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Interview Lena Kowalzik (Young Talents)
28.04.26, 08:15 Uhr

„Unser Prüfungswesen ist im Jahr 2011 stehen geblieben“

Exklusivgespräch mit TRVL COUNTER: Die Touristik kämpft um ihren Nachwuchs – und verliert ihn zunehmend im System. Lena Kowalzik, ehemalige DRV-Young-Talent-Teilnehmerin und heute Ausbilderin, schildert eindringlich, warum Begeisterung oft nicht reicht, um in der Branche zu bleiben.

Fotos: TRVL Counter & DRV/Marcel Kautz
Die Zahlen sind eindeutig, die Signale aus der Branche ebenso: Die Touristik steht beim Thema Nachwuchs unter wachsendem Druck. Während Beratung komplexer wird, Krisen den Alltag bestimmen und die Anforderungen im Vertrieb steigen, gelingt es immer weniger, junge Menschen dauerhaft zu binden. Es ist ein strukturelles Spannungsfeld zwischen einer hochdynamischen Branche und einem Ausbildungssystem, das vielerorts nicht mehr Schritt hält. Am Rande der DRV-Jahrestagung auf den Azoren haben wir mit Lena Kowalzik gesprochen, die 2022 selbst zu den DRV-Young Talents gehörte und heute als Ausbilderin im Reisebüro arbeitet und sich gleichzeitig weiterhin in der DRV Young Career Community engagiert.

„Ich habe schon in den Gesprächen mit den jungen Leuten das Gefühl, dass da einfach diese Begeisterung immer noch da ist für den Tourismus, für die Branche“, sagt sie gleich zu Beginn. Es ist kein distanzierter Befund, sondern eine Beobachtung aus ihrem Alltag. Doch fast im selben Atemzug folgt die Einschränkung, die den Kern des Problems beschreibt: „Das, was ich in der Schule gelernt habe, für die Abschlussprüfung, weil es im Prüfungswesen so vorgesehen war und man sich auf die Prüfung darauf vorbereiten muss, und was ich letztendlich jetzt in meinem Berufsalltag brauche, das sind vielleicht wohlwollend zusammengerechnet 20 Prozent.“ Ein Satz, der den Zustand der Ausbildung treffend beschreibt.

Für Kowalzik liegt das zentrale Problem im System selbst. „Der Prüfungsstand ist im Moment bei 2011“, sagt sie – und man spürt den Frust dahinter. „2011 gab es kein Social Media Marketing, da gab es keine iPads in der Hülle und Fülle, da gab es kein KI. Das ist natürlich alles sehr veraltet und dementsprechend ist das manchmal sehr frustrierend, wenn man sich dann auf die Prüfung vorbereitet.“ Sie spricht nicht nur aus eigener Erfahrung, sondern aus ihrer heutigen Rolle als Ausbilderin heraus: „Im Moment bereite ich mich mit meinen Auszubildenden auf die Prüfung zusammen vor. Und wenn man dann einfach merkt, wir leben eigentlich in einer Welt, die so modern ist und die so viele Möglichkeiten hat im Tourismus. Wir haben so viele Tools und wir haben in der Praxis so viele Anwendungsmöglichkeiten – und in der Schule oder im Prüfungswesen wird das aber einfach nicht abgefragt, sondern da sind andere Fragestellungen, andere Fragethemen wichtig – und das ist halt einfach schade.“

Motivation fördern und erhalten

Was daraus folgt, beschreibt sie ebenso klar wie schonungslos: „Wenn die Motivation irgendwo auf der Strecke liegen bleibt und irgendwo kippt, dann ist es super, super schwer, diesen Weg zu Ende zu gehen und den Azubi dazu zu bekommen, wirklich auch diese drei Jahre durchzuziehen – und das auch mit Begeisterung durchzuziehen.“ Gerade weil die Ausbildung drei Jahre dauert, sei es entscheidend, diese Motivation aktiv zu erhalten. „Und deswegen ist es in unserer Verantwortung, dass wir diese Motivation fördern und erhalten.“

Ein weiterer Punkt, der ihr sichtbar wichtig ist: die Rolle der jungen Generation selbst. „Wir werden zwar ab und zu mal – aber nee, wir werden eigentlich nicht gefragt. Es wird entschieden, das ist das Prüfungswesen.“ Für Kowalzik ist das ein grundlegendes Problem. „Mittlerweile gibt es viele Young Talents Programme, die jungen Talente werden eher gefördert und gesehen in der Touristik. Aber wir sind noch nicht an dem Punkt, wo es ganz natürlich ist, dass wir alle zusammen an einem Tisch sitzen und da natürlich auch junge Stimmen sitzen und mitgehört werden, sondern es ist immer noch so, dass irgendwie eher so eine Pflichtquote ist – und das finde ich schade.“


Die Young Talents bei der DRV-Tagung 2026

Dabei ist die Bereitschaft, sich einzubringen, durchaus vorhanden – genauso wie die Begeisterung für die Branche. Doch die Realität sieht oft anders aus. „Von den Young Talents – wir waren damals zehn – in der Touristik selber sind jetzt noch drei oder vier maximal“, sagt sie. Eine Zahl, die für sich steht.

