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Interview mit Nico Bleichrodt (HAL)
09.04.26, 14:35 Uhr

„Reisebüros entscheiden maßgeblich über unseren Erfolg in DACH“

Holland America Line sieht im DACH-Markt großes Potenzial. Der Vertrieb über Reisebüros bleibt dabei ein zentraler Bestandteil der Strategie. Im Interview spricht Vice President International Sales & Marketing Nico Bleichrodt über Trends, Routen und steigende Nachfrage nach Komfort.

Nico Bleichrodt verantwortet die internationalen Märkte von Holland America Line und sieht im deutschsprachigen Raum großes Wachstumspotenzial. Foto: Holland America Line
Längere Reisen, Fernziele mit Erlebnischarakter und eine klare Premiumpositionierung: Holland America Line will im deutschsprachigen Markt gezielt wachsen – vor allem über Reisebüros. Im Interview erklärt Nico Bleichrodt, verantwortlich für die internationalen Märkte, warum gerade deutsche Gäste für außergewöhnliche Routen offen sind, welche Trends die Nachfrage verändern und wo er noch ungenutztes Potenzial im Kreuzfahrtvertrieb sieht.
 


Herr Bleichrodt, welche Rolle spielt der deutschsprachige Markt aktuell in Ihrer internationalen Strategie?
Der deutschsprachige Markt ist für uns ein klarer Wachstumsmarkt. Deutschland ist der größte Kreuzfahrtmarkt Europas und gleichzeitig ein sehr reifer Vertriebsmarkt mit vielen spezialisierten Reisebüros. Genau deshalb ist er strategisch sehr interessant für uns. Gleichzeitig müssen wir realistisch sagen: Unsere Markenbekanntheit ist dort noch geringer als bei einigen Wettbewerbern. Deshalb verfolgen wir eine sehr fokussierte Strategie mit klaren Produktschwerpunkten und einer starken Vertriebsarbeit über Reisebüros.

Wo sehen Sie aktuell die wichtigsten Trends im DACH-Markt?
Wir sehen drei klare Entwicklungen. Erstens steigt die Nachfrage nach außergewöhnlichen und längeren Reisen. Viele Gäste suchen heute nicht mehr nur die klassische einwöchige Kreuzfahrt, sondern echte Reiseerlebnisse. Zweitens beobachten wir ein starkes Interesse an Fernzielen wie Alaska oder Asien. Gerade deutsche Gäste sind sehr neugierig und offen für solche Destinationen. Und drittens sehen wir einen klaren Trend zu mehr Komfort und Planungssicherheit. All-inclusive-Pakete werden stärker nachgefragt als noch vor einigen Jahren.

Bedeutet das auch eine Veränderung der Zielgruppen?
Ja, teilweise. Unsere Kernzielgruppe bleibt zwar im Premiumsegment, aber wir sehen durchaus neue Gästegruppen, die bewusst nach besonderen Reiseerlebnissen suchen statt nach klassischen Standardprodukten. Gerade nach der Pandemie stellen wir fest, dass viele Menschen Reisen stärker als Erlebnis und weniger als reinen Urlaub betrachten. Das kommt unserem Konzept sehr entgegen.

Welche strategischen Schwerpunkte setzt Holland America Line derzeit im Produktportfolio?
Ein klarer Schwerpunkt liegt weiterhin auf längeren und erlebnisorientierten Routen. Wir haben in den vergangenen Jahren gezielt in unsere sogenannten „Legendary Voyages“ investiert – Reisen zwischen 25 und 59 Tagen. Diese Programme entwickeln sich auch im deutschsprachigen Markt sehr gut. 

Gleichzeitig konzentrieren wir uns bewusst auf Destinationen, mit denen wir uns klar differenzieren können. Da wir keine Abfahrten ab deutschen Häfen anbieten, setzen wir stark auf Fernziele wie Alaska, Asien, den Südpazifik oder Südamerika. Gerade diese außergewöhnlichen Reisen sprechen viele international orientierte deutsche Gäste an.


Die Westerdam von Holland America Line vor dem Hubbard-Gletscher in Alaska, einem der größten tidewasserführenden Gletscher Nordamerikas


Alaska gilt als eines Ihrer wichtigsten Aushängeschilder. Was macht dieses Produkt so besonders?
Holland America Line gehört zu den Pionieren in Alaska und verfügt dort über jahrzehntelange Erfahrung. Wir sind aktuell mit sechs Schiffen in der Region unterwegs und bieten ein sehr differenziertes Programm. Ein entscheidender Vorteil ist unsere Kombination aus Kreuzfahrt und Landprogrammen. Wir betreiben beispielsweise einen eigenen Panoramazug zum Denali-Nationalpark sowie eine eigene Lodge vor Ort. Diese Anlage modernisieren wir derzeit mit einem Investitionsvolumen von rund 70 Millionen US-Dollar.

Unser Ansatz ist es, nicht nur eine Kreuzfahrt anzubieten, sondern ein vollständiges Destinationserlebnis. Genau diese Kombination aus See- und Landerlebnis ist für viele Gäste ein entscheidender Buchungsgrund.

Welche weiteren Destinationen entwickeln sich besonders dynamisch?
Sehr stark entwickelt sich aktuell Asien, insbesondere unsere Japan-Routen sowie Reisen zwischen Singapur und Hongkong mit Stopps unter anderem in Vietnam, Thailand oder Kambodscha. Viele Gäste kombinieren mehrere Reisen miteinander und verlängern ihre Aufenthalte auf drei oder vier Wochen.

