„Die Türkei muss mehr sein als Sonne, Strand und All-inclusive“
Deutschland bleibt wichtigster Quellmarkt der Türkei – dennoch sieht Firuz Bağlıkaya, Präsident des türkischen Reisebüroverbands Türsab, noch viel Potenzial. Im Interview mit TRVL COUNTER wirbt er für Reisen jenseits des Badeurlaubs und eine stärkere Rolle der Reisebüros in der Vermarktung des Landes.

Herr Bağlıkaya, die Türkei gehört inzwischen zu den vier meistbesuchten Reiseländern der Welt. Ist Ihr Land am Ziel angekommen?
Natürlich freuen wir uns über die Entwicklung. 2025 konnten wir rund 64 Millionen internationale Gäste begrüßen und Tourismuseinnahmen von mehr als 65 Milliarden US-Dollar erzielen. Darauf können wir stolz sein. Aber Erfolg bedeutet nicht, dass wir aufhören dürfen, uns weiterzuentwickeln.
Wir wissen doch alle, der internationale Tourismus verändert sich aktuell grundlegend. Digitalisierung, neue Reisegewohnheiten und eine jüngere Generation von Urlaubern verändern die Nachfrage. Reisende suchen heute nicht mehr ausschließlich Sonne, Strand und ein gutes Hotel. Sie möchten Kultur erleben, Menschen kennenlernen, regionale Küche entdecken und authentische Geschichten mit nach Hause nehmen. Genau hier besitzt die Türkei außergewöhnliche Stärken. Unser Ziel ist deshalb, diese Vielfalt künftig deutlich stärker sichtbar zu machen.
Das klingt nach einer strategischen Neuausrichtung. Bedeutet das eine Abkehr vom klassischen All-inclusive-Tourismus?
Nein, überhaupt nicht. All-inclusive war und ist eine Erfolgsgeschichte. Unsere Hotels gehören zu den besten der Welt. Die Servicequalität, die Infrastruktur und das Preis-Leistungs-Verhältnis sind wesentliche Gründe dafür, dass Millionen Menschen Jahr für Jahr in die Türkei reisen. Wir möchten dieses Erfolgsmodell auf keinen Fall ersetzen. Vielmehr wollen wir darauf aufbauen. Wer heute eine Woche Badeurlaub verbringen möchte, soll das auch künftig auf höchstem Niveau machen können. Gleichzeitig möchten wir diejenigen ansprechen, die länger bleiben oder das Land intensiver kennenlernen möchten. Es geht also nicht um einen Kurswechsel, sondern um eine Erweiterung unseres touristischen Angebots.
Deutschland ist mit 6,75 Millionen Gästen inzwischen Ihr wichtigster Auslandsmarkt. Welche Bedeutung hat dieser Markt für Sie?
Deutschland ist für uns weit mehr als ein Quellmarkt. Deutschland ist ein strategischer Partner. Die Beziehungen zwischen der deutschen und der türkischen Reisewirtschaft reichen Jahrzehnte zurück. Deutsche Reiseveranstalter und Reisebüros haben den touristischen Aufstieg der Türkei maßgeblich begleitet und unterstützt. Dieses Vertrauen möchten wir weiter vertiefen. Gleichzeitig zeigen die Zahlen, dass unser Potenzial noch längst nicht ausgeschöpft ist. Spanien empfängt nach wie vor deutlich mehr deutsche Urlauber als die Türkei. Das zeigt uns, dass wir trotz unserer Erfolge wachsen können.
Wo sehen Sie dieses Wachstum konkret?
Vor allem außerhalb des klassischen Badeurlaubs. Natürlich bleibt Antalya unsere wichtigste Destination. Mehr als die Hälfte aller deutschen Gäste verbringt dort ihren Urlaub. Auch Istanbul entwickelt sich hervorragend. Gleichzeitig verfügen wir über Regionen, die international noch viel zu wenig bekannt sind. Kappadokien, Göbeklitepe, Ephesus oder die Schwarzmeerregion besitzen ein enormes touristisches Potenzial. Dort finden Besucher Geschichte, Natur, Kulinarik und authentische Begegnungen. Diese Regionen möchten wir künftig wesentlich stärker in internationale Rundreisen integrieren.