Globale Krisen rücken an den Reisebüroalltag heran

Wie schnell diese Begeisterung ins Wanken geraten kann, beschreibt sie an einem sehr persönlichen Moment: „Ich weiß noch, Anfang März kam plötzlich die Nahostkrise und der Nahostkrieg ist ausgebrochen. Und ich saß am Schreibtisch und konnte es einfach nicht fassen, war wirklich fassungslos – und mir ist echt das Herz gebrochen.“ Es ist ein Satz, der zeigt, wie nah die globalen Krisen an den Alltag im Reisebüro heranrücken. Doch was danach passiert, erklärt, warum sie geblieben ist: „Und an demselben Tag kam aber ein Kunde aus dem Urlaub wieder zu mir ins Büro und hat dann eine Stunde lang mir berichtet, wie toll sein Urlaub war und was er alles erlebt hat mit seinen Kindern – und die Augen haben gestrahlt. Und dann habe ich gemerkt: Dafür mache ich es.“

Diese unmittelbare Wirkung, diese Rückmeldung, ist für sie der Kern der Branche. „Weil wenn man denen eine schöne Zeit beschert und die glücklich machen kann, dann ist das doch irgendwie ein schönes Geschenk.“ Und noch klarer formuliert sie es, wenn man sie auf einer persönlichen Ebene fragt: „Warum bin ich im Tourismus? Einfach gesagt: weil ich es liebe. Und ich liebe es daher, weil ich Menschen dazu inspirieren kann, vielleicht auch mal in Orte zu fahren, wo sie gar nicht dran gedacht hätten, und einfach Urlaubsträume verwirklichen kann – so kitschig das klingt.“

Gleichzeitig weiß sie, dass Begeisterung allein nicht reicht. „Ein ganz krasser Faktor für die Motivation ist, wenn man Cheerleader hat“, sagt sie – Menschen, die an einen glauben. „Wenn dann jemand vor dir steht und sagt: Ja, das ist genau das, was du machen solltest, du kannst das, verliere nicht deine Begeisterungsfähigkeit, glaub an dich – das beflügelt so sehr.“ Für sie sind das konkrete Personen: „Ich kann auf jeden Fall Ulrike Katz nennen, die ist einfach grandios, und auch Kerstin Heinen.“ Aber auch ihr eigenes Team spielt eine zentrale Rolle: „Ich liebe es, im ADAC-Reisebüro, wo ich bin, zu arbeiten, weil die Kollegen diese Leidenschaft haben und wir uns auch gegenseitig aufbauen, auch wenn mal so eine Krise ist. Und das ist halt einfach Gold wert.“

Die Zahl der Ausbildungsverträge geht zurück

Dass diese persönliche Perspektive kein Einzelfall ist, zeigen die aktuellen Zahlen, die Albin Loidl aktuell unter Verweis auf das Bundesinstitut für Berufsbildung einordnet. 2025 wurden in der Reisewirtschaft nur noch 957 neue Ausbildungsverträge abgeschlossen – ein Rückgang um 6,4 Prozent und damit deutlich stärker als im Durchschnitt aller Branchen. „Das ist ein klares Warnsignal“, sagt Loidl – und macht damit deutlich, dass die Branche vor einem strukturellen Problem steht. Sie verliere überproportional viele Auszubildende, und damit perspektivisch genau die Fachkräfte, die sie künftig dringend brauche.

Gerade in Zeiten wachsender Komplexität, geopolitischer Unsicherheiten und steigender Beratungsanforderungen werde qualifizierter Nachwuchs zum entscheidenden Faktor. „Wir brauchen gut ausgebildete, motivierte Nachwuchskräfte – und wir müssen alles dafür tun, dass sie in der Branche bleiben“, so Loidl. Dazu gehörten nicht nur bessere Rahmenbedingungen in den Unternehmen, sondern auch eine grundlegende Modernisierung von Ausbildungsinhalten und Prüfungsformaten. Fazit: Die Touristik steht vor der Aufgabe, ihr Ausbildungssystem neu zu denken – sonst droht ihr der schleichende Verlust einer ganzen Generation.