezielter voranzutreiben“.

Vergleichbare Zusicherungen hatte E-hoi bereits selbst gegeben, als das Unternehmen im Mai 2026 die TUI-Suisse-Tochter Cruisetour übernommen hat: Auch dort blieb die eigenständige Gesellschaft mit eigener Marke bestehen, während sich für Kunden und im Tagesgeschäft nichts änderte. 

Signal für den ganzen Vertrieb

Für die hiesige und europäische Reisebranche ist die Übernahme mehr als eine Randnotiz im Kreuzfahrtsegment. Sie markiert den ersten größeren Einstieg eines chinesischen Online-Reisekonzerns in den etablierten europäischen Reisevertrieb über eine Mehrheitsbeteiligung.

Für Wettbewerber im Kreuzfahrt-OTA-Segment dürfte der Deal den Innovationsdruck erhöhen, insbesondere im Bereich KI-gestützter Personalisierung und dynamischer Angebotspaketierung, wo E-hoi durch die Anbindung an das Flug- und Hotelinventar von Trip.com künftig zusätzliche Hebel bekommt.

Felix Hormel