Türkei-Hilfen19.02.23, 19:00 Uhr
„Das schafft kein Land der Welt alleine!“
Die Türkei kämpft mit den dramatischen Nachwirkungen des Großen Bebens. Ein Gespräch mit Peter Glade, Chief Commercial Officer bei SunExpress, über viele Hilfs- und Sonderflüge der Airline, die große Welle der Solidarität und warum Antalya, Bodrum und Izmir begehrte Sommerziele bleiben.

Foto:SunExpress
Herr Glade, täglich werden die Opferzahlen des Jahrhubndertbebens in der Türkei nach oben korrigiert. Inzwischen ist auch eine große Welle an Hilfsaktionen angelaufen, unter anderem von Unternehmen aus der Touristik wie SunExpress. Was wurde bislang gemacht und was ist der Stand?
Wir haben nach der Katastrophe innerhalb weniger Stunden reagiert und unsere Flüge in Hilfs- und Rettungsflüge umgewandelt. So kommt medizinische Hilfe und Material für die Evakuierung so schnell wie möglich vor Ort an. Stand heute sind es bereits 287 Hilfsflüge und mehr als 6.000 Rettungskräfte und medizinisches Personal, die wir so in die Erdbebenregion befördern konnten – darunter beispielsweise ein 30-köpfiges Ärzteteam von REWE mit medizinischer Ausrüstung. Mit den Rückflügen dieser Hilfsflüge haben wir bisher 14.000 vom Erdbeben betroffene Menschen evakuiert. Wir haben außerdem mit starken Partnern eine Luftbrücke zwischen Deutschland und der Türkei eingerichtet, um die zahllosen Spenden, die uns erreichen, zu transportieren und damit die Hilfsaktionen weiter zu unterstützen.
Das ist in enger Abstimmung mit den Behörden vor ort und recht kurzfristig, oder?
Genau, das sind Sonderflüge, die wirklich zu den Flughäfen direkt im Erdbebengebiet führen. Meist geschieht das auf kurzem Zuruf, also wenige Stunden vorher. Die Behörden fragen an: „Hey, fliegt bitte nach Hatay, nach Adana oder Diyarbakır. Da stehen momentan 500 Leute am Flughafen, die müssen erst einmal raus, und fliegt sie bitte dort und dort hin.“ Das machen wir selbstverständlich und kostenfrei.
Das alles zu koordnieren ist eine riesige logistische Leistung. Ist das überhaupt zu stemmen?
Die Mitarbeiter im Operations Control Center in Antalya sind wirklich 24 Stunden rund um die Uhr im Einsatz. Das geht ja normalerweise alles gar nicht, aber bislang haben wir es geschafft. Bis gestern wurden zum Beispiel 196 Tonnen Fracht in die Erdbebenregion gebracht. Jetzt bieten wir noch alle Inlandsflüge, also nicht nur die Rettungsflüge, die aus der Region starten, kostenlos an. Wir werden also kostenlose Evakuierungsflüge auf Inlandsstrecken von Adana, Diyarbakır, Gaziantep, Hatay, Kayseri, Malatya und Mardin durchführen.
In Deutschland kann man diese gewaltigen Dimensionen gar nicht erfassen, also wie groß sind die geografischen Distanzen überhaupt?
Betrachten wir die Städte, in denen ganze Gebäude zerstört worden sind und Menschen gestorben sind, ist eine Fläche ungefähr von der Lüneburger Heide bis Würzburg inklusive des kompletten Ruhrgebiets betroffen, also eine riesengroße Fläche.
Betrifft das die touristischen Zielgebiete in irgendeiner Form?
Schaut man auf die Karte, sieht man, dass die Entfernung von Hatay nach Antalya rund 800 Kilometer beträgt, und das ist weit genug weg, dass es in Antalya oder in den Urlaubsregionen wie Bodrum oder in Izmir und der türkischen Riviera von den Erdbeben nichts zu sehen und nichts zu spüren. In die Türkei kann man also Urlaub machen und buchen. Das ist überhaupt kein Problem.
Dennoch ist das eine Tragödie nationalen Ausmaßes für die Türken?
