Anzeige
Bentour-Chef im TRVL COUNTER-Gespräch
02.12.25, 14:00 Uhr

Deniz Ugur: „Wir müssen uns um die Menschen kümmern“

Bentour-CEO Deniz Ugur ist bekannt für Klartext und einen Blick auf die Touristik, der über Preisgleichheit und Politik hinausreicht. Im Gespräch mit TRVL COUNTER-Chefredakteur Jean-Marc Göttert spricht er offen über Machtspiele in der Verbändeszene, den Wandel der Beratung, sowie technologische Chancen für den Vertrieb.

Zwischen Digitalisierung, Preisdebatten und politischem Ringen mahnt Deniz Ugur einen Blick auf das Wesentliche an: Es gehe nicht nur darum, Reisen zu verkaufen – sondern darum, Menschen Orientierung zu geben. Foto: Best-Reisen
Es ist Wochenbeginn in Naga Bay, und auf der Terrasse der weitläufigen Aldiana & Sentido Anlage breitet sich eine ruhige Atmosphäre aus, die meisten Teilnehmer sind abgereist oder warten auf ihren Transfer zum Flughafen. Von der Terrasse hat man einen wunderbaren Blick auf das Meer.

Die vergangenen Tage seien „ein kleines Abbild der gesamten Branche“ gewesen, beginnt er. Sie seien geprägt von unterschiedlichen Interessen, unterschiedlichen politischen Haltungen und sehr unterschiedlichen Persönlichkeiten. Dass sich die Verbände wie DRV, VUSR, BTW und die Denkfabrik „Zukunft der Gastwelt“ nacheinander präsentiert haben, wertet er nicht als Zeichen der Zersplitterung, sondern als Ausdruck natürlicher Vielfalt.

Wunsch nach mehr Koordination

„Diversität ist kein Störgeräusch, sie ist ein Wert“, betont er. „Wir tendieren ständig zu Schwarz und Weiß, aber die Welt ist voller Grautöne. Und das muss man aushalten.“ Gleichzeitig sieht er die Gefahr, dass diese Vielfalt in Berlin als Kakofonie wahrgenommen wird. „Wenn die Politik das Gefühl hat, dass wir mit zehn Stimmen sprechen, dann hört sie irgendwann gar nicht mehr hin.“ Doch er warnt ebenso vor übertriebenen Einheitsbestrebungen. „Koordination wäre wichtig, aber zu viel Koordination führt zu Stillstand.“

Er beschreibt eine Branche, die aus seiner Sicht mehrere Rollen braucht: „Wir brauchen Vertreter, die diplomatisch verhandeln – und andere, die Impulse setzen. Demokratie lebt nicht vom Gleichklang. Es muss Reibung geben. Sonst entsteht nichts Neues“, ist er überzeugt.
 

Deniz Ugur auf der Bühne bei der Best-Reisen-Jahrestagung 2025

Ugur spricht offen über den offensichtlichen Reibungsverlust und persönlichen Verletzlichkeit in der Verbändeszene. „Emotionaler Ausbruch ist oft ein Ausdruck von verletzten Gefühlen“, formuliert er vorsichtig. „Menschen wollen gehört werden. Wenn sie es nicht werden, werden sie zu Recht lauter.“ Für ihn liegt darin nicht das Problem, sondern ein Auftrag: genau hinzusehen und nicht jedes harte Wort gleich als Angriff zu verstehen.

Preisgleichheit, Produktivität – und der Weg nach vorn

Je tiefer das Gespräch wird, desto deutlicher benennt Ugur die strukturellen Herausforderungen. Preisgleichheit bleibe ein Kernthema, aber eines, das politisch festgelegt sei. „Wenn der Gesetzgeber das erlaubt, bleibt es legal – und wir müssen Lösungen finden.“ Von staatlicher Regulierung oder protektiver Politik hält er wenig. „Die Lösung liegt nie bei anderen. Jeder Unternehmer muss bei sich selbst Lösungen finden.“

Er spricht über Systeme, Effizienz und Modernisierung, doch nie technokratisch, sondern mit klarem Blick auf den Menschen. Die Branche müsse produktiver werden, sagt er, und sie müsse technologische Werkzeuge nutzen, statt sie zu fürchten. „Reisebüros müssen produktiver werden, mit Tools, mit KI, mit gemeinsamen Systemen wie Best-Connect.“

Gleichzeitig definiert er die Zukunft der Beratung deutlich breiter. „Reisebüros werden zu Erlebnisberatern, und irgendwann vielleicht zu seelischen Beratern“, sagt er. „Denn am Ende geht es nicht um 6.000 Kilometer Flugstrecke, sondern darum, wie sich ein Mensch fühlt.“ Reisen sei ein emotionales Produkt, und die Branche müsse wieder stärker darüber sprechen, was ein gutes Leben ausmacht, nicht nur über Urlaubspakete.

Tourismus als Zukunftsbranche – jenseits klassischer Industrien

Ugur blickt nicht nur auf die Branche, sondern auf die große wirtschaftliche Verschiebung. Klassische Industriesektoren verlieren an Bedeutung, Dienstleistungen gewinnen an Gewicht. Für ihn steht fest: Die Travel- und Hospitality-Industrie wird zu den zentralen Zukunftsbranchen gehören, weil sie Lebensqualität schafft und Menschen Orientierung gibt.
 

Ugur mit Dertour Hotel-Chef Ingo Burmester

Er verweist auf das digitale Verhalten von Milliarden jungen Nutzern weltweit. „Rund ein Drittel aller Internetnutzung beschäftigt sich mit Reisen. Content Creator machen heute die Werbung für uns, und wir profitieren davon.“ Gleichzeitig müsse sich die Art der Beratung verändern. „Wir brauchen so etwas wie Holodecks statt Katalogwände. Orte, an denen Kunden in Urlaubswelten eintauchen können, wo sie fühlen, riechen, erleben können. Taste & Feel, das wird die Zukunft der Beratung sein.“ Man spürt, dass er hier nicht Visionen formuliert, sondern konkrete Entwicklungen, die er kommen sieht.

Ein Gespräch – und ein Satz, der bleibt

Wir sitzen auf der Terrasse, die Sonne wandert langsam, und das Meer rauscht leise im Hintergrund. Das Gespräch nimmt eine letzte Wendung, als es um die Unruhe der Welt geht: um Konflikte, Unsicherheiten, politische Spannungen.
Eine Welt ohne politische Spannungen sei „noch nicht möglich“, sagt er, „weil Gesellschaften ihren Unfrieden immer irgendwo austragen“. Warten auf Frieden hält er für illusionär. „Man müsste analysieren, woher der Unfrieden kommt. Aber zu warten auf den Zustand, in dem alle in Frieden sind, ist überhaupt nicht notwendig.“

Dann legt er eine kurze Pause ein, lehnt sich zurück und schließt das Gespräch mit einem Satz, der seine Haltung sehr gut spiegelt: „Es geht nicht immer um Reisen verkaufen. Wir Touristiker müssen einfach zeigen, wie ein gutes Leben zu führen ist. Wir müssen uns um die Menschen kümmern.“
 

Zur Person

Deniz Ugur ist seit 2007 Gesellschafter und Geschäftsführer von Bentour Reisen. Zuvor war der diplomierte Betriebswirt im Travelmanagement der BBDO und für die FIFA tätig.

Für die Ausrichtung des Veranstalters auf hochwertige Türkei-Reisen und die positive Unternehmensentwicklung erhielt Ugur 2013 die branchenübergreifende Auszeichnung „Entrepreneur of the Year“ in der Kategorie Dienstleistung von Ernst & Young.