ERWIN SCHNEIDER, Landrat im Kreis Altötting in Bayern

"DAS FÜHRE ICH JETZT EINFACH EIN"

Ein wenig belächelt wurde anfangs die Idee vom Altöttinger Landrat Erwin Schneider: Er hat seit Ende Januar in seinem Landkreis – mit Hilfe eines Startups aus Köln – den digitalen Impfpass eingeführt. Jetzt wird seine Idee Vorbild für ganz Deutschland.

"DAS FÜHRE ICH JETZT EINFACH EIN"
Die wahre Welt ist manchmal weiter als die Diskussionen in der Politik, meint Landrat Erwin Schneider. Foto: Landratsamt Altötting
Herr Schneider, in Deutschland soll der digitale Impfnachweis im Mai eingeführt werden, EU-weit vielleicht schon ab dem Sommer. Bei Ihnen in Altötting bekommen die Bürger ihn schon seit dem 22. Januar. Wann kam Ihnen die Idee dazu?
Schon viel früher. Ich habe im letzten Jahr im Rahmen des Lockdowns mehr Zeit zum Nachdenken gehabt, weil wir Politiker kaum Abendtermine mehr hatten. Da habe ich mir die Zeit genommen, die Vorgehensweisen auf der Welt zu beobachten. Mir war schon im April klar, dass es nicht lange dauern wird, bis es zu Impfungen kommt, und wir haben hier in Altötting ab August begonnen, das Impfzentrum zu planen. Ich habe dafür unser Hallenbad genutzt, habe anfangs einen Riesenärger bekommen, weil die Leute das nicht wollten. Sie wollten im Winter lieber schwimmen, aber mir war klar, das wird nicht mehr gehen, und wir brauchen ein richtig gutes Zentrum für Tests und Impfungen. Das musste ich damals strittig durchstehen, weil es nicht so gut angekommen war bei der Bevölkerung.

Wie ging es dann weiter?
Ehrlich gesagt, dass wir einen computerlesbaren Impfpass entwickeln, hatte ich anfangs gar nicht geplant. Ich habe im Herbst nur überlegt, wie ich die Zurückhaltung mancher Menschen überwinden und sie ermuntern könnte, sich impfen zu lassen. Ich habe damals zu meiner Frau gesagt, wenn erst einmal die Senioren über 80 Jahre geimpft sind, bilden die dann eine geschlossene Gruppe von Geimpften. Die werden alle eine Kreuzfahrt machen, und wir Jungen hocken zu Hause. Natürlich war das ein Spaß, und mit dieser Geschichte konnte ich meine Frau richtig auf die Palme bringen.

Sie haben sich aber auch die Entwicklung in Israel genau angeschaut.
Ja, ich war in meinem Leben schon über 30 Mal in Israel und weiß genau, wie die ticken. Die sehen den Kampf gegen Corona als ein Art Krieg an und gehen mit der ganzen Staatsmacht dagegen an. Mir war klar, wenn ich da künftig einreisen will, dann wird wahrscheinlich dieser gelbe Impfausweis von der WHO nicht reichen. Denn die Israelis wollen alles auch fälschungssicher haben, die verlassen sich auf nichts, was man einfach so faken kann. Etwas später habe ich mit Rudolf Schleyer telefoniert, dem Chef der Anstalt für Kommunale Datenverarbeitung in Bayern, der AKDB. Sie gehört den Gemeinden und Landkreisen und macht praktisch unsere gesamte EDV. Schleyer war sofort dabei und hat mir das Startup Ubirch aus Köln empfohlen. Die können die ganzen Verschlüsselungen, weil sie das schon bei den PCR-Tests am Frankfurter Flughafen machen.

Wie lange hat es gedauert vom Entschluss, den Impfbeleg zu digitalisieren, bis das System bei Ihnen lief?
Nicht einmal einen Monat. Mitte Dezember war klar, dass wir es machen. Dass wir also eine Plastikkarte ausgeben – vorne mit Foto, Name, Geburtsdatum, Adresse, Impfterminen und Impfstoff; hinten mit einem QR-Code, in dem die Informationen computerlesbar und mit einem digitalen Schlüssel signiert gespeichert sind. Und zum Jahreswechsel stand die ganze Technik bereits. 

Um die Daten der Geimpften zu schützen, werden diese verschlüsselt und nicht zentral im Internet gespeichert, sondern auf sogenannten Blockchains, oder?
So ist es. Die Daten sind nicht mit einem Namen verbunden und werden erst mit einer Identität verknüpft, wenn der Bürger sich mit seinen Daten einloggt. Erst dann wird das verifiziert, und die Daten kommen aufs Handy.