So ist es, aber es gibt es immer wieder Geschichten der Hoffnung zwischendurch. Aber es ist, wenn man heute in die Türkei fliegt, überall eine unglaubliche Traurigkeit zu spüren, also nicht nur in den betroffenen Regionen, sondern auch in Antalya und Izmir zum Beispiel. Jeder kennt jemanden, der betroffen ist.
Bei aller Hilfsbereitschaft, aber ist das ja auch eine staatliche Aufgabe, dass man dort Hilfsgüter liefert, dass man Leute rausbringt, dass man Rettungskräfte reinbringt? Warum macht das eine private Fluggesellschaft?
Bei einer Naturkatastrophe dieser Dimension muss man auf alle Ressourcen zurückgreifen, die ein Land aufbieten kann. Das Militär ist im Einsatz, der Katastrophenschutz, alle Behörden und Hilfsorganisationen. Die Türkei setzt alle staatlichen Ressourcen ein, die sie hat. Die Bundesrepublik hilft mit dem Technischen Hilfswerk, mit den Search und Rescue-Teams der ISAR und mit weiteren Spezialisten und Expertenteams vor Ort. Wir haben gerade wieder ein 30-köpfiges Ärzteteam in die Türkei gebracht.
Es reicht aber noch nicht, oder?
Es ist auch ein Jahrhundertbeben. Wenn ich mir die Größe des Gebiets und die Schwere der Schäden anschaue, also dort wo ganze Städte zusammengekracht sind, das schafft kein Land der Welt alleine und da müssen alle zusammenstehen. Da brauchen wir große Solidarität – und die gibt es glücklicherweise!
Viele Unternehnmen aus der Touristik helfen, etwa Bentour Reisen und Condor. Alle helfen wo sie können, oder?
Ja, wir sind natürlich nicht allein unterwegs, wir sind auch in der Touristik nicht allein. Auch unsere Mitbewerber fliegen Hilfsflüge in die Türkei. Die Hilfsbereitschaft ist innerhalb der Branche unwahrscheinlich groß: An dem Morgen der Katastrophe, ist mein Handy vor lauter Nachrichten quasi explodiert. Da haben sich alle Partner und Freunde gemeldet und gefragt, wie sie helfen können. Und was mich dann wirklich gefreut hat: Als ich gesagt habe, ich brauche A, b, c und d, da kam von allen sofort zurück, Kein Problem, wir kümmern uns. Da war nicht einer dabei, der das nur als Floskel gemeint hatte. Das ist echt bewundernswert in der Touristik. Übrigens, wir müssen uns hier auch explizit bei den Gewerkschaften bedanken.
Warum das?
Sie haben zugesagt, die Hilfsflüge in die Türkei vom Streik am Freitag auszunehmen. Wir sind da in engem Kontakt mit den Flughäfen und mit den Gewerkschaften. Das ist praktische Solidarität, die braucht man einfach.
Hat die aktuelle Lage Auswirkungen auf die Sommersaison?
Wenn ich mir die Buchungszahlen Eingänge pro Tag bei SunExpress anschaue, dann sehen wir ja einen leichten Rückgang über die letzten Tage, aber nicht dramatisch. Auffällig ist, gerade Stammgäste buchen die Türkei jetzt verstärkt, weil sie ein Zeichen setzen wollen, sagen uns unsere Vertriebspartner. In der deutsch-türkischen Community ist die Hilfsbereitschaft ohnehin riesig. Wir haben Leute, die das dritte Mal in der Woche in die Türkei fliegen, um Hilfsgüter persönlich zu liefern oder um einfach zu helfen.
Trotzdem müssen Reisebüros eine aktive Kommunikation übernehmen, weil Urlauber in Deutschland die geografischen Dimensionen nicht richtig einordnen können, ob man da Urlaub machen kann oder nicht und wie das dann läuft.
