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Interview mit Achim Wehrmann (DRV)
30.04.26, 08:00 Uhr

„Die Touristik wird auch diese Phase überstehen“

Nahostkonflikt, Preisdruck, EU-Regulierung – Krisen, so Achim Wehrmann, gehören in der Touristik mittlerweile zum Normalzustand. Der DRV-Hauptgeschäftsführer erklärt im Interview, warum er die Branche trotzdem als handlungsfähig sieht und welche Themen der Verband aktuell auf dem Zettel hat.

DRV-Hauptgeschäftsführer Achim Wehrmann verweist auf funktionierende Krisenstrukturen in der Touristik. Foto: DRV/Marcel Kautz
Zwischen geopolitischen Spannungen, steigenden Preisen und wachsender Unsicherheit steht die Touristik unter Druck. Am Rande der DRV-Jahrestagung auf den Azoren spricht DRV-Hauptgeschäftsführer Achim Wehrmann über Krisenresilienz, Kerosinpreise, Nachfrageverschiebungen – und erklärt, warum Reisesicherungsfonds und EU-Regulierung jetzt zu entscheidenden Stellschrauben werden.
 


Die Branche wirkt aktuell wie im Dauerkrisenmodus – Nahostkonflikt, steigende Preise, volatile Nachfrage. Wie erlebst du diese Phase persönlich?
Ich bin jetzt knapp zwei Jahre dabei, und hatte ehrlich gesagt von Anfang an das Gefühl, dass man hier selten im Normalmodus ist. Erst die FTI-Insolvenz, jetzt die geopolitischen Spannungen. Aber was mich wirklich beeindruckt hat: wie professionell die Branche mit solchen Situationen umgeht. Als die ersten Reisewarnungen kamen und sich die Lage zugespitzt hat, waren die Reaktionen der Branche sofort da.

​Was heißt „sofort da“ konkret?
Dass die Strukturen funktionieren. Der Krisenausschuss hat direkt gearbeitet, Veranstalter haben geschaut, wo Gäste sind und wie man helfen kann. Das war extrem lösungsorientiert. Und entscheidend: Es ging nicht um Wettbewerb, sondern um gemeinsames Handeln. Diese Fähigkeit, sofort von null auf hundert hochzufahren, zeigt, wie krisenerprobt die Branche ist.

Trotz operativer Stärke: Wie stark treffen die Krisen wirtschaftlich?
Die Effekte kommen zeitversetzt. Der Buchungsstand für diesen Sommer ist durch Frühbucher hoch, im März zeigte sich eine Zurückhaltung bei Neubuchungen. Auf der anderen Seite haben sehr viele Kunden ihre Reisen auf das westliche Mittelmeer umgebucht. Ein einheitliches Bild gibt es also noch nicht. Entscheidend ist, wie sich die geopolitische Lage entwickelt – etwa rund um die Straße von Hormus. Wenn sich dort etwas entspannt, kann sich auch die Marktsituation schnell wieder verbessern. 

Wie stark ist die Branche aktuell von externen Faktoren abhängig?
Sehr stark. Die Frequenz und Intensität der Krisen haben zugenommen. Das macht Planung deutlich schwieriger – für Veranstalter wie für den Vertrieb.

Steigende Preise, insbesondere im Flugbereich, sind ein großes Thema. Wird Reisen zum Luxusgut?
Die Preisentwicklung ist eine echte Herausforderung. Flugpreise sind teilweise stark gestiegen. Das trifft vor allem Familien. Die Frage, ob sich Durchschnittsverdiener noch eine klassische Urlaubsreise leisten können, ist absolut berechtigt.


Achim Wehrmann (rechts) mit DRV-Präsident Albin Loidl auf der Jahrestagung des Verbands 2026 auf den Azoren. Foto: DRV/Marcel Kautz

Welche Rolle spielen dabei Kerosinpreise und mögliche Engpässe?
Eine zentrale. Treibstoffkosten wirken direkt auf die Ticketpreise. In Kombination mit geopolitischen Risiken entsteht zusätzlicher Druck. Das ist ein Thema, das die Branche noch länger begleiten wird.

Und wie stark beeinflusst der Nahostkonflikt die Nachfrage?
Er sorgt für Unsicherheit, und Unsicherheit bremst kurzfristige Buchungen. Aber das Grundbedürfnis zu reisen ist ungebrochen. Die Frage ist nicht, ob, sondern wie gereist wird.