Anscheinend hat das in der Geschwindigkeit geklappt, weil Sie die Idee einfach selbst im Landkreis durchgezogen haben?
Ja, ich habe im Endeffekt das für unseren Landkreis und die Bürger gemacht. Ich wollte ihnen einen Nachweis geben, ohne dass die am Anfang etwas direkt davon haben. Wissen Sie, ich habe da keinen mehr ins Boot geholt in dieser Frage. Und zwar deswegen, weil Sie sonst nie etwas gebacken kriegen. Ich habe beschlossen, das führe ich jetzt ein, hab die Drucker gekauft, ein paar Leute eingestellt und einfach mit der Ausstellung begonnen.

Damals war die Plastikkarte mit dem QR-Code in Altötting noch ein Pilotprojekt. Aber nun ist klar, dass Ubirch unter Führung von IBM mit der Entwicklung einer Impfpass-Apps beauftragt werden sollen. Sind Sie auf Ihre Rolle als Pionier stolz?
Wenn man eine Idee hat, und die macht dann bundesweit Schule, dann ist das schon ein gewisses Aushängeschild für den Landkreis. Es zeigt auch, dass wir nicht die Letzten sind in der Truppe, sondern in diesem Fall die Ersten. Wenn damit praktisch der digitale Impfpass für ganz Deutschland aus Altötting kommt, dann freut mich das!

Wie haben die Menschen im Landkreis das Ganze aufgenommen?
Die haben die Idee sofort aufgenommen, alle wollten ihn haben, selbst Leute, die im Pflegeheim waren. In den Nachrichten kamen ja auch schon  die ersten Meldungen, dass Länder wie Israel oder Griechenland gesagt haben, sie würden Urlauber mit digitalem Impfpass einreisen lassen. Da haben die die Bürger schnell gemerkt, das wird vielleicht einmal eine Rolle spielen. Die wahre Welt ist in Deutschland weiter als die Politik. Und weltweit ist man da weiter als die EU oder unsere nationale Diskussion. 

Gibt es eigentlich derzeit praktische Anwendungen für die Karte, also Hotels oder Dienstleister, die Geimpfte bedienen oder empfangen würden?
Nein, noch gibt es keine praktische Anwendung, aber wenn der Pass national eingeführt wird, wird auch das kommen. Wir erweitern übrigens nächste Woche unseren Impfpass auf diejenigen, die schon einmal eine Erkrankungen durchgemacht haben und wieder genesen sind.

Wie teuer ist der Impfpass?
Pro Eintrag in die Blockchain zahlen wir acht Cent, dazu kommen Kosten für die Kartenrohlinge, fürs Bedrucken und das Personal. Wir haben ein paar Mitarbeiter extra eingestellt. Alles zusammen sind das rund 1,50 Euro pro Ausweis. Es ist aber auch klar, dass die Lösung, die nun bundesweit kommt, komplexer sein wird.

Wie groß ist eigentlich der Aufwand, den Nachweis auszustellen?
Das geht ganz fix und dauert nur ein paar Minuten, die wir im Impfzentrum zusätzlich brauchen, wenn die Menschen die Karte haben wollen. Wir machen dann ein Digitalfoto, erfassen die Daten an einem Laptop, der an unsere IT angeschlossen ist. In der Software wird der Kryptoschlüssel erstellt und ein Prüfcode, der zum Datensatz passt, und mit der Blockchain verknüpft ist.

Ob der digitale Impfnachweis für Erleichterungen für geimpfte Bürger etwa bei Reisen sorgen kann, ist noch offen. Aber praktisch möglich wäre es, oder?
Ja natürlich. Am Anfang habe ich scherzhaft gesagt, wir könnten damit das Münchner Oktoberfest machen oder die Allianz-Arena wieder füllen. Aber ich sage auch immer dazu, dass natürlich die Impfung und der Nachweis nicht die einzige Möglichkeit ist, sondern man kann das sehr gut mit Tests machen. Aber eines ist auch klar: Je mehr Menschen geimpft werden, umso mehr möchten wieder zurück ins normale Leben. Also ich unterstütze praktisch alles, was zu einer mittelbaren Impfpflicht führt, weil das die einzige Möglichkeit ist, dass wir wieder normal leben können.

Wir danken fürs Gespräch!