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Interview mit Sören Haratmann (BTW)
19.05.26, 14:29 Uhr

„Wir stehen möglicherweise vor einem Kipppunkt“

BTW-Präsident Sören Hartmann sieht den deutschen Tourismus an einem Scheideweg: Steigende Reisekosten, sinkende Kaufkraft und bröckelnde Geschäftsmodelle könnten Wachstum bremsen – wenn Politik und Branche nicht schnell genug gegensteuern.

Sören Hartmann, Präsident des Bundesverbands der Deutschen Tourismuswirtschaft (BTW), beim Tourismusgipfel 2026. Foto: BTW/Svea Pietschmann
Beim BTW-Tourismusgipfel in Berlin spricht Sören Hartmann offen über schwindende Kaufkraft, bröckelnde Geschäftsmodelle, politische Versäumnisse und die Gefahr, dass der Tourismus in Deutschland erstmals an strukturelle Wachstumsgrenzen stoßen könnte. Gleichzeitig sieht er in Digitalisierung, KI und neuen Vertriebsmodellen enorme Chancen – wenn Branche und Politik jetzt handeln.
 


Herr Hartmann, Sie haben beim Tourismusgipfel von möglichen „Kipppunkten“ gesprochen. Was meinen Sie damit konkret?
Ich glaube, man muss sehr genau beobachten, wann Entwicklungen anfangen, sich strukturell zu verändern. Ich habe in meinem Leben viele Entscheidungen treffen müssen. Manche waren richtig, aber manchmal einfach zu früh oder zu spät. Und genau darum geht es jetzt auch im Tourismus. Wir haben momentan mehrere Entwicklungen gleichzeitig: weniger Bevölkerung, Sozialsysteme unter Druck, eine schwächelnde Wirtschaft, steigende Kosten und dazu die geopolitischen Krisen, über die wir hier gesprochen haben. Dadurch geht die Schere zwischen verfügbarem Einkommen und dem, was Reisen kostet, immer weiter auseinander. Darin sehe ich möglicherweise einen Kipppunkt. Das heißt nicht, dass er schon erreicht ist. Aber er könnte kommen, wenn wir nicht aktiv gegensteuern. Und das betrifft Politik genauso wie Unternehmen.

Was müsste passieren, damit dieser Kipppunkt nicht Realität wird?
Wir brauchen politische Maßnahmen, die echte Entlastung bringen. Energiekosten müssen kalkulierbarer werden. Unternehmen brauchen mehr Produktivität und mehr Flexibilität. Gleichzeitig müssen die Transformationsprozesse, die wir gerade erleben – Digitalisierung, KI, Automatisierung – sinnvoll genutzt werden. Das ist ein komplexes Zusammenspiel. Und deswegen sage ich bewusst „Kipppunkt“. Entweder schaffen wir es jetzt, dieser Komplexität zu begegnen – als Branche und als einzelne Unternehmen. Oder diese Komplexität führt irgendwann dazu, dass wir nicht mehr über Wachstum sprechen, sondern über Stagnation oder sogar über weniger Kunden und Umsatz.

Sie sprechen häufig über Transformation, Digitalisierung und KI. Sind Sie da eher optimistisch oder skeptisch?
Grundsätzlich optimistisch. Digitalisierung ist eine große Chance. Für manche Geschäftsmodelle kann sie natürlich auch ein Risiko sein. Aber ich spreche hier als BTW-Präsident über die Gesamtnachfrage und nicht über einzelne Unternehmen oder einzelne Segmente. Ich glaube fest daran, dass die Reiselust bleibt. Die Menschen wollen verreisen. Wir müssen es ihnen nur ermöglichen. Vielleicht gibt es künftig andere Modelle als die, die wir heute im Markt haben. Manche werden schneller sein, kundenfreundlicher, effizienter. Und die werden sich dann im Wettbewerb durchsetzen.

