Krise als Chance

Ende gut, alles gut!

Die Geschäftsführerin von WRE Training für Touristiker in Berlin blickt auf 20 Jahre Erfahrung in der Touristik zurück.

Ende gut, alles gut!
Martina ist 63. Sie schließt früh um neun ihr Büro auf und seufzt. Normalerweise sitzen hier zehn Kollegen und planen und verkaufen Reisen. Sie schaut sich um. Alles ist blitzblank sauber, kein Staubkorn auf den Schreibtischen aber ohne Leben: Leere Arbeitsplätze, rundum Stille, eine verwaiste Kaffeeküche, Einsamkeit im sonst lebhaften Büro. Das Team ist in Kurzarbeit. Die Coronakrise hat Martinas Leben ordentlich durcheinandergewirbelt. Martina besitzt ein Reiseunternehmen. Mit Leidenschaft, Herzblut und Liebe zum Reisen und zu den Reiseländern hat sie sich über Jahrzehnte einen festen Kundenstamm und ein gutes Einkommen aufgebaut. Das Reisegeschäft war und ist ihre Lebenserfüllung.

Seit ein paar Jahren arbeitet auch ihre Tochter Christine in dem Unternehmen. Sie soll und will es übernehmen, aber immer wieder geraten Mutter und Tochter aneinander. Sie können sich weder über Strategien noch über Veränderung einig werden. Das Verhältnis wird belastet, Christine denkt 2019 daran, sich einen anderen Job zu suchen.

Vor ein paar Wochen aber macht Christine eine Beobachtung, die sie hoffen lässt. Sie spürt: Ihre Mutter hat begonnen, anders über die Firma zu denken. Der Prozess setzte ein, als der große Berg Arbeit mit Rückabwicklungen abgetragen war. Es war kaum noch etwas zu tun. Staatliche Hilfen beantragen, die Ablage abarbeiten, das Büro gründlich putzen, die Stammkunden nochmal anrufen, auch das war irgendwann erledigt.

Es folgte der echte Stopp des Hamster­rads. Für Christines Mutter Martina nach über dreißig Berufsjahren voller Tatendrank und Enthusiasmus war das ein Schock. Aber Martina wäre nicht Reiseunternehmerin, wenn ihr nichts einfallen würde. Nach einem frustrierten Wochenende auf dem Sofa überlegt sie, was noch in ihrem Leben wichtig ist, ja sogar was ihr gefehlt hat in all den Jahren. Ihre Liste wird schnell lang, Freunde treffen, in der Natur sein, Sport machen, Bücher lesen, die Familie treffen…

Und so macht sie sich auf, die Mängel aus ihrem intensiven Leben als Unternehmerin jetzt endlich zu beheben. Das fällt ihr nicht schwer. Der Waldspaziergang mit der besten Freundin, die Fahrradtouren ins Umland, das Bücherlesen auf dem Sofa und der Online-Kochkurs in ihrer Küche – auf einmal gibt es Zeit, all dies und noch mehr zu tun. Viele Türen öffneten sich. Und Martina überdenkt ihren Job: Was bedeutet meine Firma für mich? Ist es sinnvoll, dort noch länger eine so wichtige Rolle zu spielen? Diese Fragen beantwortete sie mit „Nein“, denn immer klarer wird: Sie möchte jetzt ein Leben nach der Berufstätigkeit und nach der Selbständigkeit aufbauen. Mit dieser Erkenntnis fällt es Martina plötzlich leicht nachzugeben. Sie lässt Christines Ambitionen, Ideen und Veränderungs wünschen Raum. Sie kann sich zurückziehen und Christine die Verantwortung für den Re-Start 2021 übergeben. 

Christine fühlte sich gestärkt, sie spürt förmlich, wie die Verantwortung Schritt für Schritt auf sie übergeht, und es ist ein fantastisches Gefühl. Martina und Christine lassen sich von einem Rechtsanwalt beraten. Sie wollen 2021 die Übergabe des Unternehmens komplett über die Bühne bringen. Beide haben Lampenfieber, aber beide sind glücklich und zufrieden, dass für jede nun ein neuer, spannender Lebensabschnitt beginnt. Fast wollen sie der Corona-Krise danken, die sie wieder zusammengebracht hat. Und so ist Ende gut, alles gut!