Auch Südamerika wächst sehr dynamisch. Dort reagieren wir auf die steigende Nachfrage und erhöhen die Kapazitäten durch den Einsatz größerer Schiffe. Zusätzlich bieten wir Antarktis-Reisen als sogenannte Scenic Cruises an.
Ein weiterer klarer Trend ist die steigende Nachfrage nach Nordeuropa-Routen. Norwegen, Island und die Ostsee sind aktuell besonders gefragt. Ein möglicher Faktor könnte auch der Klimawandel sein, da klassische Sommerregionen wie das Mittelmeer in den Sommermonaten zunehmend sehr hohe Temperaturen erreichen.

Während andere Reedereien immer größere Schiffe bauen, bleiben Sie bewusst kleiner. Warum?
Unsere Positionierung ist klar im Premiumsegment. Wir sprechen bewusst von „perfectly sized ships“. Unsere Schiffe sind groß genug für ein hochwertiges Angebot, aber klein genug, um besondere Häfen anzulaufen und intensivere Reiseerlebnisse zu ermöglichen. Wir glauben nicht, dass immer größere Schiffe automatisch bessere Produkte bedeuten. Für unsere Zielgruppe ist die Qualität des Reiseerlebnisses entscheidend.

Wie wichtig ist dabei Ihre Markenphilosophie?
Sehr wichtig. Unsere Philosophie lautet: Wir verkaufen nicht das Schiff als Destination, sondern die Reise zu den schönsten Orten der Welt. Das unterscheidet uns von manchen Wettbewerbern, bei denen das Schiff selbst stärker im Mittelpunkt steht. Unsere Gäste wollen Destinationen erleben. Unsere Schiffe sind dafür das hochwertige Transport- und Erlebnisprodukt – aber nicht der alleinige Mittelpunkt.


Nico Bleichrodt verantwortet bei Holland America Line die internationalen Märkte und treibt den Ausbau im deutschsprachigen Raum voran

Welche Rolle spielt der stationäre Vertrieb konkret für Ihr Wachstum im DACH-Markt?
Eine entscheidende Rolle. Ohne Reisebüros können wir unsere Marke in diesem Markt nicht erfolgreich entwickeln. Gerade bei erklärungsbedürftigen Produkten wie Fernkreuzfahrten oder längeren Routen ist Beratung entscheidend. Reisebüros sind für uns deshalb keine Option, sondern ein strategischer Vertriebspartner.

Wie unterstützen Sie den Vertrieb konkret?
Wir investieren stark in Schulungen, Webinare, Trainings und Schiffsbesichtigungen. Außerdem arbeiten wir eng mit Veranstaltern, Kreuzfahrtspezialisten und Vertriebskooperationen zusammen. 

Was beobachten Sie konkret beim Buchungsverhalten deutscher Kunden?
Deutsche Gäste buchen tendenziell früher als andere internationale Gäste. Gerade bei komplexeren Reisen ist der Entscheidungsprozess länger. Außerdem sehen wir eine sehr hohe Nachfrage nach Komplettpaketen. Unser „Have-it-all“-Paket wird im deutschsprachigen Markt überdurchschnittlich stark gebucht. Das zeigt, dass Transparenz und Kostenkontrolle für diese Zielgruppe sehr wichtig sind.

Wie entwickelt sich die Kreuzfahrt insgesamt aus Ihrer Sicht?
Ich sehe weiterhin großes Wachstumspotenzial. Wenn man sich die Marktdurchdringung anschaut, liegt diese in Deutschland bei etwa 2,5 Prozent. Das zeigt, dass noch viel Potenzial vorhanden ist. Gleichzeitig sehen wir Wachstum vor allem bei besonderen Reiserouten und bei hochwertigen Reiseerlebnissen.

Spüren Sie aktuell Auswirkungen geopolitischer Krisen auf das Buchungsverhalten?
Wir haben kurzfristig eine gewisse Zurückhaltung gesehen. Gleichzeitig beobachten wir aber sehr frühe Buchungen für 2027. Das zeigt, dass die grundsätzliche Nachfrage stabil bleibt. Gäste reagieren kurzfristig vorsichtig, verlieren aber nicht das Vertrauen in die Reiseform.

Nachhaltigkeit bleibt eines der zentralen Branchenthemen. Was passiert konkret bei Ihnen?
Wir investieren in Landstrom, testen alternative Kraftstoffe wie Biokraftstoffe und engagieren uns in verschiedenen Nachhaltigkeitsinitiativen. Gleichzeitig setzen wir auf Aufklärung, etwa durch Expertenvorträge in sensiblen Regionen wie Alaska. Nachhaltigkeit ist für uns kein Einzelprojekt, sondern ein langfristiger Transformationsprozess.

Zum Abschluss: Welche Rolle wird KI künftig in der Kreuzfahrt spielen?
KI wird vor allem Prozesse vereinfachen und Informationen schneller zugänglich machen. Besonders im Bereich Kundeninformation und Service sehen wir großes Potenzial. Ich denke, KI wird die Branche verändern – aber sie wird die persönliche Beratung nicht ersetzen. Gerade bei komplexen Reisen wird der Mensch weiterhin eine wichtige Rolle spielen.
 

Info: Zur Person
Nico Bleichrodt verantwortet seit vielen Jahren die internationalen Märkte von Holland America Line, darunter Europa und Großbritannien. Der Touristikmanager wechselte Ende 2008 zur Reederei. Zuvor war er rund 24 Jahre bei Club Med tätig, zuletzt als Managing Director für die Niederlande. Seine Motivation für den Wechsel war die besondere Faszination der Kreuzfahrtbranche sowie die traditionsreiche Positionierung von Holland America Line, deren Geschichte bis ins Jahr 1873 zurückreicht.