Anzeige
Thinktank-Event in Palma
23.10.25, 15:25 Uhr

Mallorca sucht neue Wege im Tourismus – Coral will vorne mitspielen

Mehr Qualität, weniger Abhängigkeit: Mallorca feilt an seiner touristischen Zukunft. Coral Travel sieht die Baleareninsel als Schlüsselmarkt – und will sich im Mallorca-Geschäft unter die führenden Veranstalter in Deutschland vorarbeiten.

Coral-Chef Koray Cavdir sieht Mallorca als strategischen Wachstumsmarkt – und spricht sich für eine gezieltere Kommunikation in der Ansprache neuer Zielgruppen aus. Foto: Coral Travel

Coral-Chef Koray Cavdir sieht Mallorca als strategischen Wachstumsmarkt – und spricht sich für eine gezieltere Kommunikation in der Ansprache neuer Zielgruppen aus. Foto: Coral Travel



Mallorca steht an einem Wendepunkt. Nach Jahren des Wachstums sucht die Insel neue Wege, um sich im internationalen Wettbewerb zu positionieren – mit Fokus auf Qualität, Diversifikation und internationale Konnektivität.

Beim Branchentreffen in Palma mit Vertretern der Veranstaltergruppe Coral Travel, der mallorquinischen Hotellerie sowie aus dem Luftfahrtbereich wurde deutlich: Wer neue Quellmärkte erschließen und anspruchsvolle Zielgruppen erreichen will, muss mehr bieten als Sonne im Sommer. Neue Ideen sollen her. Diese Überzeugung zog sich durch die Beiträge im Rahmen der Plenumsveranstaltung.

„Großes Potenzial“

Koray Cavdir, Geschäftsführer von Coral Travel, betonte gleich zu Beginn die strategische Bedeutung Mallorcas für europäische Quellmärkte: „Europa macht inzwischen fast zwei Drittel unseres Gesamtvolumens aus – und Mallorca hat dabei großes Potenzial.“ 

Coral Travel ist mit eigenen Unternehmen in nunmehr zehn europäischen Ländern aktiv. „Unsere Strukturen erlauben es uns, neue Zielgruppen gezielt zu erschließen – wenn die Destination mitzieht“, so Cavdir. Sein Ziel ist es, Coral Travel in der deutschen Veranstalterlandschaft unter die Top 5 im Mallorca-Geschäft zu bringen. Aktuell rangiert der Anbieter dort auf Platz 8.

Touristisches Profil weiterdenken

María José Aguiló, Vizepräsidentin des Dachverbandes der Inselhoteliers FEHM, stellte klar: „Mallorca befindet sich an einem Punkt der Neuorientierung. Jetzt gilt es, mit Strategie, Daten und Vision nach vorn zu gehen.“ Für sie ist das Ziel eindeutig: „Wir wollen nicht nur Teil der Gruppe der Fortschrittlichen sein, wir wollen sie anführen.“ Wachstum in die Tiefe – nicht in die Breite.

Die Hotel-Branche habe in den letzten Jahren in Digitalisierung, Nachhaltigkeit und die Professionalisierung der Teams investiert – mit dem Ziel, nicht nur wettbewerbsfähig, sondern auch resilienter zu werden.

Die Baleareninsel wolle jedoch nicht von Saison zu Saison justieren, sondern grundlegend gestalten. Auch gehe es nicht um einzelne Unterkünfte oder Angebote, so Aguiló. Globaler müsse man denken: „Wir sprechen über das Territorium, wir sprechen über Identität, wir sprechen über Gemeinschaft und wir sprechen über Erfahrung.“ 

Stark, aber verwundbar

Ein aktueller Bericht des auf touristische Marktanalysen spezialisierten Beratungsunternehmens Madison Travel bestätigt Mallorcas touristische Stärke, verweist aber auch auf strukturelle Schwächen. „Allein in den ersten acht Monaten des Jahres 2025 kamen über 9,5 Millionen Gäste gezählt – ein deutlicher Anstieg gegenüber den Vorjahren“, erklärte der verantwortliche Analyst Victor Manuel Simón,

Dennoch gebe es zwei strukturelle Schwächen: die starke Abhängigkeit von Deutschland und Großbritannien sowie die ausgeprägte Saisonalität – ein strategisches Risiko und Wettbewerbsnachteil.

Chancen müssen genutzt werden

„Andere Destinationen wie Kroatien, Malta oder Montenegro setzen bereits gezielt auf eine breitere Marktstreuung“, betont Simón. Märkte wie Polen, die Niederlande, Tschechien oder Kanada zeigten steigende Relevanz für die Insel, würden von Mallorca aber noch unzureichend angesprochen.