Klar, die Türkei ist jetzt beratungsintensiv, aber sie punktet weiterhin mit dem starken Preisleistungsverhältnis. Es gibt keinen Grund, warum man seinen gebuchten Urlaub stornieren oder woanders hinfliegen müsste. Bei den großen Ketten und Kooperationen ist der Wille da, das Land zu unterstützen und sie bieten es am Counter verstärkt an. Wie sagte gestern ein türkischer Kollege: Das Schicksal können wir nicht beeinflussen. Aber wir machen immer das Beste draus. Und das ist es, was wir gerade beweisen: Dass wir als touristische Familie zusammenstehen und wirklich kämpfen und uns gegenseitig unterstützen.
Danke fürs Gespräch!
Wir haben nach der Katastrophe innerhalb weniger Stunden reagiert und unsere Flüge in Hilfs- und Rettungsflüge umgewandelt. So kommt medizinische Hilfe und Material für die Evakuierung so schnell wie möglich vor Ort an. Stand heute sind es bereits 287 Hilfsflüge und mehr als 6.000 Rettungskräfte und medizinisches Personal, die wir so in die Erdbebenregion befördern konnten – darunter beispielsweise ein 30-köpfiges Ärzteteam von REWE mit medizinischer Ausrüstung. Mit den Rückflügen dieser Hilfsflüge haben wir bisher 14.000 vom Erdbeben betroffene Menschen evakuiert. Wir haben außerdem mit starken Partnern eine Luftbrücke zwischen Deutschland und der Türkei eingerichtet, um die zahllosen Spenden, die uns erreichen, zu transportieren und damit die Hilfsaktionen weiter zu unterstützen.
Das ist in enger Abstimmung mit den Behörden vor ort und recht kurzfristig, oder?
Genau, das sind Sonderflüge, die wirklich zu den Flughäfen direkt im Erdbebengebiet führen. Meist geschieht das auf kurzem Zuruf, also wenige Stunden vorher. Die Behörden fragen an: „Hey, fliegt bitte nach Hatay, nach Adana oder Diyarbakır. Da stehen momentan 500 Leute am Flughafen, die müssen erst einmal raus, und fliegt sie bitte dort und dort hin.“ Das machen wir selbstverständlich und kostenfrei.
Das alles zu koordnieren ist eine riesige logistische Leistung. Ist das überhaupt zu stemmen?
Die Mitarbeiter im Operations Control Center in Antalya sind wirklich 24 Stunden rund um die Uhr im Einsatz. Das geht ja normalerweise alles gar nicht, aber bislang haben wir es geschafft. Bis gestern wurden zum Beispiel 196 Tonnen Fracht in die Erdbebenregion gebracht. Jetzt bieten wir noch alle Inlandsflüge, also nicht nur die Rettungsflüge, die aus der Region starten, kostenlos an. Wir werden also kostenlose Evakuierungsflüge auf Inlandsstrecken von Adana, Diyarbakır, Gaziantep, Hatay, Kayseri, Malatya und Mardin durchführen.
In Deutschland kann man diese gewaltigen Dimensionen gar nicht erfassen, also wie groß sind die geografischen Distanzen überhaupt?
Betrachten wir die Städte, in denen ganze Gebäude zerstört worden sind und Menschen gestorben sind, ist eine Fläche ungefähr von der Lüneburger Heide bis Würzburg inklusive des kompletten Ruhrgebiets betroffen, also eine riesengroße Fläche.
Betrifft das die touristischen Zielgebiete in irgendeiner Form?
Schaut man auf die Karte, sieht man, dass die Entfernung von Hatay nach Antalya rund 800 Kilometer beträgt, und das ist weit genug weg, dass es in Antalya oder in den Urlaubsregionen wie Bodrum oder in Izmir und der türkischen Riviera von den Erdbeben nichts zu sehen und nichts zu spüren. In die Türkei kann man also Urlaub machen und buchen. Das ist überhaupt kein Problem.
Dennoch ist das eine Tragödie nationalen Ausmaßes für die Türken?
So ist es, aber es gibt es immer wieder Geschichten der Hoffnung zwischendurch. Aber es ist, wenn man heute in die Türkei fliegt, überall eine unglaubliche Traurigkeit zu spüren, also nicht nur in den betroffenen Regionen, sondern auch in Antalya und Izmir zum Beispiel. Jeder kennt jemanden, der betroffen ist.