Sie haben auf der Bühne auch von „bröckelnden Geschäftsmodellen“ gesprochen. Was meinen Sie damit?
Es geht nicht darum, alles abzuschaffen und komplett neu zu machen. Aber wir müssen bestehende Modelle an die aktuellen Bedingungen anpassen. Ich habe vorhin das Beispiel Stornokosten genannt. Der Kunde ist heute andere Kaufprozesse gewohnt. Er bestellt sich bei Amazon mehrere Produkte, sucht sich das Passende aus und schickt den Rest zurück. Das prägt natürlich Verhalten und Erwartungen. Und genau an solche Kaufprozesse müssen wir uns anpassen. Das heißt nicht automatisch, dass man das komplette Geschäftsmodell verändert. Aber man muss sich mit dem veränderten Verhalten auseinandersetzen. Und wenn einzelne Unternehmen das nicht schaffen, entsteht daraus natürlich ein Risiko.

Bedeutet das automatisch mehr Konzentration und weniger kleine Unternehmen im Markt?
Teilweise wahrscheinlich schon. Das ist ja diese klassische Plattform-Logik, die wir in vielen Industrien sehen. Oft setzen sich dort nur wenige große Plattformen durch. Ich glaube allerdings nicht, dass sich das im Tourismus eins zu eins übertragen lässt. Denn unsere Branche bleibt trotz allem sehr kleinteilig. Die Leistungsträger – Hotels, Restaurants, viele touristische Anbieter – bleiben mittelständisch geprägt. Trotzdem wird es wahrscheinlich weniger Player geben. Aber bis sich solche Strukturen komplett verändern, reden wir über Jahrzehnte.

Immer häufiger wird betont, dass Tourismus mehr ist als Freizeit und Konsum. Warum ist Ihnen das so wichtig?
Weil es schlicht die Realität ist. Tourismus bedeutet wirtschaftliche Stabilität, Infrastruktur, gesellschaftliche Teilhabe und oft auch politische Stabilisierung. Die Politik musste das in den vergangenen Jahren erst lernen, ist der Realität inzwischen aber deutlich näher gekommen. Heute können wir die wirtschaftliche Wirkung von Tourismus sehr präzise messen. Was wäre Mecklenburg-Vorpommern ohne Tourismus? Was wären viele Regionen Griechenlands ohne Tourismus? Tourismus schafft Wohlstand. Und weil das so ist, haben wir natürlich auch ein Interesse daran, dass soziale Strukturen funktionieren, Infrastruktur vorhanden ist und Regionen stabil bleiben.

Trotzdem wird oft fast nur über Overtourism diskutiert.
Ja, und genau das verzerrt die Realität. Natürlich gibt es Overtourism. Aber das betrifft vielleicht fünf oder zehn Prozent des weltweiten Tourismus. In der überwiegenden Mehrheit der Destinationen schafft Tourismus wirtschaftliche Perspektiven und Stabilität. Darüber sprechen wir viel zu wenig.

Wie erleben Sie den Austausch zwischen Politik, Unternehmern und Verbänden hier auf dem Tourismusgipfel?
Ich glaube, man merkt deutlich, dass wir auf Verbandsebene besser zusammenarbeiten als früher. Gleichzeitig schaffen wir es zunehmend, Unternehmer stärker einzubinden und deren Realität sichtbarer zu machen. Und man merkt auch, dass die Politik heute deutlich interessierter an wirtschaftlichen Themen ist als noch vor einigen Jahren. Man kann die Arbeit der aktuellen Bundesregierung bewerten, wie man möchte – aber sie ist mit Sicherheit wirtschaftsorientierter und unternehmerischer unterwegs als die vorige Regierung. Auch wenn bislang noch nicht alles umgesetzt wurde, was angekündigt worden ist.

Klingt nach einem vorsichtig optimistischen Fazit.
Ja, vorsichtig optimistisch trifft es wahrscheinlich ganz gut. Die Probleme sind groß. Aber ich glaube trotzdem, dass wir als Branche enorme Stärke haben – wenn wir bereit sind, uns zu verändern und schneller zu handeln.

Danke fürs Gespräch!
Jean-Marc Göttert