Dabei ließen sich genau mit diesen Quellmärkten saisonale Schwankungen besser ausgleichen, so Simón: „Sie reisen zu unterschiedlichen Zeiten, suchen individuelle Erlebnisse und interessieren sich für mehr als nur Sonne und Strand.“

Koray Cavdir unterstrich die Aussage mit konkreten Zahlen und einem Beispiel: „Polen ist mit rund 40 Millionen Einwohnern ein wichtiger europäischer Quellmarkt für uns – aber bei der Zahl der Direktflüge nach Mallorca hinkt das Land weit hinterher.“ 60 Nonstop-Verbindungen gibt es – für knapp 36 Millionen Einwohner. „Zu wenig“, so Cavdir. Denn die Nachfrage sei durchaus da, weiß der Coral-Chef.

Neue Zielgruppen, neue Anforderungen

Ein besonderes Potenzial sieht die vorgestellte Marktanalyse in der Kombination aus gastronomischem Erbe, lokaler Kultur und authentischen Erlebnissen. Simón hob hervor: „Mallorca hat hervorragende Produkte – aber oft fehlt die entsprechende Verpackung für internationale Zielgruppen.“

Branchenkennerin Yolanda Perdomo sieht insbesondere in der Verbindung von lokalen Stärken mit internationalen Erwartungen eine Chance. „Der neue Gast sucht Echtheit, Qualität und Relevanz. Mallorca hat diese Werte – jetzt gilt es, sie sichtbarer zu machen.“

Die Nachfrage aus Fernmärkten sei ganzjährig vorhanden, besonders bei Reisenden, die an Gastronomie, Wein, Kultur und individuellen Erlebnissen interessiert seien. „Die entscheidende Frage lautet: Ist das Produkt bereit für diese Zielgruppen – nicht nur infrastrukturell, sondern auch kulturell?“

Auch Cavdir sieht in der Diversifikation der Quellmärkte einen zentralen Hebel: „Mallorca ist in Märkten wie Polen oder Österreich noch unterrepräsentiert. In Österreich etwa verzeichneten wir 2024 rund 830.000 Übernachtungen – bei nur zwei Prozent Marktanteil.“ Dabei seien gerade österreichische Gäste besonders ausgabefreudig. „Sie geben im Schnitt über 200 Euro pro Tag aus – deutlich mehr als der europäische Durchschnitt“, so Cavdir.

Konnektivität als Schlüssel zur Diversifizierung

Ein zentrales Thema des Thinktank-Treffens war die internationale Konnektivität – speziell im Hinblick auf Langstreckenverbindungen. Aviation-Experte Jared Harckham wies diesbezüglich darauf hin, dass Palma „im Sommer ein 5,5-mal höheres Angebot hat als im Winter, während diese saisonale Diskrepanz in anderen Reisezielen wie Málaga oder Malta mit etwa dem eineinhalbfachen Volumen – bei mehr oder weniger gleichen Temperaturen im Winter – viel geringer ausfällt.“

Zudem sei am Airport Palma der Anteil von Linienfluggesellschaften mit Premiumsegment zu gering. „Nur zwei Prozent der Fluggäste reisen in Palma in Premium Economy oder Business Class – auf Malta sind es doppelt so viele.“ Dabei seien gerade diese Passagiere für hochwertige, margenstarke Angebote entscheidend.

Ein weiterer blinder Fleck sei die internationale Fernverbindung: „Andere Mittelmeerdestinationen verfügen längst über feste Verbindungen in den Nahen Osten oder nach Nordamerika. Mallorca hat hier noch Aufholbedarf – trotz klarer Nachfrage.“

In alldem sieht Harckham klare Chancen für den mallorquinischen Tourismus.

Tourismus muss als Ganzes auftreten

„Airlines suchen keine Einzelinitiativen. Sie brauchen professionelle, koordinierte Ansprechpartner mit einer langfristigen Strategie.“ Der Aufbau neuer Routen, insbesondere im Fernverkehr, sei ein aufwendiger Prozess, der nicht über Nacht funktioniere. „Fluggesellschaften wollen keine Versprechen – sie erwarten Daten, Business-Cases und verlässliche Partner.“

Harckham forderte ein gemeinsames Auftreten aller Akteure: „Es reicht nicht, wenn der Flughafen und der Hotelverband getrennt auftreten. Was zählt, ist eine gemeinsame Stimme, ein einheitlicher Plan.“

Koray Cavdir plädiert ebenso für eine stärkere Zusammenarbeit vor Ort: „Die Ansprache neuer Märkte gelingt nur, wenn Destination, Anbieter und Vertrieb eng verzahnt zusammenarbeiten. Wer nachhaltig Gäste binden will, muss investieren – in Qualität, Service und Infrastruktur.“ Zudem fordert er, dass touristische Einnahmen stärker in lokale Projekte fließen: „Nur wenn die Bevölkerung profitiert, kann Tourismus dauerhaft Rückhalt in der Gesellschaft finden.“

Erfolg neu definieren

Und dieser Plan, so der Wunsch von María José Aguiló, müsse um einen wertebasierten Tourismus herum entstehen. „Erfolg darf nicht länger an der Zahl der Besucher gemessen werden, sondern an dem, was für die Gemeinschaft entsteht – an Wertschöpfung, Qualität und Lebensqualität.“