Bei aller Hilfsbereitschaft, aber ist das ja auch eine staatliche Aufgabe, dass man dort Hilfsgüter liefert, dass man Leute rausbringt, dass man Rettungskräfte reinbringt? Warum macht das eine private Fluggesellschaft?
Bei einer Naturkatastrophe dieser Dimension muss man auf alle Ressourcen zurückgreifen, die ein Land aufbieten kann. Das Militär ist im Einsatz, der Katastrophenschutz, alle Behörden und Hilfsorganisationen. Die Türkei setzt alle staatlichen Ressourcen ein, die sie hat. Die Bundesrepublik hilft mit dem Technischen Hilfswerk, mit den Search und Rescue-Teams der ISAR und mit weiteren Spezialisten und Expertenteams vor Ort. Wir haben gerade wieder ein 30-köpfiges Ärzteteam in die Türkei gebracht.
Es reicht aber noch nicht, oder?
Es ist auch ein Jahrhundertbeben. Wenn ich mir die Größe des Gebiets und die Schwere der Schäden anschaue, also dort wo ganze Städte zusammengekracht sind, das schafft kein Land der Welt alleine und da müssen alle zusammenstehen. Da brauchen wir große Solidarität – und die gibt es glücklicherweise!
Viele Unternehnmen aus der Touristik helfen, etwa Bentour Reisen und Condor. Alle helfen wo sie können, oder?
Ja, wir sind natürlich nicht allein unterwegs, wir sind auch in der Touristik nicht allein. Auch unsere Mitbewerber fliegen Hilfsflüge in die Türkei. Die Hilfsbereitschaft ist innerhalb der Branche unwahrscheinlich groß: An dem Morgen der Katastrophe, ist mein Handy vor lauter Nachrichten quasi explodiert. Da haben sich alle Partner und Freunde gemeldet und gefragt, wie sie helfen können. Und was mich dann wirklich gefreut hat: Als ich gesagt habe, ich brauche A, b, c und d, da kam von allen sofort zurück, Kein Problem, wir kümmern uns. Da war nicht einer dabei, der das nur als Floskel gemeint hatte. Das ist echt bewundernswert in der Touristik. Übrigens, wir müssen uns hier auch explizit bei den Gewerkschaften bedanken.
Warum das?
Sie haben zugesagt, die Hilfsflüge in die Türkei vom Streik am Freitag auszunehmen. Wir sind da in engem Kontakt mit den Flughäfen und mit den Gewerkschaften. Das ist praktische Solidarität, die braucht man einfach.
Hat die aktuelle Lage Auswirkungen auf die Sommersaison?
Wenn ich mir die Buchungszahlen Eingänge pro Tag bei SunExpress anschaue, dann sehen wir ja einen leichten Rückgang über die letzten Tage, aber nicht dramatisch. Auffällig ist, gerade Stammgäste buchen die Türkei jetzt verstärkt, weil sie ein Zeichen setzen wollen, sagen uns unsere Vertriebspartner. In der deutsch-türkischen Community ist die Hilfsbereitschaft ohnehin riesig. Wir haben Leute, die das dritte Mal in der Woche in die Türkei fliegen, um Hilfsgüter persönlich zu liefern oder um einfach zu helfen.
Trotzdem müssen Reisebüros eine aktive Kommunikation übernehmen, weil Urlauber in Deutschland die geografischen Dimensionen nicht richtig einordnen können, ob man da Urlaub machen kann oder nicht und wie das dann läuft.
Klar, die Türkei ist jetzt beratungsintensiv, aber sie punktet weiterhin mit dem starken Preisleistungsverhältnis. Es gibt keinen Grund, warum man seinen gebuchten Urlaub stornieren oder woanders hinfliegen müsste. Bei den großen Ketten und Kooperationen ist der Wille da, das Land zu unterstützen und sie bieten es am Counter verstärkt an. Wie sagte gestern ein türkischer Kollege: Das Schicksal können wir nicht beeinflussen. Aber wir machen immer das Beste draus. Und das ist es, was wir gerade beweisen: Dass wir als touristische Familie zusammenstehen und wirklich kämpfen und uns gegenseitig unterstützen.
Danke fürs Gespräch!