Firuz Bağlıkaya, Präsident des türkischen Reisebüroverbands Türsab, spricht im exklusiven Interview mit TRVL COUNTER über die Zukunft des Reiselandes Türkei. Foto: TRVL COUNTER/Jean-Marc Göttert
Welche Rolle spielen dabei die Reisebüros?
Eine entscheidende. Gerade wenn Reisen individueller und anspruchsvoller werden, wächst die Bedeutung qualifizierter Beratung. Kulturreisen, kulinarische Programme oder Pilgerwege benötigen Erklärungen und persönliche Empfehlungen. Gemeinsam mit unseren deutschen Partnern möchten wir deshalb neue Produkte entwickeln. Dazu gehören Themenreisen, Kulturprogramme, gastronomische Angebote oder auch Gesundheitsreisen. Hier liegt enormes Wachstumspotenzial für beide Seiten.
Viele Destinationen sprechen heute von Nachhaltigkeit. Was bedeutet dieses Thema für die Türkei?
Nachhaltigkeit ist längst Teil unserer Strategie. Wir investieren kontinuierlich in moderne Infrastruktur und nachhaltige touristische Entwicklung. Mit 580 Stränden mit der Blauen Flagge gehört die Türkei weltweit zu den führenden Ländern. Gleichzeitig fördern wir nachhaltige Mobilität, etwa durch fahrradfreundliche Unterkünfte und neue touristische Angebote außerhalb der klassischen Hauptsaison. Unser Ziel ist es, Tourismus über das gesamte Jahr und über das ganze Land zu verteilen.
Sie sprechen häufig von Kultur. Warum messen Sie diesem Bereich eine so große Bedeutung bei?
Weil Kultur unsere eigentliche Stärke ist. Die Türkei war über Jahrtausende Heimat unterschiedlichster Zivilisationen. Diese Geschichte findet man überall im Land. Von archäologischen Ausgrabungen bis zur regionalen Küche erzählen unsere Regionen Geschichten, die Besucher heute suchen. Wir möchten deshalb unsere kulturellen Angebote deutlich sichtbarer machen – auf internationalen Messen ebenso wie gemeinsam mit Medien und Reiseveranstaltern.
Welche Bedeutung hat dabei Istanbul?
Istanbul nimmt eine Sonderstellung ein. Die Stadt ist längst mehr als ein Stopover zwischen Europa und Asien. Sie verbindet Geschichte, moderne Kultur, Kulinarik und internationales Geschäftsleben auf einzigartige Weise. Neben dem klassischen Städtetourismus sehen wir große Chancen im MICE-Bereich, im Gesundheitstourismus und bei hochwertigen Erlebnisreisen. Istanbul kann in vielen Bereichen noch deutlich wachsen.
Mit dem Projekt „Das Jahrhundert des türkischen Tourismus“ haben Sie eine langfristige Vision formuliert. Was steckt dahinter?
Wir möchten den Tourismus räumlich, zeitlich und wirtschaftlich breiter aufstellen. Besucher sollen länger bleiben, mehr Regionen kennenlernen und das ganze Jahr über reisen. Gleichzeitig sollen die Einnahmen stärker der lokalen Bevölkerung zugutekommen – kleinen Hotels, Restaurants, Handwerksbetrieben und regionalen Produzenten. Unser Ziel ist Qualität statt Quantität. Wir möchten Gäste gewinnen, die sich bewusst für Kultur, Natur, Gastronomie oder Gesundheit interessieren und entsprechend länger bleiben sowie höhere Wertschöpfung ins Land bringen.
Welche Botschaft möchten Sie den deutschen Reisebüros mitgeben?
Die Türkei neu zu entdecken. Wir freuen uns selbstverständlich über jeden Gast, der an unsere Küsten reist. Aber wir möchten gemeinsam zeigen, dass unser Land weit mehr ist als ein hervorragendes Badeziel. Wer die Türkei bereist, findet jahrtausendealte Geschichte, außergewöhnliche Gastfreundschaft, eine der vielfältigsten Küchen der Welt und eine enorme landschaftliche Vielfalt. Diese Geschichte möchten wir künftig gemeinsam mit unseren deutschen Partnern erzählen.
Jean-Marc Göttert

Beim Sommerfest der Türkiye Tourism Promotion and Development Agency (TGA) in Berlin: DRV-Präsident Albin Loidl (rechts) mit Gökhan Turan, Botschafter der Republik Türkiye in Deutschland (Mitte), und DRV-Hauptgeschäftsführer Achim Wehrmann. Foto: DRV/Marcel Kautz
Info: Türkei 2025 auf einen Blick
64 Millionen internationale Gäste // 65,2 Milliarden US-Dollar Tourismuseinnahmen // 6,75 Millionen deutsche Urlauber (+2 %) // Deutschland ist größter Quellmarkt // 52,5 % der deutschen Gäste reisen nach Antalya // 22,5 % besuchen Istanbul // 580 Strände tragen die Blaue Flagge // Ziel für 2026: 68 Milliarden US-Dollar Tourismuseinnahmen
Info: Der Reisebüroverband Türsab
Türsab (Türkiye Seyahat Acentaları Birliği) ist der nationale Verband der türkischen Reisebüros und Reiseveranstalter. Er wurde 1972 gegründet und vertritt heute mehr als 16.000 lizenzierte Reisebüros im ganzen Land. Als gesetzlich anerkannte Interessenvertretung arbeitet Türsab eng mit dem türkischen Ministerium für Kultur und Tourismus zusammen.
Zu den Aufgaben des Verbandes gehören die Förderung des Tourismus, die Entwicklung neuer Reiseprodukte, die internationale Vermarktung der Türkei sowie der Ausbau der Zusammenarbeit mit Reiseveranstaltern und Reisebüros weltweit. Im Mittelpunkt der aktuellen Strategie steht die Positionierung der Türkei als ganzjähriges Reiseziel mit Schwerpunkten auf Kultur-, Gastronomie-, Natur-, Gesundheits- und Erlebnistourismus.
Die fünf wichtigsten Zitate von Firuz Bağlıkaya
- „Sonne, Strand und Meer gibt es im gesamten Mittelmeerraum. Unser eigentlicher Wettbewerbsvorteil ist unser kulturelles Erbe.“
- „Die Gäste reisen nicht wegen eines einzelnen Hotels. Sie reisen nach Antalya, Kappadokien oder Istanbul. Deshalb muss die Destination im Mittelpunkt stehen.“
- „Wir können die Bedeutung des Massentourismus nicht ignorieren. Aber daneben müssen wir weitere starke touristische Standbeine entwickeln.“
- „Im Caravan erlebt man ein Land wirklich. Im Hotel lebt man oft in einer eigenen Blase.“
- „Zuerst müssen die Türken ihre eigenen Destinationen entdecken. Wenn Einheimische dorthin reisen, folgen Investitionen – und danach kommen auch internationale Gäste.“