Also eher Verschiebung statt Einbruch?
Genau. Andere Ziele, andere Buchungszeiträume, andere Budgets, aber kein grundsätzlicher Rückgang.

Ihre Prognose für 2026?
Ein Boomjahr wird es aller Voraussicht nach nicht. Aber ich bin überzeugt, dass die Branche gut durch das Jahr kommt.

Was bedeutet die aktuelle Lage für den Vertrieb?
Beratung ist wichtiger denn je. Kunden brauchen Orientierung in einem komplexeren Umfeld. Wer hier Kompetenz zeigt, wird profitieren. Die professionelle Beratung ist der Mehrwert der Reisebüros.
 


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Weg von der Krise: Ein zentrales politisches Thema ist der Deutsche Reisesicherungsfonds. Wo steht die Branche aktuell?
Wir sind in einem sehr konstruktiven Austausch, sowohl innerhalb der Branche als auch mit dem Justizministerium als Aufsicht. Entscheidend ist, dass wir jetzt die nächsten Schritte gehen.

Welche Punkte stehen konkret im Fokus?
Da gibt es im Kern vier große Themen. Erstens: Wir brauchen eine angepasste Kreditmittellinie, die auch auf das Zielkapital angerechnet werden kann. Das ist aktuell der wichtigste Schritt.

Und danach?
Dann geht es um die Entgelte. Wenn die Finanzierung stabil steht, können wir über weitere Senkungen sprechen. Drittens ist die Frage, wie die Mittel im Fonds sinnvoll angelegt werden. Und viertens geht es um das System der Sicherheitsleistungen – hier sollte über ein differenzierteres System nachgedacht werden.

Wie ist die Zusammenarbeit innerhalb der Branche bei diesem Thema?
Gut. Es gibt einen konstruktiven und vertrauensvollen Austausch. Das ist wichtig, weil der Fonds nur funktioniert, wenn die Branche gemeinsam an Lösungen arbeitet.

Ein weiteres Thema ist die EU-Pauschalreiserichtlinie. Warum ist es so schwierig, zentrale Punkte wie die 14-Tage-Regelung zu verändern?
Weil der Prozess extrem komplex ist. Du hast die EU-Kommission, das Parlament und die Mitgliedstaaten – alle spielen eine Rolle. Und am Ende entscheidet ein Zusammenspiel dieser Akteure.

 


Achim Wehrmann begrüßt die Teilnehmer der DRV-Jahrestagung auf den Azoren. Foto: DRV/Marcel Kautz

Wie bringt sich der DRV in diesen Prozess ein?
Sehr intensiv. Wir arbeiten eng mit Ministerien, Abgeordneten und europäischen Partnerverbänden zusammen. Wir liefern Positionspapiere, stimmen uns international ab und versuchen, unsere Interessen auf allen Ebenen einzubringen.

Hat sich dieser Aufwand ausgezahlt?
Davon bin ich überzeugt. Wenn wir diesen Einsatz nicht gebracht hätten, wäre das Ergebnis für die Branche deutlich schlechter ausgefallen. So ist es zumindest in Teilen akzeptabel – auch wenn wir uns bei einzelnen Punkten – eben der 14-Tage-Regelung – mehr gewünscht hätten.

Wo liegen aus Ihrer Sicht die Grenzen?
Am Ende ist es immer ein politischer Kompromiss. Nationale Interessen, Verbraucherschutz, wirtschaftliche Aspekte – all das muss zusammengebracht werden. Da gibt es Grenzen, selbst wenn man fachlich gute Argumente hat.

Da kommt schon viel zusammen. Ihr Gesamtfazit nach der diesjährigen DRV-Jahrestagung?
Die Branche steht unter Druck – durch Krisen, Preise und Regulierung. Aber sie ist handlungsfähig. Wenn ich sehe, wie professionell Krisen gemanagt werden, wie stabil die Nachfrage bleibt und wie intensiv an politischen Lösungen gearbeitet wird, dann bleibt für mich die zentrale Botschaft: Die Touristik wird auch diese Phase überstehen – und sich weiterentwickeln.

Danke fürs Gespräch!
Jean-Marc Göttert